rüstig fortgemauert, und der struppige Assyrer sang dabei alle Lieder, die er aus seinen Kreuz- und Querzügen aus der Fremde heimgebracht hatte. Im Hause des Senators wurden die Schreibstuben mit jeder neuen Steinlage immer mehr verdunkelt, und der alte Friedebohm ertappte sich zu seinem Schrecken mehr als einmal, wie er müßig vor dem Fenster stand und, eine vergessene Prise zwischen den Fingern, diesem, wie er es bei sich selber nannte, babylonischen Beginnen zusah. Auf der anderen Seite ging Herr Friedrich Javers, wenn er auf dem Wege zu seinen Geschäftsräumen den Hof betreten mußte, hastig und ohne jemals aufzublicken vorüber. Dann, nach Verlauf einiger Tage, hörte das Mauern und das Singen auf; die Handwerker waren fort, das neue Werk war fertig.
(Schluß folgt.)
Nürnbergifch.
Von Wolfram Brockmeier*. Wenn auch vom Geist an manchen Orten Ein leuchtend Fanal entzündet worden, Des Glanz in Finsternis und Nacht Eines neuen Morgens Schein gebracht, So ging’s doch oft, wie's meist gegangen: Es lofch fo rasch, wie es angefangen.
Du Nürnberg, wähltest andre Weis Als Fackelglut, die qualmgepaart. Mit Bürgerstolz und Handwerksfleiß Haft du die deutsche Kunst bewahrt. Du haschtest nicht nach blauem Dunst, Aus Handwerkskönnen wuchs die Kunst; Und was von den Vätern dir übenkommen, Haft du voll Achtung ausgenommen. Verwarfst das Verstaubte, pflegtest das Gute, Fügtest dazu, was entquoll deinem Blute, Und bosseltest sorgsam und feiltest dran, Bis es den höchsten Glanz gewann.
So wirkten in Einfalt, daß Kunst blüh' und wachs, Peter Vischer und Dürer, Krafft, Stoß und Hans Sachs. Zwar war im Gewirr von Dächern und Effen Nur kärglicher Raum einem jeden bemessen, Den aber füllte er treulich aus.
Und schützte die Stadt, denn er stützte das Haus! Ob klein auch die Welt, die er sorgend umgriff, Verlieh er dem Kleinen doch Würde und Schliff. Bedächtig und bieder im Planen und Wirken, So wuchs er zum Meister in feinen Bezirken.
Wollt Gott, man hätte in deutschen Landen Die gleiche Art geübt und verstanden. Wie sie in Ehren hielt Nürnbergs Gemeine: Tat jeder mit frohem Mute das Seine, Und weil er das Seine trefflich getan, Schlugs bald dem Ganzen zum Heile an; Und was auf beschränktestem Raume gestaltet, Hat bald sich geweitet und prächtig entfaltet, So daß vom Glanz, der in Nürnberg erglommen, Ein Leuchten über ganz Deutschland gekommen.
an-
Anselm Feuerdachö ^Amazonenfchlacht.
Von Wilhelm Boeck.
Der Führer und Reichskanzler hat vor einiger Zeit geordnet, daßFeuerbachs großes Gemälde der „Amazonenschlacht" aus der Städtischen Galerie in das Opernhaus zu Nürnberg übergeführt wird. Die Ehrung des Meisters in diesem Bilde, das zu feinen besonderen „Schmerzenskindern gehört hat, rechtfertigt es, sich die denkwürdigen Schicksale des hervorragenden Kunstwerks einmal wieder vor Augen zu
führen.
Die Entstehung von Feuerbachs „Amazonenfchlacht" fällt in eine Epoche, deren Kunstverständnis vorwiegend durch materialistische Ge- dankengänge bestimmt war. Die großen Künstler, die diesem Ze'tge^mack nicht frönten, schufen ihre Werke im Gegensatz, ja in erbittertem Widersprich zu den herrschenden Tendenzen der gesellschaftlichen Kultur Auch Feuerbach hat seine zeitlos großartigen Schöpfungen selbst als Protest gegen den Fehlgeschmack seiner Umgebung empfunden; feine — allem schon dem äußeren Umfang nach — gewaltigen Leistungen gelten uns um so höher, als sie mit dem Bewußtsein, m der Gegenwart kein Verständnis zu finden, hervorgebracht wurden. So malte er die „21 m a - zonenschlach t", die breit angelegte Schilderung eines Reltergefechtes zwischen Amazonen und Griechen, aus der kämpferischen vtlmmung felbst- aeroäblter Einsamkeit heraus, die er in der ewigen Stadt m den Jahren vor dem Risorgimento genießen konnte. Stunden beglückter Arbeit abseits vom Taaestreiben waren es, die ihm das Leben in Rom nur einzig lebenswert machten. War dann ein Werk vollendet, ° begannen erst die schwersten Leiden um fein Verbleiben im verborgensten Innern mit der schwachen Hoffnung auf Verkauf. Als er am 19. November 1872 oen Namen unter die .Schlacht", eines der ausgedehntesten Leinwandbilder der deuticben Kunst überhaupt, gefetzt hatte, war die Gefchichte des Werkes damit noch keineswegs abgeschloffen. Nachdem er es m ^tägiger begeisterter Arbeit zu einer gewissen Vollendung gebracht hat, beholi er
* Der HJ.-Fiihrer Wolfram Brockmeier ist der Verfasser des Sprechchorwerkes, das bei der HJ.-Kundgebung des diesjährigen Reichs- Parteitages zur Aufführung gelangt.
sich gleich für spätere Monate „einen letzten Spazlergang' durch das Bild vor, und allerlei Ausbesserungen waren jedesmal fällig, wenn es von einer Ausstellung zurückkam. Ihm gegenüber stand in Feuerbachs römischem Atelier ein zweites kolossales, gleichfalls lange unverkäufliches Bild, das „Gaftmahl des Plato" (heute in der Berliner Nationcil- zalerie); beide fchätzte der Meister auf insgesamt hundert Figuren, und ür die riesigen Rahmen bezahlte er im folgenden Jahr 643 österreichisch« Gulden.
Obwohl in der Hauptsache in Rom gemalt, sind „Amazonenschlacht* und „Gastmahl" aufs engste mit Feuerbachs Prosesfur an der Wiener Akademie (1873 bis 1876) verknüpft. Es war vielleicht die größte Tragik in diefem tragischen Künstlerleben, daß Feuerbach, als er endlich eine ehrenvolle und nach außen glänzende Stellung erhalten hatte, infolge feiner geschwächten Gesundheit und Nervenkraft nicht mehr imstande war, )ie Pflichten des Amtes zu tragen; auch die „Amazonenfchlacht" hat ihr Teil zu dem Zusammenbruch beigetragen: das Wiener Publikum feierte den theatralischen Koloristen Makart, den Feuerbach als [einen Antipoden betrachtete, dessen Atelier er eine „asiatische Trödelbude" nennt und der ihm im Amte beerben sollte; als Ordner des berühmten Festzuges zur silbernen Hochzeit des Kaiserpaares 1879 hatte Makart seinen höchsten Triumph. Als dagegen Feuerbachs „Amazonenschlacht" im Januar 1874 im damals neuen Künstlerhaus am Karlsplatz erstmalig ausgestellt war, ergingen sich die Zeitungen in den fürchterlichsten Schmähungen, und ein „berühmter Professor der Anatomie" konnte sich nicht enthalten, das Werk von seinem Standpunkt vom Katheder herab zu bewitzeln. Wenn ein Maler vom Range Feuerbachs eine Besprechung wie diese in der „Presse" vom 22. Januar 1874 las, so diente das nicht dazu, ihm den neuen Wirkungskreis wert zu machen. Es heißt da, von H. Gr. unterzeichnet: „Mit dieser Schöpfung dürfte der Künstler wohl sogar seine wärmsten Freunde und getreuen Anhänger auf das Unangenehmste überrascht haben. Mußte er auf seine Berufung an die hiesige Kunstakademie ein solches Debüt, ein solches Selbstdementi folgen lassen? Wenn Rubens' Amazonenschlacht, unerreichbar an dramatischer Lebensfülle, einer Folie bedürfte, um ins hellste Licht gehoben zu werden, — in dem, was Feuer« buch gleicherweise benennt, wäre eine solche Folie geboten. Es ist unerquicklich, auf diefe Leinwand hinzublicken; es ist schwer, über das wunderliche Gliedergemengsel etwas zu sagen, das nicht herb klänge. Das Schaustück vernünftig zu deuten, ist eine Sache der Unmöglichkeit. Wo blieb der Künstler mit der epischen Klarheit und Nüchternheit? — Vorn fahlen apokalyptischen Reiter auf schwarzem Roh in untätiger Feme bis zu dem eher kosenden als kämpfenden Paar im Vordergründe ist alles mehr gelallt als gesprochen, mehr getappt als getroffen. Man möchte auf eine Schülerarbeit schließen, wenn nicht einzelne, allerdings nur wenige Züge einen Meister verrieten, aber einen Meister, von dem die Kunstwelt eine Verirrung, eine Verkennung des Gebietes, auf dem zu schaffen er berufen und befähigt ist, zu verzeichnen hat." Auch berufene« und von persönlichem Wohlwollen geleitete Wiener Kritiker der Zeit, wie Friedrich Pecht und Ludwig Speidel, tadelten an dem Werk hauptsächlich de» Mangel an eigentlich dramatischer Kraft.
Diese Urteile haben insofern einen richtigen Kern, als sich Feuerbach bei den hochdramatischen Vorwürfen der „Amazonenfchlacht und des „T i t a n e n st u r z e s", den er für die Decke des Saales der Wiener Kunstakademie ausführte, etwas von dem Schwerpunkt feiner Begabung entfernt hat, die mehr auf Darstellungen edler Ruhe und ge- mejfener Bewegung hinzielte. Zweifellos befaß er die technischen Voraus- fetzungen zur Bewältigung auch derartiger Aufgaben, aber während der Ausführung ergab er sich bann feiner Natur gemäß fo sehr der statuarischen Durchbildung der Einzelsiguren, daß der Fluh der meisterhaft an«, gelegten Komposition ins Stocken gerät und das Ganze in einzelne, prachtvoll erfundene Gestalten auseinanderzufallen droht. Das ist nun bei der Nürnberger „Amazonenschlacht" längst nicht der Fall, wenn auch vielleicht die Schönheit bestimmter Figurengruppen die Bedeutung des Bildaufbaues überwiegt. Sie ist, unter Verzicht auf die Zuhilfenahme literarischer Ausdeutung dös Gegenstandes, ein grandioser, vorwärts gerichteter Versuch, den menschlichen Körper frei in allen Stadien der Bewegung zu zeigen, ganz zu schweigen von der inneren Beseelung der Gestatten und vielen Einzelheiten, den wundervollen Frauenköpfen, die er nach seinem römischen Modell Lucia bildete, und den vorzüglichen Pferde- studien, die er von Heidelberg aus in der nahen Schwetzinger Garnison nach der Natur vorbereitet hatte. Seiner Gewohnheit entsprechend hatte Feuerbach auch von der „Amazonenschlacht" einige Studien in kleinerem Format gemalt und dabei stets das Ganze wie die Teile zu vervollkommnen gefucht, und man darf wohl der mehrfach ausgesprochenen An- sicht Raum geben, daß auch mit dem großen Gemälde der innere Schaffensprozeß an diesem Gegenstand noch nicht erschöpft war. In bte- fern Sinne ist das Bild eigentlich eine riesenhafte Studie, wie es historisch gesehen das gemalte „Vermächtnis" des Willensmenschen Feuerbach ist.
Die äußeren Schicksale des Bildes blieben traurig, solange der Künstler lebte Aus Ausstellungen in Berlin und anderwärts wurde es frostig empfangen; König Ludwig von Bayern hatte im entscheidenden Augenblick nicht das Geld, es zu erwerben. Es blieb noch nach Feuerbachs Tode (1880) ein Quell der Sorgen für [eine greife Mutter Henriette, die Herausgeberin des „Vermächtniffes", die den Rest ihres Lebens (gestorben 1892) der künstlerischen Hinterlassenschaft des Sohnes widmete. Solang« sie noch Hoffnung hatte, das Gemälde seinem wahren Werte entsprechend zu verkaufen, trug sie sich mit dem Gedanken, von dem erlös eine ©hf. tung für Maler zu gründen, wie es Feuerbach selbst zeitweise beabsichtigt hatte. Als für die Erfüllung dieses Wunsches keine Aussicht mehr vor- hanben schien, machte Henriette Feuerbach am 26. Juni 1889 bie „Amazonenschlacht" ber Stabt Nürnberg zum Geschenk (ungeachtet daß der künstlerische Beirat sie einmal als „©Iieberfalat" abgelehnt hattest Di« Mutter hatte seit 1876 bis zum Tobe Anselms in Nürnberg ihren Wohn- fit» genommen, unb hierher war ber Sarg nach seinem plötzlichen Tode in Denbig überführt worben. Auf bem historischen Johannesfriebhos mit feinen ehrwürdigen liegenben Grabsteinen, unweit ber letzten Ruhestätte Albrecht Dürers, hatte man ihn in sestllcher Versammlung zu Grabe


