Eichener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang 1955
Sreitag, den 13. Dezember
Nummer 97
Lars der Gerechte
Roman von Wilhelm Scharrelmann
cht immer geahnt, daß nicht die Tasche voll Geld gehabt
ihm zu, du mich er Lust mal die
„Lars!" rief Lena erschrocken, chatte sie nii alles damit in Ordnung war, als Lars immer
waren, „ . , n
, Wehre dich doch nicht länger dagegen, Lars , redete Lena „Ich glaube ja doch, daß es so ist, wie ich sage,"
„Ja, wenn du mir doch nicht glauben willst, warum fragst da überhaupt noch? Da kann unsereiner also wohl sagen, was
hat, he?" ,, .
„Darum bist du auch immer so verschlossen gewesen, wenn Rede darauf kam!" beharrte Lena, ,. .
„So, Also das glaubst du! Nein, wie schlau du doch bist! Da mußt du Krick ja für einen mächtig reichen Kerl halten, daß er mir, so mir nichts dir nichts, gleich ein paar Tausender für den Hof hier hatte geben können, wie?" ,, , , , . m _________
„Nein, Lars. Ich fürchte, daß es nicht einmal jein Geld war. wenn
5. Fortsetzung.
Als Lena am andern Morgen aufstand und aufs Flett hinaustrat, Snd sie Lars noch am Herd sitzen, den Kopf vornübergebeugt, die Ellengen auf die Knie gestützt.
Du lieber Gott, war er da, nachdem er Krick hinausgewiesen hatte, km Sitzen eingeschlafen?
„Lars!" sagte sie und faßte ihn leise an die Schulter. Aber sie erschrak erst recht, als sie merkte, daß er durchaus nicht schlief, und nur so versunken in sich selber dasah, daß er ihr Kommen ganz überhört hatte.
„Was ift?'' fragte er und fuhr aus seinem Hinbrüten auf. Seine Stimme klang heiser und seine Augen tauchten mit einem erloschenen Blick in die ihren.
„Bist du über Nacht gar nicht im Bett gewesen, Lars?"
„Nein", antwortete er. „Mir war nicht zum Schlafen."
„Hat Krick es dir so schwer gemacht? Sag nicht nein, Lars, ich hörte sa, wie ihr euch strittet. Ihr wurdet so laut, daß ich beinahe Angst bekam. War er nicht zufrieden mit dem Gelde, das du ihm gabst?"
„Ach, sei still davon!" wehrte Lars ab, müde und gereizt. „Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er gern noch mehr genommen, das kannst du dir doch denken."
„So?" antwortete Lena und zog die Stirn kraus. „Sind wir ihm vielleicht etwas schuldig, wie? Denn wenn er dir früher mal was geliehen hat, kann es wahrhaftig nicht viel gewesen sein, sollte man meinen. Er hatte doch selber immer so gut wie nichts. Oder hat er dir etwas aus Amerika geschickt? Nein? Ja, wie kommt er denn überhaupt dazu, dich um Geld anzugehen? Er kann sich doch denken, wie schwer wir es selber hier draußen haben!"
Im selben Augenblick begriff sie, es mußte wohl ein Zusammenhang sein zwischen dem Kaufgeld für den Hof und der Forderung, die Krick an Lars gestellt hatte? Aber wie war das möglich? Krick war doch die vielen Jahre in Amerika gewesen, und vorher hatte er ebensowenig besessen wie Lars!
„Bist du ihm wirklich etwas schuldig, Lars? Ich meine, etwas von Belang?"
„Ja, siehst du", erwiderte Lars hilflos und gequält, „ich wollte nicht, daß du davon wissen solltest, Lena, bei allem, was hier auf dir liegt. Aber nun du es erraten hast — ja, ich bin ihm einen Posten schuldig, und nun wollte er alles mit einem Schlage zurückhaben."
hatte?
„Ja, Lena, es ist eine dumme Geschichte, das ist richtig, aber ich will sein Geld nicht mehr, das kannst du mir glauben, und ich werde schon Wege finden, daß er alles bis auf den letzten Pfennig zurückkriegt, das ist gewiß."
„Und du weißt auch, woher du es nehmen willst? Wieviel ift es denn?" fragte Lena beklommen, nun ihr endlich der Augenblick gekommen schien, klar zu sehen.
Lars zuckte die Achseln. „Oh, ich werde mir schon„helfen, da ist mir nicht bange. Laß du das nur ganz meine Sorge fein."
„Willst du mir nicht sagen, wieviel es ist?" drang Lena von neuem in ihn. „Hast du vielleicht das,' was du hier in das Haus gesteckt hast, durch ihn bekommen?" setzte sie hinzu.
„Ach, was du nicht glaubst!" wehrte Lars ab und stand von seinem GflUm ihrem Blick zu entgehen, machte er sich auf der Diele zu schaffen und fegte die Heuhalme zusammen, die Hopla aus der Raufe gefallen
er es dir gab, und daß er dir wohl auf andere Weise dazu verhalfen hat, siehst du."
Lars antwortete nicht. Warum versteckte er sich noch länger? War es nicht erbärmlich, zu lügen, und hatte Lena ihn nicht schon erkannt? Ein Schauer überlief ihn. Aber das kam von der schlaflosen Nacht, die er hinter sich hatte, und dem Hocken vor dem niedergebrannten Feuer. Kaum, daß er klar zu denken vermochte!
Als wäre ihm über Nacht eine Spinne über das Gehirn gekrochen und nun bliebe jeder Gedanke in ihrem verdammten Gespinst hängen.
„Sag' es mir, Lars", bat Lena. „Ich hab' doch wohl ein Recht, - zu wissen —"
Aber Lars hatte das Haus schon verlassen und zog die Tür mit einem Ruck hinter sich zu.
Es war ein windiger, trüber Morgen. Der Regen hatte aufgehört, aber der Himmel stand noch düster und drohend über dem weitert Moor.
Lars machte den Eimer am Brunnen los und stieß ihn auf das Wasser hinab, das kaum einen Klafter unter der Erde stand, hatte ihn aber doch noch nicht wieder heraufgezogen, als er sich angerufen hörte.
Nein, war es zu glauben? Es war Krick, der höhnisch grinsend soeben aus der Scheune trat und jetzt die Tür hinter sich zudrückte.
„Es war mir doch zu dumm, bei Nacht und Nebel hier durch das Moor zu biestern", erklärte er gelassen. „Und müde war ich auch. Da hab' ich denn in deiner Scheune im Heu geschlafen. Es lag sich auch ganz gut da. Man hat ja schon schlechter geschlafen, nicht wahr? Nur etwas zugig war es. Aber ich blieb doch trocken, und das war die Hauptsache. — Na, denn auf Wiedersehen, Lars Hullmann", grinste er, als er keine Antwort bekam und Lars nur fortfuhr, ihn aus übernächtig großen Augen anzu- ftarren, als sähe er eine Erscheinung. „In vier Wochen also, nicht wahr? Sagtest du nicht, daß du die Sache zwischen uns dann ins Reine bringen wolltest?"
Er schwenkte die Mütze und ging.
Lars stand der Atem still, und feine Hände ballten sich wie im Krampf. Dieser Mensch war das Unglück seines Lebens geworden. Da ging er hin, sprang über den breiten Zuggraben am Wege, als wäre das nichts für ihn, und die Last, die auf ihm lag, beschwerte ihn nicht um einen Deut!
„Geh' zum Satan, du!" rief Lars ihm nach und fchüttelte die Fäuste. „Geh' zum Satan, sag' ich!"
Aber Krick hörte es schon nicht mehr.
Verstört trug Lars den Eimer mit Wasser ins Haus, tränkte das Pferd und kehrte dann wieder an den Brunnen zurück, um sich an dem Trog zu waschen.
Das brunnenkalte Wasser und die Kühle des Morgens beruhigten ihn und machten seine Gedanken wieder klar. Ihm war, als beginne er jetzt feine Lage zu Merfehen.
Ja, das hatte Krick sich gut ausgedacht! Sich hier zu ihm ins Haus zu fetzen, sich von Lena pflegen zu lassen, und ihm bas Mark aus den Knochen zu saugen, bis er bas Geld beschaffte? So was! Nein, bas war das letzte. Eher hängte er sich am nächsten besten Nagel auf!
Hatte Krick nicht sogar gemeint, daß Lena es vielleicht ganz gern gesehen hätte, wenn er bei ihnen geblieben wäre? Hahaha! Er hätte nur wissen sollen, wie sie sich vorige Nacht gefreut hatte, als er ihm den Stuhl vor die Tür setzte und sie ihn wieder aus dem Hause los waren! Lena? Ha was sich bloß der Krick einbildete! Denn wenn es auch einsam genug hier draußen war — nach Kricks Gesellschaft hatte sie wohl am wenigsten Verlangen, das wollte er ihm jeden Augenblick schriftlich geben! Oder glaubte Krick vielleicht, daß Lena jemals ein Auge auf ihn gehabt hätte? Denn so hatte es ja beinahe geklungen, als er davon sprach, daß er damals eigentlich nur Lenas wegen mit ihm auf Hamfterfahrt gegangen war. Aber das hatte er nur erfunden, um auch Lena noch mit in die Geschichte zu verwickeln, die er auf dem Gewissen hatte! Oh, Krick sollte ihn nur nicht für dumm halten, so wie er ihn durchschaut hatte. Darum hatte er ja auch behauptet, daß er, Lars Hullmann, für ihn Schmiere gestanden habe. Was hatte er im Ernst mit der ganzen Sache zu tun, he? Hatte er vielleicht wissen können, was Krick so lange in dem alten Laden trieb und warum er nachher so eilig mit ihm in die Stadt zurü^ ging? Und konnte er vielleicht wissen, was es mit dem Paket aus sich hatte das er so lange für ihn aufbewahrt hatte, bis er eines Tages nicht mehr ausgehalten und es geöffnet hatte? Das hätte jeder andere doch ""^Nei^'nun mußt du dich nicht herausreden, Lars Hullmann, meldete sich da in ihm die Stimme wieder, die er schon während der Nacht in sich vernommen hatte, und wieder spürte er das eigentümlich saugende Gefühl unter dem Herzen, durchdringend und brennend, als hatte ihm jemand einen glühenden heißen Bolzen in den Leib gestoßen... Hast du das Geld nicht vielleicht für dich verwendet? Und haft du dir nicht vorher selber gesagt, daß einer wie Krick eine solche Summe nicht auf ehrliche Weise in die Hände gekriegt haben konnte?
Ja, ja, gewiß, das gab er zu. Aber er hatte doch in seinem ganzen


