nßte er den ersten unter den Arm und fing an, ihn zu rühmen und zu loben: „Was Teufels haben Sie wieder getrieben? Was haben Sie wieder für Streiche ausgeheckt. Sie schlimmer Patron? Sie sind doch der splendideste Schütz im ganzen Kanton, was sage ich, in der ganzen
Verantwortlich: Dr. Hans Lhvriot. - Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts.Duch. und Steindruckerei. R. Lange. Sieben.
Schweiz!" ,
„Donner!" rief Ruckstuhl, höchst geschmeichelt, daß einmal ein anderer als Spörri sich an ihn machte und ihn rühmte „Donner, daß wir schon ins Nest müssen! Können wir nicht noch schnell eine Flasche Guten
Bst' das können wir auf dem Zimmer ausrichten! Es ist ohnehin Sitte bei den Scharfschützen, daß man wenigstens einmal wahrend des Dienstes die Offiziere hintergeht und heimlich eine Nacht durch auf dem Zimmer zecht. Und wir wollen als Rekruten zeigen, daß wir der Spezial- ^Da^roäV ein Hauptspaß Ich zahle den Wein, so wahr ich Ruck. tuhl heiße! Aber schlau müssen wir sein, listig rote die Schlangen, ^^Nur" ruhig^ wir sind die rechten Leute! Wir wollen nur recht still und" scheinheilig einrücken und keinerlei Aufhebens machen.
Als sie in die Kaserne kamen, waren die andern Zimmergenossen alle in der Wirtschaft und nahmen dort den Schlaftrunk, Karl zog einige ins Vertrauen, die teilten es weiter mit, und so versah sich ,eder mit em paar Flaschen, die sie unbemerkt, einer nach dem andern, hmaustrugen und unter den Betten verbargen. Aus dem Zimmer, als es Zehn Uhr schlug, legten sie sich ruhig ins Bett, bis nachgesehen war, ob die Lichter gelöscht seien. Dann standen alle wieder auf, verhmgen d,e Fenster nut Mänteln und zündeten die Lichter wieder an zogen den We'n hervor und begannen zu pokulieren, daß es eine Art hatte, und Ruckstuhl dünkte sich wie in Elysium, da alle ihm zutranken und ihm einen großen Mann ein ließen. Denn der heiße Wunsch, auch beim Militär zu gelten ohne etwas dafür zu tun, machte ihn dümmer, als er eigentlich war. Als er nebst feinem Trabanten gehörig zugedeckt schien wurden erst verschiedene Trinkspiele aufgeführt. Der eine mußte auf dem Kopfe stehend eine Gießkelle voll Wein austrinken, die ihm einer vorhielt, der andere auf einen Stuhl sitzen und, wahrend eine an die Decke gehängte und in Umschwung gesetzte Bleikugel seinen Kops umkreiste, drei Glaser leeren, ehe die Kugel den Kopf berührte, der dritte etwas anderes, und ieber der es nicht vollbrachte, erhielt irgendeine drollige Strafe. Alles dies wurde in größter Stille vollzogen: wer laut wurde, verfiel ebenfalls in Buße, und alle waren im Hemde, um bei einer Ueberrafchung schnell ins Bett kriechen zu können. Wie nun die Zeit nahte, wo die Runde durch die Gänge strich, wurde den zwei Freunden auch em Trinkstuck aufqegeben. Sie sollten sich gegenseitig zwei auf ine flache Klinge gesetzte volle Gläser an den Mund halten und dieselben austrinken ohne einen Tropfen zu vergießen. Prahlend zogen sie vom Leder und kreuzten die mit Gläsern beschwerten Weidmesser: aber sie zitterten dergestalt, daß die Gläser herabsielen und sie nicht einen Tropfen erschnappten. Sie wurden daher angewiesen, eine Viertelstunde in „kleiner Uniform vor der Türe Schildwache zu stehen, und solche Unternehmung wurde als das Kühnste gepriesen, was seit Menschengedenken in dieser Kaserne verübt worden sei. lieber das bloße Hemd wurde ihnen Weidsack und Weidmesser kreuzweis umgehängt, dazu mußten sie den Tschako aufsetzen und die blauen Ueberstrümpfe anziehen aber ohne Schuhe, und so wurden sie den Stutzen in der Hand, vor die Türe geführt und an beiden Pfosten ausgestellt. Kaum waren sie dort, so schob man den Riegel vor, tilgte alle Spuren des Gelages, enthüllte die Fenster, löschte die Lichter und schlupfte jeder in sein Bett, als hätte er schon seit Stunden geschlafen. Die beiden Schildwachen gingen indessen im Scheine der Ganglaterne auf und ab, die Büchse auf der Schulter, und schauten mit kühnen Blicken um sich. Spörri der wegen des Gratisrausches in seligster Stimmung war, wurde ganz übermütig und Hub plötzlich an zu fingen, und das beschleunigte die Schritte des diensthabenden Offiziers, der schon auf dem Wege war. Als er herannahte, wollten sie rasch ins Zimmer entschlüpfen; aber die Ture ging nicht auf, und ehe sie sich zu helfen wußten, war der Feind da. Jetzt tanzte in ihrem Kopfe alles durcheinander. Sie stellten sich in der Verwirrung jeder vor feinen Pfosten, präsentierten das Gewehr und riefen: „Werda!"
„Was Kreuzsakerment soll das heißen? Was treibt ihr da?" rief die Runde, ohne jedoch eine genügende Antwort zu erhalten, da die beiden Käuze kein vernünftiges Wort hervorbrachten. Der Offizier öffnete rafch die Türe und sah in das Zimmer; denn Karl, der die Ohren gespitzt, war schnell aus dem Bette gesprungen, hatte den Riegel zurückgeschoben und sich eben so rasch wieder unter die Decke gemacht. Als der Offizier sah, daß alles dunkel und still war, und nichts hörte, als schnaufen und schnarchen, rief er: „Heda, Leute!"
.Geht zum Teufel!" rief Karl, „und legt euch einmal schlafen, ihr Trunkenbolde!" Auch die andern stellten sich, als ob sie geweckt wurden, und riefen: „Sind die Bestien noch nicht im Bett? Werft sie hinaus, ruft die Wache!" ,
„Sie ist schon da, ich bin'?!" sagte der Offizier, „mach einer von euch Licht, rasch!" Es geschah, und als die Besessenen beleuchtet wurden, erhob sich ein Gelächter unter allen Bettdecken hervor, wie wenn sämtlicye Mannschaft von dem Anblick im höchsten Grade überrascht wäre. Ruckstuhl und Spörri lachten mit, wie die Narren, marschierten herum unb hielten sich die Bäuche; denn ihre Geister hatten wieder eine andere Richtung eingeschlagen. Ruckstuhl machte dem Offizier ein Schnippchen ums andere unter die Nase, und Spörri steckte ihm die Zunge heraus.
(Fortsetzung folgt.)
auf das Tim der Leute sieht und nirgends hinkommt als zu seinen alten Freunden. Kurz, der Ruckstuhl ift morgen ba es Sonntag ist, bn uns tum Essen eingeladen, um die Bekanntschaft zu befestigen, und ich fürchte daß ec gleich mit der Tür ins Haus fallen wird Er ist zudem ein 'schmählicher Wohldiener und frecher Mensch, wie ich gehört habe, wenn er etwas erschnappen roill, woran chm gelegen i)t.
„Ei nun", sagte Karl, „so wirst du ihn gehörig abtrumpfen!"
„Das werde ich auch tun; aber besser wäre es, wenn er gar nicht käme und meinen Papa im Stich ließe." .„h
„Das wäre freilich besser; aber es ist ein frommer Wunsch, er wird sich "wohl hüten, wegzubleiben."
„Ich habe mir einen Plan ausgedacht, der freilich etwas sonderbar ist. Könntest du ihn nicht heute noch ober morgen früh zu einer Dummheit verführen, bah ihr miteinanber Arrest erhieltet für vierunbzwanzig ober achtundvierzig Stunden?"
„Du bist sehr gütig, mich Zwei Tage ins Loch zu schicken, um dir ein Nein zu ersparen! Tust du's nicht billiger?" . ,
„Es ist notwendig, damit unser Gewissen nicht zu sehr leidet, daß du das Leiden mit ihm teilest! Was das Nein betrifft, (o wünsche ich qar nicht in die Lage zu kommen, ja ober nein zu bem Menschen sagen zu müßen; es ist schon genug, baß er in ben Kasernen von mir spricht. Weiter soll er es nicht einmal bringen."
Du hast recht, mein Schätzchen! Dennoch denke ich ben Schlingel allein ins Loch spazieren zu lassen, es hämmert mir etn Proiekt auf. Doch genug hievon, es ift schabe für bie köstliche Zeit unb um den goldenen Mondschein! Denkst du dir nichts dabei?"
„Was soll ich mir dabei denken?"
, Daß wir uns vier Wochen nicht gesehen haben unb baß bu heute nicht wohl ungeküßt bas Land betreten dürftest."
„Willst du mich etwa küssen?" .
„Ja. ich! aber es eilt mir gar nicht, ich habe dich ZU sicher in brr Hanb! Ich will mich noch einige Minuten, vielleicht fünf, höchstens sechs barauf freuen!" „ , . ... ..
So so! Ist bas nun ber Dank für mein Vertrauen, unb ist es bir wirklich ernst? Läfsest bu nicht mit bir unterhandeln?"
„Und wenn du mit Engelszungen redetest, mit mchtenl Jetzt ist guter Rat" einmal teuer, mein Fräulein!"
, So will ich Ihnen auch etwas vortragen, mein Herr. Wenn du mich heute abend noch nur mit einer Fingerspitze berührst gegen meinen Willen, so ist es aus zwischen uns und ich werde dich nie wieder sehen; bas schwöre ich bir bei Gott unb bei meiner Ehre! Denn es ist mir ernst.
Ihre Augen sunkelten, als sie bas sagte. „Das wirb sich bann schon geben", erwiderte Karl, „halte dich nur still, ich werde jetzt bald kommen!"
„Tu, was du willst!" sagte Hermine kurz und schwieg. Allein fei es daß er sie doch für fähig hielt, ihr Wort zu halten, oder daß er selbst nicht wünschte, daß sie ihren Schwur bräche, er blieb gehorsam an seinem Platze sitzen und schaute mit blitzenden Augen zu ihr hinüber im Mond- lidite spähend, ob sie nicht mit den Mundwinkeln zucke und ihn auslache.
Zch muß mich also wieder mit der Vergangenheit trösten und durch meine Erinnerungen entschädigen", begann er nach einer kleinen Stille; , wer sollte es diesem strengen festgeschlossenen Mündchen ansehen, daß es vor vielen Jahren schon so süße Küßchen zu geben wußte?"
„Fängst du wieder an mit deinen unverschämten Erfindungen? Aber wisse, daß ich bas ärgerliche Zeug auch nicht länger anhören will!"
, Sei nur ruhig! Nur noch diesmal wollen wir unsere Betrachtungen rückwärts lenken in jene goldene Zeit, und zwar wollen wir reden von dem letzten Kusse, den bu mir gegeben hast, ich erinnere mich ber Um= ftänbe, als ob es heute wäre, beutlich unb klar, unb ich bin überzeugt, bu besgleichen! Ich war schon breizehn Jahre alt, bu etwa zehn, unb schon einige Jahre waren verfloßen, ohne baß wir uns mehr geküßt hätten, benn wir blinkten uns nun große Leute. Da sollte es doch noch einen angenehmen Schluh geben; ober war es bie frühe Lerche, bie ben neuen Morgen oerfünbete? Es war an einem schönen Pfingstmontag —
„Nein, Himmelfahrtstag —" unterbrach ihn Hermine, schwieg jeboch, ohne bas Wort ganz auszusprechen.
„Du hast recht, es war ein prachtvoller Himmelfahrtstag im Monat Mai, wir waren mit einer Gesellschaft junger Leute ausgezogen, wir zwei bie einzigen Kinber babei; bu hieltest dich an bie großen Mäbchen und ich mich an bie Jünglinge, unb wir verschmähten, miteinanber zu spielen ober auch nur zu reden. Nachdem man schon weit und breit herumgekommen, ließ man sich in einem hohen und lichten Gehölz nieder und begann ein Pfänderspiel; denn der Abend war nicht mehr fern, und die Gesellschaft wollte nicht ohne einige Küßerei nach Hause kehren. Zwei Leute wurden verurteilt, sich mit Blumen im Munde zu küssen, ohne dieselben fallen zu lassen. Als dieses unb bie nachfolgenben Paare bas Kunststück nicht zustanbe brachten, kamst bu plötzlich ganz unbefangen auf mich zugelaufen, ein Maiglöckchen im Munde, stecktest mir auch ein solches zwischen bie Lippen unb sagtest: .Probier einmal!' Richtig fielen beibe Blümchen auf bie Erde zu ihren Geschwistern, du setztest aber im Eifer dennoch dein Küßchen ab. Es war, wie wenn ein leichter schöner Schmetterling abgeseßen wäre, unb ich griff unwillkürlich mit zwei Fingerspitzen darnach, ihn zu haschen. Da glaubte man, ich wolle den Mund abwifchen unb lachte mich aus."
.Hier sind wir am Lanbe! sagte Hermine unb sprang hinaus. Dann kehrte sie sich sreunblich noch einmal gegen Karl.
„Weil bu dich so still gehalten und meinem Worte die Ehre gegeben hast, bie ihm gebührt", sagte sie, „so roill ich, wenn es nötig fein sollte, auch vor vier Wochen roieber mit bir fahren unb es bir in einem Briefchen anzeigen. Es wirb bas erste Schriftliche sein, bas ich bir anvertraue."
Damit eilte sie nach dem Hause. Karl dagegen fuhr eilig nach dem Hafenplatz, um ben Zapfenstreich ber biederen Trompeter nicht zu ver- aumen, der wie ein schartiges Rasiermesser die laue Luft durchschnitt.
Er traf schon auf dem Wege mit Ruckstuhl und Sporn zusammen, bie qelinb angesäuselt waren; sie freundschaftlich unb bieber begrüßend, afjte er ben ersten unter ben Arm und fing an, ihn zu rühmen und fnhen- Mas Teufels haben Sie wieder getrieben? Was haben Sie


