GiesjeneiWnilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1955 Montag, -en 12. August Nummer 62
Seine Kraft war in ihm mächtig
6m r>ändd-Roman von Ernst Murm
Copyright 1935 by Deutsche Verlage-Hnstalt, Stuttgart und Berlin
(7. Fortsetzung.)
Wieder nahm das Mädchen Platz. Und etwas Erschütterndes geschah: Händel erschloß sich. Ein Junggeselle, ein Einsamer von Ewigkeit zu Ewigkeit, hatte den Drang, sein Leben zu zeigen. Vielleicht wollte er nur sprechen, sonst gar nichts. Aber wie er anfing, zu gestehen, daß er mißtrauisch durch den ewigen Hader geworden sei, daß er oft sich selber ausschimpste: da sah er sich plötzlich in Person, essend, arbeitend, drohend, irrend, und er wollte wissen, wie einem zweiten Menschen das erschiene. Jäh kam er nun zu dem Mädchen hin, nahm sie an der Hand und führte sie um den Schreibtisch herum zu einem Schrank, den eröffnete. Was da hing und lag: ein halber Schinken, Würste, Käseblöckchen, Weinslaschen und Pumpernickel! Und davor Händels freudige Erregung!
„Sehen Sie — das gibt's überall, wo ich hause, daheim und hier! Vorräte! He, Sie dachten wohl, ich esse bloß Hostienblätter?"
„Nein. Ich sah Sie ja auch schon ein paarmal im Gasthaus große Mengen vertilgen."
„Ein Magenwüstling, was? Und heftig bei den Proben, ein unausstehlicher Tyrann? Na, etwa nicht?"
„Wissen Sie, Herr Händel, wie das ist, wenn Sie mit den Sängern streng sind? Großartig!"
„Junges Ding, glauben Sie denn, daß Sie mich kennen? Ein Ungeheuer bin ich, und seh's ja an der Arbeit! Da! Das soll Ordnung sein, ein solches Notenbuch?"
„Herr Händel, da ist Ordnung drinnen..."
„Kreuzdonnerwetter was nützt es mir, wenn Sie mit allem einverstanden sind, was ich bin und treibe? Wäre ich's nur auch selber! Sie Kind! Auf Ihnen liegt ja der Aerger über das Opernvolk nicht! Hätte ich nie etwas mit diesen Leuten angefangen, das wäre besser gewesen! Hätte ich nie zu leben begonnen, das wäre noch besser gewesen!"
„Das, mit Erlaubnis, Herr Händel, ist ein Hätte', von dem Sie im Ernste gar nichts halten."
„Nein, wirklich nicht! Denn ich glaube, daß sich nirgends kräftiger hantieren läßt als im Leben! Wer das spürt, Fräulein Arne, hat recht! Hat recht, wenn er lebt!"
Susanna Arne sah ihn lange an. Und sie sand den Mut, etwas zu sagen:
„Merkten Sie es schon, Herr Händel? Das Leben gibt Ihnen immer mehr recht. Selbst wenn Sie es nicht ganz bändigen.'
„Was meinen Sie damit?"
„Ich denke zurück an Ihren Streit mit der Italienerin. Damals staunte ich, daß Sie nicht besser mit ihr fertig wurden."
„Was?! Himmel und Hölle, wollen Sie mich aufstacheln?
„Es bleibt dennoch wahr: Sie haben sich damals nicht zu helfen gewußt." .
„Machen Sie nur den neuen Simfon aus mir, Fraulein!
„Herr Händel — ich will nicht Ihr Ansehen herabwürdigen. Für die Sänger und Musiker waren Sie damals Sieger genug. Nur nicht für mich..." m , .
Der Komponist merkte, wie das Mädchen etwas ganz Besonderes sagen wollte. Erstaunt fragte er sie:
„Was geht denn in Ihnen vor?"
„Lassen Sie mich einmal sprechen — ganz offen --- Herr Handel, ich habe bei den Proben und Vorstellungen, wenn Sie dirigierten, Ihr Antlitz gesehen, und einmal, beim Julius Cäsar, sagte ich mir: er wird ausstehen, früher oder später an diesem Abend wird er vor den König treten und sagen: ,Du! Ich bin mehr als du! Warum. Ueberlaß das Warum nur mir!' — Und ich träumte weiter, daß der König hochfahren und schreien wird: .Diesen Rebellen lasse ich im Haymarkettheater Direktor sein?' — Da antworten Sie — — — Herr Handel. Mag ich unbedeutend gut fingen oder gar nicht gut: die Hauptsache ist, ich kann von einem großen Manne etwas erwarten.. _.. .
„Kind, Kind! So ehrgeizig bin ich ja gar nicht, daß ich den König verdrängen möchte!" 1
„Ich habe es ja auch so nicht gemeint!"
„Fräulein, ich weiß! Ruhig! Sie brauchen es mir doch nicht zu sagen! Anders als mit Primadonnenstimmen gesungen gehören die Gesänge des Lebens! Bon anderen als von blassen Königen regiert gehört diese königliche Erde! Verstehen Sie mich? Auf Ehrenwort, ob Sie mich verstehen?!"
„Ja, ja, ja!"
„Dann sind Sie beim Teufel in die Schule gegangen und haben Im Himmel Prüfung bestanden! Fräulein! Fräulein! Still, jetzt ist Lichtl Die Schleuse ist offen! Ich habe fast zu niemanden sprechen können bisher! Sie aber müssen hören! Wissen Sie, wonach ich mich sehne? Nach einer Musik, die über Berge steigt und über Meere hinrauscht, nach Chören, von denen jeder ein ganzes Volk ist! Ich bin nicht glücklich, wenn ich meine Werke für das Theater einrichten muß, und nicht, wenn sie in den Kirchen gespielt werden! Das ist alles zu eng! Primadonnen prunken im Gesang, die feinen Leute hören meine Musik! Aber der Ton, den ich gebe, er soll doch alle bewegen..."
Susanna Arne, mitgeriffen von Händels Leidenschaft, erfuhr es bei feinen letzten Worten, daß sich Gedanken, noch dazu peinliche, in ihr Gefühl mischten. Sie wohnte nicht zu Hause bei ihren Eltern, sondern in Untermiete bei fremden Leuten. Doch so oft sie die Ihren besuchte, hörte sie vom Vater, daß er dem Haymarkettheater und auch Händel vorwars, er spiele nur für die Reichen, schon dem Mittelstand gegenüber zeige der mächtige Komponist Hochmut. Die Choristin bekam nun aus Händels Mund bestätigt, was sie schon längst empfand: daß er nicht nur die Reichen, sondern auch das einfache Bolk gerne im Banne seiner Kunst gesehen hätte. Was die Leute der Vorstadtoper von ihm verlangten, daß er satirische Werke schreibe und sich mit dem bitteren Ton der Gescheiterten befreunde, das war seine Sache nicht.
Dennoch sah das Mädchen gerade in diesem Augenblick eine Aufgabe darin, zu vermitteln. Sie kannte die Mängel und das Gute der königlichen wie der Volksoper. Auch lasteten die ersten Fragen Händels an sie in diesem Gespräch noch auf ihrer Seele. Langsam sprach sie nun:
„Wonach Sie sich sehnen, Herr Händel, das verlangt im Grunde auch mein Vater von Ihnen..." .
„Kommen Sie, wir gehen zusammen ins Gasthaus! Dort muß ich Sie noch allerlei fragen."
Welches Staunen in der ganzen Over! Der Direktor, fast niemals in Frauengefellfchaft, verließ an der Seite einer Choristin das Haus. Wie ein Lauffeuer ging es um. Inzwischen aß Händel seelenruhig und in bester Laune dreimal Gänsebraten und zwei Puddings, erzählte er Susanna Arne eifrig von feinen und Arbuthnots Kochrezepten und kam. gesättigt, wieder auf die Vorstadtoper zu sprechen.
„Die Leute hatten in der letzten Zeit einen großen Erfolg."
, Mit der Bettleroper."
„Ein fragwürdiger Titel, etwas wie Freude an Lumpen."
"Das ist es auch. Aber gerade das gefällt den Zuschauern. Und hinter der Absicht steht mehr. Ein großes Gesübl steht dahinter."
„Mitleid aus Not und andere Schwächen! Gay hat den Text gemocht? Jedermann weiß, warum der Kerl die seine Gesellschaft haßt! Weil sie ihn ausschloß!" v . ...
Ja der Anlaß zu seinem Werk war bitter. Vieles darin ist zu scharf gesagt. Es erfreut und erhebt auch keineswegs. Und trotzdem war ich davon ergriffen."
„.Sie fallen sich die Oper an? Warum?
„Mein Vater sagte mir, daß Sie darin nachgeahmt würden.
„Ist der Scherz gelungen?"
„Nicht ganz und doch lustig. Ueberhaupt ist dort, wo der Humor zu seinem Recht kommt, eine Wärme in dem Stück, viel mehr als in manchen ernsten Opern. Es gibt wahrhaft schone Melodien drinnen.
„Beseelte?"
„Manchmal sind sie wirklich voll Seele.
Händel überlegte beim Abschied von Dem Mädchen. Dann sagte er bin^Donnerstags abends frei. Wollen Sie mich da in die Betlel- °%us''ber' Sitn hinaus führte der Weg zu Lincolns Jnn-Fields- Theater wo die Vorstadtover zu Hause war Selten kam Handel m diese Stadtgegend, höchstens auf der Durchfahrt, wenn er an freien Tagen aufs Land hinau-'fuhr. Dabei war hier nicht etwa bloß die Armut, sondern auch recht viel Wohlstand daheim. Den Kern der Bern ".er bildete eine vergnügungssüchtiae Bürgerschicht, die allerdings vo. aer Unterw lt sich roeniaer schützen konnte als die Herren der Paläste und Adelshäuser und deshalb mit Gesinde! und Dirnen sich wohl oder übel vertragen mußte. Ausgesprochen wohl fühlten sich hier gescheiterte Literaten und von ihnen kam es her. daß das Boi' in einem ferneren Sinn» empfindsam und beweglich wurde. In h»n Kaffeehäusern hielte man dort nicht nur Karten und ging seinem Vergnügen nach, sondern


