Ausgabe 
14.10.1935
 
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Nummer 80

Montag, den H. Oktober

Jahrgang 1935

ftens ihre Hochzeitsreise.

9.

Gießener Zamilienblälter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

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Zwei Tage sind vergangen. Die Sonne scheint noch immer über ganz Deutschland, scheint über das Hotel Waldhaus, vor dem gerade ein trauriger Pikkolo steht mit hängenden Henkelohren, weil die lustigen Gäste weg sind, die hübsche junge Frau, die immer sagteMein lieber Herr Franz", und der junge Herr, der den Sprung ohne Anlaus über einen Tisch machte.

Die Sonne scheint über die Chaussee nach Weimar, eine ziemlich langweilige Chaussee, von Kirschbäumen flankiert, in denen die Pächter mit ihren Ernteleitern sitzen und aus denen die Stare die reifsten Kir­schen herauspicken: und das Auto des Ehepaars Meimberg fährt lang­sam, denn Alfred Meimberg wird aus einer Tüte frischer Kirschen ge­füttert.

Und die Sonne scheint auf den Frühstückstisch der Glasveranda des Hauses Schreiner in Lichterfelde, scheint über einen Strauß weißer Gar- tennelken, die in einer Glasschale allzu zierlich angeordnet sind, scheint auf eine etwas fette kleine Damenhand, die gerade eine Postkarte und einen Brief auf den Teller des Professors legt: die Hand des Fraulems von Brettwitz. , , r. u ,. .. ~ .

Sie selbst aber steht und studiert den Poststempel, fte dreht die Karte um besieht vorsichtig die Ansicht vom Hotel Waldhaus, mit Kaffeetrschen davor und Wald dahinter, 323 Meter über dem Wasserspiegel. Der Pro- fessor erscheint. Er sieht die Post durch, steckt sie ungelesen in die Rock­tasche Fräulein von Brettwitz darf nicht darauf aufmerksam machen, daß eine Karte der Tochter dabei ist und ein Brief. Denn der Professor kann es nun mal nickt leiden, wenn sie seine Post kontrolliert. So bleckt ihr nur zu seufzen und über ihre Unruhe zu sprechen, daß man fo gar nichts von dem jungen Paar höre. Der Professor aber antwortet: ,Mur- den auf der Hochzeitsreise auch was Besseres zu tun haben als Briefe zu schreiben, Brettwitz." , . . , . m

Dann nimmt er seine Zeitung und beginnt zu lesen. Brettwitz streicht eine Buttersemmel, zerdrückt Erdbeeren und Bananen mit einer Gabel, schlägt das Ganze schaumig, gießt Sahne darüber und schiebt den Teller dem Professor näher.

Wenigstens würde ich eine Postkarte von jeber Station schrecken, versucht sie von neuem.

Der Professor hat gerade gelesen, daß der Kollege Thomsen, der Reklame-Thomsen, wie er ihn nennt, ein neues Verfahren der Narkose herausgebracht habe. Schreiner hat dieses Verfahren vor zehn Jahren ausprobiert und wieder fallen gelassen. Die meisten Herzen hielten es doch nicht aus, wenigstens nicht die Raucherherzen. Und nun kommt dieser Thomsen und erfindet es neu, und einem Dutzend Patienten wird zu früh, wird früher als nötig das Herz stillftehn. , k ~

,,3a, Sie würden natürlich von jeder Station schreiben , sagt er. Da- mit tippt er den Kaffee hinunter, steht auf und geht hinauf.

Seit Barbara weg ist, raucht er seine Morgenzigarette nicht mehr bet Disch Er sitzt vielmehr in seinem Zimmer auf dem Schaukelstuhl und wiegt sich ein bißchen, indes er die Post durchsieht. Er hat die Karte gelesen nun zieht er den Bries vor.Wir werden gleich welterfahren , schreibt Barbara,wohin wissen wir nicht. Hier war es reizend, aber ein Puppengebirge. Wenn man ein bißchen schneller lief, war man gleich draußen bei den Dörfern. Uns geht es so gut, wie es einem Menschen überhaupt gehen kann. Dabei hab' ich große Angst vor der Hochzeits­reise gehabt. Ich dachte, ich sei zu alt, um mich noch an einen Mann zu gewöhnen. Wenn der Amtsrichter Wehmeyer zu feiner Grete sagte: Ich verbitte mir jede Widerrede!', ist mir immer grün geworden vor Anast und Zorn und ich habe mich für Männer und Frauen geschämt.

Wir sind meist lustig und vergnügt. Manchmal allerdings auch nach­denklich Man lernt sich ja nur langsam kennen. Weißt Du, was mich wirklich wundert? Wir haben unser ganzes Leben lang ,o wenig gelacht. Wir beide. Du und ich. Das ist bestimmt falsch. Das merke ich letzt. Wir wollen nun los. Aergere Dich nicht über die Brettwitz und entschuldige, ich habe noch keine medizinische Wochenschrift gelesen. Wiedersehn, lieber Spai?er Professor sitzt in seinem Auto, der Professor kommt in seiner Klinik an der Professor steht am Waschbecken und bürstet sich die Hande. Die Oberschwester steht neben ihm und berichtet. Der Patient Breymann ickafst es nicht. Er hat kaum noch Puls. Seine Frau ist schon benach- rickt at Die Patientin Horwitz mußte drei Kampser|pr,tzen bekommen. Jetzt schlaft sie. Der Patient Ebeling ... Der Prosessor gibt em paar vor-

Und Alfred denkt: Wie war das heute morgen doch gefährlich und gewittrig und bedrohlich! Und wie einfach ist das nun alles! Das Leben ist wirklich unfaßbar schön und ganz leicht und einfach. Und wer sagt, daß es schwer sei oder dunkel ... der kennt bas Leben in seinem Grunde nicht.

Lieber Mann", sagt Barbara.

.Liehe Fvau", antwortet Alfred. So beginnt ihre Ehe. Oder wenig-

Liebesroman

GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE

Von Walther von Holländer

Copyright 6y August Scherl S.m.b.y., Vertin

z (7. Fortsetzung.)

Draußen klappern die Kaffeetassen, ein Huhn jankt ausdauernd, weil es ein Ei gelegt hat, der Hahn turtelt um jeden Wurm, die Kuh brüllt im Stalle lange nach Wasser, ein Brummer, blauschwarz wie Indianer- Haar, fegt durch das Zimmer und stößt mit dem Kopf gegen die Vor­hänge. Vorhin, nicht wahr, stieß man auf Glas mit Himmel dahinter. Und man kam nicht durch. Jetzt ist ein hellgelber Vorhang da, mit Wärme dahinter, und man kommt auch nicht in die Wärme hinein. Der Brummer versteht es nicht, warum er auf Erden soviel Schweres er­dulden muß.

Barbara liegt im Bett. Ihr Kopf ist müde. So viel Gedanken, so viel Bilder, so viel Stimmen. Ihre Augen kann sie nicht mehr offen­halten: So viel Nacht, so viel Licht, so viel Staub.

Sie liegt und horcht. Sie hört den Mann nebenan hin und her gehn. Her und hin. Erst auf Stiefeln, bann auf Hausschuhen. Dann hört sie bas Bett nebenan ein wenig ächzen. Sie hört den Mann seufzen. Sie liegt unb wartet. Das Herz klopft.

Er soll kommen.! klopft das Herz. Er soll kommen! Da war doch noch, sagt der Kopf, da war doch noch irgend etwas, das man zuvor beifeite» räumen müßte? Das ist doch nicht getan mit einem Bad im Waldbach. Mit einem kleinen Wafserkampf. Mit einem Waldlauf. Damit schafft man doch nichts aus der Welt? Oder?

Das Herz klopft: Er soll kommen, er soll kommen! Man kann nicht erwarten, daß man gleich zusammengehört. Man kann nicht glauben, bah man nur zusammenzugehen braucht, um zusammenzusem. Er soll kom­men, er soll kommen! ,

Der Kopf sagt: Man muß sich aber oorsehn! Weshalb hast du so lange gezögert, ehe du dich entschlossen hast, einen Mann zu lieben. Weil du wußtest, nicht wahr, daß man ganz sicher gehn muß, will man nicht fehl gehn, wie die andern. Daß man von Grund auf richtig bauen muß. Sitzt das Fundament verquer, wird der ganze Bau verquer. Das weißt du doch.

Das Herz klopft: Er soll kommen, er soll kommen! Niemals steht das Vollendete am Anfang. Alles wird errungen im Kampf gegen Widrig­keiten und Schwierigkeiten und Dunkelheiten Sei still ... alles wirtlich alles. Niemand kann von vornherein sicher sein und wer sich für sicher hält, stürzt am ehesten in die nächste Gesuhlsfalle. Er soll kommen, er soll kommen! .

Der Kopf antwortet: Du bist nicht einmal sicher^ ob es nicht eigentlich besser wäre^ jetzt auszustehn, hinauszugehn, den Weg hinter über die Wiese, durch den Wald zur nächsten Station Um nach Hause zu fah^ ren. Denn du bist doch hier nicht zu Hause und weißt nicht, ob du jemals ft jfSW tuns. I--Ud-E d'"L nicht mehr zu antworten. Denn der Mann Alfred ist aus feinem Lett aufgestanden, hat an den Türpfosten geklopft. sminfnmm Sie

herein1" sagt Barbara und hebt die Hand zum Willkomm. «ie lächelt. Aber fie^ann die Augen nicht aufmachen, ^omm nur naher

Er kommt näher. Er fetzt sich. Er halt lange die bewillkommnende %Vfi/2fÄ)en, ist die Sonne schon vom Fenste''weggewandert Immer noch jankt das Huhn um sein eines .E' ^mer noch brumm der Brummer mit seinem Schicksal.Vier Uhr , jagt Alfred, ""^zieh^b/n Vorhang weg. Man hort unten Menschen sprechen Raffeegäfte aus der nächsten Stadt: eine warme, we'che Wa dlust weht herein. Barbara setzt sich endlich auf. Sie ruf W. & Brummer in kommen. Aber er hort nicht, denn er 'st befchaftig , , ,

die Freiheit zu schieben. Das .st gar nicht einfach, er wehrt sich

sagt dein Herz? denkt sie. Redet auch dein Herz b g 3 - .

Aber leicht und einfach ist es nun mal nicht. Unb wer bas lagt, B vom Leben wenig. - - -