lausige Anweffungen. Die Operationsschwester erscheint. Der Assistenzarzt kommt und beginnt, sich im Nebenwaschbecken die Hande zu waschen. Er hat die Literatur über den Fall Mennicke in der Nacht studiert. Gehirntumor, ganz klar. Er gibt die genaue Lagebezeichnung. Er zeichnet den Tumor mit einem Fingernagel in die Seife hinein. Der Professor nickt. Wahrscheinlich ist das richtig. In einer Stunde wird man es genau wissen und wird auch wissen, ob der Patient Mennicke weiterleben kann, ob er sein Buch über die Quadratur der Wirtschaft zu Ende schreiben wird, ob fein Gehirn den ungeheuren Wissensvorrat noch rouskramen bnr®arum haben wir eigentlich so wenig gelacht? denkt der Professor. Warum? In einer Menschenflickanstalt erkennt man am ehesten die Fehler in der Konstruktion des Menschen. Es gibt zuviel Fehlkonstruktionen.
' Zuviel Bruch. Oder ist der Mensch gut konstruiert, wie Barbara immer behauptet hat, und die Fehler kommen durch falsche Benutzung der Maschinerie? , ... . ,..
Glauben Sie, Kollege", fragt Schreiner, immer noch die Hande bürstend, seinen Assistenzarzt, „glauben Sie, daß man Tumoren vermeiden kann, wenn man klug ist?" _ _
Der Assistenzarzt sieht seinen Chef erstaunt an. So allgemeine Fragen stellt er doch sonst nicht?
„Wenn man mal Zeit hätte, so was systematisch durchzudenken?" sagt er. „Aber man ist ja immer mit den Einzelfällen beschäftigt. Man hat Nl6 3eit."
„Mag fein", sagt der Professor, „daß es daran liegt." Er läßt sich das Wasser immer heißer über die Hände laufen. Er betrachtet nachdenklich die starken, geschickten, verwaschenen .Chirurgenhände mit den ganz kurz geschnittenen Nägeln von allen Seiten und beginnt sich dann abzuirocknen. „Aber andere hatten auch wenig Zeit und haben darüber nachgedacht. Man müßte das vielleicht doch wissen."
Er erwartet keine Antwort, wendet sich schnell zu der Operationsschwester um und läßt sich die Gummihandschuhe überziehen.
Der Patient Mennicke wird hereingefahren, ein großer, dicker Mann, mit einem Rundbart um das ganze Gesicht, mit stillen Augen und einem ängstlich zusammenaeknisfenen Mund. Schreiner begrüßt ihn lächelnd. Er legt die Fingerspitzen aus sein Herz, das schnell gegen die Rippen schlägt. Jetzt verschwindet das Gesicht unter der Aethermaske. Mennicke zählt langsam. Bei „Elf" versagt seine Stimme. Wir er zum letztenmal gesprochen haben? Der Professor setzt den Meißel an, die Operation beginnt. Die Operation dauert genau zwei Stunden und fünfundzwanzig Minuten. Die Schreinersche Diagnose hat gestimmt. Der Tumor lag „richtig". Mennicke wird seine Arbeit über die Quadratur der Wirtschaft beenden können.
Der Tag steigt an, die Sonne geht an den verhangenen Fenstern vorüber. Im Garten der Anstalt hört man die genesenden Patienten schwatzen und lachen. Warum haben wir eigentlich so wenig gelacht? denkt der Professor beugt sich über die letzte Patientin und beginnt zu nähen. Die Hand der neuen Operationsschwester zittert bei der sechzehnten Nadel. Der Professor sieht auf. „Müde?" fragt er. Die Schwester nickt. Sie ist noch nicht an das Schreinersche Arbeitstempo gewöhnt. Das konnte eigentlich nur eine mitmachen: Barbara.
Warum haben wir beide so wenig gelacht? Es ist nicht ganz zu verstehen, denn an dieses Auf und Ab zwischen Rettung und Tod, zwischen Gelingen und Mißlingen gewöhnt man sich. Aber ihm lag nie das Lachen. Karla, die Frau, die selbst melancholisch war, hat es oft gesagt, daß er viel größere Erfolge auch in feiner Wissenschaft hätte haben können, wenn er nur fröhlicher, siegesgewisser gewesen wäre. Aber er war zu wissenschaftlich, zu sehr in seine Probleme vergrübelt, zu sehr in seine Fälle verbissen. Zu ernst. Vielleicht werden die jungen Leute sich ein fröhlicheres Leben erobern? Barbara hat am letzten Morgen von Meimbergs Lachen gesprochen. Das fei ... wie sagte sie? ... das sei eine ursprüngliche Aeußerung des Lebens selbst. So? Na ... dann äußert sich also das Leben selbst nicht mehr ursprünglich in ihm ...
Die Operationen sind beendet. Es ist zwei Uhr. Der Professor geht in sein Sprechzimmer und streckt sich auf feinem Patientensofa aus. Schläft sofort für fünf Minuten ein. Traumlos, mit leichtem Atem. Nach fünf Minuten kommte der Diener mit einer Taffe Suppe, einem Teller Obst, einer Tasse Kaffee, einer Mittagszeitung. Die Sprechstunden- S Schwester Marta legt die Krankenblätter der angemeldeten Pa- en herein. Schreiner ißt und lieft. Danach greift er zu den Krankenblättern.
Nr. 1. Rauthammer, Karl, Kaufmann, Schantung, China. Der eilige Herr von neulich, der etwas dürre Mann im Panamahut, der Darm- krebs ... Ein sehr glücklicher Fall. War schnell zu heilen. Cs gibt da jetzt zwei Fragen zu beantworten. Erstens: Hat er einen Rückfall? Das ist unwahrscheinlich. Wenn aber nein, dann zweitens: Hat fein Herz die Heilung ausgehalten? Man findet oft, daß die Grundkrankheit sich einen zweiten Weg bahnt, wenn man ihr den Weg über die eine Krankheit versperrt. Kann also der Mann hier nicht am Krebs sterben, weil man richtig und rechtzeitig eingriff, kann sich ein zweiter Krebs nicht ansiedeln und will der Organismus dennoch seinen Dienst aufgeben, dann wird der Körper eben eine andere Krankheit finden, auf der er in die Ewigkeit davonfahren kann.
Bei Herrn Rauthammer wird man in erster Linie das Herz prüfen müssen. Er vergegenwärtigt sich das Gesicht dieses Rauthammer damals im Krankenbett und jetzt auf der Straße. Es ist Herz, sicherlich Herz. Wenn er, Schreiner, einer von den Jntuitionsfatzken wäre, ein Kunst- stllckemacher und kein Wissenschaftler, er könnte es ihm an der Tür lagen: Das Herz, Herr Rauthammer, leichte Affektionen der Koronargefäße, Gefahr der Angina pectoris. Wachen Sie plötzlich nachts auf, fühlen sich vereinsamt und entsetzlich beengt? Litten doch schon damals unter Beengungen, wie? Das Zimmer war zu klein. Berlin war zu klein, Deutschland und Europa waren zu klein ... Alles zu eng ...
Bein, er ist kein Scharlatan. Er steht, als Rauthammer hereinkommt, ein wenig nach vorn gebeugt. Er gibt ihm die Hand. Er beginnt, ihn zu beklopfen, zehn Minuten, eine Viertelstunde. Er ruft der Schwester
einige Befunde zu. Rnuthammer spricht ein paarmal dazwischen. Srfjrts ner soll nur das Herz in Ruh lassen, das ist in Ordnung. Rauthammei will nur wissen, ob der verdammte Krebs wieder im Anmarsch if; wenn ja, wie lange Zeit er noch hat, wenn nein, bann ist es ja gut. Sani kann man die nächsten fünf Jahre ja noch was schaffen, und mehr ol; uns Jahre gibt er sich nicht. .
, Das haben Sie vor fünf Jahren auch gesagt, brummt Schremn, „Ihre Vorgefühle in Ehren. Wir wollen lieber nachschauen. SBIutprob: ’unö Stuhluntersuchungen sind mir sicherer."
Schreiner beendet damit seine Untersuchung. Seine Ferndiagnose trat vollkommen richtig. Für Krebs sind keine Anzeichen da. Aber das f)eq ist in böser Verfassung. Das kann jeden Tag, das wird sehr bald, wen kein Wunder geschieht, in ein Stadium eintreten, aus dem man nitgi zurückkommt.
„Also, was ist?" fragt Rauthammer.
Schreiner lächelt. „Also ... also ... So schnell geht das mcht. 6i- haben sich überarbeitet in den letzten Jahren. Aber das wissen Si* auch, ohne daß ich es Ihnen sage. Jrn übrigen warten mir mal bit \ Untersuchungen ab. Sie bekommen eine Diät, und hier diese Iropfei lassen Sie sich gleich anfertigen. Die nehmen Sie bei Schwäche. Na also ..." . ;
„Sie können ruhig mit mir sprechen rote mit einem Erwachsenen, sagt Rauthammer. „Vielleicht sogar wie mit einem Mann. Ich habe ii meinem Leben schon sehr oft sterben sollen. Im Kriege zum Beispiil etwa tausendmal. Aber auch vorher und nachher in China. Sic muffe s wissen, daß ich nicht, wie die anderen, in den Fremdenreservationen ga- lebt habe und in den großen Städten mit den elektrischen Bahnen. Jq bin durch halb China gekommen und durch die ganze Mandschurei, um! nicht immer zu zahmen Zeiten. Es hätte mir oft an den Kragen geht, können. Also sagen Sie die Wahrheit!"
„Sobald ich Bescheid weiß, werde ich Ihnen Bescheid sagen", an» •: roortet Schreiner. ;
Wann werden Sie Bescheid wissen?" fragt Rauthammer weilen;
„Heute abend? Morgen früh? Ich bin eilig. Habe im ganzen nur ei, paar Monate Urlaub. Möchte aus Berlin heraus. Habe mich jahrelang nach einem deutschen Wald gesehnt, nach einer lieblichen Landschch. Möchte nach Süddeutschland."
Schreiner nickt. Cs wird nun Zeit, daß dieser Patient geht. Er ftreffl ihm die Hand hin. Aber Rauthammer spricht noch weiter: „Ihr Frm» lein Tochter ist auf der Hochzeitsreise, wie ich höre. Sie haben hosfentlch gute Nachrichten ..."
Schreiner antwortet: „Sie hören sehr bald von mir. Sagen ronr: übermorgen um drei Uhr! Ich lasse die Untersuchungen gleich machen.'
Rauthammer muh endlich gehen. Schreiner steht zwei Sekunden mit einem unzufriedenen Gesicht, unbewegt in seinem Sprechzimmer. Bann streicht er sich über die Stirn. Er denkt: Der stirbt.doch bald. Außerdem Es ist lange her. Barbara denkt sicher nicht mehr' an ihn.
Barbara ... nein, Barbara hat bis zu dieser Stunde wirklich kaum mehr an Rauthammer gedacht! Aber jetzt gerade sitzt sie mit Meimberz vor einem Cafe in Weimar an einem weiten Platz, über den die jyniS’ haltspensionate Schar hinter Schar promenieren. Sie schreibt eine Pop karte an Sophie. Sie schreibt zum Schluß: „und unser gemeinsam« Freund Rauthammer?" Sie gibt die Karte an Meimberg. „An wen?' fragt Meimberg. „An Sophie Wahnke." Er unterschreibt — ohne j,i lesen, versteht sich. Barbara mag ihm auch nicht sagen, daß er gerate diese Karte lesen solle. Warum nicht? Es ist noch nicht so weit (denkt sie.!■ Dieser Tag ist so fröhlich (entschuldigt sie sich). Er soll auch nicht dm ferne die Gewohnheit der Ehemänner annehmen, die alles durchbuH ftabieren müsfen, was man schreibt. Außerdem aber ist Rauthammer ifc ferner als je. Wirklich. Sie steht also auf und steckt alle Karten, die sm geschrieben haben, in den Briefkasten.
Rauthammer aber hat nach der Klinik eine Stunde in dem CasP gesessen, ip dem er ein paar Tage zuvor mit Barbara saß. Er hat sog« den gleichen Tisch bekommen. Er hat stumm dagesessen, das Kinn den Bambusstock gestützt, die Augen leer, aber aufmerksam. Manchmal hat er sich müde über die Stirn gestrichen. Plötzlich hat ihn jemand enn deckt: ein dicker Mann, ein Kaufmann augenscheinlich, stürzt sich freudigen Ausrufen, mit Staunensgerede auf ihn. Wo er herkommb: Wo er hinwill, wie lange in Berlin, in welcher Branche jetzt tätigt' Großartig, daß man sich trifft. Der Herr Rauthammer hat ja immer neue Tips. Was meint er zu den Ruffengefchäften via Amerika? Oder ein neuer Tip, aber nur leise ins Ohr geflüstert: Mandschukuo! Wie, bitte- Rauthammer kommt gerade dorther? Großartiger Witz. Hahahaha! T«» sache? Na, das ist ja wunderbar! Phänomenal! Exzellent! Da kann ar ihm ein blendendes Geschäft Vorschlägen, dazu todsicher, in der alten Branche: Chemikalien und ärztliche Instrumente. Oder fitzt Japan auch in diesem Geschäft drin? Rauthammer sieht sich den alten Bekannten prüfend an. Das ist ein Vollmondgesicht, gutmütig, aber etwas rap gierig. Ein Hamster. Aber ein anständiger Hamster. Was er liefern war einwandfrei; was er zusagte, hielt er. Seine Firma ist sehr am* gesehen. Wenn er, Rauthammer, wieder ins Geschäftsleben zurückg«, kann er diesen Mann sehr gut gebrauchen. Aber wird er zurückgehm Er hält die Zigarette, die er sich eben angesteckt hat, prüfend vor sich h® Es ist eine der russischen Zigaretten, die er immer raucht. Sie ist aus? gegangen und verkohlt. Er stößt sie mit einem Ruck in den AschenbecM und steht auf. Er sagt: „Geben Sie mir Ihre Adresse hier in Berlins Wir können ein andermal davon sprechen. Im Augenblick intere[fi«iit mich die Sache nicht."
Der dicke Kaufmann lächelt. „Würde auch was anderes mitmarf)® Müssen nicht immer Chemikalien fein. Man hat auch Verbindung^ außerhalb Dftafiens nötig. Wenn Sie mich also in die neue Sache hinein- nehmen wollen ..."
Rauthammer nickt. „Wenn es spruchreif Ist", sagt er, „gern. „Allen- bings werde ich bas, was ich jetzt vorhabe, allein machen müssen."
(Fortsetzung folgt.)


