Ausgabe 
15.11.1935
 
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die Sicht auf Fluß, Berge und Häuser im

uns

Täuschung zum schönen Wetter Kombinationen, löste.

Der Föhn steht überm Land, lau und wartend. Der Himmel ist perl­grau, das Licht stumpf. Nur im Horizont, wo Himmel und Berge ein­ander einrahmen, ist die feine graue Schicht gelockert: aufgepflügt vom Licht, das blaßgolden und mit fahlem Rosa, auch seegrün und beinahe schweflig stillsteht und schimmert süß und gefährlich. Die Tannen­berge herwärts gegen Tölz sind mit schwarzer Tinte gemalt; in der Höhe ist das dumpfe Dunkel mit Schnee bestreut. Das Isartal liegt breit zwischen Hängen, deren großgeformte Mannigfaltigkeit dem Lauf des Wassers eine wunderschöne Kurve anweist. In halber Ferne spiegelt die Isar das Rosa und lichte Silbergold des Himmelsrandes. Wir stehen auf der Brücke und schauen. Es ist acht Uhr in der Frühe. Dem bewegten und lauten Schauspiel des Leonharditages geht das Unbewegte und Schweigende dieser Landschaft voraus, 1 und in aller Welt eine der herrlichsten ist.

Nähre dich mit Erdgrund, Quell und Sonnenlicht, Stärke dich mit Baumes Kraft und Wachstum, Doch verachte nicht das bittre Kernlein.

der Frauen hat das ernste und noble Schwarz genommen. Die Mädchen lieben das Helle: aus dem Tannenreis der Wagen erheben sich Büsten und Rücken, gleich an gleich mit dem reizend gesteckten, weißen Seiden­tuch Aus der schimmernden Blankheit der tadellosen Schaltucher wachsen so kräftig wie zart, so bestimmt wie anmutig die freien Nacken auf- über ihnen liegt das Haar nach alter Art geflochten und geknotet, und aus die Knoten, braune und blonde, die mit Filigrangestecken ver­ziert sind, fallen die lichtgoldenen Fransen der Hütchen herab, hell wie die Blütenfarbe des Himmels am Horizont... Alle Mädchen find so gerichtet, nach der verpflichtenden Ueberlieferung der Tracht. Eng sitzt eines neben dem anderen: wie eine Beere in der Traube neben der anderen Beere sitzt. Die Mädchen beten murmelnd und äugen dabei ein wenig im Kreise. Sie sollen beten, denn dies ist das Fest eines Heiligen: sein hölzernes Standbild ziert die Stirn der Wagen, wenn nicht gar ein Kruzifix das oorgeheftete Zeichen ist.

*

Der Zug kommt über die Brücke her; er schiebt sich, rollt und trabt in die glorreiche Straße hinaus; zuweilen staut er sich, so daß sich das einzelne ruhender Bilder betrachten läßt. Ich betrachte es über den Kopf einer alten Bäuerin hin, die sich ein wenig vor mir und ein wenig unter mir zum Schauen hingestellt hat. Ihr schwarzes Kopftuch aus Wolle alt, viele Male gewaschen, fleckenlos, ist so geknüpft, wie man es auf den Bildern des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts ge- sehen hat: über den Scheitel gelegt, am Rande turbanartig eingerollt, über den Nacken niederhangend. So sehe ich das Ganze in der schönsten Beziehung aus den Ursprung: auf jene alten Zeiten, in denen der Leon- harditag seine Form gefunden haben mag. Der Zug ist vorbei; die Alte dreht sich her und redet mich an. Sie ist nicht ganz zufrieden. Ja, ja- die Jungen hätten nicht mehr so recht den Antrieb, dabei zu sein; in früheren Jahrzehnten seien die Umzüge größer gewesen letzt seien statt der Rosse halt die Autos und die Motorräder in der Welt ... Wir sind dankbar, daß wir den Umzug gesehen haben, rote er gewesen ist; denn er war schön, er hat die Seele bewegt.

lieber den Kalvarienberg führt der Weg zur Leonhordikapelle hin- auf. Da steht sie, ganz einfach, weih getüncht, und um ihren schlichten Körper ist in mittlerer Höhe eine Kette gespannt: die Kette des heiligen Leonhard, des Scbutzherrn der Gefangenen und der angeketteten Haus- tiere der im deutschen Süden am sechsten Novembertag nicht minder verehrt wird, als im mittelfranzösischen Limousin, wo er vor anderthalb Jahrtausenden ein Kloster gegründet hat. Der Gottesdienst wird ab- gehalten. der Chor singt; die ländlichen Stimmen gehen unterm Himmel dahin. Ringsum sind Schnee, Gras und Erde zerstampft und ö^lMren; Hufe und Räder haben ihre Spur gelassen. Wagen, Rosse, Menschen stehen weithin auf der Halde hinter der Kapelle und warten Die Rosse kauen, sie schütteln die Köpfe, daß ihr Zaumzeug rasselt. Die Wald- hänge gegen Norden sind schwärzlich und vom Vorwinter her ein wenig anqeschneit. In der Tiefe ist der Himmel fahlgrau; einige Spannen höher ist er mit schwererem und eigentümlich erkältendem Blau gestreift; die Fahnen in der Stadt haben vom Himmel herab eine Antwort die ein wenig unheimlich anmutet... Die alten Leute haben schöne Gesichter; das Antlitz der Jugend hat dies Borbild nicht mehr erreicht. Ein alter Bauer steht mit seinem Eheweib an der weißen Mauer der Kapelle; er rührt die umgespannte Kette an; die beiden sind zur Mauer und zur ,uu uCVl uu= I Kette gekehrt, als wären sie selbst ein Stück der Kreatur, die an diesem , die in Bauern Taae den freundlichen Willen der Schutzheiligen der frommen Haustiere ' erfahren soll. Wie angebunden stehen die beiden Alten, und so beten sie

ihren Rosenkranz. In ihren Gesichtern ist die wunderbare Abwesenheit

Früchte.

Von Johannes Linke.

In der Schüssel aus gebrannter Erde Auf dem Tisch von Hartholz liegen Früchte, Saftreich, fleischig, unter bunter Schale.

Menschenhand und Wind brach sie vom Aste, Wo sie aus dem Tod der zarten Blüte Kraft gewannen und ins Leben schwollen.

Erdreich nährte sie, und Regenbäche Sandten ihnen Saft und holde Süße, Und die Sonne kochte sie zur Reife.

Leonharditag.

Von Wilhelm Hausen st ein.

Verantwortlich: vr. Hans Thvrtot. Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, D. Lange, Gieße».

Sucht, ein Rätsel zu formen, war stärker als der Bericht der Seeleuk, die das Schiff gesunden hatten, und so kam es zur Legendenbildung. Es steht ganz außer Zweifel, daß die Besatzung derMary Celeste in einem Boot des eigenen Schiffes Rettung gesucht hat. Wahrscheinlich ist dieses Boot bei der Hast, in der die Ausschiffung erfolgte, gekentert, und alle sind ertrunken. Die Besatzung bestand aus dem Kapitan mit Frau und Tochter und sieben Mann. .

Es gibt mithin kein Rätsel derMary Celeste . Es hat sich um einen Unfall gehandelt, wie er tausendsach in der Geschichte der Seefahrt verzeichnet steht, und nur der Umstand, daß die Mannschaft einer - Opfer gefallen war, und daß sich die Brigg bei dem

zehn Tage seesähig erhalten konnte, gab Anlaß zu den die Lockharts gründliche Nachforschung in Nichts auf-

der Andächtigen. _ . . . .

Nachher ist dies entrückte Antlitz der Frömmigkeit noch einmal da. über den Stufen der heiligen Treppe, die der römischen Scala sanla hier oben im bayerischen Gebirge nachgebildet ist, auch die gleiche gültigsten, die dürftigsten Gesichter dieses Zeitalters empfangen vom Ernst der Andacht einen Adel und Wert, der sonst in ihnen nicht ent­halten ist. Mit einem Schlag findet sich das menschliche Antlitz so zu seiner Quelle zurück. *

Der Zug erscheint ein drittes Mal: nun wieder drunten, inmitten des Marktes. Jrn scharfem Trab reißen die Ross« ihre Wagen daher; die Fahrer zeigen, was sie können, und es macht Eindruck, wenn sie die Gespanne mit einem Ruck zum Halten bringen.

Der Mittag ist auch unter diesem grauen Himmel warm: man kann fein Bier im herbstlichen Sürgergarten trinken; rasch sind ein paar Tische und Stühle ins Freie gestellt. Talaufwärts geht der Blick ins Isartal hinein; die Berge scheinen um so düsterer, je zauberischer der Horizont im Licht steht. Aus der anderen Seite sitzen die Mädchen in der Glasveranda, beim Schweinsbraten und beim Kartoffelsalat; die sauberen Hälse sind wieder nebeneinander wie vorhin auf den Wagen, und die weißen Seidentücher schauen gerade noch über die Fenster- rahmen hinaus. Jetzt aber ging ein Knallen los, so laut und scharf unO hell wie ein Flintenschießen. Nun fangen die Burschen ihr Konzert mit den Peitschen an. Da stehen sie, beinaufwärts fest, bis in die Hutten unbeweglich. Grälschbeinig stehen sie da, eine Hand in der Hosentalche, aus den Schenkeln heraus gespannt, aus den Hüften heraus sich bin um) herwerfend und die Rechte mit der gestreckten Geißel weit ausschwinaeno. Beim Ausholen nach außen ist der Knall manchmal ein wenig schwamer ols beim Hereinhauen der Peitsche nach innen; dann verdrießt es oie Burschen, und sie geben es auf. Aber die meisten können es meift-rhd) und wenn sie miteinander dastehen um eine teere Mitte herum, so wissen sie die rhythmische Ordnung, die sich gehört, aufs genaueste einzuhalten. Es ist ein erregendes Wettspiel; man kommt davon nicht weg.

Unterdessen'sitzen die Leute Schulter an Schulter in den festtäglichen Weinstuben und Bierhäusern, und man versteht, weshalb die Gasthauser in Oberbayern so groß sind.

Die prächtige Altstadt ist von Fahnen voll; in langen blauweißen I Bahnen, mit seinen Rautenmustern auch hangen sie von den slach- winkeligen Giebeln der stolzen und heiteren Häuser herab, in denen die klare Stattlichkeit des Südens ein deutsches Gleichnis gefunden hat. Die linde Luft geht leise; die Fahnen regen sich nur wenig, aber doch jo viel, daß man sieht: sie leben. Die räumige Straße, auf mächtige Weise ländlich, inmitten einer ursprünglichen, den kühlen Geist der Schöpfuna noch heute bezeugenden Natur das Bild eines städtischen Daseins, "scheint in ihrem bogigen Anlauf und Abstieg der Linie des Flusses wiederholen zu wollen, dem sie zugeordnet ist: so stößt sie ans Wasser, und so kommt sie von seinem User heraus... Dies ist Tölz. Welch triumphale Heiterkeit; welche Helle, Freiheit und Festig- teitl Mit ausgedehnter Brust steht Haus an Haus; keines mißgönnt dem andern die Breite des Auftritts; diese Szene ist eine kleine Stadt, aber sie sieht patrizisch aus.

Zwischen der Brücke und dem^Ansatz der^ großen Straße haben wir den Platz gefunden, der ..... d'.. Z'"t.'"2*

gleichen Maße erlaubt. Nun kommt der Aufzug daher: die Erregung des Festes brandet wie Wellen heran, stärker und stärker. Die Rosse sind blank geputzt und mit Blumen, Schleifen, Bändern geschmückt; das Lederzeug, altes wie neues, hellbraunes und schwarzes, ist untadelig; wie Spiegel glitzern die Messingbeschläge; die Kummete über den Pserdehälsen sind spitzbogig wie Kirchenfenster des gotischen Mittel­alters. Die jungen Männer zu Roß und im langen Wagen, Schützen mit Flinten, Musikanten mit Blechinstrumenten, peitschenschwingende Fahrer aus geschirrten Zuggäulen, tragen rehbraune und waldgrüne Gehröcke, wie man sie auf Bildern der Kobellzeit so oft gesehen hat; die Filzhüte sind hoch, halbhoch auch und immer kegelig zugespitzt. Die kleinsten Buben auf den allerschwersten Gäulen haben die allergrößten Hüte auf stolzen Köpfen, die versuchen, selbstverständlich zu scheinen. Im eigenen Wagen fährt die Geistlichkeit daher. Postillone tragen die weiß und blauen Uniformen, die wir vor einem halben Menschenalter noch in der Hauptstadt gesehen und so gern bewundert haben. Die meisten Wagen sind mit Mädchen und mit Frauen angefüllt. Die Tracht

Nicht für dich hat sie der Baum gezeitigt: Samenbettlein sind sie künftiger Bäume Aber nimm sie immerhin zur Speise.