Wie Gott es fügt....
Von Paul Fleming.
Lah dich nur nichts nicht dauern Mit Trauern, Sei stille;
Wie Gott es fügt, So sei vergnügt Mein Wille.
Was willst du heute sorgen Aus morgen?
Der eine
Steht allem für, Der gibt auch dir Das Deine.
Sei nur in allem Handel Ohn Wandel, Steh feste I Was Gott beschleußt. Das ist und heißt das Beste.
L>as Geheimnis -er «'Mary Celeste".
Von Waldemar Keller.
Es gibt „Geheimnisse", die sich durch Generationen fortsetzen, ohne welche zu sein. Ein ausfallender, unerklärlicher Vorgang fesselt die Oeffentlichkeit, Legenden entstehen und sind unausrottbar. Selbst dann, wenn ein klarer Kops an Hand unwiderleglichen Materials nachweist, daß hier keinerlei Grund zum Rätselraten vorhanden ist, bezeugt die Legende zäheste Lebenskraft und taucht immer wieder auf. So verhält es sich auch mit der Geschichte von der Brigg „Mary Celeste", die vor 63 Jahren zum erstenmal erzählt und als eines der seltsamsten Geschehnisse aus den Meeren äusgegeben wurde.
Am 5. Dezember 1872 sichtete der Segler „Dei Gratia", Kapitän Morehouse, etwa 130 Seemeilen westlich der Straße von Gibraltar, em unter voller Leinwand fahrendes Schiff, das, bei ruhiger See, die merkwürdigsten Bewegungen ausführte. Unmöglich konnte dort ein Mann am Ruder stehen, denn das Fahrzeug torkelte und tanzte hin und her. Morehouse beschloß, ein Boot auszusetzen, um eventuell Hilfe bringen zu können; er selbst ging mit in das Boot. Das fremde Schiff erwies sich als die „Mary Celeste", die wenige Tage vor der „Dei Gratia" Neuyork verlassen hatte. Morehouse und der Kapitän der „Celeste", Briggs, waren gute Freunde. Um so erklärlicher das Interesse, das die verwunderlichen Umstände dieser Begegnung weckten.
Die Bootsmannschaft rief den Segler aus nächster Nähe an, erhielt aber keine Antwort. Es war auch niemand an Deck zu sehen. In unheimlicher Erwartung gingen die Leute der „Dei Gratia" an Bord der „Mary Celeste". Absolute Stille ringsumher, kein Mensch auf dem ganzen Schiff. Nur eine Katze schlief oben auf einem Schrank. Was mochte hier vorgegangen sein? Unordnung war nicht zu bemerken. Die Takelage war in gutem Stand, die Ladung sachgemäß verstaut, Mangel an Trinkwasser oder an Nahrungsmitteln konnte nicht festgestellt werden. Hatten vielleicht Streitigkeiten stattgefunden, die in Exzesse ausgeartet waren? Nichts wies auf ein Derartiges hin. An der Verschanzung des Vordecks entdeckte man allerdings einen Axthieb, doch waren Anzeichen von Kampf nicht wahrzunehmen. Das Feuer des Kombüsenherdes glühte, und drei Taffen Tee, die auf einem Tisch gefunden wurden, fühlten sich noch warm an. Im Mannschaftslogis standen die Kleiderkisten unberührt. Auch die Kajüte, die Kapitän Briggs mit seiner Frau und seinem zweijährigen Töchterchen bewohnt hatte, war in tadelloser Ordnung. An der Wand hing des Kapitäns Taschenuhr und tickte Die letzte Eintragung im Logbuch stammte vom 24. November; alle anderen Schiffspapiere und das Chronometer wurden vermißt. Verschiedene Spuren ließen darauf schließen, daß das Schiss in großer Hast verlassen worden war. Aber wie? Die Boote lagen fest in den Klampen.^
Undurchdringlich schien das Geheimnis der „Mary Celeste" Man forschte eifrig nach dem Verbleib der Mannschaft, doch ohne Erfolg. Das Schiss wurde an eine englische Firma verkauft und fuhr lahrelang zwischen Plymouth und Philadelphia. Währenddessen häuften sich die Theorien, die zu erklären versuchten, wie eine vollständige schiffs- besatzunq, unter Zurücklassung der Boote, von Bord verschwinden konnte. Sogar die Seeschlange mußte herhalten; natürlich war das positive ^Mötztich^Ä Jahre nach dem Geschehen, tauchte in Oxford ein Mann auf, der behauptete, daß er zu der Besatzung der „Mary Celestegehör habe. Er sei der einzige Ueberlebende. Was er erzählte klang nicht sehr wahrscheinlich. Einige Leute der Besatzung hatten mitten aus dem Ozean, ein Wettschwimmen rund um das Schiff veranstaltet. Um dieses Schauspiel gut verfolgen und die Kameraden vor Haren warnen zu können habe man unter dem Bugspriet ein leichtes Gerüst angebracht, auf dem sich die an Bord verbliebene Mannschaft 3u[ammenbrangte Unter der Menschenlast sei das Gerüst zerbrochen, alle seien ins Wasser gefallen, ein Schwarm Haifische habe die Unglücklichen in die Tiefe geritten und nur er, der Erzähler, sei aus einer Planke an tanö getrieben. Wie man sieht: eine rege Phantasie Und was hatte den Mann bewegen können, 41 Jahre zu schweigen? Offenbar handelte es sich hier ^AÄ"-in? andere „Enthüllung", die erst im W« germgt wurde, konnte kaum ernst genommen werden. Em Kapitän ^britisch Flotte behauptete, daß ihm ein Ueberlebender der »M°ry Celeste auf dem Sterbebette das Geheimnis anvertraut habe. Eines Tages |ei o Brigg einem Wrack begegnet, das, wie eine Untersuchung ergab, einen
Geldfchrank mit Gold- und Silberbarren an Bord hatte. Um unbemerkt in den Besitz dieser Schätze gelangen zu können, sei die Bes izung der Brigg mit den Booten des Wracks auf und davon gegangen.
Das Rätsel blieb, und es bewährte feine Kraft. Phantasteoolle Köpfe arbeiteten an der Weiterbildung der Legende, die Oeffentlichkeit zeigte sich aufnahmewillig. Besonders dem Bericht des in England lebenden 77 Jahre alten Schiffskochs John Pemberkon, mit dem er 1926 hervortrat, wurde viel geglaubt. Pemberton erzählte eine Geschichte, die der geschickten Lösung eines Kriminalromans nicht unähnlich ist. Die „Mary Celeste", so berichtete er, hatte in Neuyork Eisenbahnschwellen und Walsischtran geladen und war segelfertig, konnte aber nicht genügend Mannschaft zusammenbekommen. Da erbot stch der Kapitän der „Dei Gratia", die — erwiesenermaßen — ebenfalls in Neuyork lag, dem Kapitän Briggs der „Mary Celeste" drei Mann der eigenen Besatzung zu leihen. Diese sollten im Hafen von Santa Marta auf den Azoren wieder ausgeschifft werden, denn es war Grund zu der Annahme vorhanden, daß Briggs seine Mannschaft dort werde ergänzen können. Die Leute, die er außer diesen dreien an Bord hatte, waren von der übelsten Sorte. Obendrein ging dem Steuermann der Ruf eines Sklavenhalters vorauf., so daß von Anfang an die Stimmung nicht die rosigste war. Kapitän Briggs hatte auch (wie wir schon wissen) seine Frau an Bord, und kurz vor der Abfahrt wurde für sie ein Klavier beschafft. Dieses Klavier verursachte, nach den Angaben Pembertons, die tragischen Vorgänge, die sich später ereignet haben sollten.
Am 24. November, dem Tage, an dem das Logbuch abbricht, spielte Frau Briggs gerade auf ihrem Instrument, als sich plötzlich eine Bö erhob. Die „Mary Celeste" galt schon immer als ein schwerfälliges Schiff, das nur ungern dem Steuer gehorchte, und fo wurde es denn heftig zur Seite geworfen. Die Folge war, daß das Klavier, wie der Seeman sagt, „über Stag ging", d. h. es kippte um und begrub Frau Briggs. Sie erlitt schwere Verletzungen und starb am Tage darauf.
Der Kapitän machte dem Steuermann bittere Vorwürfe, weil dieser angeblich das Klavier nicht genügend gegen Schlingerbewegungen des Schiffes gesichert hatte, und forderte auch, daß der Mann, der während der Bö am Ruder stand, über Bord geworfen werden sollte. Man konnte den Kapitän, der anscheinend geistig verwirrt war, nur mit Mühe beruhigen und erreichte schließlich, daß er von feiner Forderung abließ. An Stelle des Rudermannes wurde das Klavier ins Meer versenkt. Noch am selben Abend aber verschwand Briggs. Er war in einem unbewachten Augenblick ins Wasser gesprungen.
Von dieser Stunde an herrschte völlige Zuchtlosigkeit an Bord. Der Rum floß in Strömen, es kam auch zu Reibereien zwischen dem Steuermann und der Besatzung, wobei ein Matrose (ein Leben verlor. Endlich näherte man stch dem Hasen von Santa Marta. Boote der Einheimischen kamen längsseits, und in einem ihrer Boote suhr der Steuermann mit zwei Matrosen an Land. Von diesen drei Leuten hat man nie wieder etwas gehört oder gesehen. An Bord befanden sich nunmehr noch die drei Mann von der „Dei Gratia" und der Koch Pemberton. Man beschloß, in Richtung Gibraltar zu segeln, in der Hoffnung, die „Dei Gratia" zu treffen, die man bisher verfehlt hatte. Am 5. Dezember wurde das Schiff dann auch gesichtet.
Kapitür Morehouse sagte sich, daß ein schöner Bergelohn zu verdienen sei, wenn er angebe, die „Mary Celeste" ohne Bemannung angetroffen zu haben. Und konnte er eigentlich nicht mit Recht behaupten: es fei kein Mensch an Bord gewesen? Die Leute, die sich zur Zeit auf der „Mary Celeste" befanden, gehörten zur Besatzung der „Dei Gratia" und stellten gewissermaßen die Prisenmannschast dar. Den Koch brachte der Kapitän durch Geld zum Schweigen; der Bergelohn war ja enorm, und es fiel für jeden etwas ab. So wurde also die „Mary Celeste" unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in den Hasen von Gibraltar geschleppt. Sie war gar nicht unbemannt, als man sie traf.
Zweifellos hatte Pembertons Bericht etwas Bestechendes an sich, fein langes Schweigen wäre ja gut zu erklären gewesen durch das eigene Schulddewußtiein. Aber auch diese Deutung ist ein raffiniert erfundenes Märchen. Zwei Jahre später nämlich machte sich der Amerikaner I. G. L o ck h a r t die Mühe, endlich einmal genau den Quellen nachzugehen, und was er enthüllte, ist nun wirklich die wahre Geschichte der „Mary Celeste", eine alltägliche Seegeschichte, ohne Geheimnis und r^ne jeden Stofs zur Legendenbildung.
Lockhart lenkte zunächst die Aufmerksamkeit auf die Tayache, daß die Celeste" weder Eisenbahnschwellen noch Walsischtran sondern Alkohol geladen hatte. In einer ausführlichen Niederschrift des Kapitäns Morehouse von der „Dei Gratia" sand er ferner einige Angaben, die, in sinnvolle Ordnung gebracht, durchaus eine Erklärung geben für das Verlassen des Schiffes. Es wurde schon gesagt, daß die Mannschaft offenbar in Panikstimmung, zumindest in großer Hast gehandelt haben müsse- darauf deutete die völlige Unberührtheit der Kleiderkisten sowie auf dem Tisch verstreutes zurückgelassenes Geld, und auch der in Tassen gegossene Tee, von dem nicht ein Schlückchen getrunken mar, mußte diese Annahme stützen. Unbeachtet blieb solgendes, was Lockhart nun, mit Recht als das Wesentliche ansprach: ein Lukendeckel (der den Zugang zur Ladung verschließt) wurde, auf seiner Oberseite liegend, neben der Luk« aufqesunden. Auch war eins der Alkoholfässer in der oberen Schicht geplatzt Es ist absolut keine wacklige Behauptung, wenn Lockhart sagt: diese Angaben im Bericht des Kapitäns Morehouse seien ein guter Beleg dafür, daß sich in der Ladung Gase gebildet hatten, die explodierten und den Lukendeckel sortschleuderten. Die Mannschaft, in der Meinung, es werde der ersten unerwarteten Explosion bald eine zweite größere folgen, ist erschreckt geflüchtet, hat das Schiss verlassen.
Ungemein einleuchtend. Blieb nur die schwierige Frage zu beantworten- w i e hat die Mannschaft das Schiff verlassen? Die Boote lagen doch, allen Bekundungen zufolge, in den Klampen.
Schade, daß ein so schönes Geheimnis von der rohen Hand des Sachlichkeitsfanatikers vernichtet werden mußte! Lockhart - llt ausdrücklich fest- es fehlte ein Boot. Kapitan Morehouse wie auch feine Bootsmannschaft haben dies sofort bemerkt und notiert, aber die


