Eichener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1955 . Zreltag, den (5. November Nummer 89
Liebesroman
GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE
Von Walther von Hollander
Copyright 6y August Scherl G.m.b.y., Berlin
16. Fortsetzung.
Die Sonne steigt auf. Sie prallt auf das Dach über Alfred Meimbergs Bett, und es beginnt wieder zu knistetn wie von Mausezähnchen. Von der Alb herunter kommt ein ziemlich heftiger Morgenwind, mit Dust von Laub und dem Heu der Waldlichtungen, von Himbeerbüschen und Heidelbeergebüsch. Einmal klatscht das Wasser hohl auf. Barbara, die gerade von ihrem Kissen auf den Fluß sehen kann, sieht, daß der kleine Körner das Floß, das man in der Nacht als Tanzparkett mißbraucht hat, wieder seiner Bestimmung zuführt. Er hat es mit großer Mühe wieder zu Wasser gebracht und fährt nun langsam den sonnigen Fluß hinunter, indes er mit einer Stange sein Fahrzeug vom Ufer fernhält.
„Barbrara?" ... Nein, nun schläft sie schon. Sie hört wohl, wie er ruft: „Barbara ... Barbil", aber sie ist schon traumgelähmt. Sie kann gar nicht antworten. Oder doch, sie antwortet nach ein paar Minuten, schon aus dem Schlaf heraus, nein, sie schreit: „Alfred! Alfred!"
Sie träumt nämlich das, was sie am Abend bei Rauthammer gespürt hat. Sie träumt, daß sie mit Rauthammer auf einem Floß einen Eis- schollensluß hinuntertreibt. Merkwürdigerweise ist es dabei Sommer. Das Heu düstet. Die Eisschollen riechen nach Himbeeren. Sie träumt, daß die Fahrt immer schneller wird, und nun taucht Alsred endlich am Horizont auf. Er hat — natürlich — eine Eisscholle mit eingebautem Motor, der schnurrt von fern. Aber er kommt nicht vorwärts, und Rauthammer kann einfach mit feinem Atem sein Fahrzeug schneller treiben. Da also schreit sie: „Alfred! Alfred!" Und sie weint und ruft: „Ich gehöre doch zu dir. Das ist doch ganz klar. Alfred! Alfred!"
Alfred aber ist aufgestanden. Er beugt sich über sie. Schade, daß sie feine Augen nicht sehn kann. Jetzt, da er ganz allein ist, jetzt, da er sich vor niemandem schützen, gegen niemanden wehren muß, jetzt sieht er zum erstenmal mit liebenden Augen.
19.
Der Fluß rennt. Die Zeit rennt. Alfred Meimberg wacht auf. Elf Uhr. Er springt aus dem Bett. „Barbi!" Natürlich, ihr Bett ist teer. Ist das etwas Besonderes? Muß sie lange schlafen, weil er lange schlaft? Albern. „ , „..
Er sieht hinaus. Sehr sonnig. Man muh die Augen zuknelfen. ytorner kommt vorbei in scharlachrotem Bademantel, Frau Körner in ihrem srei- gebigen Badeanzug. „Guten Morgen ... Guten Morgen ... Haben Sie
„Jawohl", schreit Körner, „die gnädige Frau ist m den Watd ge- ^Daniel^ruft Meimberg zurück. Also Kopfsprung ins Wasser. Heraus. Abgetrocknet. Kopf wird schon klarer. Eingeseist. Ordentlich .Schaum Sagen. Rasiermesser abgezogen. Können nur wenige so gut rote Alfred tberg. Eins-zwei, eins-zwei, eins-zwei, eins-zwei. Ueber dem Daumennagel die Schärfe probiert. Tadellos. Anfängen. Wie war das? Hat diese Barbara nicht alles umgekehrt? Hat sie ihm etwa endlich die dunkle Geschichte mit Rauthammer ausgeklart? 5letn .Ste hat von ihrer Liebe gesprochen und daß man an sie glauben soll, schlimm- Ja, ziem-
Zweite? Mal eingeseist: Langsam die linke Backe freigelegt. Sie hak ja recht, daß man eine liebevolle, innigere Ehe fuhren sollte, wie andere Leute sie führen. Daß man einander blindlings sollte vertrauen können. Nur: Diese Sache mit Rauthammer ist gerade keine gute: Vertrauens grundlaqe Kopf herum, rechte Backe abgekratzt. Dieses GeheiMM-tun mit Rauthammer. Dieses Verschweigen Oder hat ste thm mchts verschwiegen-- Sie hat ja im Waldhaus davon angefangen und vor dem Altar in Blaubeuren und auf dem Ulmer Turm und am Tag danach. Aber vielleicht tat sie das auch nur, weil sie w"ßte, daß Rauthammer unterwegs war. Kann fein. Kann aber auch fein, daß er nicht lehr geschickt war. Ist ja auch möglich. £)ber9 Doch, ist wöglich- . . .
Fertig mit dem Rasieren. Nun kommt der Schlips^Oder nimmt man keinen Schlips? Zu dem blau gewürfelten Hemd aus Vauerngardme w,. Barbara es nennt, nimmt man keinen Schlips. Das tragt man offen. Aber man krernpt die Aermel ein bißchen doch. h Tennis
Man könnte eigentlich in die Stadt fahren und eme Stunde Tennw trainieren. Soll einen guten Trainer geben. Balle 'Emansuher auch taufen. Wozu hat man die schönen Schlager vom Schwiegervater mck.
Barbara könnte mitkornmen. Barbara ... Er steht, er wirst den Schläger wieder in den Koffer.
Los, hinüber ins Haus zum Frühstück! Da sitzt der Hauptmann Gericke. Ja, danke, auch lange geschlafen. Frau Gericke hat eine schreckliche Nacht gehabt. Ist sehr zart. Ungewöhnlich zart. Recht was für einen Soldaten. Wenn man immer nur stramme Kerle sieht, saftige Männer, bann, ja bann ... Alle wirklichen Soldaten sind für zarte Frauen. Nur die Gelegenheitssoldaten, wie Menelaus, haben etwas für große und kräftige Damen übrig.
Es ist doch aber nichts Ernstliches mit der Gattin? Gericke schüttelt den Kopf, erkundigt sich nach Barbara. Meimberg lacht. Danke, es geht natürlich großartig. Selbstverständlich. Wunderbar. Er sieht Gericke prüfend an. Aber der schlägt seinem Ei kunstvoll die Kappe ab. Kurzes Gespräch über eine aufregende Zeitungsnotiz. Jener Mann, der den ersten Liebhaber feiner Frau ermordet hat, ist freigesprochen. Gericke ist nur mit der Begründung nicht einverstanden. Wegen Unzurechnungsfähigkeit! Warum kennt man in Deutschland nicht den Freispruch wegen ehrlichen, anständigen Asfekttotschlags? Kann man nicht diesen Fall als Schulbeispiel nehmen? Meimberg erläutert kurz, mit einigen juristischen Floskeln, warum der Fall kein Schulbeispiel sei.
Dann sagt Gericke: „Schade, daß Sie gestern nicht da waren. Hatten einen so anregenden Abend. Ein Herr Rauthammer. War lange in China, bann in Mandschukuo. Sprachen wieder darüber, ob uns Asien auf den Pelz rücken wird oder wir Asien besiegen. Dazu ist mir noch eingefallen: Die Gegensätze stehen im Leden nicht kraß gegeneinander, sondern gehn in Stufen und Uebergängen allmählich ineinander über. Rußland, das man doch zu Europa zu rechnen pflegt, ist schon halb und halb Asien. Mongolisch durchmischt, tatarisch durchpflügt. — Dann: „Ein sehr gescheiter Mann. Ein Mann mit Blick. Mit Perspektiven. Verstehe allerdings nicht ganz, was er persönlich will."
„Man kann bas wirklich nicht ganz herauskriegen", sagt Meimberg, „aber Rauthammer ist ein gescheiter Mensch. Ein sehr gescheiter Mensch sogar. Ich gehe jetzt gerabe zu ihm."
Gericke schenkt sich sehr sorgfältig Kaffee ein, rührt ben Zucker. Warum, bentt er, teilt mir bas Meimberg mit? Ich sage ihm ja auch nicht, daß ich jetzt zum Arzt gehn muß, ein Beruhigungsmittel holen. Ich habe natürlich doch recht mit meinem Verdacht auf Frau Meimberg, mag auch meine Frau sich noch so sehr dagegen empören. Es ist natürlich schade: Sind doch sehr nette Leute, diese Meimbergs.
„Zigarette bitte ..." Die Männer rauchen schweigend. Meimberg steht ziemlich unvermittelt auf und geht aus dem Haus. Marschiert auf der Wiese hin und her. Natürlich: Zu Rauthammer gehn. Jetzt sofort zu Rauthammer gehn. Das ist die Lösung. Dem Zigeuner ben Hals um- drehen. Er hat es zu Weppen gesagt. Er ist nicht der Mann, der sich ohne weiteres die Frau wegnehmen läßt. Den Hals umdrehn. Er hätte nur nicht gedacht, daß er so schnell in diese Zwangslage kommen würde. Da ist auch noch die Görnewitz. Guten Morgen. Weiß schon. Reizender Abend mit Herrn Rauthammer. Ihre Gattin brachte ihn liebenswürdigerweise nach Hause. Werde mir jetzt auch das Haus am Hang ansehn. Ist doch das da drüben mit dem roten Dach. Mit einem guten Fernglas kann man jede Latte vorn Zaun erkennen. Also auf Wiedersehn!
Er kramt ein paar Minuten im Auto herum. Er hat doch eine Pistole mit? Muh unter dem Sitz bei den Werkzeugen liegen. Er sieht sie sich an. Na ... ein bißchen verrostet. Ist sie geladen? Doch! Werden sie aber lieber mal probieren. Er geht in den Wald hinauf. Er geht hundert Meter in den Wald hinein. Mehr Zeit hat er nicht. Die Sache wird ihm von Sekunde zu Sekunde dringlicher. Wie hat er überhaupt schlafen können, wie hat er fo lange zögern können? Den Hals umdrehn, dem Zigeuner ... Peng ... peng ... peng ... Ser Revolver knallt abscheulich laut. . ,
Man sieht Hauptmann Gericke über die Wiese laufen. Dieser arme Kerl der Meimberg ... hat sich das so zu Herzen genommen. Schade um ben Junoen' Aber als er in ben Wald kommt, sieht er Alfred Meimberg auf einem Baumstumpf sitzen und mit feinem Taschentuch die Pistole putzen. Nun gut ... auch so läßt sich die Sache aus der Welt schaffen. Gericke zieht sich vorsichtig zurück, schlägt einen Bogen stadtwarts, den
oben Unnaus am Hang sagt Rauthammer in diesem Augenblick zu Sophie Wahnke: „Ich habe das Gefühl, daß Barbara unterwegs ist hierher Aber ich kann nicht länger warten. Der dicke Kaufmann hat schon feinen Partner hier. Wir müssen nachher zum Notar Die Sache kann ein großes Geschäft werden. Wer zuerst da ist, hat es. Und ich bin werft da. Ich habe schon an den Sekretär des Kanzlers gedrahtet.
3 Sophie antwortet: „Es ist alles zuviel für Sie. Sie sollten das nicht tun" Rauthammer zuckt die Schultern. Es wird nicht lange dauern^Jn ein paar Stunden ist alles besprochen und unter Dach Sich so etwas entgehn zu lassen, wäre sträflicher Leichtsinn. Es kann doch sein, daß er plötzlich viel Geld braucht.


