Ausgabe 
15.7.1935
 
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Nummer 54

Montag, den 15. Juli

lhrgang 1955

i

durch die geöffnete Tür feines Zimmers fehen. Er winkte ihr mit ber Hand einen Gruß und rief ihr ein Scherzwort zu. Doktor Kern, der sie begleitet hotte, beruhigte sie noch einmal nach einer eingehenden Jtuct» spräche mit dem Assistenten. Die Operation hatte nicht besser ausgefuhrt und verlaufen fein können. Der Zustand des Patienten war durchaus ^tÄn Morgen erwachte Ludwig mit einem Gefühl niegetannter köstlicher Ruhe und feltfamer Klarheit. Es war ein Heller, kalter Winter- tag. In der Nacht war der erste Schnee gefallen, und an den Fenster­scheiben feines Zimmers glitzerten Eisblumen in den Strahlen der lang« am höher steigenden Sonne. Ludwig schloß die Augen wieder und sah ich als kleinen Jungen im Hamburger Hafen, wie er in der Frühe eines gleichen Wintertages den Vater zu feinem Fifchkutter begleitete, cher zur Ausfahrt bereit lag. Er sah sich neben der Kasute des Kutters bei Sonne, Regen und Wind, im Frühling, Sommer, Herbst und Winter, schmeckte den dicken Nebel über der Elbe, roch den salzigen Geruch des Meeres, vermischt mit dem scharfen Tran- und Fischgeruch, den jede Planke des Kutters ausatmete. Das war feine Kindheit und Jugend, aus der die Gestalt der Mutter gleich zu Anfang verschwunden war...

Die Bilder, die mit wunderbarer Schärfe und Deutlichkeit aus feiner Erinnerung auftauchten, wechselten rasch, doch ihr Hintergrund blieb, der endlo e Horizont über dem Meer, Schiffe davor, em alter Segler werft, auf dem er den ersten Dienst als Schiffsjunge getan haKe, nach­dem der Vater tot war, Frachtdampfer dann jeder Große und Form. Die Häfen der Alten und Neuen Welt. Mehr hatte er nicht gesehen. Und diese Häseck, wie er sie gesehen hatte, glichen alle einander so, wie große und kleine Geschwister einander gleichen. Es war im Grunde immer das gleiche, wie es auf dem Meer und auf den Schiffen immer das gleiche gewesen war, bis er in Marseille einfach davonlief, nach Hamburg zurückfuhr und dort, in Sankt Pauli, auf einmal auf einer Bühne stand, in einem Volksstück einen Matrosen spielte, so, wie er feit vielen Jahren Matrose gewesen war.

Es war eine kleine komische Rolle, die ein Zufall ihm hingeworfen hatte, nicht viel mehr als ein Spatz im Grunde, rote er ihn oftmals an Bord und an Land vor den Kameraden getrieben Hatte, aber für ihn jetzt das fchmale Tor in eine neue, reiche und bunte Welt

Eine Dachstube in Altona, kalt und kahl, nur auf dem Tisch em Stapel kleiner gelber Hefte, aus denen des Nachts Gestalten auffteigen. Gestalten der Phantasie, die bann wieder hinter irgendeiner erleuchteten Rampe Wirklichkeit werden für eine geschloffene, schweigende Menge, in der auch Ludwig Thiele ein winziges, verschwindendes Teilchen ist bis er selbst wieder hinter einer Rampe steht, spricht, sich bewegt, nicht mehr als der entlaufene Matrofe, sondern als ein Ritter m Helm unb ^Gis^ft wieder nur eine kleine Rolle. Diesmal aber kein Spatz mehr, sondern ein folgenschweres Abenteuer. Es wirft ihn nach Dresden.

Da steht plötzlich der Doktor Otto Hartl vor ihm am Bühnenausgang des Theaters nach denRäubern" von Schiller, in denen Ludwig den Schweizer gespielt hat, und spaziert mit ihm an den Ufern ber Elbe ent­lang bie ganze Nacht hinburch, bis sie Freunbe geworben sinb und beide wissen, wo seine wirkliche Zukunst liegt... . .

Krieg und noch einmal schwere, wie ein Alpdruck oorubergleitenbe Jahre in Häfen und auf Schiffen, auf Minensuchern und Patrouillen- booten, in der Nordsee und in der Ostsee, bis zur Erschvpsung und stumpfen Verzweiflung, in denen das einzige Licht die Briefe des emz>- aen Freundes find. Revolution und erste aufrüttelnde Erkenntniffe ...

Ludwig öffnet bie Augen. Die Sonne ist höher gestiegen, unb bie Eisblumen am Fenster beginnen zu fchmelzen. . ...

Jetzt ist er roieber in Bresben. Die wirkliche Arbeit beginnt unb bamit ber Aufstieg. Er wirb nach Berlin geholt. Aber Berlin ist nicht mit einem Hanbstreich zu nehmen. Der Aufstieg stockt ... Monate ... Jahre Doch es ist gut so. Er weih, batz fein Tag kommen wirb, ber alles entscheidet.

Jetzt ist Elisabeth ba. Zuerst wie ein funtelnbes Licht, eine kostbare Beute bann ein Besitz, eine Kraft, ber erste reiche unb sichere Hafen, aus b'em er immer wieder mit gleichem Mut verstoßen kann in die Gefahren ber breit unb reifjenb geworbenen Fluten des Daseins

Als ber Lichtstrahl, ber mit ber hoher fteigenben Sonne über fein Bett gewandert war, in fein Gesicht trat und durch die geschlossenen Lider bis in seine Augen drang, öffnete sich die Tur und Elisabeth trat ein die kleine Isa auf dem Arm. Mit unhörbaren Schritten kam sie bis an'fein Bett Die Schwester war an der Tür stehengeblieben. Er hob den Kovf aus den Kissen unb schlug bie lichterfüllten Augen auf.

Du bist ba. Ich habe es gefühlt." Er lächelteUnb Isa...!

"Du wolltest sie sehen. Aber wir bürfen nur em paar Minuten bleiben* Du sollst nicht viel sprechen, Lubwig. - Wie fühlst bu bich

Gut. Sehr gut. Ganz ohne Schmerzen."

Er hielt noch immer ben Kopf hoch, ihr zugewanbt, unb stutzte ben

ut, daß Du da bist

ROMAN VON FRIEDRICH BISENLOHR

hr 193? by August Scherl G m. b. <o-r Berlin

(Schluß.)

Du darfst dich nicht anstrengen, Ludwig, jetzt noch nicht. Ich bitte flüsterte sie und drückte ihn in die Kissen zurück.Ich surchte, di hast wieder Fieber bekommen."

Ludwig schüttelte lachend den Kops.Ich habe immer Fieber, wenn M spiele. Lampenfieber, Lisa, weiter nichts!" ,

Billy die während der Szene unwillkürlich in ihrer Ecke aufgeftan- war und die jedes einzelne Wort im Tiefsten erschüttert hatte, ver­letz stumm das Zimmer.

Was hat sie denn?" fragte Ludwig verwundert.

Sie ist überhaupt in den letzten Tagen fo wortkarg und merkwürdig. $ dir das nicht auch aufgefallen?"

Doch. Aber ich sehe sie ja nur noch selten, feit sie in der Stadt Mhiit."

"Nein.b J^ch^bin sicher, es wird eine gute Ehe. Aber sie sorgt sich um

Das mußt du ihr ausreden." n . . r. .

Billy war die einzige, die von Kern wußte, rote es um Ludwig stand, te er schwerer erkrankt war, als man auch Elisabeth angebeutet hatte. Sie war hinausgelausen, weil sie befürchtet hatte, aus tyrer Erregung ftraus alles zu verraten. Auf dem Korridor begegnete sie ber bienft- henben Schwester und bat sie, ihre Aufmerksamkeit zu verdoppeln, »»bei es ihr nicht gelang, ihre eigene Verstörtheit zu verbergen. Die Schwester trat ein und bat Elisabeth, ihren Besuch abzukurzen, da der Professor noch eine Untersuchung des Patienten vornehmen wollte.

Elisabeth erhob sich.

Du kommst doch morgen?"

'.Könntest du*nich? die kleine Isa mitbringen? Ich habe sie so lange ! nicht mehr gesehen." , <<-,.* k k.

Elisabeth warf der Schwester einen fragenden Blick zu, den diese mt einem Nicken beantwortete.

Natürlich kann ich das. Du wirst dich wundern, rote groß sie ge-

fiubrotg streckte die Hand aus.Ach, Lisa ...", fagte er nad) einer ! feinen Stille, sehr leise.Was wäre ich ohne dich und die kleine Isa?

Sie hielt seine Hand, die ihr auf einmal kalt und feucht oortam, mb zögerte. Durfte sie ihm zeigen, in welcher Besorgnis sie >hn letzt Dirliefj Nein. Sie mußte stark bleiben. Seine stolze Zuversicht war das : fefte, was er besaß, unb sie würde siegen wie immer diesmal »l-lleicht ein wenig später. Aber gerade darum war es ihre erste Pflicht, I» nicht nur in jeder Weife zu stärken, sondern auch selbst daran zu ghuben. Als sie ging, war ihr Gesicht ein wenig blasser, lieh aber nichts

um ihrer inneren Ängst im Zimmer zurück.

40.

Am gleichen Abend, noch vor der Untersuchung, traten bei Ludwig Lieder Schmerzen auf, bie sich rafch steigerten Professor Althosf mutzte ene Blinbbarmentzündung feststellen und entschloß sich,. ba n°) *e tvnnensroertes Fieber ba war, zur Operation am nächsten Marge .

Ludwig war einverstanden und bat nur, Elisadech erst 5" benach­richtigen, wenn alles vorüber war, um ihr eine schlaflose Nacht z -eissparen. Er selbst behielt seine Zuversicht. Diese Operation war eine -Mögliche, durchaus ungefährliche Sache. Er war irn Grunde zusried , -«dlich klaren Bescheid zu wissen um die Ursache seiner Erkrankung -d- durch einen kleinen, vielleicht recht schmerzhaften aber von den e sahrensten Händen nach allen Regeln moderner ärztlicher Kunst aus- 8 führten Eingriff befeitigt werden konnte. f .. .

Die Operation selbst ging rasch unb exakt vonstatten. Ludwig spur e r chts bavon. Als er aus ber tiefen Narkose wieder erwachte hatten d schmerzen ihre Natur verändert. Das innere Ziehen und Brennen !w°r verschwunden. Dafür spürte er an der gleichen Stelle, unter dem Men Verband einen vorläufig noch dumpfen Reiz, der sich a h

i ein scharfes, kitzelndes Stechen verwandelte, das aber äußerlich Utlieb unb von ben Nahtstellen ber Wunbe stammte. . h

Elisabeth, bie ber Assistenzarzt von der notwendig gewordenen und i ^rschristsmätzig verlaufenen Operation benachrichtigt hatte, am am - - achmittag in die Klinik, durste aber Ludwig nur einen Augenblick

Siebener ^amilienbläner

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger