Er marschiert also in seinem sehr Hellen Sommeranzug, unter seinem Panamahut, seinen Bambusstock schwingend, den Hügel hinunter, die Fahrstraste tum Städtchen hinein, von weitem anzusehn wie ein lunger Mann. Im Hotel^ wartet schon der dicke Kaufmann, dessen Partner, em leberleidender kleiner Mann, der die Hände immer in den Hosentaschen hat und abwechselnd mit Markstücken und mit Schlüsseln klappert, und der , Notar der den Vertrag ausnehmen und beglaubigen soll. Die Herren treten, von Rauthammer zu größter Eile ermahnt, sofort in die Verhandlungen ...
Barbara wacht am Bahndamm auf, weil die Sonne sich weitergedreht hat und ihr nun in die Augen scheint. Die Schatten zeigen schon säst genau nach Norden. Sie muh sich eine ganze Weile besinnen. Wovor ist sie in der Frühe geflohen? Ja, die Hütte war mit einemmal so eng. Der Atem des Mannes beängstigend nah. Der Mann selbst so weit fort so fremd. Sie richtet sich langsam auf. Der Wald kommt ins Bild, der Weinberg am Ende des Tales, der Kirchturm des Städtchens, der Fluh alles noch unter Sonne. Wie ist es nur möglich, daß man sich liebt und sich fremd ist? Daß man sich liebt und sich nicht erreichen kann. Daß man sich liebt und einander nicht glaubt? Und jedes Wort, das man spricht, trennt den einen vom andern?
Wie ist das möglich? Entweder man liebt sich alfo nicht oder Liebe ist doch etwas ganz anderes, als die Leute sagen und tun. Ist etwas sehr Schwieriges, etwas, das man erst erlernen muß. Und mit einem Menschen, den man liebt, leben, ist wieder etwas sehr Schwieriges unchetwas, das man sehr üben muß. So wird es wohl fein. Deshalb mußte bei der ersten Schwierigkeit auch ihr Karren umkippen. Ist allerdings eine ziemlich gefährliche Angelegenheit geworden. Ihre Schuld? Ja. Seine Schuld? Auch ja' Hätte zwischen zwei wirklich Erwachsenen, zwischen zwei wirklich sicheren Menschen, zwischen zwei tatsächlich Liebenden, zwei bedingungslos Liebenden, nicht passieren dürfen. Was aber muß Barbara jetzt tun. Sie I muß nun so handeln, wie eine bedingungslose Liebende zu handeln hat: so einfach, so klar und so stark. Sie muß hingehn und sagen: Ich habe diesen Rauthammer sehr geliebt. Einerlei, ob ich recht hatte oder nicht recht hatte. Ich habe ihn geliebt, weil fein Leben anders verlaufen ist als das anderer Menschen. Und weil mir die Leben der anderen Menschen unerträglich schienen. Ich habe jetzt erkannt, daß auch abenteuerliche mid besondere Leben ins Leere führen und daß das Abenteuer selbst unfruchtbar ist. Aber ich finde Rauthammer auch heute noch anziehend. Weil er das mit Ausschließlichkeit angeht, was er erreichen will (und das fehlt uns beiden noch, dir wie mir, sonst wären wir ja schon weiter miteinander gekommen, dachten aber, wir haben ja Zeit). Rauthammer gesällt mir, weil er keine Zeit hat und sich keine Zeit läßt, sondern ohne Zaudern und Zögern ein Leben hinter sich läßt und in ein anderes hinem- geht. Wer kriegt das alles schon fertig? Deshalb bin ich also immer wieder von ihm verführt worden ... nein, nicht dieses Wort ... deshalb bin ich von ihm mehr angezogen worden, als ich wußte und wahrhaben wollte. Kam natürlich die Eitelkeit hinzu und die Einsamkeit -.- Ach, ich brauche das alles ja nicht auseinanderzusetzen! Den du liebst mich jo, und deshalb kennst du mich. Und nun, da ich mit dir gesprochen habe, ist es vorbei und ist wieder hell und gut mit uns, nicht wahr.
Sie ist während dieses Selbstgespräches, während dieses Ferngesprächs mit Alsred aufgestanden. Sie hat Blumen gepslückt ... wieder einen ganz großen Strauß. Sie hält plötzlich ein. Was ist denn das? Es ist soviel in Ordnung zu bringen, und sie schläft hier und steht herum und sinniert und pflückt Blumen. Schnell, schnell, nach Hause!
Sie geht ein Stückchen den Fußpfad. Da hat Frau Gericke sie entdeckt. Sie winkt, sie kommt gelaufen. Sie hängt schluchzend an ihrem Hals. „Mein Mann", schluchzt sie, „mein Mann will nicht, daß ich mit Ihnen verkehre. Er sagt, es geht nicht, wegen — wegen —"
„Wegen Rauthammer", sagt Barbara, „ich kann es verstehn. Wir werden noch mol darüber sprechen. Aber jetzt habe ich keine Zeit.
Die kleine Frau Gericke jagt: „Wir brauchen nicht darüber zu sprechen. Ich kenne Sie doch. Ich weih doch so viel von Ihren schönen Gedanken. Ich weiß ganz genau: Was immer Sie machen, das ist richtig gemacht."
Barbara wehrt ab. Da hätte sie ja die Liebe, nach der sie sich sehnt, die bedingungslose, vertrauensvolle Liebe. Aber sie weiß: So weit, wie Frau Gericke meint, ist sie nicht. „Ich wünsche mir das wohl", sagt sie, „und ich will so weit kommen, daß ich sicher bin, es ist richtig gemacht, wenn es nur ehrlich gemacht ist. Aber bis jetzt ist es noch nicht so."
„Wollen wir nicht wenigstens jetzt ein bißchen zusammensein?" fragt Frau Gericke. „Ich möchte doch zeigen, daß ich zu Ihnen halte."
Das muß Barbara ablehnen. Sie will nicht auch noch Frau Gericke in eine schlimme Lage bringen. Cs kann sich ja nicht so schnell Herausstellen, daß Frau Görnewitz unrecht hat und daß alles ein wenig anders war, als die Pensionsgäste es glauben müssen. Vielleicht wird es sich nie Herausstellen. Deshalb ist es besser, wenn Frau Gericke jetzt Barbara meidet oder, wenn sie das nicht will, wenigstens fremd tut. Wenn man hier weg ist, kann man ja immer noch die Freundschaft fest begründen. Die beiden Frauen küssen sich. Sie lachen sich an. Der schwere Tag hat den ersten Gewinn gebracht.
Bei Haus Rebstock trifft Barbara auf Frau Görnewitz. Sie hat einen Augenblick Lust, ihr ordentlich die Haare zu beuteln oder vielleicht ihr den Trauschein zu zeigen. Ach, nützt ja auch nichts mehr. Sie müßte ihr beweisen, daß zwischen Rauthammer und ihr nichts „vorgefallen" ist — so nennt man das wohl. Und das würde Frau Görnewitz entweder nicht glauben, oder wenn sie ihr glaubte, würde sie Barbara für rasend dumm halten, daß sie sich für nichts und wieder nichts kompromittiert hat und ihre Ehe aufs Spiel fetzte.
Man lächelt sich deshalb lieber an. Man preist das unendlich schöne Wetter. Man weist auf die ersten Wattewolken hin, die aus der Wetterecke aussteigen. Man stellt fest, daß der Regen neulich für das Land lange nicht genügt hat und daß die Landwirte noch viel Regen brauchen und die Städter das nie verstehn, und schließlich fragt Barbara auch nach ihrem Mann, Alfred Meimberg.
Aber Frau Görnewitz weiß leider nicht, wohin er gegangen ist. Er hat nur vorhin ein paar Schießübungen im Walde gemacht, und dann ist er über den Fahrweg hinüber verschwunden. Damit verabschiedet sie sich herzlich. Es ist halb eins. Die Gäste wollen bald was zu essen haben.
Halb eins: Alfred Meimberg hat das Haus am Hang nun schon zweimal umschritten. Es ist nichts anderes als ein nett gepflegtes Landhaus Schön ist die Terrasse, von der aus man den Fluß übersehen kann und sicher seststellen, wer im Haus Rebstock aus und em geht. Man kann also sehr leicht hinter den Gästen hersteigen.
Er geht jetzt mit ein paar heftigen ©djritten durch die Pforte. Er klingelt. Wird natürlich niemand dasein. Denn Barbara ist ja auch nicht 3U Hause. Sind übrigens prachtvolle Rosen dahinten. Prachtvolle ... ! Klingelt noch mal. Jetzt kommen Schritte. Merkwürdig, ist also doch zu Hause Ist nicht mit Barbara im Wald? Famos. Ganz famos! Mennberg ist ganz weiß vor Wut. Wie schön, daß er einen Revolver bei sich hat. Vielleicht hat der Mann auch einen Revolver. Man konnte dann die Sache gleich hier oben auf der Terrasse untereinander ausmachen. Nicht so ein Duell mit dreimaligem Kugelwechsel und einer Verbeugung hinterdrein, weil man vielleicht vorbeigeknallt hat. Nein, em richtiges Duell, ohne Zeugen und bis einer danebenliegt, der natürlich, der zuviel auf der Welt ist, der andere. Er wird sich ja zu wehren wissen, dieser Raut. Hammer ist in der ganzen Welt herumgekommen. Das ist das Richtige: Man wird sich hier auf der Terrasse Herumjagen und aufeinander knallen. Eine famose Lösung! Die Schritte sind verstummt. Eine Gardine wird vorsichtig beiseitegeschoben. Man sollte einfach auf die Gardine schießen. Aber nein — das wäre feige. Also: Aufmachen! Sofort aufmachen! Die Glocke schrillt, lange, laut, unverschämt. Niemand kommt.
Aber hak jetzt nicht eine Tür geklappt? ... Die Hintertür wahrschein, lich. Tatsächlich hört man Schritte über dem Kies sehr leife Sdirittc. Da will sich der Kerl wahrscheinlich wegschleichen. Das wird Meimberg ihm nicht gestatten. Er läuft mit ein paar Sprüngen um das Haus, läuft den Schritten nach, die jetzt bergab zwischen Himbeergebuschen ver- schwanden sind. Da läuft der Mann ... Unsinn ... es ist eine Frau. Er hat sie eingeholt. Er hat sie am Arm gepackt. Er dreht sie um: Sophie Wahnke. „Ach so", sagt Meimberg atemlos, „ach so ... Sie sind das? Na ja?" Sophie Wahnke sagt gar nichts. Sie lieht nur den Mann mit einem haßerfüllten Blick an. „Ach, so ist das, wiederholt Meimberg, „Sie sind da auch noch im Spiel? Eine richtige Verschwörung ...
„Unsinn", sagt Sophie endlich, „eine Verschwörung. Was heißt denn ba52llfreb sieht sie gespannt an. Bitte, sie soll nur weitersprechen. Sie soll es ihm nur auseinandersetzen, inwiefern es keine Verschwörung qt Aber sie sagt nichts mehr.
Wo sind die beiden?" fängt Meimberg wieder an. Sophie schüttelt den Kopf. Meimberg packt sie am Handgelenk. „Antworten Sie! * „Lassen Sie mich los!" ruft Sophie, „Sie tun mir weh Au ...
Sie sollen sagen, wo die beiden sind!" schreit Alfred. „Sie sollen das ^^Kein^ Antwort. Sophie beißt die Zähne zusammen. Nur jetzt nichts sagen. Nur den Mund halten. Wenn Meimberg glaubt, daß die beiden jetzt zusammen sind, um so besser. Er wird sich dann natürlich von Barbara scheiden lassen, und dann kann alles in Ordnung kommen.
Alfred läßt sie plötzlich los. Stürzt auf das Haus zu. Natürlich: Die sind ja im Haus! Daß er darauf noch nicht gekommen ist! Er rennt den Hügel hinauf, in den Hintereingang, eine Kellertreppe, reifet eine lut auf, findet ein bürgerliches Eßzimmer, eine zweite, ein eheliches Schlafzimmer, aber nur ein Bett ist bezogen. Eine dritte: ein zweites Schlafzimmer mit einem Bett. Er reifet den einen Schrank auf: Da hangen vier gleiche helle Anzüge aus einem derben gelbroeifeen Wollstoff, drei Panama- hüte, ein Fernglas, ein ausgezeichnetes Glas ... natürlich, um nach Haus Rebstock hinüberzusehen. Er rennt in den ersten Stock hinauf. Trommelt gegen die Tür. Da endlich: Ein Schlüffel dreht sich! Alfred packt feinen Revolver, jetzt wird abgerechnet ... In der Tür erscheint ein bärtiger, harmlo er Mann in Hausjackett und Hausschuhen ... Das kann nicht Rauthammer sein. Nein, er schüttelt den Kops. Der Herr Rauthammer wird wohl spazierengegangen sein. Die schöne Waldlust geniefeen. Falls er nicht unten ist, ist er bestimmt nicht zu Hause. Er kennt aber die Gewohnheiten des Herrn Rauthammer nicht so genau. Er hat ihm das Haus vermietet. Und ist nur für eine Nacht gekommen, sich ein paar Sachen zu holen. Wiebele fei fein Name. Angenehm.
Meimberg entschuldigt sich, geht hinunter, geht aus dem Haus. Et klettert langsam den Abhang hinunter, überquert die Fahrstraße und legt sich am Fluß auf die Wiese. Er hat sich nun ausgetobt. Er ist nun ausgebrannt. Da er es nicht sofort in Ordnung bringen konnte, auf feine Weise in Ordnung, ist ihm jetzt alles einerlei. Er wird nun alles laufen lassen. Ein Schatten- sährt über [ein Gesicht. Eine der Wattewolken hat einen Augenblick die Sonne verdunkelt. Gleich daraus brennt sie wieder heftig in fein Gesicht. ,
Aber es ist Alfred, als sei der schattenlose, schöne Sommer nun vorbei, als sei alles vorbei. Eine Verschwörung!! Verschwört sich mit Sophie 1
Er richtet sich wütend auf. Er will schnell nach Hause, seinen Koffer packen, abreisen ... Er ... Aber geht da nicht ... läuft da nicht Barbara über den Fahrweg?
„Bar..ba..ra ...", ruft er, „Bar..ba..ra ...!!
Ach, hätte er doch nicht gerufen! Was soll er ihr nun sagen? Er ruft noch einmal, es ist ja einerlei, alles einerlei: „Bar .. ba .. raaa ...!! Endlich hört sie. Endlich hat sie ihn erkannt. Sie winkt. Sie lauft auf ihn zu.
„Alfred", ruft sie zurück, „Alfred ... ich komme!"
Sie läuft über die Wiese. Der lustige Wiesenwind packt ihr federleichtes Kleid und preßt es gegen sie. Sie ist so schön, daß es weh tut. Bereuen weh tut, daß man das hergeben soll, hergeben muß, nicht hergeben rann- . Er möchte jetzt die Arme nach ihr ausstrecken. Aber er kann es nicht.
। Er r‘"f)t mit einem ganz dunklen Gesicht. Mit einem ganz verzweifelten
। Gej. ,t. Darum hält Barbara zwei Schritte vor ihm atemlos an.
I (Fortsetzung folgt.)


