Ausgabe 
15.7.1935
 
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Seegang 8 bis 6, doch irgendwie labberig für einen ordentlichen See­mann! Hübsch ist es, diese Fischer und Jäger wiederzuerkennen, sie hier privat" zu erleben, unter sich, nachdem man sie dauernd nur bei der Arbeit sah, in ihrem Beruf, auf der Straße, am Strand, in den Booten. Dort der breite Alte mit der Schisserfräse und dem goldenen Ohrring gegen die Gicht, der steht immer am Falm mit einem Riesenkieker. Der Kleine, der über dem Buscheruntje noch die verschossene schwarze Leder­weste trägt, steht meist im ersten Boot, das zum Dampfer fährt, am Ruder. Der lange Blonde neben der Ofenbank, der hatte neulich feinen Posten an der Rordspitze, als der Schnepsentag war, und der schwarz­haarige Junge, der ging auf der Schutzmauer umher und holte mit geradezu teuflischer Sicherheit die Krähen herunter, die über die Slldecke floppten. Seine Kameraden, mit denen er Korten spielt, standen im Geröll hinter der Betonmauer und versuchten mit Steinwürfen die Schnepfen aus den Felslöchern zu treiben, bis die Bögel in tollen Zick- zackjchwenkungen hochstoben und im Feuerblitz aus der Doppelläufigen auf die Steine schossen.

Ja, wenn man diese Helgoländer alle beisammen sehen will, dann muh man ins Fährhaus, in denLustigen Seehund", zu Pinkus oder in eine der anderen Grogstuben gehen, dort sind sie, hübsch verteilt, sehr gemütlich und erheblich gesprächiger als sonstl

Der Auszug zum Oberland stellt seinen Dienst um diese Jahreszeit bereits um 8 Uhr abends ein. Man steigt die Treppe hinauf und freut sich an dem schönen Bild, das die lichterfunkelnde Insel nachts bietet.

Und am Mast der Marine-Signal-Station hängt schon wieder die rote Laterne der Sturmwarnung!

Mondnacht.

Von Joseph von Eichendorfs.

Es war, als hätt' der Himmel Die Erde still geküßt, Daß sie im Blütenschimmer Von ihm nur träumen müht.

Die Luft ging durch die Felder, Die Aehren wogten sacht. Es rauschten leis die Wälder, So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte Weit ihre Flügel aus. Flog durch die stillen Lande, Als flöge sie nach Haus.

Wenn d e Saat reist.

Ein volkskundlicher Streifzug durch die Kornfelder.

Von Dr. Wilhelm Gemperle.

Hat der Landmann das Feld bestellt, stehen Pflug und Egge wieder auf dem Hof oder in der Scheune und beginnt die Saat im Erdboden ihre wunderbare Keimkraft zu entfalten, dann muß er Monate geduldiger Erwartung und gläubigen Vertrauens bis zur Ernte ausharren. Wohl ist das harte Tagwerk des Bauern auch in dieser Zeit voller Muhen und Sorgen, aber er ist jetzt mehr denn je auf das still« Wirkwi der Natur angewiesen, die über Wohl und Wehe feiner Arbeit entscheidet. Ein Haqeljchlag von nur wenigen Minuten kann alle seine Hoffnungen vernichten und eine Woche anhaltender Dürre den Lohn für feinen Fleiß auf ein armseliges Mindestmah zufammenschrumpfen lassen. So emp­findet der Landmann gerade zur Zeit der reifenden Ernte, wie sehr sem Schicksal in den Händen höherer Mächte liegt, und immer wieder mag er in einer freien Stunde beim abendlichen Gang durch die Felder ohne jede überspitzte Weisheit über die geheimnisvollen Zusammenhänge nach­gesonnen haben, in denen sich ewig und unabänderlich das Leben des schaffenden und ringenden Menschen bewegt. Es ist deshalb nicht ver­wunderlich, wenn sich seine Vorstellungswelt beim Anblick der im Wmde wogenden Kornfelder mit den seltsamsten Gestalten mit guten und bösen Geistern, bevölkerte, wenn er schon fett den ersten Anfängen der Geschichte des ackerbauenden Menschen das Verlangen hatte, dieses rätselvolle und nie berechenbare Walten der Naturkräfte in dem Treiben von Gottern und Dämonen, merkwürdigen Wesen und unheimlichen Tieren, anschau­lich verkörpert zu sehen.

Die Zeit der Reise bis zum Erntebeginn ist auch heute noch von einem breiten Band uralter Volksbräuche, von Sprüchen und aberglaubi- schen Vorstellungen begleitet, deren eigentliche Bedeutung und letzte Her kunft sich oft im Dunkel der Vorgeschichte verliert, die bisweilen von kirchlich-christlichen Ueberliefenmgen emgehullt sind und die nichtselten auch auf nüchterne Zweckmähigkettsgrunde zum Schutz der Ernte und zur Abwehr unerwünschter Eindringlinge zuruckzufuhren sind Jakob G r i in m und seine Schüler glaubten ,n den Schreckgestalten der reifenden Kornfelder Abbilder germanischer Gotter und Göttinnen erkennen zu können. Andere Forscher haben in den Korndamonen mehr scherzhaft ge­meinte Phantasiegebilde und Gruselgestalten als Schreckgespenster für die Kinder gesehen. Gleichwohl bleiben einzelne Brauche, so bas Opfer Der letzten Aehren, wie in dem soeben vollendeten von Professor Adolf Spam er im Verlag Bibliographisches Institut AG., Leipzig,I.AVwih rt gegebenen zweibändigen WerkDie Deutsche ®olt5tuni)e jusg f b wird, kaum anders zu deuten als aus dem volkstümlichen Glauben a das Dasein einerKornmutter" oder einesKornmannes In oem Senken und Heben der Aehren spürt man das Wirken der Geister, Die

das reifende Getreide zärtlich streicheln, die aber auch bedrohlich werden können, wenn sich ein Mensch in das Feld hineinwagt oder gar mut­willige Zerstörungen anrichtet. Kindern sind diese Schreckgeschichten von Erwachsenen natürlich oft in der Absicht erzählt worden, sie vor dem Betreten der Felder zu warnen. Empfindsame Erzieher mögen dieses etwas derbe Mittel verdammen, aber es läßt sich nicht leugnen, daß es in manchen Seelen das Gefühl für die Heiligkeit des Reifens in der Natur stärkt. Außerdem ist die Gefahr des Verlaufens im hohen Aehren- eld nicht ganz von der Hand zu weisen. Es soll, wie der Volkstums- orscher Richard B e i t l erwähnt, tatsächlich vorgekommen fein, daß ver­mißte Kinder erst bei der Kornernte als Leichen aufgefunden wurden.

So sind die Dämonen Schreck-' und Abwehrgeister und Fruchtbarkeits­götter zugleich; sie sind in unzähligen Verwandlungen und unter den Der- chiedenartigsten Namen in fast allen Teilen der Welt bekannt, und in Deutschland sind sie noch in allen Landschaften in der Vorstellung des Volkes zum mindesten aber der Kinder lebendig. Allein in den Ortschaften der Pfalz wurden nach den Erhebungen, die für denAtlas der deutschen Volkskunde" durchgeführt worden sind, der Korn- vater, der Butzemann und Butzemummel, der Botzenickel und Karnickel genannt, ihnen gesellen sich zum Schutz des reifenden Korns und zur Ab­wehr aller Feinde der Schütz, der Feger, der Stromer, der Teufel, der chwarze Mann, der Hakenmann und das Kornmännel zu. Doch nicht ge­nug:Die Kornmutter, die Alt, die Nachtmutter, die Hex und die lange Els fangen, was sich in ihr Kornfeld wagt. Der Nachtwisch und der Wullewux hocken in den Halmen Ein ganzer Ring von großen und kleinen Tieren glotzen aus den abenteuerlustigen Buben, der mehr und mehr von den blühenden Kornraden pflücken und die Tiefe und Weite des Aehrenmeeres ausforfchen will. Man dräut ihm in der Pfalz mit Wolf und Bär, Butzebär und Butzemummel, mit Fuchs und feuriger Katze. Der Kornwurm sitzt in der Frucht und holt einen, das Korn« mäusl beißt, die Wildsau jagt, Nachteule und Nachtkrabb fliegen herum, die Krott beißt einem den Kopf ab, und das große unförmige Mühl­berger Tier geht um den Acker."

Das ist nur ein Teil der Ausbeute von einer einzigen Landschaft, sie zeigt aber bereits, wie stark der Glaube an Korndämonen in der Dor- stellungswelt des Volkes verwurzelt ist. Das beweist auch eine Reihe sehr anschaulicher Sprüche und bildhafter Erklärungen für natürliche Erschei­nungen, die wir tagtäglich an einem Feld reisender Aehren beobachten können. Wenn sich das Korn im Winde bewegt, sagen die Bauern:Die Kornmutter läuft über das Feld" ober die wilden Säue ober der Wolf treiben darin ihr Wesen. Während nun die meisten Dämonen gute Geister sind, die das Korn schützen wollen, gibt es auch böse Gewalten, in denen die Unfruchtbarkeit und die Gefahr der Mißernte verkörpert sind. Der Bilmes- oder Binsenschneider" soll an bestimmten Tagen unsichtbar mit Sicheln an den Füßen durch die Getteideselder gehen und die Halme ab« schneiden, um den Menschen einen Schabernack zu spielen und sie um den Lohn ihrer Mühe zu bringen. Peitschen Sturm und Regen die Saat, so geifert der Roggenwolf durch die Halme, mit ihm heult der Roggen­hund und grunzt die Roggensau. Diese Geister treiben Spuk und richten Schaden an, wo sich ihnen nur die Möglichkeit bietet; sie können furcht­bar wüten und ganze Felder wie hingemäht zu Boden strecken. Glück­licherweise aber gewinnen meist die Schutzgeister die Oberhand und schlagen die bösen Dämonen in die Flucht.

Nun hat der Mensch seit jeher versucht, in diesen Kampf zu feinen Gunsten einzugreifen, die guten Geister nicht zu erzürnen und die bösen zu beschwichtigen. Auch die Vogelscheuchen sind im tiefsten Grunde wohl nicht allein aus der heute geltenden praktischen Erwägung zu erklären, sondern bedeuteten ursprünglich einen Abwehr- und Schutzzauber. Ein großer Teil des festlichen und kultischen Brauchtums, der noch heute mit Erntebeginn und Erntebeschluß zusammenhängt, stammt aus dieser mythischen Welt. Der erste Kornschnitt ist in manchen ßanbestcilen bis zur Gegenwart eine besondere feierliche Handlung geblieben Wer in Ostpreußen zur Zeit des Anschnitts ein Kornfeld betritt, läuft Gefahr, gebunden" zu werden; ein Arbeiter oder eineBindersche" naht sich dem Fremden mit ein paar Halmen, die ihm um den rechten Ellenbogen geschlungen werden, wobei in einem Sprüchlein um Trinkgeld für die Schnitter gebeten wird.

Die letzt» Garbe, die der Landmann noch häufig noch Einfuhr der Ernte auf dem Stoppelfeld zurückläßt, dürfte ursprünglich ein Dantes- opfer für das Wirken der Schutzgeister gewesen fein. In anderen Land- schäften ließ man der Kornmutter ein paar Aehren stehen In Ober­franken heißt es von den sechs bis acht ersten Halmen:

Wir gebens der Alten,

Sie soll es behalten. Sie sei uns im nächsten Jahr So gut, wie sie es diesmal war."

In Westfalen verlangt der Volksglaube, daß die letzte Garbe auf dem Acker verfaule, damit der Spuk dem Haufe fern bleibe, und auch im Hessischen verzichtet man vielfach aus Furcht vor bösen Geistern auf die letzten Halme.

So hat sich die Ueberlieferung des (Betreibeopfers noch in zahllosen Formen bis heute erhalten, als ein Beweis dafür, daß selbst im tech­nischen Zeitalter die uralten Vorstellungen des Volksglaubens ihre Kraft bewahrt haben und daß sich der Mensch noch immer der unaufhebbaren Tatsache gegenübersieht, daß mit seiner Macht allein nichts getan ist, sondern daß übermenschliche Gewalten Natur und Götter bas mühselige Werk von Monaten in wenigen Augenblicken zerstören können. Dieses Gefühl ist in dem Landmann besonders tief und lebt in den mannigfachen Gestalten einer mytbischen Welt weiter, die zwar verhüllt und zurückgedrängt worden ist, die aber weiter besteht und wirkt.