Ausgabe 
13.9.1935
 
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Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang (955

Zreitag, den (5.5eptember

Nummer 7(

Einmal nur!

Von Ina Seidel.

Einmal doch

Wand sich die Natter um meinen wandernden Fuß

Bebte mein Herz und erschrak vor ihrem züngelnden Gruß!

Einmal doch

Hielt ich ihr stand, fragte leis: Bote der Gottheit, bist du's?

Töte nicht, was dich jäh, fremd und verwirrend befällt!

Der nur gewinnt, der getrost sich den Dämonen gestellt. Einmal nur

Prüft die Gottheit dein Herz, eh' sie sich zu dir gesellt.

Oie Söhne des Senators.

Von Theodor Storm.

(3. Fortsetzung.)

Der Senator warf einen Blick nach dem hohen Werke, an welchem die beiden Gesellen unter lustigem Singen noch immer weiter arbeiteten. 3a, ja, Friedebohm", rief er heftig,du hast recht! Alle Tausend, das geht denn doch übers"

Uebsrs Bohnenlied1 2" wollte er sagen, wo schon derzeit gar nichts darüber ging; aber er schwieg plötzlich, da er aus den jungen Musche Peters sah, der wieder mit offenem Mund an seinem Pulte sah, und ging, nachdem er eine geschäftliche Anordnung erteilt hatte, in sein Kabinett zurück.

--Nach ein paar Stunden steckte Frau Christine ihr hübsches Köpfchen durch die Tür.Darf man eintreten?" frug sie.

Komm nur!" erwiderte Herr Christian Albrecht von seinem Schreib­stuhl aus.Was hast du auf dem Herzen?"

Oh", und sie stand schon mitten in dem Stübchen und ließ ihre Blicke an der geschwärzten Decke wandern,ich wollte nur; aber, Christian Albrecht, hier herrscht ja ägyptische Finsternis! Die schönen Spinngewebe, die unsere Wiebke immer sitzen läßt, die können deine Spinnen nun ruhig weiter weben! Und weiht du, das naseweise Ding aber ich habe ihr auch einen tüchtigen Wischer gegeben sie hat eben die Mauer mit ihrem Eulbesenstiel- gemessen; genau elf Fuß nach meiner Elle, sagt sie! Aber sieh nur, Christian Albrecht, nun wird s denn auch nicht höher; sie legen schon die runden Sterne obenauf

Herr Christian Albrecht sah noch immer auf seinem hohen Schreib- stuhl, die Feder in der Hand.Weiht du, Christine , sagte er, indem er ernsthaft vor sich hinsah,der Bock meines Herrn Bruders wird mir doch zu mächtig; es tut jetzt not, und ich habe mich auf einen guten Gegenstoß besonnen." Und als sie ihn unterbrechen wollte:Nein red mir nicht dazwischen, Frau; ich will auch einmal meinen Willen haben.

Sie saßte ihn leise an dem Aufschlag seines Rockes und zog ihn sanft von feinem Thron herab und dicht zu sich heran.O weh sagte sie und sah ihm ernsthaft in die Augen,da habe ich am End-, emen Mann geheiratet, den ich erst heute kennenlerne! Gesteh mir 5, Christian Albrecht, du hast doch nicht auch etwa so einen .

Zum Kuckuck", rief Herr Christian Albrecht lachend 'ckmhintersen Stallwinkel wird auch wohl bei mir so einer angebunden s ehen und der soll jetzt heraus ans Tageslicht, trotz aller klugen Frauenzimmer und meiner allerklügsten noch dazu!" ,.

So, Christian Albrecht? Und in welcher Art sie zögerte wenigsoll denn der deine seinen Gegenstoß vollsuhren.

Seh' dick Christine", sagte der Senator, indem er die anmutige Frau auf seinen Schreibthron hob,und reden wir deutsch ^EwerU In jener Sache da draußen auf dem Hof will t ch mein Recht und keinen Titel davon ausgeben! Aber dazu bedarf es keines Proze steren- denn es steht klar und bündig in den alten, noch vorhandenen Kaufkonkrakten.

"Und weiter, Chrsttcke, ^at^ar der Besitzer von F^drichs Hause die Mauer rwücken beiden Häusern aufzufuhren und zu unterhalten, aber der de/ unserigen hat den Halbschied der Kosten dazu beizutragen.

Wirklich? Auf Höhe von elf Fuß?" -meine

Ei was und wenn's die Mauer voni Jericho war-Das^.stmeine Sache; wenn ich ihm zahlen will, er muß schon stillhalten und Qmttanz ^,Und°du" willst wirklich die Halbschied der Kosten, so das blanke, bare Geld dafür dem Bruder Friedrich in fein Hausschicken.

Das will ich, Christine; ganz gewiß, das will ich.

1 Das Bohnenlied, ein altes Gedicht mit dem KehrreimNun geh' mw aus den Bohnen", galt als Inbegriff aller Narrheit. Also, das ift nocy toller als die größte Tollheit.

2 Kehrbesen mit langem Stiel.

Quittung.

Sie sah ihn eine Weile ganz nachdenklich an.

So, also auf die Art, Christian Albrecht!" sagte sie langsam.

Aber bevor sie ihre Gedanken über diesen kritischen Fall zu ordnen vermochte, kam die Botschaft aus der Küche: die Kochsrau war eben angelangt, und der Bratenwender sollte aufgestellt werden, denn auf morgen gab es ein großes Fest im Hause. Frau Christine gedachte plötz­lich wieder der Veranlassung, um derenwillen sie das Allerheiligste ihres Mannes ausgesucht hatte; sie ließ sich ihr blaues Haushaltungsbeutelchen bis zum Rande füllen und verließ das Stübchen, den Kopf voll junger Wirtschaftssorgen.

In dem Hause nebenan sollte heute Herr Friedrich Iovers mit feiner ehrlarnen Haushälterin selbander speisen, denn fein junger Lübecker Küfer war auswärts in Geschäften. Zuvor aber trat er nach seiner Ge­wohnheit vor die Haustür und schaute von dem obersten Treppensteine ein paar Augenblicke in das Wetter und rechts die Straße hinab nach dem dort unten sichtbaren Teile des Hafens.

Als er dann wieder ins Haus und gleich darauf in das Wohnzimmer getreten war, stand die Matrone schon mit vorgesteckter Serviette in der talmanfenen Sonntagskontusche2 hinter ihrem Stuhle.

Ist Hochzeit in der Stadt, Frau Möllern?" frug er.Die Schisse flaggen ja!"

Er setzte sich, und die Alte setzte sich ihm gegenüber; die Frage mochte er wohl "schon vergessen haben, denn Herr Friedrich Iovers pflegte seit geraumer Zeit auf dergleichen keine Antwort zu erwarten.

Aber Frau Antje Möllern, welche auf gewisse Dinge ihren Herrn nicht anzusprechen wagte, ließ sich die Gelegenheit nicht entschlüpfen. Hochzeit?" wiederholte sie scharf, und ein gewisses Zucken um ihre der­ben Lippen zeigte, daß eine verhaltene Entrüstung zum Ausbruch drängte.Rein, es ist keine Hochzeit, es ist nur eine Kindtaufe!"

Eine Kindtaufe, und die Schiffe flaggen?" sagte Herr Iovers gleich- gültig.Ich wüßte doch nicht, daß bei den Honoratioren"

Aber Frau Möllern vermochte nicht, ihn ausreden zu lassen.0, Herr Iovers, freilich ist es bei den Honoratioren, bei den allerersten Honoratioren; aber eine Schande ist es, eine offenbare Schande, sag' ich!

Herr Iovers wurde doch aufmerksam.Was will Sie damit sagen? frug er kurz.

Damit, Herr Iovers, will ich sagen, daß Ihr einziger Bruder, der Herr Senator Christian Albrecht Iovers, heute sein erstesSöhnchen taufen läßt; und Sie fragen noch, warum die Schiffe flaggen?"

Herr Friedrich sagte nichts; aber Frau Antje Möllern entging es nicht, wie ihm die Hand zitterte, während er schweigend den Rest seiner Suppe hinunterlöffelte.

Die grimmigen Augen der Alten begannen plötzlich einen wehleidigen Ausdruck anzunehmen.Herr Iovers", begann sie seufzend,Ihr Herr Großvatei selig und meines Vaters Onkel, was waren das für gute Freunde: Sie wissen bas ja auch, Herr Iovers!"

Zum mindesten", sagte Herr Iovers,hat Sie mir das öfters erzählt.

"Nun, Herr Iovers, selig Senatorn wußte das ja auch!"

,3a, ja, Möllern, und auch der alte Friedebohm! Denn in den Büchern meines" Großvaters läuft bis zu feinem seligen Ende eine jährliche Aus- gabepoft2: Zehn Pfund Tabak und ein Gewandstück für den armen Krischan Möller."

Frau Antje schluckte etwas; dann aber, nachdem sie den mittlerweile erschienenen Braten vorgelegt hatte, nahm sie doch den Faden wieder auf Ja Herr Iovers, sie waren Schulkameraden, und bas vergaßen fie sich nicht' Für alle Mittwoch war Herr Christian Möller zu bem fierrn Senator Christian Iovers auf ben Kaffee eingelaben; im Sommer tränten sie benfelben in bem schönen Gartenpavillon, ben 3hr Herr Groß­vater bamalen erst gebaut hatte. Nicht wahr, Herr 3overs, man hatte He mohl sehen mögen, die alten Herren, wie sie in liebevoller Unterhaltung mit ihren holländischen Pfeifen vor den offenen Gartentüren saßen! ®enn fie es bamalen hätten vorausfehen könnenfuhr Frau 2In!]e fort, vor ihrem noch immer unberührten Braten sitzenb,baß ber nunmehrige fierr Senator Soners ober, sagen wir's nur gerab heraus, bie nunmeh- riqe Frau Senatorn einen solchen Prozeß um diesen schonen Lustgarten anheben würde, was würden die beiden braven Freunde dazu wohl 0e,a meii3bLnid)t, Möllern", sagte Herr Friedrich, der bisher in halber ^erftr-uunq dagesessen hatte;vielleicht wäre es meinem Großvater Vum Verdruß geschlagen, und er hätte den lausenden Posten von zehn Dsund Tabak und einem Gewandskück ein für allemal gestrichen!

Die Makrone nagte sich ein paarmal auf die Lippe; bann sprach sie mit anbächtigem Aufblick:Wie wohl hat unser Herrgott es gemacht, daß biefe lieben Männer itzt in ihrem Grade ruhen!"

i Mantelartiger Ueberrourf aus bunflem, bichtem Stoff.

-Die Post" im 18. Sahrhunderk allgemein fürder Posten in kauf­männischem Sinne.