Ausgabe 
13.5.1935
 
Einzelbild herunterladen

Gartenglück.

Bon Johan Luzian.

Schlanke Erbsenschoten schwanken windbeseligt zwischen Blättern, bunter Bohnen zarte Ranken eifrig in die Höhe klettern.

Krauser Kohl und süße Möhre sammelt Nahrung, taubefeuchtet, aus dem Riesenblattwerk leuchtet des Rhabarbers rote Röhre.

Rittersporn, Reseden, Kressen, weihbesteinten Weg verschönen, Apfelbaum nicht zu vergessen, drin die Vogelherzen tönen.

Nichts ist ohne Segen blieben, Frucht wächst aus der ärmsten Blüte. Gott, gelobt sei alle Güte, Schöpfer, den wir Kinder lieben!

Oie Gazelle.

Von Josef Wenter.

Im afrikanischen Busch hatte man das feine Tier gefangen. Kaum zwei Jahre alt, war es seiner Mutter noch so anhänglich gewesen, daß es, als die baumhohen Netze über ihr und über vielen vom Rudel niedergestürzt waren, sich erstaunt und beinahe willig hatte greifen lassen. Denn auch die schlanke, zartgegliederte Mutter hatte dagelegen wie im Schlafe und hatte keinen Laut von sich gegeben, hatte die hohen Beine von sich ge­streckt, als schwarze und weiße Menschen nach ihnen griffen; und es war in dem jungen Tiere, das vor so kurzer Weile erst ins Leben gesprungen war, kein Wissen davon, daß die schönen Lichter der Mutter deshalb so ruhig vor sich hinggeblickt hatten, weil der ungeheure Schreck vor dem Lärm, den der Mensch in den stillen und friedlichen Busch gebracht hatte, vor den überall austauchenden schwarzen Gestalten, vor dem überhin­stürzenden Gesiecht, sie getötet hatte. Die junge Antilope war aus dem Geschlecht jener zarten Geschöpfte, denen ein friedfertiges und sanftes Herz gegeben ist, das in einer ausweglosen Gefahr zu schlagen aufhört, sich nicht willentlich wohl, aber wesentlich in den Tod flüchtet.

Die Begebnisse waren vielfältig und fremd über Leib und Seele des Tieres hinweggegangen. Wie hatte das Netz auf den Schultern der Träger ge­schwankt, die die leichte Last singend oh, der niegehörte, tiesängstigende Laut' ins Lager gebracht hatten. Die lederne Fessel um den dünnen Hals hatte bei oftmaligen Fluchtversuchen eingeschnitten und herrisch Gehorsam gefordert. Die freundliche Stimme des weißen Mannes war von Tag zu Tag ein stärkerer Bann geworden, dem die Kinderseele des reinen Tieres sich staunend und allmählich willig unterworfen hatte. Die seltsame Witterung, die von den guten Händen des Menschen ausging, ward ihr bald ein Gewohntes, ja Erwünschtes, und es waren nicht mehr Schauer von Schrecken und Flucht, wenn die Menschenhände sie den feinen Le,b hinabstreichelten. Beklemmend und schrecklich war die wochenlange Reise gewesen auf dem Ochsenkarren bis an die Küste; seltsam und wie von lauernder Krankheit umkreist, die Tage der Fahrt über den Ozean. Das lärmende Rattern im Eisenbahnwagen nahm sie dann so hin. Die zart schwingende Seele der Gazelle welch einen beschwingten Leib hatte sie ich gebaut! hatte in das Gewese des Menschen sich emgeordnet, so gut es ging; fremd und sich entwendet freilich, zitterte ihr Gemüt über das, ihrer gotterschaffenen Natur ewig Unwahrscheinliche: von Menschen um­geben zu sein.

Da steht sie im Gehege des Zoologischen Garterw. Seit wenigen Tagen erlaubt der nördliche Himmel diesem lieblichen Gast, den die nämliche Sonne glücklich und heiter in seiner Welt umglänzt und gewärmt hat, unter der, oh wie viel kühleren, blauen Glocke hinzustelzen. Denn wahr- haftig, sie stelzt so hin. Zum schönen Sprung über mannshohes Gras, über Distelgebüsch und Gesträuch begabt, weiß s,e und findet hier keinen Anlaß, nach der Lust ihres Leibes und ihrer Seele sich zu gebärden. Ihre schmalen Flanken umspült nicht mehr die Woge unübersehbaren Raumes. Die herrliche Weite des Daseins verstellt ein schimmerndes Drahtgeflecht. Geblendet- ist das feine Tier, nach der winterlichen Haft im geheizten Haus, unter den blühenden Maihimmel herausgeschritten Es war wohl ein Erstaunen auch für die große Sonne, diesem Fremdling hier ZU be­gegnen, der aus ruhigen Lichtern, die das ganze leicht geschwingte Leben hindurch wie in einer stillen und sanften Frage blickend ,n den nördlichen Tag schaut. Sie äugt furchtsam und neugierig Ihr seiner Sinn sagt ihr, daß sie hier so sicher vor Gefahren ist, wie hinter den G'tterstciben des Käfiges. Die zarten Hufe haben sogleich die natürliche Erde unter sich erfühlt. Sie beugt den schlanken Hals, um zu äsen. Aber es wachst nichts auf dieser Erde. Da und dort sticht ein Halm aus dem sandigen Bodem lieber das Kitterwerk hinweg grünen die Aeste d°der Baume Dle Fremdlingin schaut in diese hellgrüne Wirrnis hinauf, die dem Mmwmd erstmalig sich hingibt und frühlingsschüchtern em wenig zu rauschen an­hebt. Erinnert sie sich an das gewaltige Land ihrer Herkunft, hort sie die Stürme afrikanischer Nachtgewitter? Wartet sie auf eine heißere Sonne, die sie nie mehr besKeinen wird? Ihr Kindergesicht is 9 ernsthaft und voll eines unsäglichen und anmutigen Selbstgesuhls und einer sanften Geduld.

Ein Mensch kommt langsam am Gitter vorüber. Langsam wende! fttz den schmalen Kopf zu ihm, beäugt ihn, zieht kaum merklich die Witterung ein und tut dann ein paar steife Schritte neben ihm her. Der Mensch ver­hält, redet freundliche Worte durchs Drahtnetz. Die Gazelle hebt sich ein wenig auf, horcht mit hohen Lauschern der Menschenstimme, fühlt deut­licher als ein Mensch es fühlen könnte, das Wohlwollen und die Freude, mit der der Herr der Erde den schmerzlichen Abgrund zwischen sich und dem Tier zu überwinden sucht, sie legte ihre samtweichen Lippen an das Ge­flecht. Aber als der Mensch die Hand hebt, sie zu kraulen, wirft sie aus und tut einen zierlichen Sprung zur Seite. Der Abgrund hat sich aufge­tan. Von dem Sprung wie zu sich selber gekommen, freut sie sich ihres hüpfenden Gemüts und springt in weiten Sätzen, hohen Fluchten, tn Kreuz- und Quergängen, schleudert die federnden Beine von sich, als ginge es nun ohne sie, wie im Fliegen. Es ist ein kleines dumpfes Gepolter über der Erde, der diese zarten Hufe ein sehr Fremdes sind, daß im benach­barten Gehege der riesige Giraffenbulle aufmerkt.

Jahrelang schon in der Gefangenschast des Menschen, hat er sich ein­geordnet in die Enge des Daseins. Er kennt seine Nachbarn, er vertraut seinem Wärter, er weiß um die Hälften des Jahres, die ihn aus dem hohen Käfig ins Gehege und wieder hinter die Gitterstäbe ins geheizte Haus sühren. Jährlich äugt er im Sommer verlangend nach den Ahornbäumen und Linden, von deren Blättern zu äsen ihm eine große Lust wäre Aber stets bleiben sie seinem hohen Halse unerreichbar. Dann steigt Erinne­rung in ihm aus an die goldene Freiheit im Busch, und er steht wie lau­schend und äugt aus den großen Augen viertelstundenlang unbeweglich Ins Weite. Seine langsamen großen Schritte fördern ihn in wenigen Minu­ten den Rand des Geheges hin und her, und er hat es lange ausgegeben, zu traben. Weit blickt er über seine Nachbarn hinweg, deren Schreie ihn an die Heimat unter der großen Sonne erinnern. Das Gebrüll der Löwen, wenn es zuzeiten herüberkommt, schreckt ihn nicht mehr, reizt ihn nicht mehr zum Zorn. Nie noch hat er sie eräugt, und die Witterung, wenn sie je mit dem Nachtwind herüberkommt, fürchtet er nicht mehr. Es kommt ihm nicht zu Sinn, wie etwa in den ersten Wochen der Gefangen­schaft, sich in Flucht zu bringen. Die Gitter, wie sie ihm die hohen Gänge verleidet haben, geben ihm zugleich ein Gefühl der Sicherheit. Allmählich war aus seinem Gemüt die Freiheit mit ihren Fährnissen geschwunden, und gleich wie die hohen Bäume, die außerhalb der Gitter grünten, nicht zu erreichen waren, so erreichten ihn Gefahren nicht mehr. Der große Ernst des Daseins war gewichen, und die Seele des Tieres war mit dem Leibe lange in die Menschengitter eingegangen. Wenn der Wärter das Heu aufschüttelte, grätschte der riesige Bulle die Vorderbeine ein wenig, um mit den Lefzen, während er sonst mit schöner Gebärde im hohen Ge­zweig geäst hatte, mühselig auf den Boden zu gelangen.

Jetzt landet die Gazelle ihre Sprünge am Nachbargitter und äugt durch die Maschen des Drahtnetzes. Hoch schreitet die Giraffe heran und ver­hält hart am Netz. Die kleine Zärtliche reicht ihr bis ans Sprunggelenk, ihr schön geschweiftes Gehörn liegt fast waagerecht auf dem schmalen Nacken, weil sie steil auswärts ins Gesicht der Giraffe schaut. Welch ein seltsames Wiedererkennen! Denn natürlich kennen die beiden Fremdlinge einander. Wochenlang ist das Antilopenrudel mit der Girasfenfamilie durch den Busch gezogen. Die hohen Hälse dieser Wanderkameraden ließen weiten Ausguck zu. Man befand sich mit seinem schwanken, furchtsamen Gemüt bei den Riesigen in guter Hut. Wenn die zu traben oder zu galoppieren anbuben, ach, man sprang ihnen immer noch ein paar gute Längen vor­aus oder hielt sich feitlings oder rückwärts, eingehüllt in Staub, Dunst und großes' Gepolter. Dann rastete man unter hohen Sykomoren, im Schatten breiter Eukalyptusse, ging gegen Abend vereint zur Tränke an die Wasserläuse, traf auf andere Verwandte, hielt guten Frieden mit dem Wassergeflügel, dessen Schreie man jetzt wieder aus irgendeinem ent­fernten Gehege herüberhört. (Erinnerung an die großartige Landschaft des Herkommens, wird in den beiden Tieren, die sich da zum ersten Male sehen, lebendig. Denn keineswegs ist etwa die Gazelle mit dem Bullen durch den Busch gewandert, und keineswegs hat der aus seinem Rudel, dem er ein herrischer Herr wär, die Feine je eräugt. Sie war noch nicht geboren, als über ihm schon der Himmel Europas kühler und durchsichtiger sich wölbte. Und doch kennen sie einander, und wie sie einander nun be­äugen, die Gazelle mit tief in den Nacken gebeugtem Kopf, die Giraffe seitlich ein wenig von ihrer Höhe hinab sich neigend, stumm, ernsthaft, voll guten Wohlwollens: da ist auf eine lange Weile um sie die große Freiheit und das mächtige großartige Dasein des Erdteils, für das der Schöpfer sie erschaffen hatte.

Dann ist es, als überwältigte den Einzelgänger das Gefühl seiner Ausgesetztheit in der Fremde. Er beugt den hohen Hals weit über das trennende Drahtgesiecht. Die großen ernsthaften Augen begegnen den fünften, schönen der Antilope. Vielleicht haben sie beide Mitleid miteinan­der. Wer vermöchte in diesen stummen, unbewegten reinen und ernst- baften Gesichtern deutlich zu lesen, was ihre Gemüter bewegt? Denn welche Wallung der sanften Seele vermag die Gazelle jetzt dazu, in einer un­säglichen, weiblichen Zärtlichkeit die Kehle der Giraffe mit ihrem fchön gebogenen Gebörn 3U kraulen? Sie mübt sich, der Riesigen wohl zu tmft sie bat ibre feinen Hufe in das Netz gestemmt, um ein wenig größer zu werden, um der sich Herabbeugenden auch noch ein wenig den Hals strei­cheln zu können.

Dem Menschen vor dem Gitter schauert das Herz. Frauenbünde könn­ten nicht zärtlicher sich gebärden. Der Bulle, von solcher Zärtlichkeit be­wegt, weiß nichts Besseres, als mit feiner großen Zunge den Widerrist, den Nacken der Gazelle hinter dem Gehörn wieder und wieder zu belecken. So stehen die beiden Tiere eine Weile in herzlichem Wohlwollen, in einem unklaren und verirrten Liebesspiel beieinander, und zwisckien ihnen ist das stählerne Netz des Menschenwillens hoch aufgerichtet, bas «e trennt. Gleichnis und Wahrzeichen des Geheimnisses menschlicher Schuld am ver­lorenen Paradies der Geschöpfe Gottes und des Menschen zuerst.