Ausgabe 
15.7.1935
 
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und

heute mit einem Gemisch von Mißtrauen und Ironie betrachten. Das Italien des zwanzigsten Jahrhunderts gibt einen guten Begriff davon.

aber von

Deutschen.

Also sprach der Prophet und er knabberte an einer Heuschrecke stärkte sich mit einem Teelöffel wilden Honigs.

Verantwortlich: Or. Hans Thvriot. Druck und Derlog:Brühl'iche UniverlitätS»Puch» unb 6teinbt uderei, 5L Canae, (Sieben.

Gedichte.

Don I. W. von Goethe.

Gedichte sind gemalte Fensterscheiben!

Sieht man vom Markt in die Kirche hinein, da ist alles dunkel und düster; und so sieht's auch der Herr Philister; der mag denn wohl verdrießlich sein und lebenslang verdrießlich bleiben.

Kommt aber nur einmal herein! Begrüßt die heilige Kapelle! Da ifts aus einmal farbig Helle, Geschicht' und Zierrat glänzt in Schnelle, bedeutend wirkt ein edler Schein; dies wird euch Kindern Gottes taugen, erbaut euch und ergötzt die Augen!

Italiens politische Einheit ist ein halbjahrhundertealtes Faktum, tatsächlich ist das Land das, was es immer war: eine Kollektion kleinen Republiken. Es ist typisch, daß das Wort Paese sowohl Land wie ein kleines Dors bedeutet. Der Geburtsort ist für den Italiener das Land. Man kann sich nicht wie in den meisten anderen Ländern mit einer Gegenüberstellung von Norden und Süden begnügen; es herrscht hier ein Regionalismus, der auf allerkleinsten Fleckchen der Erdober­fläche bis in das geringste Detail durchgeführt ist. Nicht genug damit, daß ein Sizilianer und ein Milanese sich kaum verstehen; auf einer kleinwinzigen Insel wie Capri mit kaum zehntausend Menschen ist die Bevölkerung seit Jahrhunderten in zwei Paesi gesondert, Capri und Anacapri, die blutige Fehden miteinander geführt haben und sich noch

Italienische DReife.

Bon Frank Heller.

Die meisten Exprehzüge gehen um sieben Uhr srüh ab, und treffen um sechs Uhr an ihrem Bestimmungsort em. Um fünf Uhr oder so wird man in seinem Schlafwagen vom Schaffner aufgekitzelt, kommt zornig und übernächtig in der Stadt an, von der man geträumt hat, und weiß nicht, was man anfangen soll. Zu Bett gehen ist lächerlich, aber sangt man an in der Stadt herumzuwandern, ist man noch vor dem Frühstück todmüde. Fluch solchen Expreßzugen!! Sie sind nur würdig, reisende zu befördern, nicht wißbegierige, aber epikuraische Forschungs re*'ficU unb Segen hingegen dem Expreß WienRom! Der geht um zehn Uhr abends vom Wiener Südbahnhof ab. Um neun Uhr am nächsten Morgen ist man an der Grenze in Tarvis. Munter und aus- geruht unterzieht man sich der Paßkontrolle und Zollrevision mit einem Lächeln, trinkt im Speisewagen einen Wermut, wahrend der Zug an schneeglitzernden Fluhtälern vorbeisaust, macht beim Frühstück Bekannt- schast mit Italiens kulinarischer Dreieinigkeit: Salami, Makkaroni und Chianti, sieht den Himmel höher und höher blauen Italiens Himmel; gleitet in der Dämmerung über die Brücke in das schone Venezia und steigt am nächsten Tag morgensrisch in der Bahnhofshalle der ewigen Stadt aus. Seht, das ist ein richtiger Expreß, hätte H. C. Andersen gesagt.

Wer in diesen rühmenswerten Zug einsteigt, sagt Lebewohl vielen ererbten Begriffen. Heringe und Branntwein liegen hinter ihm, und an manchem weinschweren Morgen wird er seine Hände nach ihnen aus­strecken wie der Wüstenwanderer seine Hände nach dem lockenden Spiegelbild eines kühlen Sees ausstreckt. Nimmer wird er seine Glieder mit einer Dusche nach dem Bade kühlen können, denn alle Duschen sind jenseits der Alpen geblieben. Und schließlich, dies ist beinahe das Schmerz­lichste: von dem Augenblick, in dem die Grenze hinter ihm liegt, steht er sich gezwungen, in allen Hotels Pension zu nehmen; denn man ver­mietet nur unter dieser Bedingung Zimmer oder gegen eine tägliche Kriegsentschädigung. Und wer auch nur kurze Zeit von der strohtrockenen Seezunge und dem blutenden Ochsen verfolgt wurde, lernt diese unerbitt­lichen Begleiter des Menüs respektieren, so wie die Aegypter das Kro­kodil und den Schakal respektierten..

Die Schattenseiten des Bildes sind mit unbestechlicher Hand gemalt worden. In welchem Maße werden sie von den Lichtpunkten aus­gewogen? Ganz und gar, in jeder Weise, total! Wer mit dem rechten Sinn und den rechten Erwartungen nach Italien kommt, lernt binnen kurzem dieses Land über alle anderen Länder der Erde lieben. Aber es ist wichtig, zu betonen: mit den richtigen Erwartungen. Was seid ihr ausgegangen zu sehen? Sonnenschein? Ihr werdet den schönsten, herrlichsten Sonnenschein der Welt finden. Wein? Ihr werdet viele Weine kosten, die sehr stark und oft sehr gut sind, aber vergebens werdet ihr Schloßausbruch und lange gelagerte Jahrgänge suchen, wie man sie in Frankreich und Deutschland findet. Lebensfreude? Dieses Bolk lebt im Augenblick wie kein anderes Bolk. Ueberschwänglich in seinem Jubel wie in seiner Trauer, überströmend in seiner Freundschaft wie in seinem Zorn, bereit, einem Fremden den letzten Bissen Brot zu geben, und ebenso bereit ihn auszuplündern. Also ihr werdet viel Lebensfreude finden. Denn was ist Lebensfreude sonst als Freude am Augenblick? Aber viel Karnevalsfreude werdet ihr nicht finden. Die findet ihr besser auf venezianischen und neapolitanischen Festen im Norden. Kaum werdet ihr ein Musik-Cafe finden, und wenn, so gehört es meistens einem

wie Griechenland vor Alexander »em Großen ausgesehen haben mag.

Aber das macht eben auch Italiens großen, ganz einzigen Reiz aus. Sie kommen mit dem Zug nach Mailand; das ist noch halb Mittel­europa; in sechs, sieben Stunden sind Sie tn Venedig; eine ganz neue Welt, Byzanz und Handelsmetropole tn einem einzigartigen Rah­men Wieder sieben, acht Stunden und Sie gehen m Florenz herum, der schönen Magnatenrepublik, abermals fünf, sechs Stunden, und Sie durchwandern Rom, wo drei Jahrtausende durcheinander gemischt sind und antike Erinnerungen, geistliche Macht und weltliche Macht sich >n einer modernen Großstadt den Raum streitig machen; wiederum fun Stunden, und Sie betreten die Quadersteine Neapels, wo die Zett still zu stehen scheint, eine lebende Stadt, die bis in alle Einzelheiten: Architektur, Stratzenpflaster, Lebensgewohnheiten und Laster dem seit zwei Jahrtausenden toten Pompeji gleicht.

Vergleichen Sie dieses Land, sein unendlich wechselvolles Profil, seine unerschöpflich reichen Erinnerungen mit barscheren Länderm, die beinahe der Geschichte entbehren, und Sie begreifen die Berauschung, die den Nordländer dort unten ergreift. Aber vergleichen Sie feine Verbindung von tausendjährigen Erinnerungen und heißpulsterendem Leben mit dem streng zentralisierten Frankreich, dem industrialisierten England, dem maschinellen Amerika, und Sie verstehen, warum Jahr /ur Fahr Tau­sende und aber Tausende aus allen Landern der Welt nach 3tahen strömen. Was sind sie ausgezogen, zu suchen? Sind es Komgspalas e? Sind es Ruinen? Solche Paläste und solche Rumen sind in vielen anderen Ländern zu finden. Nein, diese Tausende ziehen aus in der dunklen Hoffnung, ein Wunder zu erleben, das Wunder, das sich leben Frühling in der Natur begibt, weniger oft im Leben des Menschen, noch seltener im Leben der Völker; und ein richtiger wenn auch unklarer Instinkt treibt sie in das Land der Renaissance das uralte Land, das noch immer von ewiger Jugend überschäumt.

Firenze, Florenz, was ist für das Ohr die holdeste Musik? Beide Namen geben eine richtige Vorstellung von der Stadt der roten Lilie, aber jeder malt eine Seite ihres Charakters Firenze flammt in dem. selben vornehmen Trotz, der aus den zinnenbesetzten Türmen der Paläste und der Burgtore der Via Tornabuoni spricht; Florenz verrat all dar Weiche und Duftende, das an einem Apriltag über der Stadt am Arno ruht und unbeschreiblich ist. ,.

In Lapis Keller treffen sich alle Fremden. Da fließt der Chianti um die Wette mit der Beredsamkeit, ja zuweilen noch heftiger. Nie vergesse ich meinen Besuch dort an einem Herbstabend des Jahres 1919 Es war unmittelbar nach dem Krieg. Ein Freund und ich waren so gut wie die ersten Gäste seit fünf Jahren. Wir wurden mit offenen Armen empsan- gen, mit Chianti und Ziehharmonika. Ja, aber was für einer Zieh­harmonika! Groß wie ein Harmonium, mit Pedalen, Klaviaturen, mit vox Humana, angelica und seraphica und mit unglaublicher Gewandt­heit von einem schwarzhaarigen Freund des Hauses gespielt. In Tonen schilderte er die Freude, die lieben Gäste aus früheren Zeiten wieder­zusehen. Mit Jubeltrillern der vox seraphica deutete er die helle Zu­kunft an, die sich der Stadt am Arno eröffnete; mit dunklen Tonwogen und gequälter vox Humana schilderte er die bitteren Jahre, die nun zu Ende gegangen waren. Die Ratten, die einzigen, die in diesen 3abren in Florenz zugenommen hatten und gediehen waren, strömten hinter den Weinfässern des Kellers in ganzen Horden hervor. Auf den Hinter­beinen sitzend, mit gekreuzten Vorderpfoten und schraggelegtem Kopf lauschten sie behext Don Ernestos Kantate, bis der rote Morgen im Kellerhaus zu grauen begann, und der Chianti in unserem Munde bitter wurde, und wir uns heimtückisch zum Bahnhof schlichen und den Zug nach Rom nahmen. *

Keine Stadt ist faszinierender als Rom. Aber um würdig in Rom zu wohnen, müßte man wohnen. Und das ist gerade das Schwierige, wenn man nicht in der Lage ist, sich eine eigene Villa zu bauen, ober sich wie b'Annunzio eine auf Kosten bes italienischen Staates (und eines geplünderten Ausländers) zuweisen zu lassen.

Sie kommen also nach Rom mit der Perle der Exprehzüge. Sie nehmen ein Zimmer. Sie setzen sich in eine Droschke und Sie sagen zum Kutscher: Fahren Sie zum Petersplatz! Ich bin zwar beim Papst zum Lunch geladen, aber das Wetter ist zu schön. Ich gedenke mein Lunch auf dem Petersplatz einzunehmen!

Der Kutscher klatscht billigend mit der Peitsche, der Wagen rollt über bi» Via Nazionale, die Räder glitschen über die Straßenbahnschienen, Tausende von Autos versuchen Gelchwindigkeitsrekorde zu erzielen, der Kutscher schläft, nach allem zu urteilen. Und Sie befehlen Ihr Leben in bie Hände bes Heiligen Vaters, dessen Namen Sie soeben mißbraucht f,ab2n)'er alles läuft gut ab. Wenn Ihr Wagen sich quer über die Straße stellt, so weichen die anderen Wagen in Bogen aus; wenn Ihre Pferde rechts gehen (was sie in Rom nicht tun sollen, wohl aber in Neapel), so geht ein anderes Pferd nach links. Es ist die höchste Harmonie. Nach einer Weile sind Sie vollkommen beruhigt. Die Pferde regeln hier den Verkehr, und im Hinblick daraus, daß Sie in Elberfeld Quadratwurzeln mit Dezimalen ziehen können, kann Ihr Leben nicht in besseren Händen liegen. Aus der Ferne erblicken Sie das Kolosseum; der Rest der ältesten Stadtmauer gleitet vorbei; Foro Trajano. Ein Weilchen später rollen Sie über das gelbe Wasser des Tiber, vorbei am Mausoleum Hadnani, und durch einige unglaublich schmutzige Straßen auf die Piazza San Pietro. Sie geben dem Kutscher acht Lire, denn so billig ist es, tn Rom zu fahren, und Sie gehen, ohne zu zögern, in die kleine Tratona gleich zu Anfang der rechten Kolonnade. Da nehmen Sie Ihr Lunch ein, wah- renb die Sonne auf die mächtige Kuppel Michelangelos scheint, und die i Schatten der Heiligenstatuen der Kolonnade einer nach dem anderen ; über die stäubende Schaumsäule des Springbrunnens wandern. Wenn , Sie Ihre Rechnungen bezahlen, sind Sie schon Bürger von Rom.