Ausgabe 
14.1.1935
 
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DerantworMch: Dr. HanS Thyriot. Druck und Verlag; Vrühl'fche UniverfitätS-Vuch- und Stetndruckerei, R. Lange, Gteßen.

Wandlung.

Don I. O. B r i n g e z u.

Kam der Nordwind über Nacht, strich mit seinem dunklen Flügel meine Fensterscheiben sacht, leise nur, nur so im Flug.

Doch am Morgen Glücks genug! fand sein heimliches Gefieder ich aus meinen Scheiben wieder, und von Silber war die Pracht.

Welsen Andere Vögel ziehen nach Nordfrankrelch und Südengland, wo es sehr milde ist, so milde, daß manche Arten, die bei uns Zugvögel sind, dort nicht fortwandern, also als Standvögel anzusprechen sind. Eme Art, die Küüenseeschwalbe (bie freilich nicht in Rossitten beringt wird), reizt unsere Phantasie besonders. Sie fliegt vom hohen Nordenmit der Sonne und ist immer da, wo die längsten Tage sind; auf diese Weise macht sie m einem Jahr die Reise vom Nordkap bis Feuerland und zurück. Aber es ist nickt so, daß dieser Vogel an sich besonders lichtbegeistert wäre, sondern er braucht infolge feinet Veranlagung viel Zeit zu Fischfang und Ernährung und sucht sich daher eben überall die längsten Tage aus.

Jede Wissenschaft bildet sich allmählich ihre Grundbegriffe, und auch bei den Rosfittener Forschungen ist es reizvoll zu sehen, wie die früheren ungenauen und halb populären Begriffe der Ornithologie < Vogelwissen. schakt) allmählich schärfer gefaßt werden. Man unterscheidet genau zwischen Flug und Zug. Es gibt Vögel, die sehr schnell, aber täglich nur kurz fliegen, so daß andere mit langsamem aber ununterbrochenem Flug besser voran- kommen. . , , .

Auch die Geschwindigkeiten und Flughöhen werden untersucht, wobei die Forscher immer dringender ihren Wunsch nach Einsatz von Flug- zeugen und Schiffen für die Forfchung zum Ausdruck bringen, der aber wegen der hohen Kosten noch kaum erfüllbar ist. Es ergab sich, daß die Vögel meist recht niedrig fliegen, manche kaum nennenswert über der Erde, andere erheben sich doch Hunderte von Metern, andere wie Schwäne und Enten, sogar 2000 bis 3000 Meter. In Asien hat man Zugvögel auf Paß- Übergängen in 4000 Meter Höhe angetroffen. Dabei lassen sich auch seltsame Beobachtungen machen: Im Kaukasus unternahmen Zugvögel mehrmals den Angriff aufs Gebirge, aber wegen Nebels kehrten sie oft wieder um. Genau wie die menschlichen Flugzeuge: es war ihnen zu unsicher, und sie warteten die Sonne ab.

Die Forscheraufgabe, die sich Roffitten gestellt hat, ist mit der Erkenntnis des Vogelzuges noch nicht abgeschlossen. Man sammelt seltene ostpreu- ßische Vogelarten und hat jetzt eine Ausstellungshalle errichtet. Man setzt sich für einen recht verstandenen Naturschutz ein, um zu erhalten, was eben noch zu erhalten ist. Bei einigen deutschen Bogelarten ist freilich der Versuch, sie zu erhalten, hoffnungslos.

Die allgemeine Arbeit an der Ornithologie wird nicht verfäumt. Und es ist ein Glücksfall, daß der Leiter der Vogelwarte Rosiitten, der mich auch in liebenswürdigster Weise in die ganze Materie einführte, zugleich einer der besten Kenner der mitteleuropäischen- Vogelwelt ist. Direktor Dr. Heinroth hat ein sehr beachtenswertes Werk geschaffen:Die Vögel Mitteleuropas"*). In vier Bänden bat er feine etwa 4500 Photos von im Zimmer aufgezogenen Vögeln verarbeitet. Wir verfolgen darin vom Schlüpfen aus dem Ei an das tägliche Leben der Vögel und werden zu- gleich in ihre Lebensgewohnheiten eingeführt.Freilich", betont Dr. Hein- roth,dürfen wir das Leben der Vögel nicht nach unseren menschlichen Maßstäben messen. Viele Vögel sind gar nicht so klug oder so empfmdungs- reich, wie wir es uns vorstellen. Einzeluntersuchungen in Rossitten ergaben, daß die Lachmöven in einem wilden Kampf um den Nistplatz leben, der ihnen freilich von der Natur karg genug zugemesfen wird."

Das letzte und höchste Ziel aller Arbeit in Rossitten ist aber doch die Erkenntnis der Rätsel beim Vogelzug, die psychologische Frage nach der Ursache für das Sichzurechtfinden der Vögel, inbesonders der allein und nachts ziehenden. Dr. Heinroth selbst saßt die Einzelfragen, die zu diesem Ziel führen, so zusammen:Zughöhe, Geschwindigkeit, Abhängigkeit vom Wetter an der Aufbruchsstelle und während des Zuges, tägliche Flug­leistung, Zugrichtung der einzelnen Arten, Zug am Tage ober in der Nacht, einzeln oder gesellig, nach Geschlecht und Alter getrennt oder nicht, stumm ober unter Zuruf." Welche Fülle bet Aufgaben! Aber in ber Frage nach ber Ursache ist Dr. Heinroth lehr vorsichtig. Er erzählt Beispiele, bie bie ganze Frage anscheinend mehr erschweren als erleichtern. Trotzdem wird an ihr gearbeitet.

In einer grundlegenden Arbeit untersucht Wilhelm Meise bte ver­schiedenen Möglichkeiten. Da findet sich u. a. bie Vorstellung, bie Heimat bet Vögel strahle elektro-magnetisch auf einen inneren Sinn ber Vögel aus unb leite sie bemgemäß, so baß ihr, wie man weiß, unzureichenber Gesichtssinn gar nicht besser ausgeprägt zu sein braucht. Aber bann müßte man annehmen, baß auch bie Ziellanbschaft, bei ben Störchen also Afrika, solche Strahlen aussende, und das dürfte doch zu weit gehen. Auch an sich spricht seht viel gegen diese von Alex und Anton Stimmelmayr vertretene Hypothese.

Man greift bann am ehesten roieber zu einer Kombinationsaiisicht: in ben Bogengängen im Ohre, bie in bet ganzen Vogelwelt gleichmäßig ausgebilbet sinb, entstehen bestimmte Einbtücke, bem Vogel meist unbewußt; er verbindet sie mit anderen Eindrücken, Winken, Windungen über zutück- gclcgte Weae (auch in geschlossenen Eisenbahnwagen!), dieregistriert" werden und mit deren Hilfe bet Vogel ben Weg hin unb zurück finbct. Die jungen Vogel, so meint man bann, haben im Erbgut ben.Sinn für Richtung unb Ziel ihrer Winterplätze mitbekommen, io baß also hier Fragen ber Erbdiologie vorliegen. Ader alles bas ist noch unsicher und umstritten. Und wir müssen vor allem barauf achten, baß bie wissenschaftliche Forschung es sich nicht zu leicht macht, inbem sie einen Begriff für einen anberen setzt, aber nichts bamit erklärt. Der Begriff besInstinktes" wirb ja jetzt durch- weg als ein schönes Wort angesehen, mit bem sich bie wissenschaftliche Be­trachtung aber nicht begnügen bars.

Die Arbeit in Rossitten reicht also ganz tief in bie Urgrünbe unserer Erkenntnis vorn Organischen unb ben Gesetzen seines Verlaufes hinein. Man greift auf bie Anthropologie zurück, man befragt Samojeden unb Saharajäger, die sich in Tundra und Wüste in einem uns unvorstellbaren Maße zurechtsinden, z. B. einen anberen Rück- als Hinweg einschlagen zu einem bestimmten Ziel. Rätsel über Rätsel. . Auch Rossitten wirb zu ihrer Lösung beitragen, unb barum sehen wir gespannt ben weiteren For- ichungen unb Erfolgen entgegen.

*) Bor längerer Zeit im Gießener Anzeiger ausführlich besprochen.

Die Vogelwarte Soffitten.

Von Hans Hartmann.

tiefer wir in bie verschiebenen Gebiete ber Tierwelt einbringen, befto mehr Wunderbares und Staunenswertes entdecken wir. Das Verhältnis der Mutter zu ihren Jungen, der Zug der Vögel und der Fische, d,e Mtmi- Irv damit haben wir nur einiges herausgegrisien. Am allerwunder- barsten dürfte, wenn wir genauer zusehen, der Zug der Vögel sem Er ist das Hauptforschungsgebiet ber Vogelwarte Rossi t ten. 1901 h ati te Thienemann gegrünbet, nachbem zwei Jahre zuvor em bamscher forscher die Methode angeioanbt hatte, einen Ring mit einer Orts- unb Zahl­bezeichnung an ben Fuß von Vögeln anzulegen, bie man so auf ihrem weiteren Lebens- unb Flugwege verfolgen konnte.

Rossitten würbe 1923 von bet Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft übernommen. Die Vogelwarte liegt in Ost­preußen auf der Kurischen Nehrung. Diese ist für Millionen von Vögeln, die im Herbst aus dem Nordosten kommen, der natürliche Zugweg. Sie haben für den Notfall schützendes Land unter sich, und io wirkt dieser fast hundert Kilometer lange Landstrich, dessen nördliche Hälfte jetzt zum Memelgebiet geschlagen worden ist, wie eine Art Beobachtungssatte. Daß er außer Vögeln auch viele interessierte Menschen anlodt, so daß jetzt etwa 15000 Besucher jährlich kommen, sei als Zeichen für eine gesteigerte Liebe bet Deutschen zu Ostpreußen nur nebenbei bemerkt.

Es ist nicht leicht, sich dieser Arbeit ber Vogelbeobachtung zu unter- ziehen. Zunächst ist eine genaue Kenntnis ber Vogelarten nötig. Das ist denn auch oberstes Gebot für bie Forschungsarbeit in Rossitten. Die Vogel- warte hat überall im Laube Mitarbeiter, bie selbstBeringungen" vornehmen können; bie Ringe bazu jenbet ihnen bie Vogelwarte kostenlos. So helfen sie mit am großen, auf Jahrzehnte berechneten Fvrscherwetk; aber es muß bie Gewähr vorhanden sein, daß ihre Meldung richtig ist, daß sie also vor allem ben beringten Vogel richtig erkennen.

Nicht minbet schwierig bürste bie birekte BeobackMng ber Zugvögel in Rossitten unb Umgebung sein. An guten Herbsttagen fliegen schätzungs­weise über eine halbe Million Vögel über bie Nehrung. Nun weiß man aber, baß viele Arten ben Flug über bie östliche Haffküste vorziehen, so baß dort neue umfangreiche Beobachtungen nötig werben. Der Rückflug vom Süden (also der Frübjahrszugi bringt bie Scharen in geringerer Dichtigkeit denn mancher Wanderer hat inzwischen sein Leben lassen müssen. Freilich: das Grundgesetz, ob Tag- ober Nachtzug, ob Flug nach Alter ober Geschlecht getrennt, ob lautloser ober mit Zurufen oerbunbener Zug, gilt im allge­meinen für Hin- unb Rückflug.

Viele Vögel gehen auf ihrer Winterreise verloren. Es kann sie ein plötz­licher Kälteeinbruch vernichten wie bei ben Schwalben Ende Septem­ber 1931; sie werben gefangen unb verspeist wie leibet unzählige bejonbers in Italien, Spanien unbSübsrankreich; sie können sich verfliegen unb finben nicht mehr zurück. Ober sie fallen einem Verhängnis zum Opfer wie an­scheinend viele Störche, die sich in Afrika von Wanderheuschrecken nähren; aber da man diese jetzt mit Arienik vergiftet, müssen die Storche, die sie fressen, mitfterben.

Gleichwohl ist das Material, das ;etzt schon zur Verfügung steht, unge­heuer. In Rossitten ober durch Rossitten sind weit über 20Ö000 Vögel beringt worden. In den meisten Kulturländern der Erde beringt man * jetzt auch, so daß hier ein besonders schönes und fruchtbares Feld wissen­schaftlicher Zusammenarbeit vorliegt. Selbst während des Krieges sind hier die Fäden nicht abgerissen, und außer Frankreich haben alle Länder ihre Meldungen über bie vorgesunbenen beringten Vögel über bie neutralen Länder nach Rossitten gelangen lassen. In Frankreich werden viele Vögel getötet, und das Interesse an ber. wisienschaftlichen Forschung ist erst all­mählich erwacht.

Durch die mühselige Kleinarbeit, über die die ausgezeichneten Berichte der ZeitschriftDer Vogelzug" auf dem Laufenden halten, entsteht mehr unb mehr ein Gesamtbilb von ben Leitlinien bes Vogelzuges. Unsere mitteleuropäischen Störche Landesgrenzen gibt es für sie nicht! ziehen entweder den Landweg Kaiser Barbarossas über den Balkan nach ber Türkei, weiter über Palästina den Nil hinauf, wo große Scharen im südlichen Sudan wiederentdeckt wurden, und dann weiter nach dem östlichen Südafrika. Die westlich der Elbe beheimateten aber fliegen über ©üb- frantreid), Spanien, Gibraltar nach Norbafrika, entschwinben bann aber dem Blick ber Forschung. Man nimmt jeböch an, baß sie in bie Sahara unb weiter fliegen. Dieser Flug der Störche geht verhältnismäßig langsam vor sick, sie fliegen vielleicht 120 Kilometer am Tage, kommt eine schöne Wiese, bann rasten sie unb nähren sich. Ihr Zug bauert 2 bis 3 Monate hin unb ebenio lauge zurück.

Beobachtet man bie venchiedenen Arten von Vögeln, so zeigen sich immer wieder andere Fliiggewolucheiten. Unser Rotkehlchen läßt sich im Winter in Ungran, Oberitalien, Spanien, Portugal und Belgien nach­