steine Jahre und Jahrzehnte durch Tage und Stunden. Dies alles lebt in sich und damit in dem grasten Leben und last! es daran genug lein' Von diesen Dingen habe ich gelernt, über sie zu schweigen, sagte der Schleifer.
Heiner und der blinde Passagier.
Von Heinz Oskar Wutti g.
Vier Monate lang saß der lange -einer nun schon bei Muttern Im Oldenburgschen und jetzt hatte er genug von Dickbohnen mit Speck. Es trieb ihn wieder hinaus aus See. Nichts hielt ihn mehr zu -ause. Und als eines Tages der Wmd stark vom Meer blies, schnupperte er mit seiner langen Nase in der Lust und mittags schon sagte er: „Na, adjüs denn, Mutterten!" und ging los.
Daß es mit einer -euer nicht so ganz einfach sein wurde, hatte er sich schon gedacht Als er aber nun in Bremerhaven aus dem See- sahrtsamt stand, sah die Sache doch verflucht finster aus. Die Linie, aus der er noch vor einem halben Jahr als Untersteward gefahren war, hatte ihren Dienst eingestellt und so war -einer froh, als sich ihm nach Ablauf einer Woche Gelegenheit bot, aus der „Espodenza', einem kleinen portugiesischen Frachtdampfer als Matrose anzuheuern. Allerdings war die Bedingung gestellt, daß er für die ersten zehn Tage -eizerdienst übernehmen muhte, bis der zweite Mann wiederhergestellt war, der vor drei Tagen in nicht ganz nüchternem Zustande die eiserne Treppe herunteraesallen war und sich ein mächtiges Loch in seinen Schädel geschlagen hatte. — -einer nahm also an und zog mit seinem kleinen olauen Sack unter dem Arm an Bord.
Die „Espodenza" war schon ein ziemlich alter Kasten, der Küsten- sahrten machte; mit Rasierklingen, Grammophonen und Kali fuhr sie zu den Kanarischen Inseln und mit Bananen, Orangen und Tomaten kam sie wieder zurück. Leider bestand die Besatzung nur aus Portugiesen, die weder Deutsch noch Englisch sprachen, so dah -einer ziemlich isoliert war. Der einzige, der etwas Deutsch verstand und sprach, war der Erste Steuermann. Aber seit wann gibt es an Bord eine Unterhaltung zwischen dem Ersten und dem dreckigen -eizerl Der Kapitän war dazu noch ein besonderer Fall. Er sah aus wie ein Menschenfresser in Zivil und benahm sich auch so. Gleich am ersten Abend war -einer Zeuge eines Auftrittes, bei dem der Kapitän einen Matrosen so andonnerte, daß dem eine Woche lang kein Essen mehr schmeckte.
Aber -ainer war unten im Kesselraum weit vom Schuß. Er wußte, daß bei der christlichen Seefahrt der Umgangston der Kapitäne zur Mannschaft nur selten aus Liebenswürdigkeit gestimmt war und begnügte sich mit der Gesellschaft seines -eizerkollegen, eines alten, halb- tauben Portugiesen.
Als die „Espodenza" kurz vor Mitternacht, um das -afenaeld für den nächsten Tag zu sparen, in See stach, war er trotz der schweren Arbeit der vergnügteste Bursche an Bord. Er spürte das leise Zittern des Schisses, -allo, jetzt ging es wieder in Seel Die Motoren stampften. Langsam mit Viertelkraft verließ die „Espodenza" Bremerhaven.
Erst am fünften Tage, sie waren noch nicht aus dem Kanal heraus, sand der lange -einer einmal Zeit, sich an Bord etwas um» zusehen. Es war ein schöner, klarer TOorgen. Ruhig rollte die See mit langen, gleichmäßigen Wellen. Und -einer pumpte sich an Deck ordentlich mit srischer Lust voll. Da er bis zur Ablösung noch eine halbe Stunde Zeit hatte, pazierte er ein bißchen auf der „Espodenza" herum. Ging, die -ände tief in den Taschen, zum -eck, spuckte dreimal über die Reling, kam am Steuerhaus vorbei und kümmerte sich nicht im geringsten um den ihm wütend nachsiarrenden Kapitän, der alle -erumlungerer haßte. Er hatte ja noch Freizeit. Und ob er die in seiner Koje verbrachte ober auf Deck herumstrolchte, konnte allen Kapitänen der Welt pfeifegal fein.
So kam er auch zum Laderaum. Obgleich es einen -eizer nichts angeht, so interessierte es den -einer schließlich doch einmal zu wissen, mit welcher und mit wieviel Fracht die „Espodenza" eigentlich nach Süden dampfte.
-einer stieg die Treppe hinunter. Da lagen im -albdunkel der Luken, im Bauch des Schisses, riesige Ballen, fest verschnürt, Kisten, hoch getürmt, dicke Taurollen, Stapel von Säcken und festgelagerter -underte van Fässern.
Ganz hübsche Fracht, dachte -einer und wollte gerade wieder hinaussteigen, als er ganz In feiner Nähe ein Geräusch hörte. Schnell ging er um einen Berg von Kisten herum ... da |aß plötzlich vor ihm auf einem großen Sack ein junges Mädchen und sah ihn erschreckt an. Sie schien von seiner Anwesenheit gar nichts gemerkt zu haben, -einer erfaßte jedoch sofort die Situation. Blinder Passagier an Bordi Ader sollte er dieses hübsche junge Mädchen jetzt an Deck schleppen und der Wut des Kapitäns ausliesern? Auf keinen Fall!
„Wo kommst du her?" fragte er sie leise.
Al» Antwort kam nur ein verständnisloses Achselzucken. „Where do you come from?" wiederholte er auf Englisch.
Aber wieder sah sie ihn nur hilflos und etwas ängstlich an. Ein hoffnungsloser Fall! Wo kann sie nur an Bord gekommen sein, dachte -einer Wenn in Bremerhaven, fo müßte sie doch wenigstens etwas Deutsch sprechen. Etwas exotisch sah sie ja allerdings aus. Immerhin, ein kleiner tapferer Steril Und -einer beschloß sofort, dem Mädchen zu helfen, die Fahrt zu überstehen und ihr behilflich zu fein, wenn sie irgendwo an Land wollte. Aus welche Weise er das von ihr herausbekommen wollte, war ihm allerdings noch schleierhaft. Denn vor» läusig saßen sie sich noch wortlos gegenüber, nur ein kleines Lächeln im Gesicht des Mädchens bewies ein aussteigendes Vertrauen.
Plötzlich ertönten schwere Schritte am Eingang der Ladetreppe. Jemand schien zu kommen, und schnell sprang -einer auf.
«Los, verstecken!" rief er ihr zu und rotes mit der -and nach einem dunklen Verschlag. .Hier finden sie dich!" Immer lauter wurde
das Geräusch an der Treppe. Das Mädchen schien aber von der Gefahr noch gar nichts zu ahnen. Im Gegenteil, sie wurde ordentlich döse, als -einer ihr einen Stupps gab.
„Menschenskind, wenn dich der Kapitän erwischt, schmeißt er dich über Bord! Los, verschwinde! Oder er schlachtet dich! Kleine Mädchen hat er lange nicht gesrübstückt!"
Aber da sie gar nicht darauf reagierte, sondern ruhtg sitzen blieb, verlor der -einer schließlich die Geduld. Ohne Umstände zu machen, nahm er die Kleine beim Kragen und trug sie, so viel sie auch strampelte über Säcke stolpernd, in den dunklen Verschlag, setzte sie dort ab, schlug die Tür zu und ließ das Schloß einschnappen.
Oben an Deck stellte er jedoch fest, dah diese Eile gar nicht notig gewesen war, denn niemand dachte daran, in den Laderaum hinunter zu gehen. — Inzwischen war die Zeit für die Ablösung herangekommen und der lange -einer mußte wieder an die Kessel. Es war ein merkwürdiges Gefühl für ihn, bei der Arbeit an das kleine Mädchen zu denken, von deren Anwefenheit niemand auf der „Espodenza" etwas ahnte. Wenn er an ihr kleines rührendes Lächeln dachte, |o flog die schwere Schaufel mit Kohlen noch einmal so leicht in die rotglühenden Kessel. Ob sie sich wohl in dem dunklen Versteck ängstigte? Ob sie -unger hatte? — -einer war ganz glücklich, dah er nun einen Menschen an Bord hatte, um den er sich bekümmern und für den er sorgen konnte. Wenn auch nur ganz im Geheimen.
Beim Mittagessen lieh er die halbe Portion in seinem Geschirr, und als er für zehn Minuten einmal frei kam, schlich er sich schnell mit dem Essen und einer -andooll Zwieback wieder in den Laderaum. Niemand war in der Nähe. Leise, ganz leise machte er die Tür des Verschlages auf und sah das Mädchen auf einem Bündel leerer Säcke in tiefem Schlaf liegen. Ihr Gesicht war verweint und -einer war ordentlich gerührt, als er ihr leicht über das -aar strich. Wecken wollte er sie nicht, fo stellte er nur vor ihr auf den Boden die Schüffel mit Essen, schloh die Tür wieder ab und machte sich leise davon.
Stunden um Stunden voll harter Arbeit waren vergangen, als -einer plötzlich eine merkwürdige Unruhe an Deck spürte. Kommandotöne schallten herunter, man hörte eiliges Lausen durch die Gänge, Rusen, und schon kam der überraschende Beseht von oben: Maschinen ftopl Die Tür des Kesselraumes wurde aufgerlffen und der Zweite Steuermann rief die beiden -eizer an Deck.
-ier fanden sie schon die ganze Mannschaft verfammelt und der Kapitän hielt gerade in aufgeregten Worten eine Ansprache, von der -einer natürlich kein Wort verstand. Da kam auch schon der Erste auf ihn zu und sagte in gebrochenem Deutsch:
„Los! Suchen! Das ganze Schiff nach Mädchen!"
Verflucht, woher wißt ihr Bande denn das, dachte -einer. Vielleicht hat man einen Funkfpruch hinter ihr hergeschickt. Aber wartet, wenn ich etwas dazu tun kann, so sollt ihr sie nicht finden!
Und sofort begab er sich nach unten in den Laderaum. Da waren aber schon vor ihm der Kapitän, die beiden Steuermänner und mehrere Matrosen und suchten hinter jeder Kiste und hinter jedem Ballen. Immer näher tarnen sie an das Versteck, -einer suchte krampfhaft nach einem rettenden Gedanken, -ätte er doch nur den Schlüssel abgezogen. Jetzt war es zu spät. — Doch auf einmal war alles aus! Hinter den brctternen Wänden ertönte plötzlich eine schreiende Mädchenstimme und Fäuste schlugen von innen gegen das -olz. — -einer stand starr. Schon stürzten Matrosen hinzu, rissen die Tür aus und das kleine, rührende Mädchen flog zuerst auf -einer los, (prang an ihm hoch, haute ihm zwei, drei, vier kräftige Ohrfeigen herunter und lag dann schluchzend in den Armen des freudestrahlenden Kapitäns. — So ein dämliches Gesicht hatte der -einer in feinem ganzen Leben noch nicht gemacht.
Auch bei dem anschließenden Verhör, das der Kapitän durch den Ersten als Dolmetsch mit ihm anstellte, wurde er nicht gescheiter. Denn daß das kleine Mädchen, die er für einen blinden Passagier gehalten hatte, ßuquita, die Tochter des Kapitäns war, wollte ihm noch immer nicht einleuchten.
Auf den drei Straswachen, die er für dieses Mißverständnis erhielt, patte er jedoch Zeit genug Darüber nachzudenken, ob es ratsam sei, die mitfahrende Tochter des Kapitäns in einen dunklen Verschlag zu sperren und ihr Mannschastsessen vorzustellen. — Auf jeden Fall nahm sich der lange -einer vor, nun endlich einmal Portugiesisch zu lernen.
Aus der Kulturgeschichte des (Schuhs.
Von Dr. Wilhelm Gemperle.
Mik Unrecht erscheint heute vielen das Schuhwerk, weil es in feinem nützlichen Dasein tagtäglich am unmittelbarsten mit Schmutz in Verüh- rung kommt, als der nüchternste und geringste Bestandteil der Kleidung. Betrachten wir uns die Kulturgeschichte jedoch genauer, so werden wir sehen, daß dem Schub in säst allen Jahchundcrten sogar eine hervorragende Vedeutung beigemessen worden ist; er spielt in der Borstellungs- welt der Völker eine große Rolle. Man hat ihm eine magische Wirkung auf Gesundheit und Fruchtbarkeit der Lebewesen zugeschrieben, und im Liebeszauber und in den -ochzeitsbräuchen begegnen wir feinen Spuren in zahlreichen Ländern. Daneben ist er in manchen Kulturen als Zeichen der Würde und -errschaft mit hohen Ehren bedacht worden. Dor allem aber finden wir den Schuh in den verschiedenartigsten Formen und in mannigfach schillernder Bedeutung in den Sagen vom Wilden Jäger, vom Ewigen Juden und in dem Phantasiereich Der Riesen unD Zwerge, Der Geister unD -exen. Aus Der KinDerzeit erinnern wir uns Des schönen Märchens von Den ©iebemneilenftiefeln, in Dem unsere geheimsten Wünsche Gestalt gewonnen hatten. Auch in Der Sprache finD Dem Schuh manche Denkmäler gefetzt roorDen, Die alle Zeugnis Dafür ablegen, Daß er weit mehr ist als nur ein brauchbares Bekleibungsstück. Einen Menschen, Der ein bekümmertes Gesicht macht, fragen wir teilnahmsvoll, wo


