dem
Was nur sott ich fun?
Von Ruth Schaumann.
Baum verstößt die Blüten um der Früchte willen.
Vogel pflückt sich Flaum vom Leib, sein Nest zu füllen, Was nur soll ich tun, der Liebe Glut zu stillen?
Winzer lehnt das Haupt an leergeschenkten Krügen, Pilger schläft bestaubt im Dach von Kranichzllgen, Wie nur soll ich ruhn, der Liebe zu genügen?
Schoß und Labe sind die Mütter ihrer Knaben,
‘ Hebern Berg der Nacht der Sterne Rosse traben. Gleich sind Ruhm und Tun, will Liebe mich begraben.
Oer Nebenmann.
Von Ern st Wiechert.
„Komm her!" sagte er und stieß den dicken Finger auf den Sitz neben sich. „Hier ist dein Platz, und du bist auch im Windschutz, denn der Ordinarius spuckt."
Ich war zum erstenmal in einer Stadt, in einer Schule, aus 2...n Walde hineingeworfen in eine brüllende Horde von vierzig Quartanern. Mein Vater hatte mich am Tor abgeliefert. „Halte dich ordentlich!" hatte er gesagt, und dann war seine grüne Uniform untergetaucht im furchtbaren Strudel der Straße. Tränenspuren waren noch in meinen Augen,
wie ein Rohr im Winde stand ich an der Tür der Klasse, und so war es kein Wunder, daß ich gehorchte.
„Chuchollek heiße ich", sagte mein Nebenmann. „Eigentlich von Chuchol- lek, aber mein Vater hat den Adel abgelegt, weil er Äußerlichkeiten verachtet." Er sah mich durchdringend an, ob ein Zweifel in meinen Augen zu lesen sei, aber ich war nichts als betäubt. Ein Mensch unter einer Chausseewalze, den man hervorreißt, wenn schon das Eisen seine Stirn berührt. Und außerdem war es ein heimatlicher Laut. Chuchollek hieß unser Zimmermann, der das neue Scheunendach gemacht hatte. Er war zwar immer betrunken und sah nicht wie ein Gras aus, aber er hatte doch auf unsrem Hof gesessen und den Holzhammer auf das Stemmeisen nieder- f allen lassen. „Unser Zimmermann heißt so", sagte ich demütig. „Vielleicht seid ihr verwandt?"
„Esel!" erwiderte Chuchollek deutlich und schleuderte gleichzeitig ein Lineal zurück, das aus dem Hintergrund auf unsrer Bank gelandet war. Dann trat der Ordinarius ein und begann die Plätze zu verteilen. „Ah, du bist der Neue", sagte er, „wollen dich mehr nach oben setzen ... hier unten sind die schwachen Gesäße..."
Chuchollek stand auf, demütig und ergeben. „Er möchte gern hier sitzen, Herr Doktor", sagte er und hob die Hand nach mir wie ein Lehnsherr zu seinem Vasallen. „Wir sind nämlich verwandt ... entfernt zwar ... durch eine Tante..."
„So", sagte der Ordinarius, etwas erstaunt, „na, bann könnt ihr ja zusammenbleiben." . v .
Ich wollte sagen, daß das nicht wahr fei, aber es dauerte lange bei mir, und da wurde schon der Stundenplan diktiert.
So begann meine Freundschaft mit Chuchollek. Ich saß nur ein Vierteljahr neben ihm, dann kam ich nach „oben". Aber in dieser Zeit war er mein Herr geworden. Er hatte mich adoptiert.
Chuchollek war klein und stämmig. Schwarze ölige Haarsträhnen fielen In sein blasses, breites Gesicht, und seine schmalen Lippen konnten aus eine unangenehme Weise lächeln. Das Lächeln eines Allwissenden. Sein »ater mußte den Adel vor sehr langer Zeit abgelegt haben, denn die Kleider seines Sohnes waren immer voller Flecken, feine Schuhe immer irgendwo aufgeplatzt, feine Bücher immer ohne Einband. Am Minimsten aber waren feine Hände, kurz und sehr breit, mit Fingern, deren Nagel soweit abgetaut waren, daß ich glaubte, er komme aus einer Folterkammer. *
Chuchollek nahm sich meiner an. „Zeig' mal deinen Federkasten her", sagte er. „Du weißt nicht, was hier vorgeschrieben ist. Grinsend betrach tcte er die vorbildliche Sauberkeit meiner Werkzeuge, nahm sie in bie Sianh verteilte sie in iwei Haufen. „Faber Nr. 3 ist verboten , sagte er, „zu weich ich will b” äusbelfen." Unb er schob mir ein abgebrochenes Bleistiftenbe zu, bas so aussah, als sei eine Pferdebahn darüber hinweg- gegangen. „Federhalter? Geht an. Ader steh her! Em synthetischer Halter, verstehst du? Künstlicher Rubin, glaube ich Das Ende ist nur
Glückwunsch। Am 5ierzogsacker können nur Männer wohnen, verstanden. Und er zog seinen Penter aus der Tasche. Einen Diel fach 9ef' °*te"e n D ' e men, dessen Endschlinge einen Stein ober «'ne Bleikugel enthielt. „Oh hie en Tröster bist du in drei Tagen eine Leiche, Freundchen. Hier ist Großstadt und kein Hinterwald. Ueberlege bis morgen, was du mir Anzahlung bringen kannst, verstanden?' -k^erbalter mit
ed. „rmnrb einen Venter. Ich erwarb synthetische Federyailer mii
Hah her mich lerfrah Aber wer konnte gegen Chucholleks ^acyei locen c „Man streckt seinem Ordinarius nicht die 2'^3° aus^ Freundchen , agte er so nebenbei und versenkte einen lebendig n, Brummer in feinem Tintenfaß. „Wenn ich es melde, fliegst du. Soll - . , jn Io6es=
einem Seitenblick auf mich die Hand. „Bitte, nicht, ff , tödlich angst. „Herr Doktor!" „Bitte nicht!" „Herr Doktor! Lange Pause. Looucy lang. „Herr Doktor, darf ich mal austreten, . nner
»Schwache Nerven hast du, Kleiner", sagte er m der Pause. „Wer
weiß, ob du überhaupt aus dem Walde stammst. Alle Aristokraten leiden, ohne mit der Wimper zu zucken."
In der zweiten Woche kam er in meine Pension. „Nett haben Sie es hier", sagte er im Korridor zu meiner Pensionsmutter. „Hübsche alte Bilder ... direkt gemütlich..." Sie öffnete ihm verblüfft bie Tür zu meinem Zimmer. Ich hatte ein Paket mit Aepfeln bekommen. „Gravensteiner?" sagte er und nahm ben größten in bie Hand. „Gute Sorte, wenn auch nicht allererstes Aroma. Uebrigens ist meine Mutter krank. Du könntest ihr ein paar mitgeben, nicht wahr? Ich sehe, du hast bie Arbeiten ichon fertig. Der Orbinarius hat mir aufgetragen, mich ein bißchen um dich zu kümmern ... wollen mal sehen ..."
Er setzte sich an meinen Tisch, zog aus der Hosentasche ein paar zerknüllte Hefte heraus und begann meine Arbeiten abzuschreiben. „Etwas umständlich, diese Konstkuktion", meinte er, „aber für ben Sohn eines kleinen Beamten nicht übel ... übrigens können wir zusammen beinen Atlas benutzen. Meiner ist ein Weltatlas, hundertbreihig Blätter, zu schwer zum Mitschleppen ..."
Nach einer Stunbe ging er, meinen Atlas unter bem Arm, brei Gravensteiner in jeder Hosentasche, einen Magneten in der Hand, um ihn wieder „stark" zu machen. Von da ab kam er täglich. Chuchollek trug meine Kragen und Schlipse, Chuchollek trug meinen Sortengürtel und meine Turnschuhe. Chuchollek hatte meinen Atlas, mein Gesangbuch, meinen Federhalter, meine Bleistifte. Chuchollek war meines Daseins zweiter Teil.
Mein Ansehen in der Klasse sank. Selbst die Lehrer sahen uns von der Seite an. Ich saß die ganzen Pausep auf dem Abort, hinter verschlossener Tür. Aber wenn es läutete, stand Chuchollek vor der Tür, legte den Arm um meine Schulter und geleitete mich bis auf meinen Platz. „Sein Magen scheint nicht in Ordnung zu sein, Freundchen ..." sagte er.
Ich erkundigte mich vorsichtig nach seinem Vater. Er war Schreiber bei einem Winkelkonsulenten, und einige von uns hatten ihn morgens im Rinnstein liegen sehen. Ich begann, von Chuchollek zu träumen. Es war ein kahles Zimmer mit einer grünlichen Tapete, die über der Bodenleiste dunkle Löcher hatte. Eine Lampe brannte, fahl, als fei es tief auf dem Meeresgrund. Ich stand auf und sah mich um. Es knisterte an den Löchern, aber ich wußte nicht, an welchem. Und bann kam es herausgekrochen, vielgliedrig, buntel, gestaltlos. Wie ein Riesenkrebs. Aber es lächelte mit schmalen Lippen. Es kam auf mich zu, ich lief. Es tarn schneller. Es trieb mich in eine Ecke. Seine Zangen öffneten sich und schloffen sich gespenstisch. Unb ich schrie, bis meine Pensioiismutter ins Zimmer kam.
Anderthalb Jahre lag Chuchollek auf meiner Brust unb legte feine bicken, nagellofen Hänbe um meine Kehle. Ich konnte ihn nicht abfchütteln. Dreimal stand ich vor der Tür meines Klassenleiters. Dreimal kehrte ich um. Hatte ich Böses getan, bah ich mich fürchtete? Nein, aber es war richtig, baß ich bem Orbinarius die Zunge ausgestreckt hatte, in einer prahlerischen Tapferkeit. Ich war in der Zucht der Gebote aufgewachsen, und man hatte mich gelehrt, daß dies Sünde sei. Ja, und ich schleppte an dieser Sünde wie ein Muttermörder. Da waren noch mehr Sünden, kleine Pazivalsünden, aber Chuchollek wies mit feiner Hand auf bas Höllentor. Es ist nicht gut, zu fromm zu fein, ich ging an ben zehn Geboten zugrunbe.
Nach anderthalb Jahren erst wurde ich erlöst. Wir machten unseren Schulspaziergang, und Chuchollek hing wie eine giftige Klette an mir. Wir kehrten in einem Forsthaus ein. Hinter dem Garten floß ein Bach, unb bort fing Chuchollek einen Maulwurf. Selbst die Tiefe der Erde war nicht sicher vor ihm. Am Bach stand ein Eimer, und ich muhte ihn mit Wasser füllen. Dann warf Chuchollek den Maulwurf hinein unb fah zu, wie er um fein Leben kämpfte. „Laß bas fein“, sagte ich unb stieh nach bem Eimer. Er pfiff durch die Zähne und warf mir nachlässig die Faust unter das Sinn. Aber er vergaß, daß dies zu meinen zehn Geboten gehörte. „Laß das fein!" schrie ich verzweifelt. Aber er pfiff von neuem unb beugte sich tief über ben Eimer.
Und in diesem Augenblick wurde ich erlöst. Ich warf mich so plötzlich über ihn, daß wir hinstürzten, Chuchollek, der Eimer unb ich. Ich sah bas breite Gesicht unter mir, in bem sich weiße Flecken ber Wut bildeten. Und ich schlug nur hinein. Er biß, er kratzte, er griff nach meiner Kehle. Aber ich schlug, bis er sich nicht mehr rührte.
Der Ordinarius riß mich von ihm fort. Sein Gesicht war blaß vor Zorn und Entsetzen. Aber bevor er die Lippen öffnen konnte, brach es aus mir heraus. „Ich habe gesündigt!" schrie ich. „Ja, ich habe gesündigt! Die Zunge habe ich Ihnen ausgestreckt. Aber ich will nicht leben, wenn er auf mir liegen bleibt ..." Und bann schrie ich bie Geschichte meiner Leiben in fein Gesicht, in alle Gesichter. Ich war in einem Krampf ber Beichte. Ich war so außer mir, bah sie zurückwichen vor meinem rasenden Gesicht, bis alles fort war, heraus aus mir, meine ganze Seele unb anberthalb Jahre meines Lebens, unb ich vor ben Füßen meines Lehrers zusammenbrach. m ,,
Es war gut, bah er ein gütiger unb kluger Mensch war. Er hob mich auf unb sah Chuchollek an. „Nach Hause!" sagte er kurz. Unb bis an bas Ende meiner Tage werde ich ihn fortschleichen sehen, am Gartenzaun entlang, die Hände in ben Taschen. Trotzig und höhnisch in ber Haltung seiner Schulter, seines kurzen Nackens, aber ein geschlagener Tyrann für mein Auge, bas ihn kannte. Er war entthront. Er schleppte feinen Mantel noch mit, feine Rüstung, eine eilig gegriffene Beute. Er würbe vielleicht noch ben Kopf über bie Schulter roenben und eine Drohung feiner Wieder- tefir rückwärtsfchrein. Ader er war entthront, ohne Stachel, ohne Macht.
Er verschwand mit seinen Eltern aus der Stadt, und es dauerte dreißig Jahre bis ich ihn wiedersah. Es war am Abend, in der Bahnhofshalle einer 'fremden Stabt. Ich sah mich nach bem Hotelbiener um, als er sich schräg von hinten heranschob, lautlos, gleichsam mit geöffneten Zangen.
Zimmer gefällig, mein Herr?" flüsterte er. „Sehr elegant ... aller Kom- fort ... einschließlich bistreter Wünsche ..." biefelben Flecken in [einem Anzug, biefelbe Haarsträhne, biefelben Nägel. Böses stieg in meiner Brust auf Chuchollek?" fragte ich laut. Er erblaßte. Seine Äugen gruben sich in mein Gesicht, fanben keinen Halt, glitten ab. „Ganz recht", flüsterte er „Bon Chuchollek, eigentlich ... aber die Zeiten sind schlecht ... sollte ich die Ehre gehabt haben?" ... „. , , .
Dann kam ber Hotelbiener, unb er glitt zurück, wie eine Spinne aus einem erschütterten Netz.


