Witt der Winter kommen...
Von Georg Brittlng.
Will der Winter kommen, Jetzt zur Weihnachtszeit — Komm nur Herl
Kommen die Flocken geschwommen, Von hoch überm Dächermeer, Silbergeflügeltes Heer.
Will der Mond kommen, Jetzt im Abendwind, Komm nur, leucht!
Durch die halboffene Kirchentüre rinnt Dunkel das Gebet der Frommen, Leis die Orgel keucht.
Hat der Winter gewonnen, Ist alles Frost Und kalt.
Kommen die schwarzen Nonnen Getrost gewallt
Zur schneeweißen Heilandsgestalt.
Oie tragantene Krippe.
Von Peter Dörfler.
Glaubt mir, die kindlichsten Kinder von denen, die alle Jahre dem Christbaum entgegenfiebern, sind nicht die Fünf- und Sechsjährigen, sondern die sechzig- und siebzigjährigen Großmütter.
O diese Großmütter, wenn sie einmal von der Holdseligkeit ihrer kleinen und großen Enkel verzaubert sind! Die Fünf- und Sechsjährigen glauben und ahnen in den Adoentstagen überall sprossende und vermummte Engel; schon flattern sie mit den Schneeflocken vom dunklen Himmel und gerade auf die Bettdecke nieder. Schon muh man sich überall vor ihnen in acht nehmen; an die Ritzen der Türen legen sie ihr Ohr, die geheimsten Taten erspähen ihre Sternaugen.
Aber was ist eine solche Gläubigkeit gegen eine echt großmütterliche! Die Ahnen haben täglich die handgreifliche Unbändigkeit ihrer kleinen Nächkömmlinge vor sich, sie putzen ihre Rotznasen und räumen beiseite, was das wilde Spiel der Buben und Mädchen zerbrochen hat. Sie sind Zeugen, wie sie Streiche machen, und nicht nur köstliche, sondern auch echt boshafte. Recht und bei klarem Licht besehen, sind sie wirklich und wahrhaftig nicht um ein Haar besser als die Nachbarskinder und andere. Und dennoch in dieser Blütezeit aller guten, frommen, heiligen Triebe macht die Wunschgewalt der großmütterlichen Herzen all die Schlüffe! zu goldenen Engelchen oder doch.zu Engelsknospen, denen erst nur noch die Flügel ein wenig angeklebt sind, sonst würden sie ja auf und davon und in den Himmel entschweben. Die Großmutteraugen und -herzen sonnen sie an, und sie können beim besten Willen nichts anderes mehr an ihnen sehen als schlohweiße Unschulde und das allerholdeste Prangen.
Und auch darum scheinen mir solche Großmütter wahre Ueberkinder zu sein, weil in ihren Augen der Zauber liegt, im Kerzenschejn des ärmsten Bäumchens, im Beschauen der schlichtesten Krippe die verklärte Erde und den ganzen Himmel ihres Glaubens widergespiegelt zu sehen.
So besaß die Zillertaler Ahne eine Krippe, die sie pflegte wie ein Paradiesgärtchen. Seit manchem Jahr hatte sie diesen Schatz schon behütet und fast nur der eigenen Andacht ausgesetzt. Jedesmal, ungefähr wenn der erste Schnee siel, begann diese Krippe zu wachsen, und wenn im warmen Stall des Schäfers die ersten Lämmlein fielen, dann mehrten sich auch Schafe und Hirten in ihrem Krippenberg, dann kamen Könige mit Gefolge, und jetzt endlich war sie vollzählig, eine Krippe, die sich sehen lassen konnte.
Sie war ihr so besonders wert, weil sie ein Zeichen der Liebe ifjfgs fernen, in Linz ansässigen Sohnes war, der ihr Jahr um Jahr einige ansehnliche Stücke zur Mehrung ihrer Freude zusandte. Es waren ebenso kostbare wie zerbrechliche Figuren, und schon darum war sie karg mit Vorzeigen. Es hatte aber mit diesem Weihnachtswunder noch etwas ganz Besonderes auf sich. Bei feiner Betrachtung blühte ihr die Erinnerung so, daß fie manchmal lächeln mußte, wenn sie aufstehend steife Glieder spürte und einen grauen Scheitel im Spiegel sah. In ihrer frühen Jugend hatte sie genau eine solche Krippe besessen. Jede Figur kam setzt zu ihr wie ein alter, nicht gealterter Freund und mahnte sie an kindliche Spiele und Träumereien. Aber vor allem bedeutete ihr diese neue Krippe die Begegnung mit dem aufgeschreckten Gewissen eines Mädchens, und sie fühlte wie eben erst aufgebrochen den Schmerz über eine erste große Schuld.
Sie hatte diesen ihr ganz allein eigenen Besitz mit der ganzen Kraft und Zartheit eines kindlichen Herzens geliebt, aber dann — oh, noch heute brannten ihr die Wangen vor Scham über ihre Meintat —, dann hatte sie eines Tages, eines bösen und gnadlosen Tages, ihr feines Heiligtum — aufgegessen, Stück für Stück; erst nur die Lämmer und Geißen, die Hirten und Könige, und dann, jetzt schon aus Trotz und Verbosung, auch die Engel, ja sogar das Christkind. Denn die Krippenfiguren waren aus Tragant und anderen süßen Geheimnissen, wie man sie damals und heute noch in Linz bei den Zuckerbäckern zu mischen verstand, hergestellt.
Und ach, gegessen bleibt gegessen, zerstört bleibt zerstört, keine Reue weckt es auf, keine Träne und kein Jammer macht es wieder lebendig!
Wie litt sie darnach, wenn in der Schule von Evas Apselbiß die Rel» war, die Scham der Urmutter mit, ja sie fühlte sich sogar bei GotkS zornigem Ruf: Kam, wo ist dein Bruder Abel? selber wegen ihr« Krippenmordes angesprochen. Denn schlecht, wahrhaftig keiner Bl» zeihung wert, hatte sie gehandelt.
Ci, und da wuchs ihr nun in ihren alten Tagen das geliebte dM umlittene Kripplein wieder zu! Sie nahm das als ein Zeichen da vollendeten Sühne. Durch ihren guten und so tüchtigen Sohn wurde ihr stückweise wie dem geduldigen Job das vom leidigen Satan VerdorbeÄ wieder geschenkt. Ihr Herz war ein quellender Frühling des Dankes.
Zu all dem kam in diesem Jahre noch die große Freude, daß ihrem Walter dem ältesten der hiesigen Enkel, bei dem Weihnachtsspiel d§ Rolle des Gottvater zuerkannt wurde. Dieses Spiel war eine große Angelegenheit des Dorfes und wurde alljährlich feit unvordenklichen Zeiten in der Kirche aufgeführt. Sie beugte sich völlig vor dem so schönen unb begabten Enkelkinde, das seine Auserwählung neben sonstigen Gaben seiner tiefen, klangreichen Stimme verdankte, und sie säumte nicht, während all der Tage der Vorbereitung dem Buben fromm zuzusprechen, Es schien denn auch, daß er solchen Mahnungen unter dem Gewlcm seiner Rolle zugänglicher war als sonst. Sie zeigte ihm sogar zu seiner Erbauung auch einmal die im Alkoven hinter einem Vorhang verborgen« und bereits sorglich zubereitete Krippe, die aussah, als wäre sie aus koK barem Stein geschnitten. Auch verhieß sie ihm, daß er sie in alle« Lichterglanz sehen dürfe, wenn es Zeit fei und wenn er seine RoK würdig gespielt habe.
Aber es geschah nun, daß der begeisterte Knabe am nächsten M6enS nach der Schularbeit zu ihr hinaufgesprungen kam und sie bat: „GroK mutter, darf ich deine Krippe anschauen?"
„Nein, Walter, es ist noch nicht Zeit", antwortete sie beinahe uw willig, „auch kannst du im Dunkeln nichts sehen!"
Aber da sand der Kleine die süße Antwort: „Macht nichts, ich wlll bloß vor dem Kripplein beten!" und sie war entwaffnet. Er kam nun afl» abends um die Dämmerzeit daher und brachte die gleiche Bitte vor. Urio jedesmal stellte sie sich hart und ablehnend, nur um diese Antwort $n hören. Es rührte sie, daß er nichts weiter wollte, als sich vor das verhüllte Heiligtum hinzustllen und da zu beten. „Nun also, geh hinüber aber mach geschwind, es ist kalt in der Alkovenkammer!" entschied nachgiebig. Und saß bann da im Warmen und wartete, und sah h» Geiste um das Haupt des Lieblings goldene Englein spielen.
Endlich war der Tag des berühmten Spieles gekommen. Die Grosti mutter mahnte den Buben, vorher Vater und Mutter um Verzeihung z« bitten, damit er würdig und reinen Herzens (eine erhabene Rolle spiele» könne. Der kleine Walter besann sich einen Augenblick, bann gab er ihk die Hand: „Großmutter, ich bitte dich um Verzeihung!" Darüber wurde» der guten Greisin die Äugen feucht. Sie kam sich unwürdig vor, daß solches zu ihr gesagt wurde, und es war ihr, als hatte sie ein Engel utn Verzeihung gebeten, nur um sie zu beschämen. Sie konnte ihm nur ftunuÄ über das hochgewölbte Haupt streicheln.
Die Sterne über dem Dors und über dem weithin Glockenklang ve» strömenden Turm freuten sich der jungen Nacht, die sie aus der blauest Kuppel herab beglänzen dursten, und drinnen in der Kirche freuten sich die Kerzen der gurtenreichen Gewölbe, der strammen Säulen und goldenen Altarschreine, die sie ehrwürdiger und feierlicher aus der Finsterntz hoben, als es sonst die mächtige Sonne tat. Der ganze Ort, Kinder aijj den Armen der Mütter und Greise humpelnd am Stock, eilten durch dst harte, leise wehende Kälte in die tote Kälte der Kirche. Ein Husten urffl Keuchen und Schneuzen kam van allen Winkeln des Schiffes, es roat als wallten die Leute bas Unleibige bereinigen, wallte» varhusten und varfchneuzen, daß sie bann in makelloser Stille bem Kampfe Satans mH Gottvater folgen konnten. Und da endlich kündigte die Orgel brausend bas erste Bild, ben Alten ber Tage, wie er hoch auf feinem goIbeneH Throne saß. Er räusperte sich noch, auch er, aber wenn es boch so grin» mig falt ist, baß einem das Wort in der Kehle frieen möchte, und wen« ein jeder in der Kirche wenigstens an einem gewissen Tröpfchen zu wische» hat! Nein, niemand nahm Anstoß, ehrfürchtiges Schauern überlief bl« Kinderscharen, vor denen der Vorhang wahrhaftig den Himmel mifr geschlossen hatte.
Doch jetzt, im roten Mantel, in nachtschwarzem Wams, in zackiger Krone stürmte Satan herein, sah den herrlich Thronenden, wurde vo» Aerger über diese Erhabenheit und Pracht angefallen, stutzte und schrst bann ingrimmig unb herausforbernb zu ihm hinauf: „He bu ba, im weH wallenben Bart, Uralter, mit ber Kugel in der Hand, ich mochte roiffen, wer bu bist?"
Und der Thronende schnupfte, fuhr sich mit dem sternbefetzten AermÄ über Mund und Nase und antwortete dabei, zugleich mit einem heftigen Niesen: „Ich bin ... ber ... Gottvater!"
Da raunte ein Kichern und dröhnte ein Lachen durch den Raum, to das hinein Walter verdutzt und unschuldig nach rückwärts fragte: „Hcw ich etwas Dummes gemacht?"
Das Spiel ging dann großartig unb ohne Zwischenfall weiter. Walke« disputierte gewaltig mit dem feuerfarbenen Widerpartner. Aber bfe Großmutter konnte zu keiner Freude mehr kommen. Sie war gekränkt und haderte in sich hinein mit der ganzen Gemeinde, die sich so schlecht benommen hatte. Wer hat denn nicht geniest, geschneuzt, gehustet! Sie eilte nach bem Spiel, ohne ein Schwätzchen anzunehmen, heim, ließ sich trotz ihres burchgefrorenen Leibes von ber wohligen Wärme ber Stube nicht locken, sondern stieg zu ihrer Kammer hinauf unb kramte bi» Kerzchen aus bem Spinb heraus, bie sie zur Enthüllung der Weihnachtskrippe bereithielt. Dann ging sie zum Alkoven, zog den Vorhang und steckte ein weißes und ein rotes Kerzchen an, um dem Buben bas Krippen» hars zu beleuchten. Walter sollte heute noch seine Genugtuung haben. Und sie war so im Eifer, daß sie ein Licht nach bem anberen im Moos verteilte, ohne zu bemerken, baß ber Wolf über ihre Herde gekommen war, unb nicht nur über die Herbe, auch über die Engel, und nichts von all den Figuren war mehr zu sehen als das elfenbeinglänzende Christ-


