Früh im Wagen.
Von Eduard Mörike.
Es graut vom Morgenreif In Dämmerung das Feld, Da schon ein blasser Streis Den fernen Ost erhellt.
Man sieht im Lichte bald Den Morgenstern vergehn, Und doch am Fichtenwald Den vollen Mond noch stehn;
So ist mein scheuer Blick, Den schon die Ferne drängt. Noch in das Schmerzensglück Der Abschiedsnacht versenkt.
Dein blaues Auge steht. Ein dunkler See, vor mir. Dein Kuß, dein Hauch umweht. Dein Flüstern mich noch hier.
An deinem Hals begräbt Sich weinend mein Gesicht, Und Purpurschwärze webt Mir vor dem Auge dicht.
Die Sonne kommt. Sie scheucht Den Traum hinweg im Nu, Und von den Bergen streicht Ein Schauer auf mich zu.
Oie „Grüne Franziskas
Erzählung von Heinz Oskar Wutti g.
Biele Lastkähne, Schleppzüge und Frachtzillen befahren die Flüsse unb das Kanalnetz der norddeutschen Binnenschiffahrt. Beladen mit den verschiedensten Gütern, mit Kohle oder Steinen, mit Kies oder Obst und Gemüsen, machen sie ihre ruhige, gemächliche Reise. Vorbei an grünen Ufern und rauchenden Städten, durch hügeliges Land und durch die flachere Ebene der Wiesen und Felder. Von Lagerplätzen zu Häfen und dann wieder zurück.
Außer ihrer Fracht tragen aber diese schwimmenden Güterzüge, die kleinen Zillen, ebenso wie die großen Buchter, ihre Schicksale und ihre Geschichte durch das Wasser. x
Ein Abenteurer der Wasserstraße war die „Grüne Franziska". Jeder Schiffer, aber auch jeder Schleusenwärter und Hasenbeamte zwischen Hamburg und Berlin kannte ihren Namen. Sie war ein großer Frachter und in ihrer Jugend oft von Hamburg aus mit englischer Kohle beladen, die Elbe heraufgefahren. Jetzt war sie ein alter Kasten, der aus der Prignitz durch das ruhige Wasser der Knäle weiße, quadratische Kalksandsteine nach Berlin brachte. Wohl war sie alt, vor rund dreißig Jahren über die Werftrolle in Tangermünde gelaufen, aber wenn man sie vorbeiziehen sah, so spürte man doch das Besondere an ihr, das Eigenwillige, Kraftvolle ihres Lebens, umwittert vom Abenteuer.
Schon mit ihrem Namen stimmte es nicht. Denn von Grün war keine spur an ihr. Schwarzer, blasiger Teer bedeckte die dicken, eichenen Planken, und vorn am Bug und auf dem großen Ruderblatt stand nur der Name „Franziska". Man mußte schon sehr genau Hinsehen, um »ns Wort „Grüne" zu erkennen, das durch das Schwarz weißlich hin- !»urchschimmerte. Das hatte aber eigentlich gar nichts mit der „Franziska" zu tun. Der erste Besitzer des Kahnes hieß nämlich Hermann Irüneberg, und sein Name stand damals in weißen Buchstaben am Bordrand. Als dann nach der dunklen, nie ganz aufgeklärten Geschichte Klaus Schliephaak den Kahn übernahm, übermalte er den Namen seines Vorgängers und setzte das Wort „Franziska", so hieß seine Frau, breit unb fett barüber. Im Laufe ber Zeit kam jeboch ber erste Teil bes früheren Namens immer wieber zum Vorschein. Kein Uebermalen half dagegen. Unb seitdem nannte sie jeder die „Grüne Franziska".
Von den verschiedenen merkwürdigen Begebenheiten, die sie in den fahren erlebte, ist schon vieles vergessen. Es sollten auch ein paar unsaubere Geschichten dabei gewesen sein, die mit geheimnisvoller Ladung unter den Kohlen zusammenhingen. Aber jetzt sprach kein Mensch mehr !-avon. Genaueres hätte wohl nur der alte Grüneberg sagen können, t ber der lag schon seit fünf Jahren an der Neudammer Schleuse im Elb- »asier, und den konnte man nicht mehr fragen.
Auf dem Schiffahrtsamt hatte fein Tod damals viel Staub aufge- □irbett, denn aus den Akten wurde festgestellt, daß er eine übermäßig iwhe Versicherung ausgenommen hatte, und in den untersten Planken iies Kahnes fand man ein kreisrund angebohrtes Leck. Wäre der Grüne- l>erg, als er damals betrunken von Land kam, nicht in der Dunkelheit bpfüber vom Laufbrett ins Wasser gefallen, so hätte man ihn vielleicht hod) vor Gericht gebracht. So aber wurden die Akten über den Fall i-eschlosten, Klaus Schliephaak übernahm den Kahn mit seinem Sohn, lind die Angelegenheit ruhte.
Was aber nicht ruhte, war das eigene innere Leben der „Grünen s ranziska". Wohl ging sie willig und gehorchte dem Ruder des Schliep
haak. Aber manchmal kam es über sie, dann brach sie aus, das Holz zitterte unb knarrte, unb irgenbwelche magischen Kräfte führten dann den alten Frachtkahn, daß er im ruhigen Kanalwasser wie ein Hochseesteamer von einer Seite zur anderen jumpte.
Die Schliephaaks waren einfache biedere Schiffersleute, fern allen übernatürlichen Dingen. Aber wenn es die „Grüne Franziska" einmal so gepackt hatte, bann sagte ber Alte flüfternb zu seinem Sohn Paul:
„Du, jetzt führt sie wieder ber olle Grüneburg. Da ist was am Steuer. Ich spüre es genau!"
Unbegreiflich war ja auch bie nächtliche Fahrt bamals im Hochwasser des Frühjahrs. Einen halben Brückenpfeiler hatte die „Grüne Franziska" bei Wittenberge mitgenommen und war fast unbeschäoio geblieben. Unb bann im Sommer bei ber großen Trockenheit, als fast alle Kähne wie riesige Fische trocken auf Sanb lagen, fanb bie „Grüne Franziska" als einzige ihren Weg burch bie schmale Fahrrinne, und ber Steuerkunst ber Schliephaaks verdankte sie das bestimmt nicht. Sie war schon ein ganz merkwürdiger Kahn.
Wie stark aber diese geheimen Kräfte und Strömungen waren, die in ihr wirkten, erkannten bie Schliephaaks erst zuletzt. Beim Enbe und Untergang der „Grünen Franziska", dem merkwürdigsten Untergang, den wohl ein Frachter zwischen Hamburg und Berlin erlitten hat.
Es war so im Anfang November. Noch mittags lag dicker Nebel über dem Plauer Kanal, und die „Grüne Franziska", die mit einer dreiviertel Ladung Steinen aus Dömitz heraufkam, hatte sich vom „Phönix" bis zur Kanaleinfahrt schleppen lassen. Von dort ab sollte sie bann der Schlepper „Komet" in Empfang nehmen und nach Berlin bringen. Der „Phönix" war schon längst außer Sicht, vom „Komet" aber noch keine Spur. Der alte Schliephaak und Paul fluchten und spuckten über Vord, aber es half nichts, bie langen Stakstangen mußten zur Hand genommen werden, unb bann begann bie schwere Arbeit bes Trellens, des Stromaufwärtsftakens. Eine gute Stunde verging, ein halber Kilometer war geschafft, vom „Komet" war noch immer nichts zu sehen. Irgend etwas mußte da passiert sein. Käpten Hoffmann war sonst ein zuverlässiger Mann.
Schon früh fiel bie Dämmerung über bas Land. Noch immer arbeiteten die beiden Männer schwer keuchend gegen den Strom. Ganz langsam zog das Ufer vorbei. Manchmal war es, als bewegten sie sich gar nicht von ber Stelle Aus ber kleinen Küche kam schon lange ein gelber Schein. Die Petroleumlampe brannte.
„Vielleicht hat er Maschinenbefekt unb sitzt irgenbroo fest", rief der Vater zu Paul hinüber
„Möglich", kam besten Antwort.
„Du, Vater, finbeft nicht auch, baß es jetzt leichter geht?" kam plötzlich Pauls Stimme aus bem Dunkel.
„Hast recht, wir machen mehr Fahrt ..."
„Komisch, was!"
„Ja!"
Es war in ber Tat eine fonberbare Sache. Die Fahrt ging nach wie vor gegen ben Strom. Aber mit ber „Grünen Franziska" war irgend etwas vor sich gegangen. Sie lief schneller, als nach dem Kraftaufwand ber beiben Männer möglich war. Weit vorn hinter einer Kanalbiegung tauchten jetzt weiße Lichter auf. Es mußte bie Neubammer Schleuse fein. Auf einmal kam ber Vater zu Paul über bas Deck gelaufen unb nahm ihn leise beim Arm.
„Du, mertfte was?" fragte er ihn.
„Hm, jetzt zieht er ben Kasten wieber."
Der alte Schliephaak wischte sich mit einem Tuch bas Gesicht ab.
„Daß ein toter Mann im Wasser solche Kraft haben kann! Ist jetzt genau wie damals. Paß auf, bis zur Schleuse schafft es der olle Grüneberg jetzt alleine."
Nein, ganz allein schaffte er es nicht, so groß war die Macht des ertrunkenen Schiffers doch nicht. Die beiden Männer mußten weiterarbeiten, aber es war viel leichter bei schnellerer Fahrt, und die „Grüne Franziska" hatte vorne eine richtige kleine Bugwelle.
Nur noch hundert Meter waren sie vom Schleusenwehr entfernt. Da durchdrang plötzlich das Dunkel vor ihnen das Tuten eines Dampfers. Jetzt blinkten auch schon die bunten Laternen. Es war der „Komet".
Die Männer hörten mit ihrer Arbeit auf und legten die langen Stangen zur Seite. Die „Grüne Franziska" lief aber allein noch ein ganzes Stück weiter, und fo tarn es, daß sie den „Komet" erst dicht neben der Schleuse traf.
Eine Schraubenverwinbung war dem Schlepper gebrochen, das erklärte feine lange Verspätung. Da aber weder der Käpten noch Schliep- haakes Luft hatten, bei der Dunkelheit im engen Kanal zu manövrieren, fo beschloß man, die Nacht hier an der Schleuse zu verbringen und erst am nächsten Morgen weiterzufahren.
Der Kanal war vor der Schleuse etwas ausgebuchtet, an beiden Seiten mit Plätzen zum Festmachen. Sogar eine Laderampe mit Kran war vorhanden, beinahe ein kleiner Hafen. Der „Komet" lag schon längst am Uferblock. Die „Grüne Franziska" aber wollte unb wollte nicht an bie Steinböschung heran. Immer wieber drückte sie ihr Vorderteil in den Kanal hinaus. Endlich hatten die Schliephaaks es doch geschafft. Vertäut und verankert lag der Frachtkahn dicht hinter dem Schlepper.
Von Bord zu Bord wurde eine Laukplanke gelegt, unb die ganze Familie Schliephaaks, Vater, Mutter unb Paul, ging hinüber zum „Komet", um sich ben Schaben zu besehen. Eine ganze Weile saß man bann mit Käpten Hoffmann zusammen in ber Kajüte. Warm unb gemütlich war es bort, aber plötzlich brach in bas Gespräch von brausten ein klatschendes Geräusch, als ob etwas Schweres ins Master fiel? Alle blieben still und horchten. Endlich ging Paul bie Treppe hinauf, man hörte unten feine Schritte auf Deck, auf einmal kam er aber wieber zurückgestürzt unb schrie in bie Kajüte hinunter:
„Vater! Die „Franziska" ist weg!"
Sofort waren alle an Deck. Da schwamm hinter dem Schlepper nur noch bie heruntergefallene Laufplanke im Wasser, die „Grüne Franziska" war fort.


