Ausgabe 
13.12.1935
 
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Leben nicht ein einzigesmal daran gedacht, daß Krick darum zum Mörder geworden war!

Das ist wohl wahr, antwortete es in ihm, aber in Wahrheit hast du nach den langen Jahren gehofft, Krick würde niemals wiedcrkommen, nicht wahr, und haft dich damit beruhigt, daß es feine Sache fei, wie er das Geld bekommen habe, und nicht die deine. Sag nicht, daß ich dich damals nicht gleich gewarnt hätte! Aber du wolltest nicht auf mich hören, erinnerst du dich^ nicht? Nun bist du in derselben Verdammnis wie er! Lebst du sozusagen nicht noch heute von dem Raube, den Krick beging, und hast auch den Grund, auf dem du hier stehst, damit bezahlt? Mit­gegangen mitgehangen, Lars Hullrnann, das ist nun nicht anders!

War es nicht lächerlich, wie schwindlig und übel ihm mit einmal wurde? Es war eine Empfindung, wie er sie ähnlich vor Jahren bei der Arbeit im Hasen gehabt hatte, als ihm unter einem Stamm Teakholz, den er auf den Schultern gehabt hatte, bei der übergroßen Anstrengung plötzlich schlecht zumute geworden war.

Als Lena eine Weile später aus dem Hause trat und nachsehen wollte, warum Lars nicht endlich zum Morgenbrot wieder hereinkomme, sand sie ihn besinnungslos neben dem Brunnen aus dem Boden liegen, die eine Hand wie im Krampf in die Erde gekrallt.

Von diesem Tage ab geriet Lars in ein dumpfes Hinbrüten. Aber das lag wohl daran, meinte Lena, daß er sich bei seinem Fall einen inneren Schaden zugezogen hatte und seine frühere Frische und gute Laune nun nicht gleich wieder zurückkehren wollten. ... Sein Gesicht hatte die Farbe verloren, und sein Blick war erloschen und tot. Nur zuweilen, wenn er schweigend und in sich versunken dasaß, glühte sein Auge plötzlich Über einem Gedanken auf, und ein unstetes Flackern in feinem Blick verriet, wie es in ihm arbeitete ...

Erst nach Tagen nahm er feine Arbeit wieder auf.

Sag mal, Lena", fragte er eines Mittags, als er nach der Feldarbeit wieder ins Haus trat,meinst du nicht auch, daß Klein-Jan eigentlich verdammt wenig Aehnlichkeit mit mir hat?"

Wie kommst du denn darauf?" fragte Lena erstaunt. Aber Lars war in der letzten Zeit öfter so wunderlich. Man mußte Geduld mit ihm haben.

Es ist mir aufgefallen", antwortete Lars und schickte einen stechenden Blick zu ihr hinüber.

Nun", wollte Lena ihn trösten,dazu kann doch schließlich niemand etwas, wenn es so ist. Aber du sollst sehen, er verändert sich noch, das ist bei Kindern häufig so."

Meinst du?" fragte Lars zögernd.Gewiß, so was soll ja vorkom­men, aber es bleibt doch wunderlich. Nicht einen Zug hat der Bursche von mir. Nicht mal die Augen. Aber wenn du sagst, daß es nicht deine Schuld ist, muß ich es ja wohl glauben."

Meine Schuld?" fragte Lena.Was willst du damit sagen?" Eine flammende Röte war in ihr Gesicht getreten und wich nun einer jähen Blässe.Nein, das das ist ungeheuerlich von dir, Lars!" rief sie und brach in Tränen aus.

Aber ich behaupte doch gar nichts!" antwortete Lars verdrossen. Stell dich doch nicht an, nicht wahr? Ich fragte doch nur, weiter nichts!"

Das ist es ja", rief Lena.Aber so geht es immer, und am Ende bin ich jedesmal an allem schuld. Zuletzt kommst du auch noch und sagst, daß es meine Schuld ist, wenn der Kleine hinter seinen Jahren zurück­geblieben und Überhaupt nicht ganz so ist, wie wir ihn gern gehabt hätten."

Lars schwieg. Es beruhigte ihn ein wenig, Lena so sprechen zu hören, und beinahe war es eine Wohltat für ihn, sie so ungehalten zu sehen. Ja, er wäre froh gewesen, wenn sie ihn ins Gesicht geschlagen hätte, weih Gott.

Niemand hatte den Kleinen gerufen, aber nun er die Stimmen feiner Eltern lauter als sonst gehört hatte, war er plötzlich da, und wenn er auch nicht begriff, was vorging, und niemand ihm ein hartes Wort sagte, ängstigte ihn die finstere Miene, mit der ihn (ein Vater musterte, doch so, daß sich sein Gesicht, das faltig und wunderlich wie das eines alten Mannes war, gleichfalls zum Weinen verzog. Häßlich und ungestaltet wie ein Gnom stand er da und meinte, ohne daß ein Ton dabei aus ihm herauskam, hilflos und vergrämt, bis er unter der Schürze feiner Mutter Schutz fand und den Kopf in ihrem Schoße verbarg.

ijafj man niemals in Ruhe mit dir sprechen kann, Lena", murrte Lars verdrossen.Ich habe dir nichts vorgeworfen, gar nichts, wenn du daran denken willst, ja? Ich fragte nur, und fragen wird unsereiner ja wohl noch dürfen, sollte man meinen."

Da er keine Antwort bekam und Lena nur fortfuhr zu schluchzen, griff er wieder zu der Plaggenschaufel, die er beim Nachhausekommen aus der Hand gestellt hatte, und kehrte an seine Arbeit aus dem Heide­stück zurück, das er urbar machen wollte. Mit verbissener Wut begann er von neuem die Plaggen zu hauen, wenn er sich auch sagte, daß es zweck­los sei, sich damit zu quälen, nun es ja bald vorbei sein würde mit der ganzen Herrlichkeit hier draußen, so ober so. Aber er hielt bas Stillsitzen im Hause nicht aus. Die Arbeit lenkte ihn wenigstens von seinen Ge­danken ab, und je saurer sie war, desto willkommener war sie ihm.

Stiernackig und zäh arbeitete er weiter, daß ihm trotz der kühlen Luft der blanke Schweiß unter dem Mützenrand auf die Stirn trat. Dabei spürte er kaum eine Ermüdung. Ja, der Widerstand, den ihm das zähe Wurzelgeflecht der Heide entgegensetzte, schien seine Kraft nur zu verdoppeln.

Erst am späten Nachmittag, als es zu dunkel geworden war, um noch einen Schlag zu tun, kehrte er ins Haus zurück, fütterte das Pferd und fetzte sich bann unter die Stallaterne, um noch ein paar Besen zu binden und nicht von neuem ins Grübeln zu geraten. Gedanken waren das Schlimmste für ihn, was es gab. Sie waren wie Fledermäuse, so leise wie sie tarnen, foaen einem bas Blut aus unb bissen sich so fest, daß man sie nicht wieder abzuschütteln vermochte. Er brauchte nur einige Augenblicke bie Hänbe ruhen zu lassen, unb schon waren sie da und fingen an, ihn zu quälen. Dann saß er regungslos da, starrte mit heißen

Augen vor sich hin und versuchte zum hundertsten Male einen Weg zu finden, um aus dem Dickicht wieder herauszukvmmen, in das er geraten war

Zuerst hatte er versucht, sich das Geld zu leihen, das er Krick schuldete. Das schien ihm der einfachste und nächstliegende Weg zu sein. Aber der Knüppel lag beim Hund, unb so einfach, wie er es sich gedacht hatte, war es nicht. Zuletzt hatte er einsehen müssen, daß es aussichtslos für ihn war, auch nur einen Pfennig zu bekommen. Der Vorsteher im Büro des Rechtsanwalts, bei dem er den Kauf des Hauses abgeschlossen hatte, hatte es ihm sofort gesagt, und so einfach hätte er sich jeden weiteren Weg sparen können.Bei allem guten Willen, Hullmann, aber es ist nicht möglich, sehen Sie mal. Einmal ist heute sowieso schwer Geld auszu- treiben, und zum anderen hätten Sie dann ja auch so gut wie keinen Pfennig Eigenes mehr in Ihrem Hof!"

Nun ja, gewiß, das wußte Lars natürlich selber auch. Man sollte ihn doch nicht für so dumm halten, daß er daran etwa nicht gedacht hatte. Aber vielleicht gab es einen anderen Weg? Auf Schuldschein wurde doch auch Geld verliehen, nicht wahr, und er war doch ein ehrlicher Kerl unb würbe es ganz gewiß nach unb nach abzahlen, da brauchte niemand Sorge zu haben ... Nur ein paar Jahre Ruhe sollte man ihm lassen, und alles würde seine Richtigkeit kriegen. Aber man hatte ihn beinahe damit ausgelacht.

Nein, das sei nun erst recht aussichtslos, und er solle nur gar keine Versuche mehr machen, auf diese Weise zu Geld zu kommen. Wozu er denn auch so unbedingt Geld brauche? Mit den Hypotheken sei doch alles in Ordnung. Warum er denn da nur schon wieder Geld aufnehmen wolle? Er denke doch nicht etwa daran, zu bauen? Denn um Anschaf­fungen zu machen, werde er doch kein Geld leihen wollen?

Noch einfacher wäre es ja für ihn gewesen, wenn er die Stelle hätte verkaufen können und Krick so befriedigt hätte. Aber bas war erst recht unmöglich in einer Zeit, wie sie nun einmal war. Nein, es gab keinen Weg für ihn, er mochte sich nun drehen und wenden, wie er wollte.

Aber immer, wenn er mit seinen Gedanken so weit gekommen, begann er die Dinge von neuem zu überdenken, und wenn er sich auch jagte, daß es verrückt sei, noch länger nach einer Möglichkeit zu suchen, er kam nicht davon los.

Zuletzt überfiel ihn eine dumpfe Verzweiflung. Mochte denn alles gehen, wie es wollte.

Mit Lena hatte er sich noch am selben Abend wieder ausgesöhnt. Natürlich wußte er selber, daß es Unsinn war, was er sich da ausgedacht hatte. Aber kam es nicht zuweilen vor, daß sich Frauen an einem anderen Manne versahen und das Kind, das sie trugen, später kaum eine Aehn­lichkeit mit seinem eigentlichen Vater hatte? Nun, jedenfalls hatte Lena keinen Grund, sich noch länger über seine Worte zu grämen, denn er hatte im Aerger gesprochen, unb was er gesagt hatte, wog boch nicht so schwer, daß sie darüber den Kops hängen zu lassen brauchte. Es konnte ja auch sein, daß er sich die Aehnlichkeit des Kleinen mit Krick nur ein­gebildet hatte ... Nun ja, er hätte es nicht so zu sagen brauchen, wie er es getan hatte, bas war richtig, aber sagte Lena nicht zuweilen auch ein Wort, das ihr hinterher leid tat?

Am Abend vor dem Tage, an dem er Krick zurückerwartete, erfaßte ihn wieder eine so quälende Unruhe, daß er plötzlich das Haus verlies und ins Moor hinauslief.

Wohin er eigentlich wollte, wußte er selber nicht. Aber es war unmög­lich für ihn, noch länger untätig zu Hause zu sitzen unb bei jebem Geräusch, bas sich hören ließ, zusammenzuzucken, ob es vielleicht schon Kricks Schritte waren.

Es war gewiß nicht recht von ihm, Lena mit allem sitzen zu lassen und seiner Wege zu gehen. Nein, das war es wohl nicht. Silber Lena wußte ja nichts, und Krick würde sich schön hüten, Dinge zu berühren, die er ihr am wenigsten verraten würde ... Und bann: er würde ja wiederkommen unb selber schon mit Krick abrechnen, o, keine Sorge baruml Nur sitzen unb warten konnte er nicht mehr. Es zermürbte ihn einfach.

Für alle Falle hatte er Lena alles Geld gegeben, das er für Krick nur hatte flüssig machen können. So hatte er bas Schwein verkauft, das er für die Zucht hatte behalten wollen, unb auch die beiden Speckseiten, die noch immer im Rauch gehangen hatten. Dazu die Kuh. Das war der schwerste Entschluß gewesen. Denn von der Kuh hatten sie gelebt sozusagen, unb wenn er auch eine Ziege wiebergekaust hatte, bamit sie nicht ganz ohne Milch blieben über Winter, so war bas boch fein Ersatz, so gut wie bie Kuh sich gemacht hatte. Dazu waren bie Preise für so ein Stück Vieh lo niedrig rote nie zuvor, und es war ihm unmöglich gewesen, auch nur die Hälfte von dem, was er selber bezahlt hatte, dafür wiederzubekommen. Aber mit dem andern genügte es vielleicht, Krick zunächst mal den Hals zu stopfen. Wenigstens sah er doch feinen Willen ...

Ist das alles, was du Krick schuldig bist?" hatte Lena gefragt.

Nein, es fehlte noch eine Kleinigkeit, unb er wolle sehen, ob er sie vielleicht noch beschaffen könne ...

Der Abend war kalt und sternklar. Dazu kam der Mond auf, so daß er den Weg gut verfolgen konnte. In den Kiefern am Wege fang der Wind, unb auf den Gräben, bie wie am Lineal geschnitten burch das Feld liefen, schillerte das erste Cis.

Lars ging, als habe er alles, was ihn bedrückt und gequält hatte, nun hinter sich gelassen. Ihm war, als könne er eine ganze Ewigkeit hindurch so weitergehen, ohne zu ermüden ...

Erst als der SDlorgen graute, trat er in dem nächsten Dorf in eine Wirtschaft.

Die Magd kam eben aus dem Stall und hatte gemolken, unb bie warme Milch buftete aus bem Eimer, ben sie trug.

In ber Gaststube war es warm unb still. Er ließ sich einen Schnaps einschenken unb merkte erst jetzt, nun er zum Sitzen kam, wie müde er geworden war. Aber er wollte es nicht zeigen, tat, als wäre er ganz frisch unb begann eine Unterhaltung mit bem Wirt, ber verschlafen hinter bem Schanktisch ftanb unb Gläser spülte.

(Fortsetzung folgt.)