Ausgabe 
15.3.1935
 
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iMÄ-h fmf ihr Unterkunft und Mahlzeit, denn nun war wirklich der I ä ausaebrocken und alle Welt kümmerte sich nur um die 9F°&e Mirn» kb in der Ferne viele Urlauber, die singend in die b^n aroften Bahnhöfen zogen und weder an die Ernte dachten nock an ihre Angehörigen Wenn Birge in solch einen Trupp geriet, c $ n;p( ausAufteben, und doch tieh fic sich alles gefallen in bet I törichten Hoffnung, irgendeiner der Soldaten müsse von Bertold wissen. Einmal erwähnte sie auch die Nummer des Regiments das m der Universitätsstadt lag; aber da riesen alle, das Regiment sei sofort zur Grenre gezogen und Birge meinte nicht anders, als daß auch Bertold nun schon in Feindesland fei; sie wußte nicht, daß es mit den Kriegs­freiwilligen nicht so schnell ging und daß Bertold letzt aus dem Wege zum Berghofe war. Je näher sie ihrem Ziele kam sie wollte zu einer entfernten Verwandten gehen, die ihr immer geschrieben haUe , I trauriger wurde sie. Aber was sagen Gedanken? Das Schicksal geht tU*2lte ^Bertold^den Bries Birges von Otto empfing, meinte er, der Himmel breche vor ihm auf. Es war der Tag der Kriegserklärung, und doch versank das gewaltige Ereignis, das ein ganzes Volk zu denWaf- sen rief, vor der Botschaft, die ihm vom Berghof kam. Bertold hatte sich osort freiwillig gemeldet, es war ihm gefag worden, er habe «och einlae Taae Zeit, ehe er in die Kaserne gerufen werde. So bestieg er den ^ersten Zug und fuhr in die Heimat. Vom Vater hörte er, daß der Berghof in Trümmer liege. Er stürmte aus dem Vaterhause und sah nach einem Eilmarsch die Verwüstung. Friedrich nahm den Paten freundlich auf; Bertold wurde Soldat, da gab es teme Feindschaft mehr. Der Alte bewirtete ihn; stockend erzählte er von seinem Unglück und daß Hans abgeführt fei. Da fragte Bertold nach Birge. Friedrich zuckte mit den Schultern, fein Gesicht wurde steinhart. Bertold, der nichts anderes alaubte, als Birge sei in den Flammen umgekommen, stürzte auf die Knie und packte Friedrichs Hände, aber der gab auf fernen eifernen Griff nicht nach, er lächelte hart und schwieg. Erst von den Geschwistern erfuhr Bertold, daß Birge Haus und Hof verlassen habe, und muhte ihnen glauben, daß sie nicht wüßten, wohin sie sich gewandt habe. So kehrte er zurück, hart, entschlossen, wenn von Birge keine Nachricht mehr komme, im Felde bei den ersten Gefechten mit unerhörter Tapferkeit den Tod zu suchen. ~ m

Unterdessen wanderte Birge von Dors zu Dorf. Ihre kleinen Geld­mittel waren bald erschöpft. Am fünften Tage aber kam sie hungrig und bestaubt bei ihrer Verwandten an und wurde freundlich ausgenom­men. Auch Treue, die Katze, und die Kuh sanden eine gute Herrin. Am Abend ihrer Ankunst schrieb Birge noch einmal an Otto. Aber da waren alle drei Freunde schon Soldaten geworden, und jeder hätte sich geschämt, noch um Urlaub zu bitten. Auch Birge wollte das nicht. Sie schrieb dn Otto, sie wolle Bertold das Herz nicht schwer machen. Er möge sie nie vergessen, sie werde jeden Tag für ihn beten, und er solle ihr nicht zürnen, daß sie ihm ihren Aufenthaltsort nicht verrate. Der Krieg müsse ja bald ein Ende nehmen, erst dann wollten sie sich Wiedersehen, wenn Bertold sie nicht vergessen habe. Nur Otto dürfe ihren Aufenthalt wissen, sie bitte ihn, ihr zu schreiben so oft er Zeit habe. Schon nach zwei Tagen kam ein Brief von Otto; als Birge erfuhr, Bertold habe auf dem Berg­hof nach ihr gesucht, brach ihr bgld das Herz. Aber sie glaubte nun ein­mal, es könne alles erst dann wieder gut werden, wenn sie Bertold gesehen habe. Und deshalb bat sie auch jetzt den gemeinsamen Freund, er möge Bertold von ihren Briefen schweigen.

Elftes Kapitel.

Krieg.

Die Bewegung, die ganz Deutschland erschütterte, ließ auch die Freunde erbeben Sie sahen das große, heilige Vaterland, das sie bisher nur stückweise durchwandert hatten, auf einmal als glühende Insel voller Türme und Krieger vor sich, umbrandet von Neid und Tod. In diesem Augenblick fühlten sie jeden einzelnen Deutschen als Bruder neben sich, geadelt und gewaltig durch die Größe der Zeit. Die Schranken von Mensch zu Mensch waren über Nacht gefallen, und alle fanden sich tosend zusammen um die Heerführeri

Nach langen Wochen wurden die Freunde in das Gewittergrollen der Fronten entlaffen. Sie saßen am Abend vorher zusammen und tranken den Abschiedswein. Wohl zersprang Bertold das Glas in der Hand, als er Otto zutrank, wohl blitzte ihm in diesem Augenblick die Gewißheit aus, daß Otto sterben müße. Seine Augen waren seltsam verändert. Aber was hieß das? Es erhöhte ihre Freude und stärkte ihren Mut, den Tod vor sich zu wissen. Am nächsten Tage zogen sie in einer Flut von Blumen, Menschen und Musik zum Bahnhof. Die Mädchen lachten und weinten und hingen ihnen am Arm, als sie durch die Straßen zogen. Und in einem Braus, der zum Himmel schlug, fuhren die geschmück­ten Wagen in die Nacht davon.

Sie sahen in der Frühe des ersten Tages den Domturm von Ulm, am Morgen des zweiten Tages brannten ihnen in zartem Nebel die hundert Blumen des Kölner Domes entgegen.

Dann fuhren sie über den Rhein. Sie fangen, heulten und schrien, die Leute vom Oebirg und die aus den Wäldern, in die Wasser hinunter, die 'Rebhiigel hinauf, sie hingen aus den Fenstern und fangen, bis ihnen die Stimme verging.

Zu den drei Freunden, die in einer Gruppe waren, hatte sich noch ein vierter gesellt. Eduard Blank, ein Lehrer, der in der Ausbildung zum Dirigenten durch den Krieg unterbrochen worden war. Er konnte viele alte Lieder und fang sie leise und innig in seiner Ecke.

Langsam suhren sie über die Grenze. Hier war schon erobertes Land, geweiht durch den Tod von Kameraden, deren Gräber, mit Helm und Kreuz bedeckt, hie und da auftauchten.

In der fünften Ngcht mußten alle Lichter im Zuge gelöscht werden. Sie hörten das ferne Grollen der Geschütze.

Aber sie marschierten noch zwei Tage durch öde, zerschossene Dörfer

fie zum Feldreglment stießen. Hier wurden sie erst den einzelnen Kompanien zugeteilt, die teils In Stellung, teils in Rahe lagen. Die oier Freunde blieben zusammen und tarnen in der Nacht zu ihren Kameraden die etwa eine Stunde hinter der Front in Ruhe lagen.

Die feindliche Artillerie schoß in langen Zwischenräumen. Sie horten die Erde donnern, fahen die roten Feuerblitze und die glühenden Eisen- stücke zum erstenmal. Die Nacht war unendlich lang Sie Katzen bei ihren Gewehren alarmbereit in einer Scheune und schliefen nicht. Blank erzählte mit leiser Stimme von seiner Frau. Ein Mann schrie auf, es rod) nach Pulver und Feuer, die Sanitäter sprangen unter das krachende Gebälk und trugen einen jungen Unteroffizier hinaus, bem ein Esten- stück die Brust aufgeriffen hatte. Er starb und wurde in dieser Nacht "°°AmE^Nachmittag wurde die Kompanie zusammengestellt und mar­schierte bei einbrechender Dunkelheit in Stellung. Man erwartete einen Durchbruch des Feindes.

Der Himmel blitzte fahl. Riesige Farbscheme, Mundungsfeuer der fernen Geschütze, flammten wie Flügel über den feuchten Himmel. Hier und da schlug eine Granate ein, ohne zu treffen. Die Leute gingen gebückt. Ein Gehölz kam, der Sternwald, der tags unter Feuer g^Dann"kam freies Feld. Pulvergeruch brandete In der Luft. Flach- bahngeschoffe zischten hart über die Köpfe der Truppen hinweg und schlugen rückwärts ein. Endlich tarn der Graben, die Platze wurden verteilt Bertold, Otto und Erich meldeten sich auf Patrouille. Sie erhiel­ten den Befehl, fünfzig Meter vor dem Graben auf Lauer zu liegen. Bertold übernahm die Führung. Sie krochen aus dem Graben gegen den Feind und legten sich auf den Bauch. Andere Freiwillige schlossen sich rechts und links an. .

Eine Stunde mochten sie wohl so gelegen haben, da rief Otto gedämpft:

Bertold, die Schwarzen lammen!

Bertold schrak auf. Da sah er nicht weit vor sich vier baumlange Kerle im schwarzen Nebel stehen. Er legte an. Mochten die in den Gräben ruhig sein, die alten Bärtigen und die jungen Unbeholfenen, er dünkte sich den vieren gewachsen. Jetzt tarnen sie näher, ausrecht, blieben stehen, berieten sich. Otto wollte schießen, Bertold befahl zu war­ten. Er sah schon einen Messerkampf vor sich da ging der Mond aus dem Gewölk und goß sein Licht auf die Gesichter der Schwarzen. Bertold lachte: es waren vier Weidenbäume.

Die Freunde wurden friedlich. Otto schob plötzlich seinen Kopf heran und fragte gedämpft:

Möchtest du etwas von Birge wissen?

Bertold schwieg. Otto fuhr fort:Id) habe ihr fest versprechen müssen, dir nichts von ihr zu erzählen. Aber ich glaube, sie liebt dich noch."

Hat sie dir geschrieben?"

3a."

Dann will ich weiter nichts wissen."

Die Ablösung kam. Die Freunde krochen in den Graben zurück: Eduard gab ihnen zu essen. Dann saßen sie mit ihren Gedanken in den niedrigen Unterständen und sehnten sich danach, Frankreich zu durch­stürmen. Die Nacht war lau, die Granaten selten.

Plötzlich lief ein Befehl durch: Die eigene Artillerie werde um 1 Uhr Vernichtungsfeuer auf die feindlichen Gräben legen. Jeder rollte sich zusammen und wartete. Schlag eins schwirrte die erste Salve hart über die Kopfe der Kompanie. Dann brach das Feuer los. Die französische Artillerie antwortete. Der Himmel zuckte, rote Flammen spien aus der Erde, der Graben wankte. Nicht weit schrie einer auf, von den eigenen Leuten. Geschosse atmeten heran, und barsten im Rücken; das war die eigene Artillerie, sie schoß zu kurz. Die Fernsprechleitung klappte nicht, der Hauptmann schickte einen Läufer zurück, die Soldaten hingen zwischen zwei Feuern. _ ,, .

Die ersten Verwundeten eilten durch den Graben. Dann schwieg das Feuer. Die Stimmen der Sterbenden drüben hallten über das Feld. Von den eigenen schrie keiner mehr, sie waren nur leicht verwundet. Jeder lag zum Ausjchnellen bereit, aber es kam kein Befehl zum Sturm. Es hieß, man habe zu wenig Erfaß.

So gingen die ersten Stellungstage hin. Das Regiment wurde ab­gelöst und überall an den Stellen der Front eingesetzt, wo ein Gesecht im Gange mar. Aber der erlösende Durchbruch blieb aus, und es begann, je mehr es Winter wurde, in Lehm, Regen und Feuer der Stellungs­krieg, der jedem verhaßt blieb. Schön waren die Abende an den franzö­sischen Kaminen, hart das ewige Exerzieren, Schanzen und Balken­schleppen. >

Der Frühling kam, ein Frühling an der Somme mit tausend Tier­stimmen aus den Flußniederungen, mit viel Blumen und jähen Lieb­schaften.

Da trat Italien in den Krieg ein. Das Regiment wurde in die Alpen geworfen, Otto und Erich wurden zu einem anderen Regiment versetzt, das in Frankreich blieb. Der Abschied war stumm und groß.

Regen strömte, als die Soldaten in die alten Tiroler Städte ein­zogen. Aber sie sangen, daß die Mauern wankten. Sie tranken roten Tirolerwein, klommen die Gebirge hinauf und wehrten die Italiener ab. Bertold war bei einem ständigen Patrouillenkommando und zeichnete sich aus, wurde aber nicht befördert, weil er nicht danach lief.

Es waren große Tage in den Bergen, die blauen Venezianer Alpen vor Augen, auf den Märchenpfaden der Dolomiten, die verzauberten Burgen glichen, in den Tälern des Monte Cristallo. Hier wurde selbst der Tod zum Schein.

Otto und Erich waren Offiziere geworden. Sie schrieben Bertold oft und schickten ihm von ihrem Gehalt.

Endlich im Winter des zweiten Jahres wurde das Regiment zum Sturm befohlen, gegen Serbien.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: L>r. Hans Thtzriot. Druck und D erlag: Drühl'sche Univ er sitätS-Duch- und S teindrucker ei. R. Lange, Gieß en.