Ausgabe 
13.5.1935
 
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Otto ...! Wie ist das möglich! Wie kommen Sie hierher? Waren Sie' vielleicht auch im Theater, ohne sich bei uns zu melden? ... Das ist eine reizende Ueberraschungl Ludwig wird sich unendlich freuen ..."

Hartl, in leichter Verlegenheit über den warmen Empfang, der ihn einen Augenblick in den Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit stellte, beugte sich über ihre Hand und küßte fie.Es ist ein Zufall, Elisa­beth. Ich schäme mich auch ein wenig, daß ich bis heute abend nichts von Ludwigs Premiere wußte. Da erst bin ich nämlich aus Dresden abge­fahren", sagte er und fügte eine kurze Erklärung über seine Ankunft auf dem Potsdamer Bahnhof hinzu. ...

Elisabeth begrüßte auch die neuen Gaste und zog Hartl mit sich in ihre Ecke. Ollendorf, Doktor Kern und Hubert von Gerber bildeten eine neue Gruppe in ihrer Nähe, in der das Gespräch sich der Premiere und und Ludwigs Erfolg zuwandte.

Endlich sind alle Voraussetzungen erfüllt, damit em Schauspieler rote Ludwig Thiele sich in breitester Form durchsetzen konnte. Für uns, die wir ihn genau kennen und seit langem wissen, was er kann, bedeutet der heu­tige Abend ja nur eine Bestätigung", sagte Ollendorf.Doch geben wir uns keiner Täuschung hin: Für die Masse des Publikums und die gesamte Oeffentlichkeit war Thiele bis jetzt nicht mehr als eine Spezialität. So merkwürdig es klingen mag: Sein heutiger Erfolg, der meiner Ueberzeu- gung nach der stärkste war, den ein Schauspieler in den letzten Jahren hier hatte, beruht ebensosehr auf der politischen Entwicklung während dieser Zeit wie auf seiner künstlerischen Reife."

Jetzt sitzen Sie glücklich wieder auf Ihrem Steckenpferd, der Politik. Und das nennt sich unabhängige Kunstkritik!" antwortete von Gerber aggressiv.

Glauben Sie mir: Ihr Individualismus ist heute vollkommen über­holt und veraltet, sowohl in der Literatur wie vor allem im Theater. Die lebensgefährliche Krife, in der sich das ganze heutige Theater befindet, ist ja nur ein Ausläufer der großen politifchen Krise. Wie entwurzelt der linksgerichtete Liberalismus im Grunde war, wie sehr ihm jede geistige Basis fehlte, war nirgends deutlicher zu erkennen als in feinem Theater, das zur einen Sensation geworden war, je abseitiger, desto besser oder zu reinem erotischem Amüsement. Die Masse, das wirkliche Volk, blieb einfach weg, weil von feiner geistigen und materiellen Not nirgends darin die Rede war oder nur in sentimentalen Paraphrasen. Erst das Wiedererwachen des nationalen Bewußtseins, der Versuch, unser in tau­send Splitter gespaltenes Deutschland endlich zu einer Nation zusammen- zusassen, die aus dieser Notwendigkeit geborene und wachsende völkische Bewegung konnte hier die Wandlung bringen. Den Anfang haben wir mit der Gründung des Deutschen Volkstheaters erlebt."

Natürlich ist daran viel Wahres. Das wird niemand leugnen. Nur glaube ich, daß Sie Herrn Direktor Steinlen reichlich überschätzen", unter­brach ihn Doktor Kern.

Sie als Schweizer verstehen das, sehr viele Reichsdeutsche leider noch nicht", fuhr Ollendorf fort.Aber was Steinlen betrifft, glaube ich, im Bilde zu fein. Er ist einer der tüchtigsten Geschäftsleute, die ich kenne, aber nicht viel mehr. Er roch ganz einfach die neue günstige Konjunktur, und das brachte ihn in die Nähe der innerpolitifchen Bewegung, nicht tiefere Einsicht und Ueberzeugung. Aber auch seine naive Aktivität ist für uns schon ein Gewinn. Er verwirklicht, was andere, einsichtigere Köpfe als richtig erkannten, und macht seine Geschäfte dabei. Sicher ist das zu eindeutig ausgedrückt. Denn so eindeutig ist auch Steinlen nicht, weder als Mensch noch als Regisseur. Aber ich freue mich, daß Ludwig Thiele auf dieser Basis endlich an erster Stelle steht."

Meiner Ansicht nach haben Sie vollkommen unrecht mit Ihren politi­schen Unterstellungen. Vielleicht nicht ganz, was Steinlen und seine Ab­sichten betrifft. Vor allem aber in bezug auf die Person Ludwigs!" sagte von Gerber.Wenn Sie Ludwig kennen würden, wie ich, würden Sie jeden Zusammenhang seiner Kunst mit der heutigen Politik weit von der Hand weisen. Wie es überhaupt ein Unfug ist, Kunst und Politik so eng miteinander zu verquicken. Für mich ist Thiele eine der wenigen schau­spielerischen Persönlichkeiten, die sich in jeder Rolle neu und großartig manifestieren, vollkommen unabhängig von irgendwelchen Programmen. Für Ihre politischen oder Steinlens geschäftige Ambittonen hat er im Grunde nicht das geringste Verständnis, wenn er sich auch aus seiner Gut­mütigkeit heraus dafür gelegentlich zu interefsieren scheint. Ich bin über­zeugt, daß er solche Zusammenhänge gar nicht begreift und daß sie auch nichts mit seiner Natur zu tun haben, daß er ganz einfach tut, was er von innen heraus tun muß. Nur hat man ihm bisher zu wenig Gelegenheit dazu geboten. Jetzt wird das wohl anders werden so oder so!"

Nein, Herr von Gerber! Heute hat er zum erstenmal und aus den Ursachen heraus, die ich vorhin genannt habe, eine Aufgabe erhalten, die ganz seiner Eigenart entspricht: Er hatte ein großes deutsches Schicksal zu gestalten. Daraus ist seine eigene Gröhe erwachsen. Oder war er für Sie heute nicht auch wie ein Symbol des deutschen Menschen, der deutschen Landschaft .. ,T fragte Ollendorf.

Das leugne ich nicht. Im Gegenteil. Ich kenne jene fränkischen Hügel und Täler. Sie liegen ganz nahe bei meiner eigenen engeren Heimat. Ich fühlte mich mitten in sie hineinversetzt und nicht durch die ausgezeichnete Wiedergabe im Bild, sondern einzig und allein durch Ludwig Thiele. Sicher liegt da ein Schlüssel zu seinem künstlerischen Wesen, aber ..."

Dabei stammt er selbst von der Ostseeküste und hat jene Gegend nie mit eigenen Augen gesehen!" warf Doktor Kern ein.

Das ist es ja, was ich meinel Er ist nicht einer einzigen, sondern der deutschen Landschaft verhaftet! Daher seine erstaunliche und ganz all­gemeine Wirkung!" rief Ollendorf.

Er kam nicht mehr dazu, die längere Rede, die er auf der Zunge hatte und die das Kernstück feines morgigen Referats über die Aufführung werden sollte, zu beginnen. Denn in diesem Augenblick wurde die Flügel­tür des Saales aufgeriffen, und in ihrem Rahmen erschien Ludwig Thiele mit erregtem, lebhaft gerötetem Gesicht und erhob zur Begrüßung aller beide Anne.

Erst eine Minute später tauchten hinter ihm Steinlen, Direktor Grol- man und zuletzt der Agent Henschke auf und schoben sich langsam in den Saal.

11.

Thiele wurde mit lautem Jubel empfangen. Von allen Seiten drängte man aus ihn zu, drückte chm die Hand und beglückwünschte ihn. Cs war, als hätte sein Erscheinen alle Zurückhaltung gelöst, die bisher im Saal geherrscht hatte. Er hatte Mühe, sich in diesem plötzlich entfesselten Strom der Begeisterung aufrecht zu halten, aber sein Lachen übertönte den Lärm.

Auch Elisabeth war ihm ein paar Schritte entgegengegangen, war aber nicht bis zu ihm vorgedrungen. Der dichte Kreis um ihn hatte sich vor ihr geschlossen.

Ihr seid ja verrückt, Kinder!" schrie Thiele und stemmte sich gegen die Mauer, die ihn von Elisabeth trennte.Wenn ihr so weitermachi, werft ihr mir noch die ganze schöne Tafel um. Dann aber sollt ihr mich tennenlernen!"

Man gab endlich den Weg frei, und er konnte Elisabeth begrüßen. Da entdeckte er hinter ihr den Doktor Hartl.Du auch hier, alter Freund? Das ist ja großartig!" rief er und hieb ihm die breite Hand auf die Schul­ter, daß Hartl zusammenzuckte. Er kam nicht zu Wort.

Später, Otto! Alles Persönliche später!" sagte Thiele und drehte sich um.Jetzt zu Tisch! Ich habe dir noch zwei Gäste mitgebracht, Lisa: Direk­tor Grolman aus Hollywood und unseren treuen Henschke!"

Die beiden verbeugten sich vor Elisabeth und kamen näher.

Direktor Grolman war mitgefahren hauptsächlich aus dem Grund, Thiele auch persönlich noch näher kennenzulernen, bevor er den endgülti­gen Vertrag unterzeichnete. Zwar war er innerlich fest entschlossen, den Schauspieler zu engagieren, doch Thieles Persönlichkeit hatte ihn neu­gierig gemacht, ihn auch im engeren Bereich seines Privatlebens zu be­obachten, wozu ihm hier die beste Gelegenheit geboten war und woraus er sich interessante und sicher später auch brauchbare Aufschlüsse über seinen Charakter versprach. Der Agent Henschke ahnte etwas von diesen Ab­sichten und beschloß, Thiele rechtzeitig zu warnen, da er manches Auf­regende über diese Gastereien hier in Nikolassee gehört hatte und einen ungünstigen Eindruck befürchtete. Doch es gelang ihm nicht, diese War­nung unauffällig anzubringen.

Denn Thiele selbst war so erfüllt von dem Gefühl seines Triumphes und einer überschäumenden Lebensfreude, daß er im Augenblick auf gar nichts hörte, was man ihm fagte. Er fühlte sich mit Recht als den über­ragenden Mittelpunkt, um den sich heute alle Gedanken und Wünsche, Ab­sichten und Interessen drehten. Er spielte die erste, tragende Rolle und würde sie in Zukunft immer spielen mit noch weiter reichendem Wider­hall. Jetzt kam der Teil seines großen Abends, in dem er nicht mehr Götz von Berllchingen war, sondern nur noch er selbst,- in dem er die hin­reißendste Rotte seines Lebens spielen konnte auch hier der Schau-, fpieler seines Selbst, der keine der saftigen Pointen unter den Tisch fallen ließ, sondern triumphiernd, kraftvoll, lachend und lärmend ganz vorn an der Rampe stand.

Noch etwas wühlte in seinem Innersten und trieb die Hochspannung seiner Nerven und Sinne auf einen Gipfel: das Bewußtsein, Mira von Alten war wieder da, war zu ihm zurückgekommen im Augenblick seines größten Sieges, und es war möglich, daß auch sie noch in dieser Nacht hier herauskömmen würde, zu ihm, um ihm zu huldigen. In den wenigen flüchtigen Augenblicken der Ueberlegung wiederholte er sich zwar, daß es unsinnig war, daran zu glauben, daß sie nach allem, was vor einem Jahr vorgesallen war, nochmals auftauchen würde und daß überhaupt ihr Besuch in seiner Garderobe mehr bedeutete als eine selbstverständliche Höflichkeit. Aber diese Zweifel wurden immer wieder restlos ausgelöfcht von dem Strom seiner Leidenschaft, die niemals gestorben war, rote er sich eingeredet hatte, sondern bei ihrem Anblick mit unveränderter, betäubender Wucht wieder aufgeflammt war.

Der Gedanke an Elisabeth und den tiefen Schmerz, den er ihr vor einem Jahr zugefügt halte und vielleicht wieder zufügen würde, war nicht imstande, diese leidenschaftliche Erwartung zu zügeln. Ihre Person stand für ihn einfach außerhalb. Er wußte, daß er sie liebte, und daß diese Liede fest verankert, zuverlässig und dauernd war, vielleicht der einzige, sichere Ruhepunkt in seinem Leben hinter allen diesen Leiden­schaften, die ihn stets hin- und hergerifsen hatten. Gerade darum aber hatte sie nichts mit diesen Leidenschaften zu tun, und er war eigentlich immer wieder verwundert, daß fie davon überhaupt Notiz nahm ober schweigend darunter litt. Er fühlte sich keineswegs schuldig, daß er ihnen nachgab. Diese Leidenschaften waren eben plötzlich da und hüllten ihn ein, wie Sturm ober Regen auf bem See ober im Wald, Naturgewalten, gegen die jede Verteidigung sinnlos war, und die ebenso schnell wieder vergingen, wie sie gekommen waren.

Thieles funkelnde Augen flogen über die Tafel:

Das haft du prachtvoll gemacht, Lisa! So habe ich es gern!" flüsterte er ihr zu und drückte noch einmal schnell ihre Hand.Aber es fehlt noch eine Kleinigkeit: mein Pokal! Heute gehört er hierher! Sie sollen Platz nehmen, Lisa, ich bin gleich wieder da!"

Er eilte hinaus.

Elisabeth setzte sich auf den Stuhl rechts vom Kopfende der Tafel und gab damit das Zeichen, sich je nach Belieben an dem langen Tisch einen Platz zu suchen. Es stellte sich heraus, daß sogar noch zwei Stühle freiblieben, obgleich man mit mehr als der ursprünglichen Zahl der Gäste gerechnet hatte. Den Doktor Hartl birigerte Elisabeth auf ben Platz sich gegenüber. Kern fetzte sich rechts neben fie. Der platinblonben Schönheit gelang es nicht, sich neben Direktor Grolman zu placieren; sie mußte sich mit einem Stuhl ihm schräg gegenüber begnügen.

Jetzt erschien auch ßubroig Thiele wieder und trug in beiden Händen einen Pokal aus geschliffenem hellrotem Kristall vor sich her, wie eine Monstranz. Er stellte ihn neben seinen Teller und begann ihn zu füllen, sowie er sich gesetzt hatte. Der Pokal faßte eine ganze Flasche Wein.

(Fortsetzung folgt.)