Am Himmelstor.
Von Conrad Ferdinand Meyer.
Mir träumt*, ich komm' an» Himmelstor und finde dich, die Stiftel
Du Iahest bei dem Quell davor und wuschest dir die Fufte.
Du wuschest, wuschest ohne Rast den blendend weihen Schimmer, begannst mit wunderlicher Hast dein Werk von neuem immer.
Ich frag: „Was badest du dich hier mit tränennassen Wangen?"
Du sprachst: „Weil ich im Staub mit dir, so tief im Staub gegangen."
Schneesturm.
wurde falt, und die Hätte war verschlossen Wir liefen auf und ab, bliesen in die Hände und schlugen die Arme. Dann fuhren die weihen Schwaden aus dem Finsteren plötzlich ichräg heran, auch aus diese fleine Jniel und in diese enge Höhle, und warfen sich über unsere Füße. Wir lauerten uns aus das Bänkchen, dicht aneinander. Die Lust war trop der Schneewehen immer noch still, nur jenseits der gegenüberliegenden Kesselwand klang ununterbrochen ein Rollen und Rattern wie von Eisenbahnzügcii. Verzweifelt stemmten wir uns gegen die Tür, aber sie gab nicht nach, und die Kälte drang immer schärfer auf uns ein.
Endlich kamen die erwarteten und riefen schon von weitem; es war eine ganze Gesellschaft, Herren und Damen. „Also los!" kommandierte der Sprecher von vorhin, nachdem er die schadhafte Bindung, so gut es möglich >var, wieder hergestellt hatte: „Immer dicht aufschliehen." Es giug in der Kette des Gänsemarsches bergauf, erst noch einmal durch den Wald, bann zwischen vermummten Tännchen, durch kleine Hochtäler und zwischen Latschen. Aber wie das frische Geleise iich etwas senkte und mein unerfahrener Freund ins Gleiten kam, stürmte er und arbeitete sich nur langsam aus seinem Schneegrab, in dem sich leine Hölzer überkreuzt und io bet» wirrt hatten, daß er nicht wußte, wo seine Füße waren, wo rechts und wo links. Der eine Ski unserer Begleiterin hatte sich indes von neuem gelockert, hing baumelnd an und stellte iich quer. „Warten, warten I" ries ich den anderen zu, die wir unter solchen Umständen vergeblich eiiizuholen suchten, sie taten es eine Weile widerivillig und dann nicht mehr — schöne Sportskameraden, die noch dazu freiwillig ihre Dienste angeboten hatten.
Die Spur von ihnen verwehte, uns war das Rotwandgelände noch unbekannt, aber anscheinend ging die Richtung über einen Grat fort, den der Wind, stäubende Schneewolken aufpflügend, hart überstrich. Ich ließ die junge Frau vorausstapsen, um sie im Auge zu Haden und ihr etwas bet« zustehn. Mein junger Freund folgte dicht hinter uns, doch mit eins war er lautlos verschwunden. Er war aus eine Mächte getreten und mit dieser abbrechenden Lawine zu Tale gestürzt. Hinter mir nämlich war es plötzlich still, ich kehrte mich um und sah erschrocken ins Nichts.
Wir riefen und riefen, aber der Sturm riß uns den Laut aus beu Münbern und stopfte sie mit eisig na’fen Knebeln. Endlich, in einer Atempause der Bö, kam Antwort aus der Tiefe. Rach langem Hin und Her glaubten mir zu verstehen, daß er heil war, aber den Stock verloren hatte und ohne Hilfe die Steilhänge nicht nehmen konnte. Ich durfte die Frau nicht alleinlaffen und meiner noch bescheidenen Skikunst zudem nicht zutrauen, in die ,ähe Tiefe hmabzusohreu unb ohne Beistand das Rettungswerl votzunehmem Indes: unferen Rufen antworteten noch andere Stimmen, solche, die iich näherten. Es war Samstag, und nur daher kam es, daß heute noch ortskundige Sportsleute, die ebenfalls den Abendzug benutzt hatten, unter» Wegs waren.
Zwei mnge Männer tauchten auf und ließen Tafchenlampen blitzen. Wir meldeten ihnen d^n Absturz, und sofort rüsteten sie sich zur Hilfs» expedition. „Nur ruhig Blut, Fräulein", sagten sie. „Bleiben Sie beide, wo Sie find, bis wir ihn bringen. Gehen Sie teilten Schritt."
Wir ftanben aiFeine Steinklippe gelehnt, die haushoch aufragte. Es pfiff um die Felsmassen, schneidende Kälte rann uns ins Blut und machte es erstarren. Eine ruhige Fübllbsigkeit der Hanl stemmte sich noch lebens- willig dem fauchenden Frost entgegen — dann wurde sie zu einem schlummer- willigen Wohlgefühl. Es war schön, von der weißen Decke der Bergödms, beten Eishauch lockend an den Beinen hoch zum Herzen kroch, begraben zu werden.
Nahende Rufe weckten uns. Die beiden Fremden peitschten mit ihnen einen Erschöpften hoch: „Vorwärts! Vorwärts!" Der eine griff die junge Dame, bic l)otb ein bcn Rolfen tjinßcjunfcn tvnr, unter ben Arm „Au ä^ljn Minuten sind wir beim Haus!"
Die zehn Minuten vergingen. „Aber jetzt wirklich nur noch zehn Minuten , hieß es. Dabei ragte immer noch die weiße Wand, an der wir aufwärts gingen. Der sausende Schnee schnitt uns wie scharfe glühende Nadem ins Gesicht, der Sturm verschlang uns den Atem, die Beine waren mürb, bie Knie schlotterten, bet eine Ski unserer Begleiterin ichleifte, unb ihr Hetz mochte in Stößen pumpen, bie als Schreie taktmaßig aus ihrem offenem Munde flogen: „Wann? Wie weit noch? Ich ann nicht mehr stöhnte sie und stöhnte auch mein geretteter, kriegserprobter Freund. Und •immer antworteten die ermunternden Zurufe: „Zehn Minuten noch I Nur Mut! Vorwärts Kamerad!" Und: „Zehn Minuten noch!' flüsterte ich nach als Trost.
Aber ich wat es, der zuletzt an einer Böschung immer wieder abbrach und keinen Halt mehr fand. Da brachte mich em kräftiger Stoß und Hub hinauf - und strahlend vor uns in der Nacht, mit allen Lichtfenstern lachend, eine feste Burg, ein Choral, ein Sternenbaum, ein Ziel unb em Hafen, ein Jenseits, eine himmlische Zinne, tagte bas Haus ...
Der vereiste Grat bet Höhe war vom Schnee reingefegt. ®ie Freundin liefe sich von mit bie Hölzer abichnallen unb liefe den Rucksack hmimken. Knechte kamen vom Haus, uns entgegengeschickt, nahmen unier ganzes Gepäck und leiteten uns wie Erzengel über die letzte wiegelnde Brücke zum Wolkenpalast Stubenheimlichkeit, Grammophonklänge, Touristeulachen, eine Welle von Hausglück nahm uns auf. Wir konnten nichts effen,aber roir tranken Glühwein, lachten auch und spürten nicht einmal Müdigkeit. Erst als ich lafl, ich merzten meine Beine wie anss Nab geflochten, doch dann begannen iie zu tanzen, ins Naumloie hinein unb hinauf.
Am nächsten Morgen strahlte die Sonne über hundert Gipfeln, auf denen ein wolkenloser Himmel ohne die kleinste Regung thronte. Durch herrlichsten Pulverschnee zogen Scharen von Sonntagsgästen auf staubenden Fußschwingen blaue Bahnen. Wir ruhten verzückt und bräunend »vi Glashaus der Veranda, in dieser Blumentreiberei für Menschenleiber, die Höhr n- fonne tranken. _____
Ein Skiabenteuer von Hans Brandenburg.
’ Wir reisten in unserer Skiausrüstung an einem Spätwintermorgen felbbritt, zwei Männer mit einer Begleiterin, und erreichten erst den Schnee, als iich der Zug dem Schliesee näherte. Schon vor Baprischzell waren wir am Ziel und aßen noch im Tal zu Mittag, in einem Gasthof, der 'ich mit steinbeichwertem Dach und hölzernen Galerien breit an die Vorberge lehnte. Wir telephonierten an das Unterkunftshaus auf der Rotwand, um Quartier zu bestellen, bann konnte bie Wanderung beginnen.
Das Tal, erst breit, lief eben hin mit moorigen Wiesen, die teils schon nackt waren und voller Schmelztümpel, teils braune Riedgräser durch die schwindende weiße Decke fädelten, dann hob es sich kaum merklich und zipfelte aus zwischen ansteigenden Waldlehnen. Auch hier war der Schnee schon breiig und im Schatten verharscht. Die Sonne brannte sommerlich auf den breiten glitschigen unb spiegelnden, von Quellchen und Rinnsalen sickernden Weg, wir zogen die Windjacken aus und steckten iie zwilchen die Rncksackriemen, und unsere Begleiterin stapfte in leichter Bluse voran, barhäuptig und behost, die zusammengeschnallten Hölzer tapfer geschultert.
Ein paar Meilen probten den Frühlingsruf, ein Buchfink trillerte. Vereinzelte Luftsträhnen und flockige Gebilde streiften durchsichtig die lüße Seidenbläue des Himmels. Wir kamen in den Hochwald, und der Weg schraubte sich in Kehren durch ihn hinauf. Manchmal reckte über die dunklen Tannenhänge ein Felsriese einen blendenden Schneeschild für Augenblicke ins Blaue. Kühl hauchende Schattenklüfte blieben zurück, Wildwasser, durchrauscht.
Wir hatten nun bie Stier mit den Spitzen an die Störte gebunben unb zogen sie nach. Eintönig kämpfte bas Schleifen ber Stufen in den Fahr- rinnen der Straße mit der Stimme des Wasfers. Endlich lichtete |ich bei Wald bei dem Heiligenbild an einer Wettertanne in eine Alm, die mit steilen weißen Matten hinanstieg. Wir schnallten die Hölzer an unter ine wir, um nicht au rutschen, die mitgenommenen Fellstreifen gespannt hatten. Hier oben lag guter Firnschnee, der Weg hatte aufgehört, aber die Hange, an denen wir mühsam einporstiegen, waren wirr durchkreuzt von Skispuren, die im ganzen die Richtung wiesen. Em Paar kam uns tu schöner, dem Gelände angeschwungener Abfahrt entgegen, zwergig im Ungeheuern bet Weiße, unb verschlvanb bald in bem Hochwalb, ben wir unter uns gelaßen hatten.
Nach langem schweren Stampf mit bet Steigung überkletterten wir einen verwitterten Zaun, ba wir bas Gatter nicht fanben, unb rasteten hochatmoib bei einer Almhütte. Nebel beimpften, glitten hm unb her, hinaus und hinab, verschluckten bie Nähe und Ferne und verdunkelten den erst noch klaren Himmel. Sie mußten sich bald wieder verzogen haben, das ichien gewiß, ab-r auch wenn iie sich sestietzten, blieben die Spuren, die zum Gip,G führten, sichtbar. Doch nach einer Weile begann es zu schneien, und gleich mit dichtem Gestöber. Dabei rührte sich kein Wind, der geräumige Hoch- kessel der Alm war geschützt.
Wit überlegten lange, was zu tun lei. Die Sputen waren schon letzt verschneit, dennoch widerstand es uns, nach all den Muhen umzukehren, die errungene Höhe wieder zu verlieren. Zu Fuß hinabzugelangen war kaum möglich denn man versank bis über die Knie im «nee In lauster Schräge zum Hang hätte vielleicht auch mein Freund, der noch kaum aus Skiern gestanden hatte und droben exst einen Anfangetkurs mitmachen wollte ab ähren können, aber er wat einarmig, em Kriegs,nvalide, daher audi nur mit einem Stock ausgerüstet, ich wollte nichts mil chm wagen, kniet konnte man in dem unsichtigen Schneetreiben nur zu leicht die Rich- tuna verfehlen; bann war kurz vor ber Rast ein Riemen an bet «ung unsrer Begleiterin gerissen, unb bie behelfsmäßige Heilung des Schabens be sprach fcine Sicherheit. Uebet bet Beratung trat außerbem zu der Schneedämmerung eine frühe Abenddämmerung em.
Da sausten zwei Schatten heran. „Ski Heil", rief ich. „Können Sic uns iAf mihtphmen?" Unmöglich", riefen bie anbeten, „wenn eie nicht sehr geübte Fahrer sinb.'Wit müssen Fteunbe am Bahnhof abholen, bie heut noch auf ben Berg wollen. Aber warten Sie ruhig hier, wir kommen "n Iwei Stunben wieder und führen Sie sicher zum Unterkunftshaus." Und die Schatten stoben davon.
Uns fiel ein Stein vom Herzen; vergnügt packten wir unsetn Spiritus- kochet ans, füllten den Kessel mit Schnee und bereiteten einen Tee ,m trocknen Schutze des weit vorspringenden Hüttendaches, unter dem foga ein Bänkchen stand. Doch die innere Erwärmung hielt nicht lange vor, es


