Ausgabe 
15.3.1935
 
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beim Einbruch in das Kino am Marktplatz überrascht und durch eine Explosion der Zelluloidfilmstreifen schwer verletzt worden. Die Aerzte glauben nicht, das Augenlicht erhalten zu können. Wir müssen sofort die Mutter benachrichtigen, Günthers Bater ist im zweiten Kriegs,ahr

Tags^darauf" standen Günthers Direktor und der Chefarzt, des Kreis­krankenhauses am Fenster und besprachen das Düstere und Rätselvolle des Falles, zumal der Junge noch immer schwieg und in erbittertem Trotz jede Antwort verweigerte, als ihnen Günthers Mutter gemeldet wurde. Die meldende Schwester verweilte einen Augenblick an der Tür, dann kehrte sie noch einmal um und berichtete:Es ist dieselbe Dams, die vor etwa einer Woche zusammen mit ihrem Sohn den Kriegsfilm in unserem Kino besuchte und in einem der Ausmarschierenden aus einer alten Aufnahme von 1914 ihren Mann erkannte, der später gefallen ist. Sie schrie kurz auf, dann hörte man ihre Stimme, hastig, ängstlich, abgerissen:3unge, dein Vater, dein Vater, sieh hin, dort, vor der Kompanie!" Es währte nur einen Augenblick, das Bild mit den aus­marschierenden Soldaten, ich sah die Frau dann in der ersten Pause schnell den Raum verlassen, ihren Jungen an der Hand. Es muß der­selbe sein, der ..." und sie wies in der Richtung des Bettes.

Als Günthers Mutter das Zimmer betrat, eilte ihr der greise Direk­tor entgegen.Keine Sorge mehr! Ihr Sohn wird gerettet werden. Ich weiß alles. Ein braver Junge, wir alle wollen stolz auf ihn fein und nur den Sinn seines schweren nächtlichen Weges sehen, und nicht das Drum und Dran." Sechs Wochen später nahm der Arzt dem Jungen die Binde von den Augen. Der Blick ging suchend durch das abgedunkelte Zimmer, immer noch schmerzte das Licht und verengte die wimperlosen Lider zum engen Spalt, da verweilten die Augen auf einem gerahmten Bild, schräg gegenüber an der Wand. Günther richtete sich auf: noch verflossen alle Umrisse, aber er gewahrte doch schon eine marschierende Kolonne und davor, groß, schlank, die Hälfte des Gesichtes vom Helm verdeckt, eine aufrechte Soldatengestalt...

Der Vater?" rang es sich ftagend von den Lippen des Jungen.Der Vater, jawohl, dein Vater, mein Kind!" sagte der Arzt leise und legte ihm sorgend wieder die Hand Über die Augen, damit der Junge nicht die Tränen sah, die heiß und langsam Über die Wangen des Arztes rollten.

Chor der Trauernden.

Don Eberhard Wolfgang Möller.

Nun stehn wir hier und weinen und weinen Über Euch und pflanzen an Euern Steinen immergrünendes Gesträuch.

Nicht weil wir Euch beklagen, nur, weil unsre Stimme schweigt, wenn aus den Sarkophagen Eure Stimme zum Himmel steigt.

O Krieg, o großes Beten! Wir wollen in den Stein mit riesigen Alphabeten Cure Worte graben ein.

Und bronzene Kränze legen vor die Gruft, die Euch umhegt, daß nicht der Wind und der Regen unfern Dank von den Stufen fegt.

Ztalienzug in Feldgrau.

Von Erich Otto Volkmann.

Ende 1917 eilten deutsche Truppen dem bedrängten öster­reichisch-ungarischen Heer an der Jsonzofront zur Hilfe. Der Siegeslauf der beiden vereinten Armeen ist eine der unver­gänglichen Ruhmestaten des Weltkrieges, die auch ein Jahr später" das bittere Ende nicht verdunkeln konnte. In dem der Jtalienftont gewidmeten Heft seines im Verlag Bibliographisches Institut AG. in Leipzig herauskommenden BilderwerksDie unsterbliche Landschaft" schildert der Ver­fasser das Landschaftserlebnis des deutschen Soldaten auf diesem Kriegsschauplatz.

Wie ost schon waren die Völker des Nordens im Lauf der Jahr­tausende Über die Alpenpässe hinuntergestiegen in die blühende ober- italienische Ebene. Wie viel gutes deutsches Blut war hier verdorben! Jahrhundertelang hatte der seltsame Traum vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation das deutsche Volk genarrt.

Dieses Kapitel deutscher Geschichte war freilich längst abgeschlossen, als der deutsche Soldat des Weltkrieges in den späten Herbsttagen des Jahres 1917 durch Friaul zog. Was kümmerten ihn noch die Romzüge deutscher Könige, was bedeutete ihm der ganze Kaisergedanke des Mittel­alters, der einst eine Welt in Bewegung gesetzt hatte. Was wußte er davon, daß Cividale Langobardenherzögen zur Residenz gedient, daß Karl der Große von hier aus durch seine Markgrafen Italien regiert hatte. Cr hatte anderes und wichtigeres zu tun, als in Gefchichtserinne- rungen perumßuft'atnen. Er mußte marschieren. Cs war, wie immer, t 2?' italienische Armee sollte noch diesseits des Tagliamento ge­faßt und vernichtet werden.

Der Frontsoldat hatte nie Muße zu ruhiger, genußreicher Betrach- tiing von Stadt und Land. Das blieb der Etappe überlassen

Aber bei aller Hetze mid Mühseligkeit des Vormarsches blieb doch auch beim einfachen Musketier, der feinen Tornister von Cividale nach Udine und bann weiter zum Tagliamento und zur Piave schleppte, man­

ches von dem Einzigartigen und Großartigen der italiemschen Land» schäft hasten. Er staunte, auch wenn er nichts von romanischen Basi- liken und gotischen Hallenbauten, von Renaissancefassaden und Barock­giebeln verstand, über die Pracht der Kirchen mit ihren abgerückten schlanken Türmen, über die Plätze mit ihren Brunnen und Rundbögen und Marmorsäulen. Es gab auch nördlich der Alpen altersgraue Städte mit schönen Kirchen und Türmen genug. Aber irgend etwas g,

unterschied sie alle von diesen oberitalienischen Städten. Der einfache it

Mann konnte nicht mit Worten ausdrücken, ja nicht einmal in Ge- ei

danken formen, was es war. Aber er wußte, daß er die italienische ir

Landschaft nie mit irgendeiner anderen verwechseln würde, die er ge- gi

sehen hatte. Ihre Bilder blieben seinem Gedächtnis als besonderes und hi

einmaliges Erlebnis eingeprägt.

Es war eine uralte edle Kultur, die ihm in ihrer berückenden Schön- $

heit hier in jeder kleinen Stadt, in jedem Dorf entgegentrat. Sie hatte in

Jahrtausende überdauert, und sie war auch nur wenig übertüncht durch ih

den Prunk und die Aufdringlichkeit eines industrieberauschten Jahr- |c

Hunderts. Bis in die untersten Schichten des Volkes reichten die alten (i

Beziehungen zwischen Natur und Kunst, die dieseklassische Landschaft" it

geformt hatten. Was anderswo als kostbares Gut und als Sehenswürdig- feit gehütet wurde, hier war es Volkseigentum im tiefsten Sinne ge- j,

worden. In der kleinsten Stadt standen die Werke großer Künstler. Sie p fi standen als Altarbild in der Kirche, als Brunnenfigur auf dem Markt- ol

platz, als Säulenhalle vor dem Rathaus. u

In Cividale marschierten sie ein. Wie war dieses kleine Landstädtchen Dl

mit seinen grauen Mauern und Dächern verwachsen mit seiner Um- g,

gebung, wie lag es eingebettet in die mit Weinreben und Oelbäumen und (l

Kastanien bedeckten Hänge. Stolz ragten seine Türme über die engen $

Gassen. In kühnen Bögen schwang sich dieTeufelsbrücke", jetzt halb im zerstört, über das tiefe Felsenbett des rauschenden Natisone ! [>,

Durch Udine ging der Marsch. Unvergeßlich für jeden Soldaten, j der durch die Stadt marschierte, die Piazza Vittorio Emanuele am Fuße g

des Kastells mit ihren Säulenhallen und Denkmälern, mit dem ge-

flügelten Löwen, dem Wappentier der Republik Venedig, mit dem acht­eckigen Turm des Doms. i [,

Vieles in dieser Landschaft war dem deutschen Soldaten freilich auch n

fremd. Er verglich das matte Olivgrün der Berghänge, die kahlen Gipfel il

mit den Laubwäldern der Heimat und mit ihren tannenbewachfenen n

Berghöhen. Es mißfiel ihm das verstaubte Grau der eng und hoch ge- f

bauten Häuser, der Mauern und Straßen. Italien ist überreich an j l

totem Gestein und arm an lebendigem Holz. Beim Marsch durch die , e

Ebene entbehrte er den freien, weiten Blick über Kornfelder und Wiesen. i n Die unendlichen Reihen von Maulbeerbäumen und Weiden hemmten jede Sicht. e

Heimatlich war dem deutschen Soldaten dieses Land nicht, vor allem wenn er der norddeutschen Tiefebene entstammte. Es fehlte ihm das breit Gelagerte, das bürgerlich Behagliche. Es fehlte ihm ein wenig * | 5 vielleicht auch der deutsche Begriff von Ordnung und Sauberkeit. Er j

konnte sich leichter vorstellen, daß er in Mitau leben könne als in Cividale oder Udine. 1 | f

Dennoch wurden ihm die Bilder dieser südlichen Landschaft in ihrer fast feierlichen Schönheit, soweit er sie in der Hast des Vormarsches z in sich aufnehmen konnte, zu einem unvergeßlichen Besitz. Vielen waren sie mehr, waren sie die Erfüllung einer geheimen Sehnsucht. 1 ; ;

General Otto v. Below hatte durchaus nicht die Absicht, nur eine J , gewöhnliche Schlacht" zu schlagen. Er dachte nicht daran, die Italiener hinter den Tagliamento entkommen zu lassen. Er wollte sie so schlagen, | ( daß sie für diesen Krieg genug hatten. Vielleicht glückte es, die beiden . italienischen Jsonzoarmeen, die jetzt zum Tagliamento zurückströmten, noch diesseits des Flusses einzukreisen und zur Uebergabe zu zwingen. -

Mit furchtbarer Gewalt drängten die deutschen Truppen sie nach Süden zusammen. Vergeblich versuchten die Italiener sich immer wieder fest- » ' 1 zuklammern. Ein paarmal kam ihnen die Natur zu Hilfe. Ausgetrocknete j

Flußbetten, Torrente genannt, schwollen durch starke Regengüsse für ,

Stunden und Tage zu reihenden Strömen an. Aber der zähe Wille deutscher und österreichischer Truppen wurde immer wieder aller Hinder­nisse Herr.

An den Uebergängen über Tagliamento bei Cadroipo flauen sich die Massen des zurückflutenden Heeres. Am Morgen des 30. Oktober stürmen die Deutschen gegen den von den Italienern gebildeten Brückenkopf an, durchbrechen ihn, stehen am Fluß. Wie bas ausgedörrte Bett eines ge­waltigen Urstromes liegt er vor ihnen, wohl einen Kilometer breit Dünne silberne Rinnsale nur laufen zwischen den Steinbänken. Wenige hundert Meter vor ihnen liegen die Brücken. An ihren Eingängen ein wildes Knäuel kämpfender, schreiender Menschen, lieber sie hinweg ein Strom von Fußgängern, Reitern, Kraftwagen, Kanonen. Maschinen­gewehre werden auf die Uferdämme geworfen, Feuergarben schlagen in die sich drängenden Masten am Ufer, in die Flüchtenden auf der Prücke. Deutsche Jäger stürzen sich, ihre Maschinengewehre mit sich schleppend, in das Getümmel, laufen zusammen mit dem fliehenden Feind über die Brücke. Schon find sie nahe am anderen Ufer, da fegt italienisches Ma­schinengewehrfeuer gegen Freund und Feind. Wahnsinnige Verwirrung. Italiener und Deutsche werfen sich zu Boden, springen ins Master. Plötz­lich schießen mächtige Feuergarben empor, gewaltige Detonationen er­schüttern die Lust Die drei Brücken über den Tagliamento sind ge­sprengt. Alles, was an italienischen Truppen nach auf dem Ostufer steht, ist verloren. Sechzigtaufend Mann müssen sich bei Cadroipo ergeben. Die zweite italienische Armee ist so gut wie vernichtet.

Nirgends im Weltkrieg hat es ein solches Schauspiel des Unterganges und der Vernichtung gegeben wie auf der Straße von Cadroipo bis zum Tagliamento. Hilflos zusammengedrängt bewegungslos Menschen und Pferde, dazwischen Wagen, Kanonen, das Heeresgerät einer halben Armee. Zahllose Tote und Verwundete unter den Füßen und Pserde- hufen. Schreie, Stöhnen, verzweifeltes Umsichfchlagen. Es dauert viele Stunden, bis die fürchterliche Verwirrung sich zu lösen beginnt Erst nach Tagen ist die Straße für den deutschen Vormarsch frei.

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