Oberkörper auf beide Ellenbogen. ,Hetzt ist alles Böse entfernt, und Ich werde bald wieder gesund sein."
„Du sollst dich nicht anstrengen." . „
Das tu’ ich nicht. — Ich hab' heute morgen viel und schon geträumt.
„Was denn?"
„Mein halbes Leben... Ich habe lange nichts mehr von Otto gehört. Du auch nicht, Lisa?"
„Doch. Er hat heute morgen telegraphiert, daß er kommt.
„Das ist gut."
„Er kann morgen daseinl"
„Bring ihn mit! Ich muß mit ihm sprechen."
„Später, Ludwig!"
„Nein. — Ich glaube, es ist Zeit... daß ich ...
Plötzlich gaben seine Ellenbogen, auf die er sich stutzte, nach, und er sank in die Kissen zurück. Ein Zucken lief über sein Gesicht und erstarrte Der Blick seiner blauen Augen erlosch, und der Kops drehte sich halb Aur Seite.
Elisabeth öffnete den Mund, wie zu einem schrillen, wilden Aufschrei. Aber es kam kein Ton über ihre Lippen. Sie war wie erstarrt und rief nur mit einem wehen Blick die Schwester zu Hilfe. Diese trat rasch an das Bett und beugte sich über Ludwig, faßte nach seiner Hand und lief dann mit einem bestürzten, bleichen Gesicht zur Klingel. Dann mußte ste Elisabeth stützen, die wankte und zusammenzubrechen drohte. Sie brachte sie bis zu einem Sessel und nahm ihr das Kind aus dem Arm.
Mit der Oberschwester erschien auch der Assistenzarzt. Er erkannte die Situation mit dem ersten Blick. Auch die Oberschwester wußte, daß nichts mehr zu tun war, daß es zu Ende war.
Jetzt erst brach der Ausschrei sich Bahn, der in Elisabeths Kehle steckengeblieben war, und der Arzt mußte sich um sie bemühen. Endlich gelang cs, sie aus dem Zimmer zu geleiten, in dem der Tod seine Hand aus Ludwig gelegt hatte. Er war leise gekommen, ohne Kampf, in seiner mildesten Korm.
Die Erstarrung, die in Elisabeth zurückgeblieben war, begann sich erst langsam zu lösen, als sie durch Doktor Kern erfuhr, daß aller ärztlichen Erfahrung nach der Tod Ludwig vor einem langen und qualvollen Leiden bewahrt hatte, was auch Professor Althoss bestätigte. Er war nicht überzeugt, ob es gelungen wäre, das Fortschreiten der gefährlichen Lebererkrankung, die er gleich hatte feststellen können, aufzuhalten. Diese stete latente Gefahr ganz zu beseitigen in einer langwierigen und komplizierten Behandlung war wenig Aussicht vorhanden gewesen, namentlich im Hinblick auf Ludwigs körperliche und seelische Verfassung, die einer solchen Behandlung kaum gewachsen gewesen wäre. Seine leidenschaftliche Natur hätte alle Vorschriften immer wieder durchbrochen oder wäre in erzwungenem Gehorfam einer gleichfalls vernichtenden Verzweiflung verfallen. —
Es war nach dem Tag der Feuerbestattung, an der die gesamte Ocfsentlichkeit teilnahm und Ludwig die letzte und größte Ehrung erwies, als Elisabeth diese Wahrheit erfuhr.
Das Gesicht des Todes verlor für sie feine starre, grausame Maske, und sie erkannte jetzt auch in ihm das allem Lebendigen innewohnende, schicksalhafte Gesetz.
Das Haus am See war viel zu weit und zu groß für sie und die kleine Jfa. Sie kehrte nur für kurze Zeit dahin zurück und ging gefaßt und entschlossen an die Auflösung dieses auch viel zu kostspieligen Haushalts.
Doktor Hartl war aus der Schweiz zurückgekommen. Er stand ihr zur Seite wie früher, und sie dachte an Ludwigs letzte Worte: Es war gut, daß er da war ...
Abendlied.
Von Johann Christian Günther.
Der Feierabend ist gemacht.
Die Arbeit schläft, der Traum erwacht. Die Sonne führt die Pferde trinken; Der Erdkreis wandert zu der Ruh! Die Nacht drückt ihm die Augen zu. Die schon dem süßen Schlafe winken.
Mein Abendopfer ist ein Lied, Das dir zu danken sich bemüht, Die Brust entzündet Andachtskerzen; Gefällt dir dieser Brandaltar, So mache die Verheißung wahr: Gott heilet die zerschlagnen Herzen.
Du Geist der Wahrheit, breite dich Mit deinen Gaben über mich! Dein Wort sei meines Fußes Leuchte! Vergönne mir dein Gnadenlicht Aus meinen Wegen, daß ich nicht Mir selber zur Verdammnis leuchte.
Das müde Haupt sinkt auf den Pfühl, Doch, wo ich ruhig schlafen will, So muß ich deinen Engel bitten; Der kann durch seine starke Wacht Mich vor dem Ungetüm der Nacht Um meine Lagerstatt behüten.
Soll mir der Pfühl ein Leichenstein, Der Schlaf ein Schlaf zum Tode sein. Ja, soll das Bette mich begraben, So laß den Leichnam in der Gruft, Bis ihn die letzte Stimme ruft, Den Geist im Himmel Frieden haben.
Steifer (3rog in Helgoland.
Von Fritz Otto Busch.
Helgoland, der deutsche Vorposten vor der Elbmündwz und eine der reizvollsten Inseln der Nordsee, ist alljährli» das Ziel vieler Tausende. Die Bevölkerung hält trotz di- täglichen Umgangs mit den Fremden zähe an ihren Hebet lieserungen und an ihrer alten Sprache fest. Davon erzähl: Fritz Otto Busch in seinem bei Friedrich Vieweg & Soljii AG., Braunschweig, erschienenen „Buch von Helgoland".
Es ist der letzte Abend aus der Insel.
Irgendwie muß man noch einmal unter Helgoländern sitzen, diele harten wettergezeichneten Gesichter sich einprägen, ihre seltsame Sprache hären, diese Männer, gemütlich und ruhig wie nur irgendein deulschm Volksstamm, beobachten, wenn sie hinter dem Grogglas hocken und vm Wind und Wetter, von Hummersang und Schissen erzählen. Rich!!« kennenlernen wird man den Haluner sehr, sehr schwer, er ist wortkarg schlau und wohl Fremden gegenüber besonders verschlossen, wie ollii Friesen. Die Lage der Insel, einsam im Meer, die Abgeschlossenheit, du ewige Kampf mit der See, die Unmöglichkeit, aus dem Land nennenswerte Erträgnisse zu erzielen, der Rückgang des früher sehr ausgiebig betriebenen Schellsischfangs, alles hat diesen Menschenschlag außerorden' lich konservativ und selbstbewußt gemacht. Selbst das Badeleben iu Sommer, das Zusammenkommen mit den vielen Fremden, die meist alt „Eintagsfliegen" auf dem Lunn weilen, hat hieran nichts zu Sndem vermocht. Die Helgoländer bilden unter sich eine einzige große Familie in der jeder gleiche Rechten und Pflichten hat, keiner wird nach feine: sozialen Stellung angesehen, nur Alter und Leistung schassen dem cini zelnen Vorrechte.
Die echten Haluner reden sich unter sich mit „Du" und dem Boy namen an, nur zu den eigenen Eltern und älteren Leuten wird „Jini" (= Ihr) gesagt. Dies gilt natürlich nur von den eigentlichen Fischen samilien, nicht von den zugczogenen Kaufleuten usw., die ja selbst, sallo sie nicht mit Helgoländerinnen verheiratet sind, was sehr oft der Fall ilh Fremde aus der Insel bleiben.
In der beschäftigungslosen Zeit, außerhalb der Saison, sitzen die Männern gern im Wirtshaus. Da Wasser ja fo rar ist, trinken sie dm Grog in einer Stärke, die den ältesten Tiessee-Seeleuten Ehre machm würde! Und Seeleute sind sie, diese stämmigen, helläugigen Friesen, de: muh ihnen der Neid lassen! —
Gemütlich sind die kleinen Grogstuben im Unterland. Schön bequem dicht am Strand, und man kann wirklich nichts dafür, wenn man z.W vom Wind die Kellertreppe hinab in den „Lustigen Seehund" geblasw wird, ins Fährhaus oder ein paar Schritte weiter zu Pinkus! Wo ei den besten Grog und die höchsten Helgoländer Wellen, den fchaumigskn Eiergrog und den klarsten Doornkaat gibt — ja, um das zu erfafjreir. müßte man auf der Insel wohnen, für den Badegast scheint es überai: gleich ausgezeichnet zu fein! Stark sind die Getränke auch, die Helgi« lander Wirte sparen nicht und sehen den Fremden höchstens verwunden an, wenn er z. B. vormittags mal eben hineinsieht in eine (Brogftubet weil er doch vom Stehen auf dem Falm oder der Landungsbrücke st gänzlich durchgeblasen ist, und dann etwa einen „nicht fo starken" @rc»; verlangt!
Alle diese Stuben sind wahre Museen Althelgolander SBergangcnbeili Kupferstiche von bekannten Seglern und Klippern, Lithographien berühr ter Badegäste, im Stil der achtziger und neunziger Jahre mit Botanisim trommeln und Käscher, in Hemdsärmeln und Riefengauchohüten in tw Pose „zur Erinnerung an meine Dienstzeit" ausgenommen, dann Schiffs Modelle in wunderbar seiner Ausführung, alte Seekarten, gerahmt Widmungen, altenglifches Porzellan, Delfter Kacheln, ausgeftopfte ®t» tiere, Muscheln, verblaßte Photos und bunte Bilderbogen vom Bad» leben der ersten Zeit: alles Dinge, die ausgezeichnet zu diesen rau* gestillten, .holzgetäfelten und braungebeizten Stuben paffen.
In Gruppen sitzen die Männer, halten die für ihre Fäuste und Durst viel zu kleinen Groggläfer und palavern. Es riecht wundcrbi« nach Iran, geteertem Hanfleinen, Leder, englischem Tabak und er ? tiaffigem Jarneika-Rurn. Diese Köpfe, einer nach dem andern, sind sami> lich einmalige Originale, die jeden Photographen oder Zeichner begeistcm könnten. Holzgeschnitzte, kantige Gesichter mit den Runen und StruW. die See und Wind eingruben in einem Leben, das größtenteils droutzw zwischen den Rissen aus schwankendem Boot sich abfpielt.
Braungegerbt die Haut, rissig, mit unendlichen Falten um Munu winkel und Augen, die dem Ganzen diese unvergleichliche Note üst'M Fröhlichkeit geben, glattrasierte Lippen und hier und dort der ttjpw*. auf dem Festland und den anderen Inseln fast ausgestorbene Fischerbarr. Dazu diese Fäuste — Junge, Junge! Gewohnt, den Riemen (= Rudm zu sichren, das Ruder (= Steuer) griffest zu halten, mit Netzen uM Bootshaken zu hantieren und immer in Berührung mit dem SalzwaPr. Ja, ja, wenn ein Haluner mit der aufrechten Hand auch nur einigfi ’ maßen fest — so nach dem vierzehnten Glas Grog — auf den blan •' gescheuerten Holztisch haut, dann wird der sich spalten, wie der ökw tisch des seligen Barbarossa im Kyfshäuser durch den Bart des oim Herrn! — ,,
Bei Pinkus ist allerlei versammelt, der Grogkessel dampft, W’I“’ und Zigaretten qualmen — es gibt außer für die Fremden auf w» Insel offenbar keine Zigarren — man tritt an einen Tisch:
„Sine Welle bitte!" Man muß das doch kennenlernen, wenigstens o letzten Abend, wenn man sonst nur Whisky und allenfalls einen EMI getrunken hat! Helgoländer Wellen — das ist ein Gemisch von Rotwe>. Arrak, Rum, Zimt, Zitrone und Zucker; oder fo ähnlich — genau b° ich das nicht feftftellen können, jede Grogstube hat da wohl ihr eigem, Rezept. Jedenfalls ist das Getränk heiß, füß und schwer — DC.rt •?;< nochmal! Es geht sozusagen durch und durch. Doornkaat zum Beispiel eine harmlose Angelegenheit dagegen. .
Man selbst geht nach einer Weile eifrigen Palaverns bis zum /anchl üblichen Rumgrog über — diese Wellen sind trotz ihrer Stärke, so ei


