kindlein, und das war aus Wachs. So kräftig also hatte der Bub vor dem verhüllten Sripplein gebetet, baß alles ihm zugeflogen war.
Sie löschte die Lichter, eins nach dem andern mit leise beschämtem Pusten, wie einer, der sich eine Ehre hat herausnehmen wollen, und in die Schranken gewiesen worden ist. Sie vermochte keinen Zorn auf den Enkel zu werfen, nein, sie konnte an nichts anderes denken, als daß die alte Schuld noch lebte, im Enkel wieder auflebte.
Später gestand Walter, ein wenig reuig, ein wenig verschmitzt und eigentlich auf nichts anderes bedacht als die Großmutter zu versöhnen: „Schuld ist bloß der Hirte mit dem weißen Bart gewesen. Ich habe mir denken müssen, der sieht aus wie eine Zuckerkantel, und hab an ihm geleckt, und da ist er süß ... und dann ...
Die Großmutter nickte mit tiefgesenktem Kopfe, denn seine Worte bestätigten ihre innersten Gedanken: Er hat nur eine kleine Lumperei begangen, während sie damals eine große Liebe verraten hat. Wenn sie vergleichen wollte, — lächeln müßte sie über Walters Streich. Aber offenbart diese Geschichte nicht, daß die Gier, diese unheimliche Gier, fein Paradies aufzuzehren, statt es in Treue zu hegen, auch in ihm gesät ist?
„Lieber Bub, nun im Bangen um dich erst recht, lieber Bub!"
Sie zog ihn zärtlich an sich, und er schmiegte sich zerknirscht und beglückt zugleich in ihren zitternden Arm.
Pferde.
Von Hans Pflug.
Die Pferde stehen unter blanken Birken, den guten Kopf zur Erde müd geneigt, in sich versunken, wie der stumme Baum, vermählt der Stille einer Steppenstunde, in der im matten Licht die Nacht schon dunkelt.
Wie Göttertiere, groß und unberührt von Dingen, die nur Menschenwille schuf, so zaumbefreit — die zarten Nüstern hauchen — so sattelledig, glückooll rasten Pferde, und fromm ruht ihre Fesselschlankheit aus.
Die Funken ihrer Lichter sind verglommen, die Sternendecke, weit und reich bestickt, hüllt ihr Verweilen, ihr lautloses Beten — Nur traummatt stampft vielleicht ein Huf die Erde.
Ein rheinisches Gchelmenstück.
Von Wilhelm Schäfer.
Eines der weithin bekannt und berühmt gewordenen Meisterwerke der neuen deutschen Erzählkunst, Wilhelm Schäfers Novelle „Die unterbrochene Rheinfahrt" erscheint im Albert Langen/Georg Müller-Verlag in München in neuer vorbildlicher Ausstattung. Mit Erlaubnis des Verlages veröffentlichen wir aus diesem erlebnisreichen und überaus humorvollen Buche die nachstehende Probe.
Als Johannes — der sich nun Müller nannte, in Woll- und Strumpfwaren, auch Trikotagen — an dem Sonntagnachmittag den Felsweg zur Martinskapelle hinaufging, um von da über den zackigen Felsrand an die Bleyburg zu kommen, war er doch wieder der seinem Hauslehrer entlaufene Student aus Basel; denn die grauen Eidechsen zu beobachten, wie sie aus den Spalten der Weinbergsmauern lüstern an die Sonne tarnen, um blitzschnell in ihr kühles Dunkel zu verschwinden, oder den Schleppkähnen nachzuträumen, wie sie leer zu Paaren oder Vieren aneinandergekoppelt von geschwinden Dampfern abwärts gezogen wurden uni) so von oben gesehen und an einem Weinstockblatt gemessen, kaum größer als die Eidechsen waren: dazu hat ein Geschäftsreisender auch am Sonntag keine Zeit, weil er mit seinen Spesen handgreislichere Vergnügungen zu finden weiß.
Er wollte, als er nach einer reichlichen Stunde versonnener Zeit endlich bei der Kapelle und dem kleinen Kirchhof war — wo sich unvermutet hinter einem Hohlweg überm Rhein ein wiesengrüner Bach- grunb öffnete und bis in die blauen Höhen mit Waldhangen hinaufzog — nach links über den Felsrand zu'einem Pavillon hinauf, von dem er sich einen Blick auf die Burg und zugleich über den Ort erhoffte, fand sich aber durch einen Stacheldraht gehindert; und als er den auf einer Schutthalde steil und mühsam umgangen hatte, sah er den Platz gerade von einer Schar lärmender Burschen gestürmt. Er zog sich, wie er glaubte, unbemerkt zurück, kam jedoch ins Rutschen, wollte sich an einem Strauch halten, fiel hin und kollerte bis auf den Weg hinunter, wo er unbeschädigt aufstand und sich an dem kleinen Mißgeschick belustigt hätte, wenn nicht wieder das Gelächter vom vergangenen Abend über ihn gekommen märe. Es verdroß ihn, Zuschauer gehabt zu haben, so ging er rasch um die Ecke den Fahrweg hinaus, der von hier aus ziemlich gerade an dem langen Bergrücken vorbei und zuletzt steil zur Burg hinaufsührte. Unterwegs nahm er wahr, daß nach dieser Seite ein gepflegter Weg von dem Pavillon herunterkam, seine Kletterkünste also unnütz gewesen waren; als er höher war, sah er die Burschen schon wieder lärmend hinunterstürmen und war froh, daß sie — die
augenscheinlich den Ort durch laute Streiche Im Aerger hielten — nach der Kapelle hin abbogen.
Die Burg war nicht zugänglich und in einem bösen Geschmack mit Erkern und Zinnen ausgebaut; nur die Wirtschaft im alten Zorbau stand offen und die äußere Terrasse, roojnan durch Brombeersträucher fast senkrecht auf die engen Höfe und Schieferdächer des alten Ortes und in das abgeschlossene Stück Rheintal wie in einen Krater sieht. Er stand da lange und mußte denken, wie seltsam doch dies mit der Heimat und den Iugendeindrücken wäre: obwohl er nur bis zum siebenten Jahr im Elsaß gewesen und gleich vor dem Krieg nach Basel gekommen war, stand das Bild der blauen Vogesenmauer hinter grünen Gebreiten mit schlanken Pappelruten, hölzernen Kanalbrücken und schwarzrot bedachten Häusern so lebhaft in ihm, daß fein Gefühl unwillkürlich jede Landschaft daran maß und sie je nach der Verwandtschaft als vertraut ober fremd empfand. Hier zwischen diesen Felshängen und Steildächern, deren Schiefergrau selbst in den Grashängen und dem Laub der Bäume noch durchzukommen, das den dunstigen Himmel wie den Wasserspiegel zu färben schien, so daß der helle blaugrüne Rhein feiner Heimat nun ein graues Gewässer war, darauf die Schleppkähne wie Kellerasseln lagen: hier hätte er Jahre lang wohnen können und alles würde ihm doch fremd und unheimlich bleiben. Diese Unheimlichkeit der Rheinland- schaft, die er nach allen Schilderungen nicht erwartet hatte, machte, daß ihn die Stille des Sonntagnachmittags auf dem alten Burggemäuer spukhaft berührte.
So schrak er auf, als unvermutet Schritte tarnen und sich jemand —। den Hut in der Hand, wie es Kleinbürgersleute machen, zu ihm stellter ein handfester Kerl mit rotgesprenkelten Backen, der ihn um irgend etwas ansprach. Es dauerte lange, bis er mehr als ein paar Worte verstand und auch dann erst aus feinen Handbewegungen erriet, daß der Bursche etwas verloren hatte, was er gefunden haben sollte. Während er ihn noch abwehrte, sah er sich auch schon von einem Trupp junger Leute eingeschlossen, die alle sehr höflich waren, ihn aber unzweifelhaft beschuldigten, eine Geldtasche von dem Menschen gefunden zu haben, den sie Anton nannten und der nun schon handgreiflicher neben ihm stand: Weil er als einziger nach ihnen den Burgweg hinaufgekommen wäre, könnte es niemand anders gewesen sein! — So zwischen den hohen Burgmauern und dem senkrechten Abhang nicht übel gestellt, machte sich Johannes schon die sonderbarsten Gedanken über die Gesellschaft und überschlug in der (Erinnerungsfolge phantastischer Räubergeschichten, ob es nicht klüger wäre, diese Freibeuter irgendwie mit einem Lösegeld abzufinden; als sie sich nach einem Mann umwandten, der anscheinend als Sonntagsspaziergänger zufällig durch den Torweg kam; nach seiner reichlich verbrauchten Kleidung ein Handwerksmann wie die andern, aber mit feinem Knebelbart, dem Künstlerfchlips und dem Gehrock aus blauem Tuch augenscheinlich bemüht, etwas besseres vorzustellen.
Der fragte gleich — die Stimme war heiser und Johannes sah auch den rotgeränderten Augen an, daß er ein Trinker war — was es da gäbe? Und als ihm einer, den er mit Heinrnich anredete, ein bläßlicher Jüngling, schüchtern aber mit theaterhaften Reden den Fall erklärte, während die andern wie Statisten auf der Bühne schweigend abwarteten, wandte er sich als der Heldenspieler der Bande Johannes zu, den die Komödie zu sehr überraschte, als daß sein Aerger gleich Lust bekam: Wenn es der junge Herr erlaube, wär; es am einfachsten, feine Taschen zu visitieren! Obwohl er weder als Johannes Müller, in Woll- und Strumpfwaren auch Trikotagen, noch sonst bereit war, das zu erlauben und die Komödie länger mitzumachen, hatte ihm der Mensch mit einem Griff von merkwürdiger Gewandtheit einen ledernen Geldfack aus der Rocktasche geholt, bevor er sich wehren konnte. Der, den sie Anton nannten, und der jetzt erst wieder seinen Hut auffetzte, erhielt fein reklamiertes Eigentum zurück, die anderen machten noch eine höhnische Verbeugung, bann gingen sie stillschweigend wie Statisten fort.
Johannes war jo verdutzt, daß er sie gehen ließ, dankbar, sie mit der Komödie wieder los zu sein: sie waren aber noch nicht im Tor, als der Knebelbart dem Anton eine Börse hinhielt: bann gehöre ihm die wohl nicht? Und während der Bursche trotzdem gleich danach griff: So gib dem jungen Herrn fein Eigentum zurück.
Als Johannes den Menschen schon wieder mit dem Hut in der Hand auf sich zukommen sah, wurde ihm der Spaß zu plump, der hier nm hellen Tag mit ihm getrieben wurde; er ging in raschem Zorn an ihnen vorbei dem Ausgang zu, um endlich von den Kerlen loszukommen. Warum denn sein Vermögen so verschwenden? hörte er die heisere Stimme des Knebelbartes hinter her spotten, und wie er sich doch noch einmal umwandte, wurde es ihm für einen Augenblick furios im Kopf; denn was der Anton hinter ihm herbrachte in feiner höhnischen Demut, war wirklich seine altmodische grüne Börse, die er in den hinterlassenen Dingen seines Vaters gesunden hatte und seitdem als eine Art Andenken trug. Indem er, von aller Haltung verlassen, nach seiner Hosentasche griff und endlich das verblüffte Gesicht machte, worauf die Spaßvögel nur gewartet hatten, brach auch schon wieder ihr Gelächter los, das er nun kannte.
Er sah jetzt, bah alles nur ein verabredetes Taschenspielerkunststück gewesen war, aber als ihm der mit dem Knebelbart ruhmredig aus» einandersetzte, wie sie die Börse unten bei der Martinskapelle gesunden — wo er sie augenscheinlich mit dem Taschentuch herausgezogen hatte, als er durch ihr Gelächter verwirrt, die Erde von seinen Hosen ab- klopfen wollte — und daraufhin diesen Spaß verabredet hätten: mußte er ihnen wohl oder übel dankbar fein, sein Eigentum wieder zu haben, ohne daß er weder im Herzog von Nassau seine Zeche bezahlen, noch abreisen konnte und also mit seinem Abenteuer an ein blamables Ende gekommen wäre. So konnte er. als ihm der Mensch nahe legte, den Finderlohn in der Burgwirtschaft mit einem Liter Wein abzustatten — was dankbar angenommen würde — nicht gut abwehren und saß nach wenigen Minuten mit einer Gesellschaft beim Wein, in die er auf die sonderbarste Art gekommen war.
verantwortlich: Dr. Hans Thhrtot. — Druck und (Betlag: Dtühl'fche Aniverf itäts-Duch- und Steinbrudetei, R. Lange. Gießen»


