Betragen. Und nun nahm man den 1V. Todestag des Meisters. (4. Januar 1890) 3um Anlaß, um das Bild der Nürnberger Oefsentlichkett zu übergeben. „Die zehnjährige Totenfeier in Nürnberg war schon und würdig, -lehn Lorbeerkränze auf hem Grabe, ein prachtvoller von der Stadt Nürnberg gewidmet, der Bildsaal in einen Lorbeerhain verwandelt ein zweiter, noch prächtigerer, wahrhaft königlicher Kranz von der Stadt Nürnberg gewidmet am Fuße des Bildes. Für zwei Tage freier Eintritt des Publikums. Großer Andrang. Das Werk im schönsten Licht bet Hellem Himmel, die Beschauer in andächtig ehrfurchtvoller Bewunderung des Gemäldes, welches so gut restauriert ist, daß man glauben konnte, es tarne eben von der Staffelei. „Wohl der Stadt, die ein solches Kleinod tn ihren Mauern hat", lautet das Urteil. Der Eindruck unauslöschlich, unvergeßlich. So hat man mir den Vorgang mündlich und schriftlich geschildert. Ich habe meine Schmerzenstränen ins Kanapeekissen geweint, wie es einem alten richtigen Pechvogel geziemt. Monatelang hatte ich auf diese Stunde gehofft Doch was tut es. Ich komme nicht in Betracht. Das Bild ist gerettet — gerettet für alle menschliche Zeit. Es wohnt in feinem Gemach, hundert Stufen hoch. Es ist ausgestellt, man kommt zu ihm. Niemand rührt es an. — es hat feine Heimat, und zwölf Minuten entfernt ruht fein Schöpfer. — Ihr könnt euch denken, daß ich diese Tage her immer damit beschäftigt war. Es ist für mich ein großes ein einziges Gluck und für Anselms Künstlerruhm die bleibende Gewähr. Als ich das Bild vor Wochen zum erstenmal sah, da stockte mir der Atem. Das war die Amazonenschlachtl Die geschmähte, verachtete, zerbrochene — Anselms Lieblingsbild. Er hatte wohl recht. Es geht über das Gastmahl hinaus. Das sind die Worte, mit denen Henriette, die halb erblindete Frau, die sich nach Ansbach zurückgezogen, das Ereignis ihren nächsten Verwandten schildert.
Noch andere Fäden verknüpfen Feuerbachs Andenken mit Nürnberg, das er zuerst in feiner Studienzeit, auf der Reife von Düsseldorf nach München, als Gast der Großmutter kennenlernte. Das Herz des Jünglings war damals für die altteutfche Mode und die Kunstschätze der ehrwürdigen Reichsstadt nicht unempfänglich gewesen; und kurz vor seinem Tode beschäftigte er sich wieder mit Nürnbergs mittelalterlicher Geschichte, um ein großes Bild zu malen, das durch den historischen Gegenstand und das friesartige Format ebenfalls eine Sonderstellung unter feinen Werken einnimmt: Dargestellt ist die Verleihung von Privilegien an die Nürnberger Bürgerschaft durch Kaiser Ludwig den Bayern auf dem Reichstag 1317. Die edle Typisierung der Vertreter der einzelnen Reichsstände in überlebensgroßem Maßstab und ihre festliche Zusammenfassung in einer zwanglosen Komposition mit der Burg Nürnberg im Hintergrund, von dem für Feuerbach ungewöhnlichen Goldgrund überstrahlt, und nicht zuletzt seine Farbenpracht rücken das Gemälde in weiten Abstand von den damals üppig aufschießenden kostüm-theatralischen Geschichtsmalereien. Für diese allerletzten, in Venedig entstandenen Werke des Meisters gilt das ernste Wort der Mutter „Hätte Anselms Leben eine heitere Farbe, würden es auch seine Bilder haben", nicht mehr in vollem Umfange; ihre Farbigkeit ist wie verklärendes Abendrot, das einen silbrig kühlen Tag beschließt. „Es ist ein stiller Hauch darin ttotz aller Pracht und höchstem Farbenglanz und Goldfchimmer, der nur raphaelisch genannt werden darf. Anselm ist erst fetzt in seine Blüte getreten. Komposition in Linie und Stil, Charakteristik der Köpfe, Anmut der Gestalten — kurz höchste Kunstschönheit, wie aus dem Cingue Cento auferstanden und doch modern! Alles, was er bis jetzt gemacht hat, fällt ab gegen die Herrlichkeit dieses Bildes in seiner Einfachheit, Naivität, Wahrheit und Schönheit." So die Mutter bei Gelegenheit der Ausstellung des Kaiser-Ludwigbildes im Nürnberger Ralhausfaal, von wo es dann an feinen Platz in der Handelskammer gebracht wurde. Da man Feuerbach die Wandmaße falsch angegeben hakte, mußte das Bild dort zum Teil verdeckt eingelassen werden. Der wirtschaftliche Nutzen aus diesem Auftrag war ebenfalls sehr gering, und der Wunsch der Mutter, daß es dem Künstler den verdienten Ruhm bringen möge, konnte sich.an so entlegener Stelle schwerlich erfüllen. Es sind immer wenige Kunstfreunde geblieben, die den Weg zu dem unromantischen Sitzungssaal gesunden haben, dessen kostbaren Schmuck die Leinwand bildet.
Dagegen ist nun die „Amazonenschlacht" in einen bevorzugten Blickpunkt des Kunsttebens gekommen und wohl nicht zufällig an eine Stätte musikalischer Kultur. Man hat Feuerbach längst als den „musikalischen Maler der modernen Kunst" bezeichnet, nicht nur weil er ein Freund und Kenner der Musik war, sondern well seine eigenen Schöpfungen mehr als „gewöhnlich „gemalte Musik" sind. Gerade die „Amazonenschlacht" ist in diesem Zusammenhang als Beispiel einer „wahren Polyphonie von Tönen, Linien und Farben" herangezogen worden. Wenn schließlich die Nürnberger Oper sich mit Recht als Heimstätte von Richard Wagners „Meistersingern" betrachtet, so hat man ja immer wieder die Namen der beiden großen Künstler in einem Atem genannt, sei es als gegensätzliche Persönlichkeiten, die sie im Leben gewesen sind, sei es, daß man sie „im Lichte unverkennbarer künstlerischer Wahlverwandtschaft" sah. Ohne diese schwierige Frage voreilig entscheiden zu wollen, darf man sich freuen, die beiden überragenden Genien jetzt in so bemerkenswerter Nachbarschaft anzutresfen.
Oie Vision.
Von Hans Franke - Heilbronn
Noch immer ist nicht alles seltsame und merkwürdige Geschehen, das sich zu Zeiten des großen Krieges zutrug, in den Annalen und Büchern verzeichnet worden. Die großen kriegerischen und politischen Denkwürdigkeiten, die Geschicke von Führern und Helden freilich haben ihre Chronisten gefunden; aber noch immer harren unendlich viele Begebnisse des anekdotischen Griffels, die sich an den Peripherien der Schlachtfelder zu- trugen und die so, wie sie sich zutrugen, nur unter der drohenden, alles zermalmenden Stahlwolke des Völkergewitters möglich gewesen sind. — Zu diesen seltsamen Geschichten, wie sie uns immer aufs neue nachdenk
lich ffimnfen, gehör! ohne Zweifel das Schicksal eines gulmuftgen untüchtigen Kaufmanns aus P., der im österreichischen Heere seine soldatische Pflicht tat. Ich erfuhr dieses seltsame und überaus tragische Schicksal durch einen Freund, der es mir mit diesen Worten erzählte:
Ich hatte schon vor dem Kriege geschäftlich viel in P., einer hart um- ochtenen Festung im damaligen österreichischen Galizien, zu tun gehabt und zu meinen hauptsächlichsten Kunden gehörte ein für den dortigen Platz wohlgeführtes und sauberes Geschäft, das Alfred W. mit einer nicht weniger tüchtigen und resoluten Frau, mit der er zudem aufs glücklichste verheiratet war, betrieb. Ich war immer sehr gerne in diesem Geschäft, die Bestellungen waren stets schnell aufgegeben, die Muster rasch durchgesehen und die Abschlüsse ohne Einwände zu Papier gebracht. Die guten 'leute wußten sich schnell zu entscheiden und ihr kleines, damals vier- lähriges Töchterchen, dem ich eine Kleinigkeit mitzubringen pflegte, sah uns dabei spielend und fragend zu. Meist wurde ich zum Essen geladen, oder wir gingen abends in ein größeres Gasthaus, von wo wir uns dann „bis zum nächsten Jahre" verabschiedeten.
Es gab sich nach dem Kriege nicht gleich, daß sich die geschäftlichen Beziehungen wieder aufnehmen ließen, ja, es verging weit über em Jahrzehnt, bis ich selbst wieder auf dieser Reiseroute tätig war. Wie erstaunt war ich daher, als ich das saubere Geschäft nicht mehr an seinem Platze, dafür aber ein schmutziges und mit allerlei Volk angefülltes Cafe vorfand. Unter mancherlei Mühen konnte ich nun ermitteln, daß die Frau des Kaufmanns sich in W. — wohin meine Reise mich einige Wochen später führte — bei Verwandten aufhatte; die Tochter war nun em lunges Mädchen geworden, das in einem Rechtsanwattbüro das Nötige für sich und die Mutter erwarb. Die Mutter selbst war durch die Schicksalsschlage vollkommen gebrochen, so daß ich erst auf einem kleinen Abendspaziergang aus dem Munde des Mädchens die Geschicke seines Vaters erfahren konnte. Es erzählte mir, oftmals mit Tränen in den Augen, folgendes.
Der Vater, der als Unteroffizier an die Front gekommen war, erhielt gegen Ende des Krieges bei einem Gefechte einen furchtbaren Säbelhieb über den Schädel, der ihn zunächst besinnungslos zu Boden warf. Die Schlacht zog über ihn hinweg. Als er erstmals aus feiner Betäubung erwachte, sah er — so lauteten von Anfang an feine über diese Stunde gegebenen Auskünfte — wie sich der Kopf einer wunderschönen und milde lächelnden Frau über ihn beugte Und als er im Feldlazarett zum zweiten Mal erwachte, war feine erste Frage nach dieser Frau. Als man ihm keinerlei Auskunft zu geben wußte, sich auch seinen ununterbrochenen Fragen gegenüber zuerst verwundert, bann barsch verhielt, wurde der Vater ganz still und beinahe unnahbar. Je stiller er aber wurde und je mehr er wähnte, daß man ihm geflissentlich eine ans Wunder grenzende Verregnung verschwieg, desto mehr erhöhte sich die Gestalt der Unbekannten" in seinem Herzen. Bei dem Erholungsurlaub daheim war er unumgänglich, wirr, unwirsch und uns allen ein trüber trauriger Gast. Mutter hat schon damals viel gemeint, denn Vater war wie auf einer anderen Welt, nichts kümmerte ihn, ich war ihm gleichgültig, noch mehr das Geschäft, nur der Wille zur Front beherrschte ihn. Aber kaum war er wieder hinausgekommen, als wir hörten, daß er durch Zerstreutheit, Widerstand, Entfernung von der Truppe Strafe auf Strafe verbüßte und immer nur anzugeben wußte: er müsse „die Unbekannte" suchen, die ihm auf dem Schlachtfelde von damals der Himmel zum Tröste gesendet habe. Diese Gestalt mag sich im Laufe der Zeit immer mehr in ihm vertieft haben, sie wurde ihm zum Fetisch, zu einer Heiligen; wo auch immer er war, was auch immer geschah, wem auch immer er fortan begegnete: sie alle verschwommen vor seinem äußeren Auge und immer steter und klarer wurde jene Gestalt vor seinem inneren Blick, dieses, wie er einmal zu sagen pflegte: reine Gesicht.
Als der Krieg aus war, lag Vater in einem Sanatorium, von wo man ihn aber als durchaus gutmütig sofort entließ. Er kam zu uns. Ich war nun groß geworden und da ich den stillen und einsamen Mann, der meist in der Ecke zu sitzen pflegte, über alles liebte, habe ich in kindlicher Bewegtheit alles aufgeboten, was in meinen Kräften war. Dann hat er auch mitunter gelächelt, um ebenso schnell in seine tiefen unergründlichen Grübeleien zu verfallen. So war es kein Wunder, daß unser schöner Laden, den Sie ja gut kennen, rasch verfiel, Vater verbarg manches vor der Mutter; die Bücher wurden flüchtig geführt; und nicht lange währte es, und der Vater war verschwunden. Als Mutter die Geschäfte ganz an sich reißen wollte, war es zu spät. Der Konkurs ließ uns nicht viel, wir zogen von Verwandtschaft zu Verwandtschaft, bis wir nun hier eine kleine Zuflucht gefunden haben.
Und der Vater, so werden Sie fragen?
Wir haben erst später erfahren, daß er sich stets nach jenem Schlachtfelde von einst zurückzufinden pflegte, daß er dort irrend und suchend einem Landstreicher gleich umherzuwallen schien, nach einem Trugbild der Seele unterwegs. Man hat ihn oft per Schub in die Heimat gebracht, aber es waren immer nur Stunden, die es ihn hielt, bann war er wieder verschwunden, und eines Tages war er für uns und unser Leben dahin: er kam nicht mehr. Die dortige Gegend hat sich unter dem Einfluß des Friedens völlig verändert, er kannte sie wohl, wieder dahingelangt, nidjl: mehr und ging nun in andere Landstriche, ins Gebirge, in die weiten Ebenen, in andere Länder, Wir wissen seit Jahren nichts mehr von ihm..
Bis hierher erzählte mir das junge Mädchen, dann erschütterte ein. heftiges Weinen ihren schlanken Leib, ich suchte sie zu trösten und reifte bald darauf ab.
Aber — so setzte mein Freund dann hinzu — ich frage mich oftmals,, ob jener irrende Landstreicher mit der Vision vor dem inneren Auge nicht glücklicher ist als wir alle, die wir ein Ideal zu besitzen vorgeben, aber niemals bereit sind, ihm alles zu opfern was wir in unserem kleinen: Leben besitzen. Auch unser Haar wird grau, auch unsere Tränen fließen: schneller, auch unser Auge wird matter: wird dann am letzten Tage der nämliche Glanz vor unseren Blicken fein, der diesem stillen Menschen uno- guten Vater von Land zu Land leuchtet bis in die Gefilde eines seligem und ewigen Friedens ...?
®erant®ortlict): l)r. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'jche UniverfitätS»Duch« und Steindruckerei. A. Lange, Gießet«-


