wetterging. Wo er sich entscheiden mußte, entweder umzukehren oder sich einen gangbaren Weg in die Zukunft zu bahnen durch alle schweren Komplikationen hindurch, über den eigenen, schwersten seelischen Konflikt hinweg.
Durste er überhaupt nach Nikolassee zurückkehren...? Wenn er es tat, mußte er auch entschlossen sein, die letzten Konsequenzen auf sich zu nehmen. Er fühlte, wußte, daß jedes Kompromiß tödlich verlaufen würde, tödlich für feine jahrelange Freundschaft, tödlich für seine Liebe, für seine Erkenntnisse und für fein ganzes sauber und geradlinig aufgebautes Dasein. Es war möglich, daß er mit dem Aufgebot aller geistigen und seelischen Kräfte diese Leidenschaft überwand und, zwar im Tiefsten verwundet, doch mit dem ungebrochenen Willen zur Gesundung, hierblieb, Elisabeth und Ludwig erst nach Jahren wiedersah und sich in der Zwischenzeit mit der Vollendung seiner Arbeit über Wasser hielt. Das war ebenso schwer wie der andere Weg.
Aber war es absolut notwendig, zu verzichten? War es wirklich seine Pflicht als denkender Mensch und Freund, freiwillig zu resignieren vor dem, was ihm als das höchste Glück, als die Erfüllung feines Lebens erschien? Er war kein junger träumender Tor mehr, sondern ein reifer, erfahrener Mann von fünfundvierzig Jahren, der fähig war, die schärfsten Waffen der Analyse und Skepsis selbst ins Treffen zu führen. Der Schauplatz der entscheidenden Schlacht blieb sein eigenes Herz. Die Stunden der Nacht verrannen, und Hartl saß noch immer an seinem Schreibtisch, den Kopf in die Hände gestützt und den blinden Blick auf sein Manuskript geheftet... Darf ich versuchen, die Frau des Freundes für mich zu gewinnen? Das ist die Frage, mit der nötigen Deutlichkeit formuliert. Es ist ein Verrat und noch mehr als das. Hat Ludwig mir nicht in jener Nacht anvertraut, daß Elisabeth der einzige feste Pol in seinem turbulenten Leben ist...? Daß er ohne diesen letzten Halt und Mittelpunkt elend zugrunde gehen würde? Und Elisabeth selbst...? Ich weiß, daß sie eine starke menschliche Zuneigung zu mir gefaßt hat. Eine Zuneigung, die im Vertrauen wurzelt... Ist sie nicht in Gefahr, sich für Ludwig zu opfern, wie viele sich für ihn geopfert haben...? Nimmt er dieses Opfer als selbstverständlich hin, wie er eben alles, was um ihn herum vorgeht, nur in bezug auf sich selbst ansehen kann...? Vielleicht sogar ansehen muß? Darf ich das zulassen, mit offenen Augen beiseitetreten, wo es sich um Elisabeth handelt und meine Liebe zu ihr? Bin ich nicht berechtigt, sie vor diesem Schicksal zu retten, selbst wenn sie ihr Schicksal heute noch nicht so klar begreift...? Oder liegt in ihrem Opfer für Ludwig der wahre, tiefste Sinn ihres Lebens ...? Kann ich das entscheiden ...? Darf ich das...? Nein! — Was ich jedoch darf ünd muß, ist: sie selbst vor diese Entscheidung zu stellen. Es gibt keinen anderen Weg. Ich muß ihr zeigen, was sie selbst heute noch nicht mit der letzten Klarheit weiß, wohin ihr eigener Weg sie führt an der Seite Ludwigs, und auch, was ich selbst ihr zu bieten habe ...
Aber vielleicht ist das alles sophistischer Selbstbetrug, nur weil ich die Trennung von ihr kaum ertrage und so schnell wie möglich zu ihr zurückkehren will, um sie zu sehen, ihre Stimme, ihr Lachen zu hören und ihren kostbaren weiblichen Duft um mich zu spüren ... Schon bin ich wieder mitten in diesem Labyrinth der Begierden, aus dem auch der scharfsinnigste Gedanke nicht mehr herausfindet... Aber ich muß ... ich muß!
Mechanisch griffen seine Finger in die Blätter des Manuskripts und schlugen die Seiten um. Mechanisch las er die Ueberschrift des letzten unvollendeten Kapitels: „lieber die Grenzen der Freiheit oder der politische Mensch". Seine Augen blieben an den einleitenden Sätzen hängen, wurden klarer und lasen weiter: „Der Vorwand, mit dem sich der Mensch von irgendwelchen Fesseln befreit, ist stets ein moralischer. Er bindet sich also gleichzeitig an diese Moral, die zwangsläufig zu einer viel engeren Feste! wird, als die war, aus der er sich mit ihrer Hilfe befreite... Der Moralist entfesselt den Menschen zur Tugend und zum Verbrechen... Der Politiker kennt die Unzulänglichkeit der Moral, wie aller menschlichen Dinge, und benützt sie..."
den Kopf, und fein Blick verschleierte sich von neuem. Moralist und Politiker ...? Ich bin beides in meinen Gedanken ... Und in meinem Leben..■?©enau bis hierher, bis in diese Nacht dachte und handelte ich wohl politisch, da ich dazu von Kindheit an erzogen wurde und diese Erziehung selbst weitergeführt habe. Werde ich jetzt unter der Gewalt meiner Leidenschaft zum Moralisten ...?
„Niemand ist frei, der die Zusammenhänge der Dinge kennt!" Ich weiß etwas davon. Viel zuviel, um so handeln zu können, wie zum Bei- Ip'el Ludwig. — Und Elisabeth? Sie muß darum wissen. Ich darf sie nicht lunger im unklaren lassen über die wahren Zusammenhänge zwi- schen ihr und Ludwig, zwischen Ludwig und mir, zwischen ihr und mir, elbft auf die Gefahr hin, daß wir alle drei daran scheitern. Also muß ich so schnell wie möglich zu ihr zurück und muß neben ihr stehen, bis sie das Kind hat. Dann wird die Entscheidung fallen.
Ich fürchte, das ist wieder eine Moral der Freiheit. Politik hat mit Liebe kaum etwas zu tun... Moral aber scheint mir mit ihr blutsver- roanöt, und die Freiheit ist immer moralisch. „Diese ganze letzte Zeit war rerIr,bt.erlu0UJur 3ch fühlte mich so geborgen." Er sprach diese Worte Elisabeths laut vor sich hin. Sie waren in fein Gedächtnis einqegraben, tiefer als alles andere...
Seine Gedanken verwirrten sich. Das Licht der Bogenlampe vor dem Fenster war langst erloschen. Es regnete noch immer in den grauen, Egium heraufkommenden Morgen hinein. Die Geräusche der erwachenden totabt drangen bis zu ihm vor in die fahle Dämmerung des Arbeits-
Hartl erhob sich mühsam mit bleichem, zuckendem Gesicht. Seine Ner- ven versagten und er fror bis ins Mark. Hinter ihm auf der Stuhllehne
Mantel. Er zog ihn an, drückte den hochgeschlagenen Kragen eng um seinen Hals und ließ sich auf den Diwan sinken, der sich an der Rück- fei e des Schreibtisches befand. Auch auf der Decke und den seidenen Kissen hatte sich «taub angesammelt. Er merkte es nicht mehr, sondern fiel in einen unruhigen Halbschlaf, der bald in eine völlige, traumlose Erschöpfung überging. —, 1
Als er erwachte, war es elf vorbei. Der Regen halte aufgehört, uns durch die Lücken der sich auflösenden Wolken brach hin und wieder bii Sonne. Hartls Bewußtsein war im Augenblick des Erwachens klar. Ich muß zurück zu ihr und warten, bis Ludwig wieder da ist! dachte er und erhob sich. An seiner Stirn, seinen Wangen und Händen klebte der Staub. Sein ganzer Körper, der an sorgfältige Pflege gewöhnt war, reoot tierte und schüttelte sich vor Unbehagen. Ich würde verkommen hier, meint ich freiwillig verzichte! dachte er und stutzte vor dem Gedanken.
Doch er fühlte, daß eine innere Ruhe über ihn gekommen war, mit nach einem festen Entschluß. Er wehrte sich dagegen, die Gedanken de: Nacht noch einmal aufzunehmen. Die Kette war geschlossen, und er hall« plötzlich sehr viel zu tun.
Der Fernsprecher stand auf dem Schreibtisch. Er nahm den Hörer at und ließ sich mit dem Städtischen Arbeitsamt verbinden. Bon dort verlangte er zwei tüchtige weibliche Arbeitskräste, die man ihm sofort in die Wohnung schicken und die ihm den ganzen Tag über zur Verfügung stehen sollten. In einer halben Stunde würden sie dasein. Er hängte ein und begab sich hastig ins Badezimmer.
Bevor die beiden Frauen erschienen, war er mit seiner Toilette fertig und trat rasiert, gepflegt, in frischer Wäsche und einem neuen, wenig getragenen Anzug wieder in fein Arbeitszimmer, wo er sofort daranging das Manuskript zu verschnüren, Bücher und Broschüren zurechtzulegen. Den beiden Frauen, deren Kommen seine Tätigkeit unterbrach, befahl er, jeden Raum sorgfältig zu reinigen. Er zeigte ihnen, wo alles Noi- wendige zu finden war, und gab ihnen Geld, damit sie während [einer Abwesenheit eintaufen und sich Essen bereiten konnten. Dann verließ er das Haus, um zu frühstücken.
Den Nachmittag verbrachte er zum größten Teil mit einem langen einsamen Spaziergang. Als er gegen Abend in feine Wohnung zurück- kehrte, fand er alles rein und geordnet vor. Nach feiner Anleitung packten, bte beiden Frauen Bücher und Papiere in eine kleine Kiste, die er an sich nach Nikolassee adressierte und ihnen zum Aufgeben mitgab. Gr entlohnte sie reichlich und ging früh zu Bett. In dieser zweiten Nach! schlief er fest und lange.
Am zweiten Morgen kehrte er nach Berlin zurück und fuhr ohne Aufenthalt weiter nach Nikolassee.
26.
Der folgende Monat — es war Juni geworden — wurde der schwerste für Doktor Hartl und für Elisabeth. Nur Billy tat ihre Arbeit, zu der jetzt noch Elisabeths Pflege kam, mit der gleichen äußerlichen Ruhe und sachlichen Energie wie bisher. Ob sie auch nur im entferntesten ahnte, was hinter der hohen, blassen Stirn des immer stiller werdenden Doktor Hartl vorging, war nicht zu erraten.
Hartl hatte alles, was er in der Nacht in Dresden beschlossen hatte, zurückgestellt und litt jetzt doppelt unter Elisabeths besorgniserregenden Zustand. Es begann bei Elisabeth mit nervösen Angstanfällen, die gatij plötzlich und in immer kürzer werdenden Abständen über sie kamen. Sie versuchte zuerst, alles zu verbergen, indem sie sich in solchen Augenblicken auf ihr Zimmer zurückzog und sich dort vor jedermann verkroch, wie ein ZU Tode verwundetes Tier. Anfangs fiel cs kaum auf. Doch als es immer häufiger geschah, daß sie matt und bleich, mit geröteten, unsteten Augen aus ihrer Einsamkeit zurückkehrte, informierte man den Doktor Kern, der sofort und entschlossen eingriff. Er stellte Elisabeth zur Rede und hatte bald alles Wissenswerte aus ihr herausgeholt. Am Tag daraus brachte er seinen Kollegen, einen bekannten Gynäkologen, mit, der eine sorgfältige Untersuchung vornahm ...
„Wir scheinen uns tüchtig geirrt zu haben in unserer Berechnung!* sagte er, als die Untersuchung beendet war, zu Elisabeth und Doktor Kern, der assistiert hatte. Auch Billy war wieder hereingekommen und saß still am Fußende des Bettes. „Das Baby wird wohl viel früher Mein. Ich taxiere: in vier bis sechs Wochen. Das ist keineswegs ungewöhnlich, und Sie haben keinen Grund, sich einen Vorwurf zu machen, Herr Kollege. Das kommt häufiger vor, als man glaubt. Ich selbst hätte wahrscheinlich bis vor kurzem die gleiche Diagnose gestellt wie Sie. Namentlich, da auch äußerlich bei Frau Thiele kaum eine Veränderung 3» erkennen war, wie Sie mir sagen. Das Kind hat sich eben sehr langsam entwickelt. Erst in den letzten Wochen hat sich dieses Tempo gesteigert. Es wird sich, aller Voraussicht nach, noch mehr steigern. Daher auch die plötzlich einsetzenden psychischen Störungen. Das Schlimmste wäre, ihnen nachzugeben, wie Sie es leider getan haben. Aber zu Besorgnissen ist kein Anlaß. Auch eine solche Entwicklung ist durchaus natürlich — bei einem ersten Kind. Nur eben schmerzhafter. — Also möglichst viel Bewegung, gnädige Frau! Natürlich ohne Ueberanftrengung. Sie haben ja einen so prächtigen Garten zu Ihrer Verfügung. Machen Sie reichlich Gebrauch davon. Auch leichte Arbeit. Nicht nachgeben und grübeln. Das kann uns unsere Aufgabe nur erschweren. Es ist nicht leicht, zugegeben! Aber es muß gehen. Dann Ablenkung, Unterhaltung, die Gedanken auf etwas Freundliches, Interessantes richten! Auch dazu haben Sie reichlich Gelegenheit..."
„Wann also glauben Sie, Herr Professor...?" murmelte Elisabeth und sah den Arzt verstört an. Sie mochte ihn nicht, obgleich sie vor seiner sachlichen Sicherheit Hochachtung empfang. Sie hätte sich lieber ganz auf ben Doktor Kern verlassen. Doch sie hatte sich feiner eindringlichen Forderung, den ihm bekannten Facharzt hinzuzuziehen, fügen müssen.
„Es ist noch nicht mit Sicherheit zu sagen. Sie haben sich eben in 2hrer Berechnung geirrt. Ilm wieviel, ist nun nicht mehr genau festzustellen.
„Wird es noch schlimmer werden mit mir?" fragte sie mutlos und gequält.
„Wenn Sie den Rat des Kollegen und meine eigenen Anweisungen befolgen, ist das nicht zu erwarten. Ich habe natürlich auch einiges Nützliche ausgeschrieben. — Nun erlauben Sie mir, Ihnen einen Vorschlag zu machen."
(Fortsetzung folgt.)
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