An ba«* Herz.
Bon Gottfried Keller.
Willst du nicht dich schließen, Herz, du offnes Haus!
Worin Freund und Feinde Gehen ein und aus?
Schau, wie sie verletzen Dir das Hausrecht stets! Fühllos auf und nieder, Polternd, lärmend geht's.
Keiner putzt die Schuhe, Keiner sieht sich um. Staubig brechen alle Dir ins Heiligtum;
Trinken aus den goldnen Kelchen des Altars, Schänden Müh' und Segen Dir des ganzen Jahrs;
Wersen die Penaten Wild vom Herde dir, Pflanzen draus mit Prahlen Ihr entfärbt Panier.
Und wenn zu verwüsten Nichts sie finden mehr, Lassen sie im Scheiden, Dich, mein Herz, so leet!
Nein! Und wenn nun alles Still und tot in dir, Oh, noch halt dich offen, Offen für und für!
Latz die Sonne scheinen Heiß in dich herein, Stürme dich durchfahren Und den Wetterscheln!
Wenn durch deine Kammern So die Windsbraut zieht, Latz dein Glöckleln stürmen, Schallen Lied um Lied.
Denn noch kann's geschehen, Daß aus irrer Flucht Eine treue Seele Bet dir Obdach sucht!
Vas £anb der Griechen.
Eine deulfche Reise.
Bon Franz Kuypers.
Die Sehnsucht nach dem „blauen Himmel von Hellas" und nach der „Sonne Homers" ist mehr als Ausdruck des Wandertriebes, der im Deutschen wirkt. Unserer Kultur ist es bestimmt, sich mit dem Griechentum immer wieder ausein- anderzusetzen. Bon diesem Erlebnis ist auch das mit erlesenen Bildern geschmückte Griechenlandbuch von Franz Kuypers beseelt, das im Borlag Fr. Bruckmann AG., München, erschienen ist.
Man hat es mit Recht belächelt, wenn einer mit dem Homer In der lasche nach Griechenland kommt und dann den Gegensatz zwischen damals und heute fühlt. Nelsl man buch auch nicht durch Dettlschland mit der „Germania" des Tacitus. Das ändert aber nichts daran, daß Griechenland für die Kulturwelt noch immer In erster Linie das Land Homers isi. Durch diesen Namen ist seine Einmaligkeit gesichert worden. Auch seine hervorragendsten baulichen und bildnerischen Denkmäler entstammen der von Homer ausgehenden Weltauschauung, irgendwie stehen sasi alle Gedeiikplätze der Antike in dieser Beleuchtung und selbst Berge und Meere sind oft nicht von ihr zu lösen. Aus diesen Schöpfer der grotzen Volk» Epen geht die eigentliche Kulturhaltung des alten Hellas »iid ein beträchtlicher Teil jenes Kulturguts zurück, das sich mit dem germanischen zusammengesunden hat.
Neben diese poetisch gestaltenreiche Uebermnlung des Landes tritt im alten Hellas eine retn geistige Erfassung der Welt van vorher unerhörter Bielseiltgkett und Kiihnheit Hier sind die Griechen die grotzen Seher der Probleine tind die ersten Sysiematiker. Sie haben dadurch der Philosophie des Westens die Richtungen gewiesen und auch unsere Religtoiisanschauungeu mitbellimmt Sichtbare Gestaltungen konnten diese Wellweisen nicht zurücklassen; allein sind nicht die Plätze Denkmäler geworden, aus denen die unerstorbcneu Gedanken über den Sinn hes Daseins von Welt und Mensch entstanden sind? Wären sie eines Sternchens im Baedeker weniger würdig als die Bau- unb Bildwerke?
Diese beiden weltgeschichtlichen Erschetiiuugen des homerischen Lebens- gesühls und der geistig schöpserischen Loslösung van ihm heben sich scharf ab von der vorhergegangenen Kuliurstufe. Namentlich aus Kreta
'Aoranttvortttch: Dr. Hans Tbvrtot. —
f und In Mykonä tritt dieser vorgeschichtliche Zeitraum deutlicher vor die Sinne als in anderen europäischen Ländern. Weit entfernt von kultureller Anmut, zeigt er dem überraschten Hellasfahrer gewaltige Bauten und einen kunstgewerblichen Hochstand, der die gewohnten prähistorischen Funde wett in den Schatten stellt. Diese Paläste, Burgen und Kunsterzeugnisse sind Ausdrucksweisen einer unyellenischen, orientalischen Lebensform Sie sind, abgesehen van kunstgewerblichen Nachbildungen, ohne unmittelbaren Zusammenhang mit unserem Bildungsganzen; aber sowohl die Werke als auch die Sagenwelt um sie berühren und verschmelzen sich mit dem frühesten hellenischen Kulturkreis.
Auf die erstaunlichen Hervorbringungen des Altertums folgt bis Ins 19. Jahrhundert hinein Berfall und Leere. Auch die Kunstzeugen des Ehrifteniums find mit wenigen Ausnahmen von geringem Ansehen und in ihrem byzantinischen Gepräge abwechslungslos und ohne Ursprünglichkeit. Während in den romanischen und germanischen Ländern die neue Religion den Kunsitrieb der antiken In vielen neuen Aus» druckssormen übernommen zu haben scheint, und während sie als Schwertführerin von geistlichen und weltlichen Würdenträgern den Gang von Völkergeschicken bestimmt, gedeiht in den von Leid und Knecht- schast zermürbten Gemütern Griechenlands ihre Entsagungslehre. Als Haupikennmal dieser im Gedächtnis der Welt verblatzten Jahrhunderte des schöpserischen Kulturlandes schaut uns noch die Weltslucht an. Ader im Gegensatz zu den sehr merkwürdigen Klöstern als Heimen der Ergebung steht eine steinerne Tragödie über dem alten Sparta: das letzte volksbewutzte Bollwerk, das sakrale Mislra, ist die monumentalste Ruinenstadt Europas geworden.
Da dringt aus dem Dunkel, aus dem fragend und anklagend die Reste der einstigen Grütze heroorragen, plötzlich ein Feldgeschrei wie das Erwachen der Geister des Leonidas und Themistokles. Durchslammt von schmerzlich stolzen (Erinnerungen, folgt der Ohnmacht und Resignation eine ausbruchartige Erhebung gegen die türkischen Bedrücker. Der hemmungslose Fanatismus beider Gegner führt zu blutigem Chaos, und ihm entsteigt ein neues Griechenland „Hellas" erscheint wieder auf der Karte Europas. Nicht als das frühere Gemenge von Stadtstaaten! Nach den Sagen- und Landschallskönlaen und den kleinen Demokratien steht es zum erstenmal unter einem Königsthron. Und auf diesem sitzt — ein Nichthellene.
Daß Gegensätze und Spannungen nicht ausgeräumt waren, ist nicht zu uermunbern. Zu bewundern ist dieses: Obgleich, nach einem schemenhaften Dasein von anderthalb Jahrtausenden, die Berwüstungen des jahrelangen grausamen Befreiungskrieges saft die letzten Lebenssasern des Landes zerstört hatten, erhob sich ein heiliger Eifer, den Borsprung der Völker einzuholen, welche Schüler von Hellas waren und deren kulturelle Entwicklung keine Abdrosselung erlebt hatte. In der gärenden Jugend des neuen Staatswesens ist die Wendung nicht abgerissen durch revolutionäre Umwälzungen, durch dynastische Wechsel, kostspielige Kriege, wirtschafiliche Rückschläge, parteiliche Zerrungen und stüdtevernichtende Elementarkatastrophen.
Athen, das sich vor hundert Jahren als ein armes, schmutziges Hüt- tcnftäbtleln um die Ruinen der Akropolis drängte, ist europäische Großstadt geworden ... ♦
Angesichts des schwankenden Gleichgewichts der Zustände vergleicht ein englischer Landeskenner sein Buch über Griechenland von heute mit dem Gewand der Penelopa, da die Arbeit vielleicht schon während des Druckes wieder aufzutrennen fei. Nichtsdestoweniger haben auch wir Deutsche Anlatz genug, nicht bloß auf das Griechenland von einst unsere Aufmerksamkeit zu richten. Denn seit dem Weltkrieg ist das vom Nimbus der Antike umwobene Land immer bedeutungsvoller geworden für unsere Wirtschaft Nach England ist Deutschland fein wichtigster Handelspartner! Und in dem Lande Homers leben, neben dem höchsten Ansehen der deutschen Wissenschaft, sehr viele seelische und politische Sympathien für unser Vaterland und für die starken Hände, die dieses aus dem Chaos hinausgeführt haben
Zurückschaueud wird umgekehrt der Deutsche gern bei Vergleichen verweilen, die Ihm durch unsere nationale Wiedergeburt näher gerückt sind als früher. Nicht bloss, datz er in den alten Griechen, den nahen Blutsverwandten der Germanen, auch artgleiche Charakterzüge wieder- sindet: einen schöpserischen und einen zersetzenden Individualismus, einen gottesfürchtigen Grundsinn neben vielspältlger philosophischer Deutung von Welt unb Leden, einen mächtigen Biidungsbrang neben ipartani- schem Solbatentum, eine engherzige Habersucht »eben vaterlänbischer Großtat, einen starken Zug nach ber Ferne neben Innerster Verbuuben- heit mit dem TOutterlanb. Nicht bloß, baß er in ber klassischen Kultur bas unoerfrembete Volksgut erkennt, in Tempeln, Theatern und in dem Bestand der Museen Er begegnet in den Statuen der letzteren geradezu dem nordischen Menschen Aus den Einigungsplätzen der alten Hellenen erlebt er, mir nirgends sonst, das Zusammengehen von körperlicher unb geistiger Bllbung, auf ben Schlachtfelbern ben Sieg ber Gemeinsamkeit unb bns Unheil ber ©onbertümelei, auf dem ganzen Bildungsweg Aufblühen in ber Freiheit unb Niebergang mit ber Botmäßigkeit Er finbet in Athen wie in Sparta, in Theben wie in Argos, in Elis unb Arkadien, auf Ithaka, Salamis, Kreta — den Helden als hellenisches Volks- Ideal In Peifistratos, Perikies, Epameinondas tritt die große Führergestalt vor Ihn. während Ihm auf ben Volksversammlungsplätzen oll'u oft ber bort einst herrschende Parteigeist das Hellenentum verleiden könnte.
Vor allem steht der Deutsche erschüttert vor dem Endergebnis bes Partlkuiarismus: vor der jahrhundertelangen Ausschaltung eines hoch- begnadeten Volkes aus dem geschichtlichen Dalein Aber er fleht auch die noch gllmmenden Flömmchen gefchichtlichen Selbstgefühls slck> nähren aus dem Stolz auf ben Väterruhm, unb sieht sie, nach bem Scheintod des völkischen Gedankens, emporlodern in beispiellos erkämpfter nationaler Auferstehung.
Druck undDerlag: Brühl's cheUniversitäls-Du ch- undSlelndruclerei. R. Lange. Gl eben


