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Kleine und große Räuber.
Ein Reisebericht über China.
Bon Professor Heinrich Schmitthenner.
Das Reich der Mitte bleibt uns, so sehr die Reiseliteratur über dieses geheimnisvolle Land auch angeschwollen ist, ein Rätsel. Die Schilderungen wirklich erfahrener China-Kenner können uns aber doch mit der fremden Welt des Ostens vertrauter machen. Der bekannte Kolonialgeograph Heinrich Schmitthenner legt in seinem im Bibliographischen Institut in Leipzig erschienenen Buch „China im Profil" einen derartigen Bericht vor, dem der folgende Abschnitt entnommen ist. Die Chinesen unterscheiden kleine und große Räuber. Die kleinen Räuber, „Hsiau Tufe" auf chinesch, sind verarmte Bauern, die Mißernten und Hunger zu Raub und Mord treiben. Sie lauern einzeln oder in kleinen Trupps an den abseits gelegenen Straßen, an Brücken oder Mußübergängen, um von Vorübergehenden Geld zu erpressen und um sie gelegentlich auszurauben. Sie sind hauptsächlich in den übervölkerten Provinzen, in Honan und Schantung zu Hause und treten je nach dem wechselnden 'Ausfall der Ernten überall auf. Im allgemeinen wird der weihe Mann mit ihnen fertig oder handelseinig. Gefährlich sind sie aber dann, wenn sie mit Trägern und Maultiertreibern gemeinsame • *n°t*)en- 2)kn Troßknechten geschieht gewöhnlich nichts, weil sie
nichts haben, und weil der Räuber die Einwohner seines „Arbeitsge- bietes nicht gegen sich aufbringen darf. Wo der Bürgerkrieg das Land durchzieht, den Anbau unmöglich macht, die Ernten zerstört oder auf- ^Hrt, nimmt in dem allgemeinen Unglück auch das Unwesen der kleinen Räuber überhand. Selbst in mittleren Städten ist man vor solchen Ge- legenheitsraubern nicht sicher. Die allgemeine Unsicherheit hat auf dem „ ’iUr lu"9 sreiwilliger militärischer Organisationen geführt, die “’’er S^e9ent(|d) au$ 1)05 Räuberhandwerk ergreifen, so daß man gut zu hüten, besonders wo sie unter Einfluß kommunistischer Agitation stehen.
^Kinder üben sich beim Spiel gerne als Spitzbuben, aber auch gtlegenthrfj im Straßenraub, als die allerkleinsten Räuber In einer größeren, von Truppen überfüllten Stadt in Honan beobachtete ich eine bezeichnende Szene. Schwere Baumwollballen, in Leinen verpackt wur- • CtTuön9i’n Schubkarren von einer Baumwollpresse abgefahren. Mühsam schoben die Kulis die schwere Last durch die winkligen Gassen. Da schosien aus irgendeiner Ecke Buben hervor, ein scharfes Messer in
der Hand, schnitten mit raschem Zug ein Loch in die straffgespannte Sackleinwand und zerrten Baumwolle daraus hervor, soviel sie fassen konnten. Bis die Kulis ihre Karre abgesetzt und den Traggurt abgestreift hatten, waren diese kleinen Räuber längst in den Gassen verschwunden. Die erwachsenen Passanten hatten für diesen doch nicht ganz harmlosen Spaß nur Lachen übrig.
Wirklich gefährlich sind die großen Räuber, die Banditen oder „Ta Tufe". Sie haben sich zusammengeschlossen, gut organisiert und ziehen nach wohldurchdachtem Plane gemeinsam auf Raub aus. Irgendeiner wirft sich zum Anführer auf. Hat er Erfolge, so wird er bald eine bekannte Persönlichkeit, und bei der Neigung der Chinesen zu Geheimbünden entsteht um ihn eine weitverzweigte Organisation Man sucht, in den Besitz von Waffen und Munition zu kommen, und hat ein Führer einmal zwanzig Gewehre beisammen, so ist er dank seinen Ortskenntnissen und seiner Verbundenheit mit den Bauern eine Macht, die den ganzen Distrikt in Atem halten kann. Manche Banditenführer, die das Schicksal erreicht hat, werden noch jahrelang mit Achtung oder Haß genannt. So erzählte man mir von einem 14jährigen Knaben, der in Honan eine Bande anführte, er sei ein Held gewesen. Dagegen berichtete man mit Genugtuung von der Hinrichtung eines Raubweibes, das in Schantung als Haupt einer großen Bande scheußlich gehaust hat. Eine unglaubliche Frechheit besaß ein Banditenführer, der 1921 den Expreß- zug von Tientsin nach Pukou ausraubte und die männlichen Passagiere verschiedenster westlicher Nationalitäten in die Berge verschleppte. Er druckte sogar eine. Briefmarke, die er auf seiner Erpresserkorrespondenz benutzte. Er erreichte es tatsächlich, daß ihn die Regierung mit hohem Rang ins Militär einstellte. Allerdings konnte er sich nicht in die Ordnung fügen, und er ist doch bald enthauptet worden. Eine ganz eigene Kategorie von Räubern jinb die Hung Hutze in der Mandschurei, gegen die schon die Russen zu kämpfen hatten, als sie am Anfang des Jahrhunderts die Bahnen bauten. Sie rekrutierten sich in dem damals noch ganz dünn besiedelten Gebiet aus Leuten, denen in China der Boden zu heiß unter den Füßen geworden war. Ohne behördliche Genehmigung siedelten sie sich in den weiten, menschenarmen Gebieten an und organisierten sich zu mächtigen Banden, die in den Grenzlanden durch irgendwelche politische Konstellation offiziell anerkannte Bedeutung bekommen konnten. Diese Banditen kann man mit den Genossenschaften vergleichen, die die Anfänge des südrussischen Kosakentums waren. Sie sind' eine koloniale Erscheinung an der Kampffront der vorrückenden Ackersiedlung gegen die Wirtschaftsform des Nomadismus. Die dichte Besiedlung der Gebiete feit den letzten 30 Jahren hat einen großen Teil dieser Leute ■in das neue System einfügen können. Die andern sanken zu echten Räubern herab. Seit der Errichtung des japanischen Vasallenstaates ist das Räuberpartisanentum wieder aufgebläht. Dies hat der Ueberfall auf den Exprehzug südlich von Hsinking (Tschangtschun) am 31. August 1934 aller Welt sichtbar gemacht.
Oft sind die Banditen entlaufene Soldaten oder Soldaten, die man entlassen hat, die nicht bezahlt wurden oder die sich sonstwie selbständig 0 haben. Sie sind gut bewaffnet und tragen Uniform. Von einer tmsbafis aus, die sie in einem Schlupfwinkel anlegen, plündern sie systematisch Dörfer und kleine Städte, bis nichts mehr zu holen ist, ober bis sie vor eingesetzten Truppen oder Milizen flüchten müssen. Sie gehen besonders darauf aus, vornehme und reiche Leute abzufangen, um Lösegeld zu erpressen ober burch ihre Freilassung Straferlaß ober Wieber- einreihung ins Militär zu erzwingen.
Ueberhaupt ist ber Unterschieb von Räubern und Solbaten recht fließenb. Letzten Enbes ist bas chinesische Militärwesen eine aus ben Verhältnissen herauswachsenbe Versorgung Hungernder. In der Provinz Honan war infolge der Hungersnot im Winter 1925/26 die Armee sehr zahlreich geworden. Um sie zu ernähren und nicht die eigene Provinz ihrer Plünderung auszusetzen, organisierten ihre Führer einen regelrechten Kriegs- und Plünderungszug in die wohlversorgte, in langem Frieden lebende Nachbarprovinz Schansi.
Der Besitz von Schießwaffen macht die Soldateska zu einer furchtbaren Gefahr. Man hat dem Soldaten geradezu das Privileg zum Räuber gegeben. Es bewahrheitet sich das chinesische Sprichwort: „Aus einem guten Eisen macht man keinen Nagel, aus einem guten Menschen keinen Soldaten" Gelegentlich meiner Reise durch die Provinz Kiangsi erhielt ich Einblick in die Wirkung eines Truppendurchzugs, in den ich hineingeriet. Die Garnisonen von Nantschang und Pinghsiang, zwei etwa fünf Tagesreisen voneinander entfernten Städten, wurden ausgewechselt. Diese friedliche Truppenbewegung im eigenen Lande glich einem Krieg gegen die Bauern. Aus allen Dörfern hatten die Leute ihr Lieh weggebracht; denn die Soldaten nahmen mit, was sie bekommen konnten. Zn den Dörfern und Höfen waren nur alte Weiber zurückgeblieben. Die Männer, die sich blicken ließen, wurden von den Soldaten zum Safttragen gepreßt. Wenn irgendeiner, der nicht an fo schwere Tragarbeit gewöhnt war, zusammenbrach, wurde er durch Fußtritte und Kolbenstöße aufgemuntert. Ich war Zeuge, wie ein Soldat einen Träger kurzerhand niederschoß, weil er nicht mehr weiterkam. Ich hatte Mühe, meine Kulis und den Dolmetscher davor zu retten, von ben Solbaten gepreßt zu werben. Es war ein scheußliches Wirrwarr, ba Munition und Gebirgskanonen, Maschinengewehre unb Minenwerfer unb all bas Gerät ber beiben sich begegnenben Heere auf einem kaum zwei Meter breiten Wege aneinanber vorübergeschleppt würbe. Als es mir schließlich gelang, ein verstecktes Boot zu erhalten unb vom Land- auf ben Wasserweg überzugehen, war mein Fortkommen nicht weniger gefährbet. Die Truppen suchten natürlich auch ben Strom zu benutzen, unb sie nahmen alle Fahrzeuge weg, bie sie im Besitz von Zivilisten sahen. Ich konnte nur baburch meinen Weg fortsetzen, baß ich bie Tage über vorn auf bem Boot selbst als Aushängeschilb bafür biente, daß das Boot wirklich einem Ausländer gehörte. Eine Missionarsfamilie, bie ein anderes Fahrzeug zugleich mit bekommen hatte, würbe einfach ans Land gesetzt unb acht Tage aufgehalten.
„Da ist siel Da draußen!" schrie plötzlich Paul.
Zllle sahen bie buntlen Umrisse bes Kahnes, der in ganz ruhigem, ftjum bewegtem Wasser auf unerklärliche Weise von Anker und Tau gekommen war und nun, durch keine äußere Kraft geführt, auf die andere Seite der Schleuse hinsteuerte, genau auf die Stelle zu, an der er vor fünf Jahren gelegen hatte und wo ber Oruneberg ertrunken war.
Nehmt doch bas Beiboot, zum Donnerwetter! Fahrt hinterher!
schrie der Käpten. „Sie stößt sich ja brüben kaputt!"
2tber dazu kam es schon nicht mehr. Der Mond brach durch bte Wolken hindurch, und im helleren Lichte sah man, wie bte r-Spme Franziska" auf einmal anfing, sich um sich selbst zu brehen. Erst langsam, dann schneller. Plötzlich fing es unheimlich an zu gurgeln, ber Hintere Teil sackte unter Wasser, und dumpf brauste die entweichende Luft.
Ganz kurz nur schrie die Mutter auf, die drei Mannner aber starrten entgeistert auf bas Schauspiel Noch einmal futjr ber JBug auf- rauschenb steil in bie Höhe, ganz klar leuchtete letzt bas Wort „Grüne vom Rande, noch war die Spitze und der Sajütaufbau ZU sehen bann versank auch dieser Teil, und mit einem schweren Seufzer schloß sich wieder über dem alten Frachtkahn das Wasser.
Das war der Untergang der „Grünen Franziska im Plauer Kanal. Lange blieb er rätselhaft, wie so manche Dinge in ihrem bunten und sonderbaren Leben. Wie sie es vermocht hakte, sich bei ruhigem Wetter unb ohne Wellengang von Tauen unb Ankerkette zu reißen, konnte sich niemand erklären, und es schien, als ob der alte Schliephaak recht be- Balten solle.
„Der Grüneberg hat sie nicht lassen können. Fünf Jahre hat er auf sie gewartet. Immer noch ist etwas von ihm an dem Kasten zu spüren gewesen. Und jetzt hat er sie sich ganz geholt." Das sagte er allen, die etwas darüber wissen wollten.
Erst viel später, als man sich bei einer Erweiterung bes Kanalbeckens zur Hebung bes Wracks entschloß, lüftete sich das Geheimnis dieses Untergangs.
Etwas abseits der Fahrrinne fand man beim Ausbaggern tm Kanak- grunb einen schweren Eisenträger festgerammt, der vor Jahren beim Bau des Wehrs von einem der Pontons gerutscht war. Die messerscharfen Eisengrate hatten den Boden den „Grünen Franziska" vom Bug bis fast zur Mitte aufgerissen.
■ Auch das Losreißen von Tauen und Anker sah man jetzt mit anderen Augen an. Dicht hinter der Stelle, an der die „Grüne Franziska" mit dem „Komet" gelegen hatte, traten im Wasser von Zeit zu Zeit Grundwirbel auf, die eine starke Unterwasserströmung verursachten. Da auch ber Kanalboden hier mit einer dicken Schicht schlammigen Mülls bedeckt war, die dem Anker keinen Widerstand bot, und da Paul schon seit langem dem Vater gesagt hatte, die alten, morschen Taue mähten ausgewechselt werden, sand man in diesen Dingen eine ziemlich ausreichende Erklärung des Vorfalls.
lieber die Tatsache jedoch, daß so viele Kähne diese Stelle ungefährdet passiert hatten, und daß ausgerechnet die „Gräne Franziska" auf den Eisenträger laufen mußte, kann man verschiedener Meinung fein. Manche erklären es mit einem reinen Zufall. Viele jedoch sagen, es sei ihre Bestimmung gewesen.


