Nummer §5
Freitag, den U. Juni
Jahrgang 1935
Gießener Zamilienblötter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
mehr widersprochen ...
Die tote Stille seines Arbeitszimmers zerrte an seinen Nerven. Das Bild Elisabeths, wie sie im Rahmen des offenen Fensters, vor dem Hintergrund der blühenden Bäume gestanden hatte, schob sich Zwischen seine Gedanken und er atmete so schwer, daß es wie ein Seuszer klang. Dah er in jenem Augenblick nicht vor sie hingetreten war und ihr die llnnlosesten, zärtlichsten Worte-zugeflüstert hatte, erschien 'hm letzt vollkommen rätselhaft. Woher hatte er die Kraft genommen, korrekte, sachliche Phrasen zu machen und sich mit keinem Blick, keiner Geste keinem Wort iu verraten» Oder hatte er sich längst verraten ...? Hatte er es ^*1 erlebt wie hellsichtig, wie hellhörig die Frauen waren tn allen Tlinaen der Liebe? Also wußte Elisabeth, wie es um ihn stand, und hatte ihn^mit Absicht gehen lassen, um allen schweren Komplikationen auszu- n,Cg0 waren seine Gedanken wieder an ihrem Ausgangspunkt angelangt. Er tteb" sie wie er nie eine Frau geliebt Halle. Sie ahnte es v.elle chtz und sie war die Frau seines besten Freundes. Sie war 'hm von d.eftm freund anvertraut. Er hatte über sie zu wachen, alles Schwere, Be- unruhiaenbe von ihr fernzuhalten, und er hatte das auch mit der äußersten Anspannung seines Willens und seiner Selbstbeherrschung durchge- sührt. Jetzt aber war er an dem Punkt angelangt, wo es nicht m h
sich eine dünne Staubschicht aus. Hartl zog sein Taschentuch hervor und wischte darüber hin, bis das batistene Tuch ganz grau war. Nun konnte er sich setzen und die ihm vertrauen Gegenstände zur Hand nehmen, ohne sich zu beschmutzen. Er sah nicht in einen der anderen Räume hinein. Selbst sein Schlafzimmer interessierte ihn nicht. Er war weder müde noch hungrig ...
Da lag seine Arbeit, wie er sie verlassen hatte, ein dickes Bündel eng- beschriebener Blätter, schon über zweihundert Seiten stark. Aber et war nicht hierher zurückgekommen, mitten in der Nacht, um zu arbeiten. Eben schlug es auf der nahen Schloßkirche zwölf Uhr. Was also wollte er hier? War es nicht besser, zu Bett zu gehen und den Versuch zu machen, zu schlasen? ... Nein! Es würde doch nicht gelingen. Warum sollte er es noch weiter hinausschieben, zur Klarheit zu kommen? Es nützte ja nichts. Er war hergekoinmen, um hier in der Abgeschlossenheit feiner tljm durch das ganze Leben hindurch vertrauten Umgebung und in der Stille der Nacht einer Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Einer Wahrheit, die ihn eit langen Wochen quälte und beglückte und die er sich bisher nicht em« gestehen wollte. Die Wahrheit lautete: daß er Elisabeth liebte nut aller Leidenschaft seiner fünfundoierzig Jahre und dah diese Liebe, langsam wachsend, zum stärksten und erschütterndsten Erlebnis geworden war — eit dem Kuß, den er damals in Nikolassee auf dem Bahnsteig von ihr empfangen hatte. Aber es war finnlos, jetzt der Entstehung dieser Leiden* chast nachzuspüren bis zu ihrem Ursprung, sie in ihren einzelnen Phasen zu analnfieren und sich immer wieder die kleinen, von den zarten Wundern des Wachstums umwitterten Geschehnisse ins Gedächtnis zuruck- -urusen, die in den letzten drei Monaten sein ganzes Wesen verwandelt hatten. Sein Herz zog sich krampfhaft zusammen und hämmerte plötzlich so schnell und stark, daß seine Gedanken sich trübten ,m Andrang des Blutes Er stützte den Kopf in beide Hände und zwang sich zur Ruhe. Es handelte sich nicht darum, dieser Leidenschaft gewachsen zu sein. Sie hatte von ihm Besitz ergriffen mit niegetannter, elementarer Gewalt und seine einzige Ausgabe war jetzt die, den richtigen Weg in die Zukunft zu finden. Aber wieder irrten feine Gedanken ab und verloren sich in der Vergangenheit... Seit feiner Jugend wiesen alle seine Beziehungen zu den Frauen einen gemeinsamen Zug auf. Auch die frühesten, schwärmerischsten waren nie ganz tief in jein Wesen eingedrungen, sondern waren immer gleichsam kontrolliert und gelenkt geblieben von feiner kühlen, abwägenden Vernunft. Er war sich bewußt, daß tn diesem Verhalten ein geistiger Hochmut verborgen lag, daß er, je älter er wurde, den Frauen nur einen ganz genau bestimmten Anteil an seinem Dasein emraumte, weil er zu der Ueberzeugung gelangt war, daß sie von dem, was ihn wirklich bewegte, nämlich von seinem immer starker werdenden Drang nach Erkenntnis, nichts wissen wollten und auch nichts damit anfangen konnten Darum hatte er sich angewöhnt, ihnen mit einer höflichen, wohltemperierten Zurückhaltung zu begegnen, auch da, wo er mehr empfand, als er wahrhaben wollte. So war es ihm stets gelungen, eine allzu enge Bindung zu vermeiden.
Bei den Frauen, zu denen er Beziehungen unterhalten hatte, galt er als der geborene, eingefleischte Junggeselle, der hinter einem sorgsam aufgebauten Wall von Zurückhaltung und galanter erfahrener Liebenswürdigkeit ein abseitiges und schwermütiges Geheimnis verbarg, das auch ihren kühnsten und geschicktesten Angriffen widerstand und das sie wenn sie in ihn wirklich verliebt waren, resignierend so ausdeuteten, daß sein ganzes Gefühlsleben an einer unheilbaren Wunde leide die eine frühe schwere Enttäuschung darin zurückgelassen ^abe. Er ^t.te ^5 PV^ einem leisen, verhaltenen Hochmut darüber gelächelt und schließlich nicht
ut, daß Du da bist
ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR
Copyright 1933 by August Scherl G. m. b. <o f Berlin
(Fortsetzung.)
„Aber nun zu Ihnen, lieber Hartl. Ich muh Ihnen als Arzt und als Mensch sagen, daß Ihre weitere Anwesenheit für Elisabeth eine Notwendigkeit ist. Ich bin vollkommen im Bilde über das, was Sie in den zwei Monaten geleistet haben. Nebenbei: alle Achtung! — Was das ledoch für Elisabeth bedeutet, werden Sie wohl nicht ganz übersehen haben, da Sie jetzt einfach fort wollen. Sie ist direkt aufgeblüht, da sie alles, was sie sonst immer in Ordnung zu bringen hatte, und worüber sie sich viel mehr Sorgen gemacht hat, als sie sehen ließ, in den besten Hunden wußte. — Nein, sie hat nicht mit mir darüber gesprochen. Aber das merkt doch ein Blinder, wie gut es ihr tut, einmal nicht wie auf einem Vulkan zu leben in der stündigen Gesahr, daß der nächste Tag alle Ruhe und Sictjer« beit wieder in die Luft sprengt. Denn so war es immer, seit sie mit Ludwig verheiratet ist. Ich will damit nichts gegen Ludwig sagen. Verstehen Sie mich um Gottes willen nicht falsch! Für ihn gibt es keine andere Möglichkeit, als so zu leben. Es ist seine Natur. Nur so kann er leisten, was er leistet. Das fällt außerhalb unseres Urteils. Aber für eine Frau, für feine Frau ist bas oft kaum zu ertragen. Deshalb wäre es sehr gut, wäre es vielleicht entscheidend für Elisabeths ganze Zukunft, wenn Sie jetzt nicht von hier weggehen, sondern weiter sich so vor sie stellen wollten, wie Sie es bisher getan haben. Ich glaube nicht, daß das ein zu ^°?Dar^m handelt es sich nicht. Ich kann Ihnen versichern daß Ludwigs Angelegenheiten jetzt soweit in Ordnung sind. Ich habe soeben mit Elisabeth gesprochen. Für die nächsten Monate ist nichts zu befurchten. Darum glaube ich, wenigstens für einige Wochen entbehrlich zu sein.
Dr. Kern schüttelte den Kopf. „Es ist weniger die Tatsache daß nichts Beunruhigendes geschieht, als das Bewußtsein daß ,emand da ist daß Sie da sind für jede Eventualität. Das halte ich für bas Ausschlaggebende. Vor allem, je näher wir an den entscheidenden Tag herankammen. Wenn Sie also Ihre Reise nach Dresden, deren Notwendigkeit ich natürlich einsehe, abkürzen könnten, wäre das nicht zu unterschätzen^ Das war alles, was ich Ihnen zu sagen hatte. - Jetzt können w,r in aller Ruhe frühstücken. Ich habe einen wüsten Hunger mitgebrachll
Er behandelt mich so, als wäre ich ihr Mann dachte Hartt plötzlich, und seine hohe, blasse Stirn färbte sich leicht, als er ljinter dem Arzt über die Terrasse ins Haus trat.
Am Abend fuhr er nach Dresden. .. .. .
Er hatte Elisabeth nur versprochen, daß er bald zuruckkommen wurde, sich jedoch nicht auf einen bestimmten Tag festgelegt. Er wußte Ftzl, daß er zu einem klaren Entschluß kommen wußte, und dazu brauchte zunächst die Stille und Abgeschlossenheit, seines früheren Daseins.
25.
Es regnete, als Doktor Hartl kurz nach Mitternacht durch die Strafen Dresdens nach Haufe fuhr. In Berlln war es warm gewefen w,e im Frühsommer. Hier aber drückte sich Hartl fröstelnd tn bie ©de ber Za je und starrte auf die beschlagene, blinde Scheibe neben ihmq hinter d-r k Umriß der bekannten Straßen, nur ab und zu ein mattes, zerstreutes ^^a^mobnkin^nem der stilvollen Häuser d-r Altstadt ganz in der Nähe der Elbe. Er bezahlte den Chauffeur und schloß das Tor auf we Pärt batte er keines bei sich. Seine Wohnung lag im ersten Stockwerk. Er trat »in .Inh brehte bas ßirf)t an. Nicht einmal von ber Straße her drang ein Laut in bie laftenbe Stille, bie >hn empfing. Auch seine ebenen Schritte blieben unhörbar auf dem schweren Teppich, den langen Flur bebeckte. Doch sie hinterließen schwache Spuren tn bem Staub, der I G ecke gelegen war und Fenster nach beibenüron U tbiinöet von
ten ber schlecht geschlossenen Jalousien brachen: sch g Tenpich ein der Bogenlampe über ber Ecke herein und zeich ' rei&tifch und drehte bleiches Gitter Er stieg darüber hinweg zu feinem Sch e.bt.sch und^dreyte an dem Knops der bronzenen Stehlampe^ Jetzt s f > Arbeit
wer mit dem gedämpften rötlichen L.cht, wie er es bet feiner Arven
9e“w i®“ tag ein aufgeschlagenes Manuskript, beste^T^t mitten^n ber Seite abbrach. Auch über ben ißapieren, P - , breitete Tisches, dem Schreibzeug unb den daneben ausgestapelten Buchern vrettete


