Ausgabe 
14.10.1935
 
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Notlandung im Sudan.

Von Imme Grundmann.

Hinter uns lag die nubische Wüste in ihrer beängstigenden Einöde, dem unendlichen Sandmeer und den kahlen Felsenplatten der Wüsten­gebirge. Unsere kleine achtzigpferdige Junkersmaschine hatte sich so brav gehalten in all den Luftströmungen und Windsäcken, die durch die heiße Erde verursacht wurden! Von der letzten Benzinstation in Kosti-Renk ging es nun in Dauerflügen über die unendlichen Sumpfgebiete des un­erforschten Sudan. Nur wenige Tage noch, dann war es geschafft, dann saßen wir bei unseren Landsleuten im ehemaligen Ostafrika.

Wir hatten unseren Wegweiser, den Weißen Nil verlassen, um abzu­kürzen, und unter uns breiteten sich die unübersehbaren Sumpfgebiete des tiefen Sudans aus. Der Propeller sang einschläfernd sein monotones Lied in der flimmernden Sonnenhitze des tropischen Mittags. Bleischwer lastete die Glut des Tages über dem unheimlichen Lande, und die Hitze des überanstrengten Motors schlug mir wie heißer, glühender Atem entgegen. Müde und abgespannt saß ich am Knüppelsteuer der tapferen, kleinen Junkers.

Nur nicht einschlafen", dachte ich immer wieder in meinem Innern, und riß mich zusammen. Die übergroßen Anstrengungen hatten mich und meinen Fluglehrer, mit dem ich diesen Gewaltflug nur wagte, schon auf verteufelt harte Proben in letzter Zeit gestellt, aber der eiserne Wille und das Bewußtsein, daß jede Landung in der Wildnis des schwarzen Erdteiles unser Verderben sein könnte, ließ dann alle Müdigkeit ver­gessen. Abwechselnd übernahmen wir die Steuerung, doch für den An­deren gab es trotzdem kein Ausruhen, wollten wir die Orientierung nicht verlieren.

Unter mir ein Bild der Trostlosigkeit. Von der sengenden Sonne aus­gedörrte Sümpfe, fahlgelbes Rohr und schaukelnde Binsen, dazwischen wieder Kugelsträucher und Dornendickichte. Am Rande des Sumpfgürtels erblickte ich die kreisförmige Dornenumwallung eines Negerkrales. Selbst hier wohnen und leben noch Menschen, wilde Negerstämme, die sicher noch keinen Weißen gesehen haben, die scheu wie die Tiere , der Einsamkeit ein verborgenes Daseiy führen. Wie ein Filmstreifen läuft ein gewaltiges Stück Erde wenige hundert Meter unter uns fort. Heiß ist der Wind, den mir der Propeller ins Gesicht treibt, und hinter dem glühenden Mo­tor ist es fast nicht mehr auszuhalten. Da fällt mein Blick aus den Del« druckmesser, und ich erkenne zu meinem Schrecken, daß wir eine Oel- temperatur von über 90 Grad haben, und bei dieser Hitze verliert auch das beste Del jegliche Schmierfähigkeit.

Es blieb uns nichts übrig, wir mußten uns zur Notlandung ent­schließen, so wenig einladend auch das wilde Land unter uns aussah, wollten wir nicht einen schweren Motorschaden riskieren, und damit jeden Weiterslug unmöglich machen. Mein alter Meister und Lehrer übernahm wieder das Steuer, während ich nach einem geeigneten Landungsplatz Ausschau hielt. Nach wenigen Meilen winkte ein Kulissenwald, ein Zei­chen, daß dort fester Untergrund ist, und im Gleitfluge schwebten wir langsam über dem Walde aus, um in einem Grasmeer zu landen. Kaum daß die Laufräder unseres braven' Zigeuner, wie die kleine Junkers­maschine hieß, den Erdboden berührten, so bockte er in hohen Luft- sprüngen durch die rauschenden Grashalme, die unsere Aluminiumtrag­flächen beiseite bogen. Zur Regenzeit hatten hier Clefantenherden ge­haust, und ihre schweren Beine hatten sich wie Stempel in den weichen Boden gedrückt, der nun zur Trockenzeit erhärtet war. In diese Tritt­siegel der Elefanten aber war unser Fahrgestell geraten, und es ist ein Wunder, daß wir uns bei dieser Landung nicht überschlagen haben.

Erleichtert atmeten wir auf, als wir uns endlich wieder einmal von unseren Sitzen erheben können, und die steif gewordenen Glieder reckten. Doch ein mnnniger Schreck überfällt mich, als es plötzlich um uns herum im hohen Schilfgrase zu rascheln und zu rauschen beginnt, und von allen Seiten sehe ich Lanzen- und Speerspitzen über den Binsenwald ragen. Meine vom Sonnenlicht geblendeten Augen suchen Figuren, Ge­sichter und entdecken entsetzt riesige Broncegestalten wildester Art, die gleich Raubtieren jede Sekunde zum Sprung bereit scheinen. Eine schnelle Bewegung meinerseits zum «sitz des Flugzeuges zurück läßt die baum­langen Kerle scheu ins Gras zurückhuschen.

Unwillkürlich taste ich nach meinem kleinen Browning, den ich im Lederetui in der Tasche bei mir führe. Jetzt nähern sich die braunen Kerle wieder schrittweise, gleich einer Mauer umkreisen sie unsere Maschine. Mein Fluglehrer winkt ihnen zu, will ihnen klarmachen, daß wir nichts Böses im Schilde führen, aber mißtrauisch halten sie noch einigen Abstand von uns. Irgendeine Verständigung ist ganz unmöglich.

Doch was soll die Angst, also raus, und mit raschem Sprung stehen wir wieder auf der Erde. Jede unserer Bewegungen spiegelt sich in un­gezählten Augen wider. Doch keine Miene zuckt bei den schwarzen Gesellen. In Hemd und Kakihose bekleidet stehen wir beide einer Horde Sudan- ncger gegenüber, die uns ungläubig wie Gespenster betrachten. Wie ich jetzt meinen Tropenhelm abnehme und meine blonde Mähne schüttle, merken sie, daß ich eine Frau bin, Schreck und Staunen liegt in ihren Ge­sichtern. Sie wissen nicht, was sie aus uns machen sollen, ob uns etwa der Scheitani, der Teufel, ober ein guter Geist hierher gesandt hat. Mein Mut und meine Zuversicht sinken bedenklich, als immer neue, gräßlich bemalte und mit Kriegsschmuck aufgeputzte Riesen antommen.

Mein Flugmeister faßt sich jetzt ein Herz, tritt auf die Reihen der Neger­krieger zu, und reicht einem der durch seine besonders festliche Bemalung erkenntlichen Häuptlinge die Hand. Der Bann ist gebrochen, hundert Hände strecken sich uns jetzt engegen, die Mauer springt auseinander, und im Augenblick ist die schwüle Stimmung, das gegenseitige Mißtrauen in herz­liche Freundschaft umgeschlagen. Die mit allen Urinftintten gezeichneten Ge­sichter der Sudanesen scheinen mir plötzlich weniger schrecklich. Mein Lächeln ist wieder echt. Ich werfe die Arme zweimal vor Freude und Erleichterung in die Luft. Doch erschreckt und mißtrauisch weichen die

Wilden sofort wieder zurück. Ich muß sie erst lachend überzeugen, daß es nur ein Freudenausdruck war. Jetzt kommen sie wieder näher und umringen mich neugierig.

Inzwischen sind auch aus den nahen Dörfern einige Frauen er- schienen. Mein Meister versucht durch Zeichensprache ihnen beizubringen, daß wir Bananen oder Früchte haben möchten, aber alle Liebesmühe ist vergeblich, wir kommen zu keiner Verständigung. Ich setze mich in den Schatten unter einer Tragfläche des Flugzeuges, und gleichzeitig mit mir setzen sich alle Frauen der Wilden nieder. Von unserem spärlichen Proviant nehme ich etwas Tee und Schokolade und lösche meinen bren­nenden Durst. Jede meiner Bewegungen verfolgen viele schwarze Augen. Ich komme mir in diesem Walde von Ebenholz wie eine fremde, ver­wehte Birke unserer nordischen Heimat oor; die nun wie ein Wunder betrachtet wird. Der stinkende Dunst eingefetteter Leiber rings herum wirkt nicht sehr appetitanregend, und ich krieche wieder auf die Maschine. Gleich­zeitig mit mir erheben sich auch alle Frauen der Sudanneger und geben mir in ehrfurchtsvollem Abstand das Geleit. Dann stehen sie und staunen wieder. In ihrem dunklen Federputz erscheinen die Krieger wie riesige schwarze Raben, die auf uns kleine Zaunkönige herabblicken. Um die Arme liegt herrlich geschnitzter Elfenbeinschmuck. Im Lande der Elefanten find sie seit Jahrhunderten die eingesessenen Jäger, in bemalten Köchern stecken vergiftete Pfeile, mit denen sie jenen Riesen zu Leibe gehen.

Irgendwo in der Nähe ertönt jetzt ein Trommelsignal. Dumpf und unheimlich klingt di- Goma, der Kampf- und Jagdruf der Wilden zu uns herüber. Im gleichen Augenblick verschwinden auch schon die Massen der Sudankrieger, nur der Häuptling bedeutet uns, daß wir ihm folgen sollen. Durch das Grasmeer kommen wir an einen großen Platz, und im spärlichen Schatten einer Sykomore sehen wir eine Gruppe von Män­nern sitzen, die aufgereget mit den Händen ihre Reden begleiten. Die wenigen Hütten um uns herum können unmöglich Unterkunst für die nach Hunderten zählende Schar fein, auch sind nur wenig Frauen an­wesend, die anscheinend hier in diesen Kral gehören, und so vermuten wir, daß wir gerade in eine große Volksversammlung geraten sind.

Ein alter Häuptling, groß und stolz, der seinen Fellschurz wie könig- lichen Purpur trägt, begrüßt uns, und gibt uns zu verstehen, daß wir neben ihm Platz nehmen sollen. Mit der gleichen Würde danken mir und setzen uns an seine Seite. Im selben Augenblick springt der Klang der Trommel um, rhythmische Wirbel dröhnen vorn schweren Büffelfell, das über einen ausgehöhlten Holzstarnm gespannt ist. Monotones Singen der Krieger mischt sich dazwischen. Dann beginnt ein Wiegen und Sprin­gen, ein Singen, das sich wie wilde, unartikulierte Laute verliert. Immer schneller wirbelt die Trommel, immer toller tanzen die Krieger, bald sind sie in eine riesige Staubtbolte eingehüllt, aus der nur noch tierische Schreie der erschöpften, aufgeregten Tänzer gellen.

Einst habe ich dies in den Büchern meiner Kindheit gelesen, heute er­lebe ich es, stehe als Frau inmitten dieser wilden Gesellen, die Märchen sind zur Wirklichkeit geworden, und doch kommt es mir wie ein Traum vor. Ein sonderbares Bild, für uns Kulturmenschen vielleicht nicht schön im ersten Augenblick, und dann doch so ergreifend und fesselnd in seiner Wildheit und Echtheit. Die gleichen haarscharfen Lanzen, die jetzt noch dem Spiele dienen, können vielleicht schon in Augenblicken zum grau­samen Ernst verwandt werden.

Der Staub, den die Tänzer aufgewirbelt haben, beißt in meiner trockenen Kehle, meine Hände sind in dauernder Bewegung, das lästige Heer der unzähligen Fliegen abzuwehren. Alles ist Wirklichkeit, kein Traum, kein Kino! Neben mir sitzt der Häuptling, auf feiner anderen Seite mein Flugmeister, und vor uns hocken noch einige Würdenträger. Der übrige Stamm führt uns zu Ehren seine Kriegstänze auf. Wie ich scheu 8en neben mir sitzenden Häuptling anblicke, merke ich, daß seine großen, schwarzen Augen auf mir ruhen. Der Blick aus dem Neger- gesicht geht mir durch und durch, aber es ist ein guter, freundlicher Aus­druck, der in den Augen dieses Urmenschen liegt. Und da ist es mir, als ob wir schon lange gute, alte Freunde wären, und die anfängliche Scheu hat sich in gegenseitiges Vertrauen gewandelt.

Die heißesten Stunden des Mittags sind vorüber. Während einer Tanzpause machen wir unserem Gastgeber klar, daß wir heute noch sehr weit fliegen müßten, und rüsten zum Start. Der Häuptling begleitet uns zum Flugzeug, dessen Motor sich unterdessen wieder auf normale Tempe­ratur abgekühlt hat. Mein Lehrer und ich versuchen, eine kurze Start­bahn zu machen, wir treten das Gras herunter, stopfen die von den Elefanten getretenen Löcher mit Gras und Erde aus, und der halbe Sudanstamm hilft uns dabei. Mit Buschmeffern und Speeren wird das hohe Gras niedergelegt, die Unebenheiten planiert, während wir noch einen letzten Schluck aus unseren Feldflaschen zu uns nehmen. Aus den Reservekanistern füllen wir Del nach, ergänzen Benzin und nehmen herzlichen Abschied von unseren Gastgebern, deren braune Hände sich uns immer wieder entgegenstrecken.

Dumpf dröhnte noch das monotone Trommeln der Büffelgoma zu uns herüber, bann zerreißt das Hämmern des Motors, das Singen des Propellers jäh das einsame Negerlied. Es ist fast, als ob sich hier zwei Welten die Hand reichen. Die Stimme der Wildnis wie vor Jahrtausen­den spricht zur modernsten Technik eines hochentwickelten Menschenge­schlechtes. Lag nicht ein unvergeßlicher Zauber in der Einsamkeit jener Sudansöhne, schienen sie nicht glücklich und froh, die braunen Ge­sellen der unberührten Wildnis? Sie kennen kein Hasten und Hetzen wie der Kulturmensch des zwanzigsten Jahrhunderts, keine Sorge beschwert ihr Herz, und sie hängen an der Heimat mit der gleichen Liebe wie wir. Unser kleiner Zigeuner rollt über das Startseld der Sudansümpfe. Ein letztes Winken, und schon erhebt sich unser Vogel und zieht seine Kreise durch den blauen Aether. Alles unter uns versinkt wieder in ein Nichts, und es ist wie das Erwachen nach einem Traum. Doch das Lied des Propellers klingt mir wie der Wirbel der Negergoma, die ich eben ge­hört habe, und unser Vogel fliegt weiter durch Sonne und Sudan dem fernen alten Deutsch-Dstafrika entgegen.

Verantwortlich: Dr. flanä Thyriot. Druck und Derlag: Brühl'jche Aniverjitäts-Buch» und Steindr uckerei, A. Lange, Sieben.