Ausgabe 
13.9.1935
 
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, Sehr wohl", sagte Herr Friedrich, Indem er vom Tische aufstand; und da lasse Sie die beiden allen Leute nur und sorge Sie für Ihre Leibesnahrung, damit Sie nicht vor der Zeit bei Ihres Vaters Onkel zu ruhen komme! Zunächst aber hole Sie mir den Ueberrock von draußen aus dem Schrank!"

Als das geschehen war, ging Herr Friedrich aus dem Hause, ohne zu sagen, wohin, und wann er wiederkommen werde; Frau Antje aber legte zuvörderst die Serviette zusammen, welche der sonst so akkurate Herr als wie ein Wischtuch auf dem Tische hatte liegenlassen, und machte sich dann voll stillen Ingrimms über ihren Braten her.

Am selbigen Abend, da es vom Kirchturme acht geschlagen hatte, stand Herr Friedrich Jovers auf seinem Steinhofe mit dem Rücken an der Mauer eines Hintergebäudes und blickte unverwandt nach den hell erleuchteten Saalfenftern feines Elternhauses, deren unterste Scheiben die neue Mauer noch so eben überragten.

Ganz heimlich, vor allem als dürfe Frau Antje Möllern nichts davon gewahren, war er nach seiner Rückkehr hier hinausgeschlichen. Weshalb, wußte er wohl selber kaum; denn mit jedem Gläserklingen, das zu ihm herüberscholl, mit jeder neuen Gesundheit, deren Worte er deutlich zu verstehen glaubte, drückte er die Zähne fester aufeinander. Gleichwohl stand er wie gebannt an seinem Platze, sah in das Blitzen der bren­nenden Kristallkrone und horchte, wenn nichts anderes laut wurde, auf den Schrei des alten Papageien, der, wie er wohl wußte, bei der Fest­tafel heute nicht fehlen durfte.

Da erschien an einem der Fenster, gerade an dem, welches seinen Schein aus Herrn Friedrichs Standplatz warf, eine zierliche Frauen­gestalt. Er konnte das Antlitz nicht erkennen; aber er sah es deutlich, daß der Kopf des Frauenzimmers, wie um ungehinderter hinauszu­schauen, sich mit der Stirn an eine Scheibe drückte. Doch auch das schien ihr noch nicht zu genügen; ein Arm streckte sich empor, wie um die obere Hafpe1 2 zu erreichen, und jetzt, während im Saale neues Gläserklingen sich erhob und der Papagei dazwischen schrie, wurde leise der Fenster­flügel ausgestoßen.

Herr Friedrich erkannte seine Schwägerin. Sie lehnte sich hinaus, sie legte die Hand an ihren Mund, als ob sie zu ihm hinüberrufen wolle; und jetzt hörte er es deutlich, wenn es auch nur wie geflüstert klang: es war fein Name, den sie gerufen hatte. Und da er wie ein steinern Bild an seiner Mauer blieb, kam es noch einmal zu ihm herüber, und dann, als wolle sie ihm winken, erhob sie langsam ihre Hand und deutete dann wieder nach dem hellen Festsaal. Was hatte sie vor? Wollte sie ihn noch jetzt zur Taufe laden? Er wußte, sie konnte solche Einfälle haben; er wußte auch, wenn er ihr jetzt folgte, er würde seinem Bruder den besten Teck des Festes bringen; aber der Garten! Nach ein paar fürsorglichen Andeutungen des Herrn Siebert Sönksen stand in aller­nächster Zeit eine abfällige Sentenz bei dem Magistrate hier in Aussicht! Nein, nein, die zweite Instanz mußte beschritten, der Prozeß mußte dort gewonnen werden; waren doch auch die weitschichtigen Rezesse2 des Goldenen von vornherein auf diese höhere Weisheit nur berechnet ge­wesen!

Herr Friedrich Jovers wollte sein Recht. Frau Christine hatte es selbst gesagt, er konnte nicht anders, er war ein Trotzkops; er rührte sich nicht, der Bock hielt ihn mit beiden Hörnern gegen die Mauer gepreßt.

Freilich wußte er es nicht, daß Christian Albrecht ihn im Gevatter­stande vertreten und seinen Erstgeborenen getrost auf seines Bruders und des Urgroßvaters Namen hatte taufen lasten. Da drüben aber wurde das Fenster zögernd wieder zugeschlossen.

Wenige Tage später stand der vierschrötige Maurermeister Hinrich Hansen, wohlrasiert, seinen Dreispitz in der Hand, im Kabinette des Senators Christian Albrecht Jovers.

Also", frug dieser,zweihundertundvierzig Reichstaler war die Ver­dingsumme für das Werk da draußen, und Er hat den Betrag bereits empfangen?"

Meister Hansen bejahte das.

Weiß Er denn wohl", sagte der Senator wieder,daß mein Bruder Ihm da um die Hälfte zu viel gegeben hat?'

Der alte Handwerksmann wollte aufbrausen; das griff an seine Zunft- und BürgerehreLaß Er nur, Meister", sagte Herr Christian Albrecht und legte beschwichtigend die Hand auf den Arm des neben ihm Stehen­den,Seine Arbeit ist auch diesmal rechtschaffen; aber Er weiß doch, was ein Hauskontrakt bedeutet?" Und damit schob er ihm das vergilbte Schriftstück zu, welches ausgeschlagen aus dem Pulte lag.

Der Meister zog seine Messingbrille hervor und studierte lange und bedächtig unter Beistand seines Zeigefingers den ihm bezeichneten Para­graphen; endlich klappte er die Brille zusammen und steckte sie wieder in das Futteral.

Nun^" frug Herr Christian Albrecht.

Der Meister antwortete nicht; er fuhr mit seinen Fingern in die Westentasche und suchte nach.einem Endchen Kautabak, womit er in schwie­rigen Umständen seinen Verstand zu ermuntern pflegte.

Nicht wahr, Meister", sagte der Senator wieder,da steht es klar und deutlich?"

Der Meister kam nun doch zu Worte.Mag sein, Herr", erwiderte er stockend,aber es ist mir denn doch alles voll und richtig ausbezahlt!"

Der Senator ließ sich das nicht anfechten.Freilich, Meister; aber die eine Hälfte war ja nicht Herr Friedrich Jovers, sondern ich Ihm schuldig! Das macht aus den Punkt einhundertundzwanzig Reichstaler. Hier sind sie, wohlgezählt in Kron- und Markstücken; und nun gehe Er zu Herrn Friedrich Jovers und zahle Er ihm zurück, was Er von ihm zuviel empfangen hat!"

Meister Hansen zögerte noch; in seinem Kopfe mochte die Vorstellung von einem etwas kuriosen Umwege austauchen, aber bevor er mit seinen schwer beweglichen Gedanken darüber ins Reine kam, war schon das Geld in seiner Tasche und er selbst zur Tür hinaus.

1 Türband.

2 Protokolle.

Herr Christian Albrecht rieb sich vergnügt die Hände.Was wist Bruder Friedrich dazu sagen? Still halten muß er schon; hier stehl's» Und er tupfte mit den Fingern dreimal zuversichtlich aus den alten Haus kontrakt.

Da wurde an die Türe gepocht. Der Schreiber seines Sachwalten überreichte ihm einen Brief.

Als der Ueberbringer sich entfernt und Herr Christian Albreckt den Brief gelesen hatte, war der eben noch so vergnügliche Ausbrut seines Angesichts mit einemal wie sortgeblasen.Musche Peters", sag» er kleinlaut, indem er die Tür zur großen Schreibstube öffnete,bitte Er doch die Frau Senatorin, auf ein paar Augenblicke bei mir vorzv sprechen!"

Die Frau Senatorin ließ nicht auf sich warten.Da hast du wich Christian Albrecht!" ries sie fröhlich;aber"--und sie schaute ihn

ganz nahe in die Augen,fehlt dir etwas? Es ist doch kein Unglück g» jchehen?"

Freilich ist ein Unglück geschehen, Christinchen; da lies nur diejei Brief!"

Ihre Augen flogen über das Papier.Aber, Christian Albrecht, di hast ja den Prozeß gewonnen!"

Freilich, Christinchen, hab' ich ihn gewonnen."

Und das nennst du ein Unglück? Da hast du ja alles nun in deine, Hand!"

Hatte ich in meiner Hand, mußt du sagen! Fünf Minuten not Empfang dieses Schreibens habe ich durch Meister Hansen die Hälfte de, unseligen Mauergelder an Bruder Friedrich abgesanüt."

Frau Christine schlug die Hände ineinander.Das wird eine schön, Geschichte werden! du!?" und sie drohte ihm mit dem Finger - ich hatte es dir vorhergesagt!" *

Und es wurde eine schöne Geschichte; denn zu derselben Zeit stand in Nachbarhause der Meister Hansen vor dem Herrn Friedrich Jovers.

Bei seinem Eintritt in den Hausflur war der goldene Advokat gegen ihn angeprallt und dann wie im blinden Geschäftseifer an ihm vorbeig«> schoflen. Im Zimmer selbst saß der Hausherr mit einem Schriftstück iii der herabhängenden Hand, das mit vielen Schnörkeln begann und mils dem großen Magistratssiegel endete. Er schien über den zuvor gelesen» Inhalt nachzusinnen und nicht gehört zu haben, was ihm der Meiste, eben vorgetragen hatte; als dieser aber aus seiner Hand ein paar schwer, Geldrollen auf den Tisch fallen ließ, richtete er sich plötzlich auf. ,,@eliw' Was soll das?" rief er.Was sagt Er, Meister Hansen?"

Der Meister trug noch einmal seine Sache vor, und jetzt hatte Hem Friedrich zugehört und recht verstanden.

So?" sagte er anscheinend ruhig, indem er sich von seinem Sih er hob; aber sein Antlitz rötete sich bis unter das dunkle Stirnhaar.AG dazu hat Er sich gebrauchen lassen?" Dann ergriff er plötzlich, beiden Geldrollen und machte eine Armbewegung, die den stämmig» Meister saft zur Gegenwehr veranlaßt hätte.

Aber Herr Friedrich besann sich wieder.Setz' Er sich!" sagte Et kurz; dann ging er rasch zur Stubentür und über den Hausflur nach bem Hof hinaus. j

Der junge Küfer, der vor der offenen Kellertür des Lagerraums 6a< fchäftigt war, sah mit Verwunderung den Herrn Prinzipal bald mit vom gestrecktem Kopse aus dem Klinkersteige' des Hofes dröhnend hin uni wieder schreiten, bald wieder ein Weilchen stille stehen und mit haD j scheuen Blicken an der hohen Scheidemauer hinaufschauen.

Das mochte eine Viertelstunde so gedauert haben; endlich, wie in ra|d 1 Entschluß, ging Herr Friedrich in das Haus zurück. Als er ins Zimmer trat, fand er den Handwerksmann auf demselben Stuhle, wo er ihn ge lassen hatte.

Meister", sagte er, aber es war, als werde bei den wenigen Worten ihm der Atem kurz,hat Er Leute in Bereitschaft? So etwa fünf obe sechs und noch heute oder doch morgen schon?"

Der Meister war aufgestanden und besann sich.Nun, Herr Jovers es ginge wohl! Mit der Stadtwaage find wir jetzt fo weit; ein Stücke« fünfe könnten schon gemißt werden."

Gut denn, Meister" und Herr Friedrich ergriff noch einmal, uni nicht minder heftig als vorhin, die beiden auf dem Tische liegenden Geldrollenso baue Er mir die Mauer auf meinem Hofe noch um so viel höher, als dieses Silber dazu reichen will!"

Der Handwerksmann schien kaum zu merken, daß während diese«! Worte die Rollen schon in seinen Händen lagen.

Hat Er mich nicht verstanden?" fuhr Herr Friedrich fort, da de« andre keine Antwort gab. J

Freilich, Herr; das ist wohl zu verstehen; aber" und der Meist,« schien ein paar Augenblicke nachzurechnendas gäbe ja noch an cu, sechs bis sieben Fuß!" 1

Meinetwegen", sagte Herr Friedrich finster,nur sorge Er bajuii, daß es um keicken Schilling niedriger und auch um keinen höher werd» als wozu Er da das Geld in Händen hat!" i

Hm", machte der alte Mann und sah den jüngeren mit einem BliK an, als ob ihm plötzlich ein Verständnis komme,wenn Sie es denn p* wollen, Herr Jovers; es ist Ihre Sache." ,,

Herr Jovers wandte sich ab.So wären wir fertig miteinander, sagte er hastig.Fanget nur gleich morgen an, damit ich der Unruhe m Bälde wieder ledig werde!" 1

Als Meister Hansen dann hinausgegangen war, warf er sich aus einen Stuhl am Fenster und starrte auf die leere Straße. Er schien keine G6- danken zu haben; vielleicht auch wollte er keine haben.

*

Und schon am andern Tage, während der Herr Onkel Bürgermeiste« und der Herr Vetter Kirchenpropst noch einmal ihr vergebliches -ticfr söhnungswerk betrieben, wurde zwischen den Höfen der beiden Brum

1 Steig von glasierten Ziegeln.