Ausgabe 
12.8.1935
 
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es wurden auch die bissigsten Spottlieder gerne mit angehört, und es kam so weit, daß Verbrecher unter Ausrufe, die von heruntergekommenen Schriftstellern gegen die Reichen versäht worden waren, ihre Unter­schriften setzten ... In dieser Lust erwuchs die Oper der Armen. Findige Komponisten verstanden musikalisches Volksgut aufzustöbern, und die unbekümmerte Freude der Bürger an der Verherrlichung des Alltags, noch mehr am Gespötts über die feine Gesellschaft, war groß. Man dankte den Literaten für jeden guten Einfall.

Gays Bettleroper war nach mehreren Vorläufern die Vollendung dieser Volkskunst: sie hatte die beste Handlung, den reichsten Witz, die meisten und schönsten Melodien von allen Werken ihrer Gattung. Ihr Erfolg war jo gewaltig, daß er auch die Reichen neugierig machte, die es anging. Sie besuchten die Vorstellungen scharenweise, und das Volk nahm den Feind begeistert auf. Es gab Huldigungen, wenn feine Wagen durch die Vorstadt fuhren. Verbrecher öffneten den Wagenschlag und blieben standhaft bei jeder Versuchung zum Diebstahl.

Händels Erscheinung war den Londoner Theaterbesuchern zu ver­traut, als daß man ihn nicht sofort erkannt hätte. Aber Rich und Arne, auch Gay und Pepusch, Händels Vorgänger im Cannon, nach der Schei­dung von seiner Frau ein Künstler, mit dem es abwärts ging, bis er als Bearbeiter der Bettleroper zu Volksehren kam sie alle wußten durch Susanne Arne schon am Mittwoch, daß Händel am Donnerstag im Theater sein werde. Sie trafen ihre Vorbereitungen, bestellten sich Beifall für die Händel-Marschparodie und sahen auch vor, den Künstler nach der Vorstellung einzuladen. Weil ihn auch das Volk gleich erkannte, war Händel von dem Augenblick an, da er Lincolns Jnn-Fields-Theater betrat, die Zielscheibe aller Blicke. Er hatte damit gerechnet und machte sich nichts daraus. Mit der Choristin neben sich, die er seit einigen Tagen als guten Engel in seinem Leben empfand, fühlte er sich unbeengt und war guter Laune. Er hatte ein offenes Herz an diesem Abend, freute sich, daß der Saal voll wurde im Gegensatz zu den leeren Häusern der Royal Academy in letzter Zeit, sah mit Ergötzen das freiere Gehaben der Zuschauer, wie sie etwas aßen und handgreiflich wurden, und war gespannt auf die Vorstellung.

John Gay selber sprach den Prolog. Er hatte dies nur bei der Erst­aufführung getan und wußte, warum er den Vortrag heute wiederholte. Es waren die Ohren für die boshaften Worte des ehemaligen Gastes im Palast Burlington da, die Ohren für den Spott auf die königliche Oper, deren Gäste mitunter Ferkel seien und allesamt Geier, für das Lob auf den besseren Wert des Volkes, das seine Talente nicht umkommen ließe, weil es Schützlinge unterbringen müsse. Ein Hoch auf dieVäter" Rich und Arne schloß seinen Vortrag, der halb Schimpf und halb Lob war. Ein Hoch auf Theaterdirektoren, die für lebendige Kunst Sinn hätten und für ihren Kassensieg nicht die Hand eines schäbigen Finanz­ministers brauchten.

Im scharfen Lampenlicht sahen Gays Gesichtszüge hagerer aus als einst, und Händel merkte auch, daß aus seinen Mienen nicht mehr die ruhige Uebelegenheit des Geistes sprach, welche diesen Dichter früher jedem Fremden zur Gesellschaft empfahl. Er war nicht mehr glücklich trotz des großen Erfolges. Und in seiner Person kündigte sich etwas Grelles und Bitteres an.

So klang auch richtig der Grundton seiner Bettleroper. Des Werkes heimlicher Sinn war, daß Hehler, Verbrecher, Dirnen und Diebe sich über ihr Gewerbe aussprachen, und zwar in den Formen der noblen Gesellschaft. Sämtliche Gestalten sollten Personen aus dem öffentlichen Leben im Lichte der Armut zeigen, Lords und Ladys, wie sie da- stünden, wenn sie keine Titel hätten. Am ärgsten war in dem Stück Gays eigenster Feind, Walpole, der Finanzminister, gebrandmarkt. Er trat als Räuberhauptmann auf, der von anderen Banden Tribute erhob, dagegen sich auch von der Polizei bezahlen ließ, wenn er mithalf, jene Banden zu fangen. Also: ein Ehrenmann nach außen...

Die Handlung gefiel Händel wegen ihrer Schärfe nicht, doch war er osort angeregt von der Musik und erkannte, es gab ein Gebiet für ie, dem er noch wenig Aufmerksamkeit schenkte: den Humor. Es muhte a nicht dieser Humor hier, nicht Gays beißender Witz sein, man konnte ich auch eine freundliche und kräftige Lachoper aus dem Bauernleben vorstellen oder eine voll innerer Wärme, die mit Lächeln den Stolz und den Ernst eines Kämpferlebens verklärte...

Händel kam an diesem Abend nicht dazu, sich das weiter zu über­legen. Hatte er schon beim Hören der Ouvertüre erkannt, daß darin seine Art nachgeahmt worden war, so ließen ihn die ersten Takte seines Rinaldo-Marsches, der hier als Chor in einer Verbrecherschenke gesungen wurde, ganz besonders aufhorchen. Aber kaum daß diese Musiknummer begann, setzte auch schon im ganzen Hause lärmender Bei­fall ein. Man rief:Seht, Händel besucht uns!" Gegenrufe:Wer? Er oder feine Musik?" Antwort:Beides! Heute beides!" Und wieder gemeinsam:Hoch, Händel! Willkommen bei uns! Das ist die Bettler­oper, die hochberühmte Bettleroper! Hoch, Händel, in der Bettleroper!"

Susanns Arne wurde rot und blaß, aber als sie auf dem Gesicht neben sich ein breites Schmunzeln sah, wußte sie, er nahm's nicht übel. Leise und rasch sprach sie noch während der Vorstellung zu ihm:

Mein Vater läßt Sie durch mich bitten, Herr Händel."

Heute bin ich dafür zu haben!"

Es gab, zum Theater gehörend, eine Gastwirtschaft, wohin sich die Zuschauer nach der Vorstellung gerne begaben, schon allein um recht eng mit den Künstlern in Berührung zu kommen, die dort allesamt ihr Abendbrot verzehrten und noch lieber Whisky tranken. Hierher brachte Susanna Arne heute ihren Begleiter.

Einen Augenblick war es peinlich für Händel, Gay und Pepusch gegenüberzustehen. Sie hatten beide bessere Tage gesehen zu der Zeit ihrer ersten Bekanntschaft mit Händel. Den Pepusch hatte er aus Cannon halb verdrängt. Dem Gay schlug er ßibrettoanträge zweimal ab und nun g»ib er ihnen die Hand und setzte sich an einen Tisch mit ihnen. Das Hinzukommen Richs und seine boshaften Fragen nach der Royal Academy machten die Lage nicht angenehmer. Auch Gay gab ihm hartnäckig Titel wieHerr Direktore" mit Anspielung auf die italienifche

Oper. Aber ein Gesicht inmitten dieser bissigen Gesellschaft löste Händels Humor: das von David Arne, Sufannas Vater.

Sein tausendfach gerunzeltes rundes Antlitz mit den schwimmenden Augen hatte etwas Sorgendes an sich, man glaubte ihm das leichte Fertigwerden mit allem und eine Freude am Leben, wie sie Schmieren- birettoren oft nicht verlorengeht, die noch im Elend dafür dankbar sind, daß sie der weiten reichen Welt ins Antlitz schauen können. Durch Arnes Einstudierung verlor die Dettleroper vi?l von ihrer Messerjchärfe, dafür gab er ihr das Allesverstehen und Sonne zwischen die Lumpen. In ihm selber wurde sichtbar, was die Armut adelte und der Posse ihren Sinn gab. Auf seine treuherzige Einladung, einmal Räucherbücklinge und Kraftbier zu versuchen, wurde Händel vergnügt und ging aus sich heraus:

Wie kommt Ihnen das vor, das wir so beijammensitzen, meine Herren?"

Sehr ehrenvoll für uns, Herr Direktore!"

Die hohe Musik in Person bei der gemeinen großartig!"

Aber Kinder! Er meint es doch menschlich!"

Seht ihr! Mein dicker Freund da versteht mich! Ich bin nämlich auch ein Mensch und habe heute ausgespannt!"

Warum nicht schon srüher und warum nicht öfter, Herr Händel?' Lieber Pepufch, leider fehlte mir immerfort die Zeit. Und wußte ich je, was mich hier draußen erwarten würde?"

Was hat Sie nun doch bewogen, herzukommen?"

Die guten Worte des Fräuleins über Ihre Oper."

Jetzt dürfen wir wohl fragen, wie Sie Ihnen gefiel?"

Ja, darauf wäre ich ohnedies zu sprechen gekommen! Aber nicht als Fachsimpler! Laßt mir Zeit, kommt! Wir gießen erst eins in den Schlund!"

Sie können trinken, Herr Händel wie man es bei Hofleuten gar nicht gewöhnt ist..."

Und essen kann ich erst, da werden Sie Augen machen, Pepusch, wie es schon manche Lady tat! Einmal wurden bei Pembroke zum Tee belegte Brote gereicht. Ich sah gerade neben einer Herzogin, die zu ihrer anderen Nachbarin sprach, als der Diener mit der Platte kam. Die Herzogin ließ ihn warten. Sieben Brötchen, dachte ich, da bleibt mir immer noch eines. Sie hatte leider vergessen, daß ich neben ihr saß!"

Arne lachte hell auf, die andern sahen sich verdutzt an. Dieser Händel da schien ein Mittel zu haben, sie und ihresgleichen mundtot zu machen. Und wirklich war fein Wesen so gewaltig und gelassen auch sich selbst gegenüber, daß jeder sehlging, der ihn bespöttelte. Dennoch konnte sich Gay nicht enthalten, zu rufen:

Ein Fehler, ihrer Musik, Herr Händel, daß sie pathetischer ist, als Sie selber sind!"

Und ein Fehler Ihrer Bettleroper: sie ist giftiger als das Volk sein kann! Ich, weiß Gott, bin nicht fade und lasse mir etwas sagen über meine Musik, wenn auch die einzig gebührende Antwort die wäre: Setzen Sie sich hin und schreiben Sie diese Musik! Mir ist bekannt, daß Ihre Bettleroper die ernste Oper ausftechen soll. Nur wird das mit solchen Stoffen nicht gut gehen!"

Es ist leicht nachzuweifen, daß unsere Oper mehr besucht wird als die Ihre."

Töricht, auf die Besucherzahl zu packen! Aus der Menge läßt sich alles machen. Die Gerechtigkeit wäre, den Ton zu finden, der den Wert einer Oper ohne Zeitung und Publikum ausdrückt."

So in der Art: Ich weife darauf hin, daß meine Oper ohne Zweifel richtig ist. Nicht wahr?"

Beifallslachen lohnte den Spott Gays. Aber Händel ließ sich nicht beirren, er blieb ruhig und wurde, mit einem Blick auf David Arne, sogar wieder freundlicher: Und schwer fiel der Stein seiner Weisheit auf den verbitterten Gay:

Schade um Ihren guten Gedanken. Für eine ganz reine Welt paßte diese Opernkritik recht schön. Diel anders meine ich es auch nicht, nur etwas bescheidener. Ich denke mir das Urteil über eine Musik zwischen den Noten gesagt..."

Organe vorausgesetzt, die das hören können."

Ja, solche Organe vorausgesetzt..."

Es trat eine Pause ein am Tisch der Künstler. Händel sah allen der Reihe nach ins Gesicht, allen fest und tief. Scheu vor dem Gewaltigen sprach jetzt aus den Mienen Gays und Pepuschs. Rich verstand von dem Gespräch sehr wenig und leerte verlegen sein Glas, Arne aber schien zu fühlen, was Händel meinte. Ein ferner Klang stieg auf in seiner guten Vaterseele, er dachte an die seltsame grau seines Lebens, die ihm jung starb und eine Tochter hinterließ, die ihr ähnelte. Liebevoll wan­derte fein Blick in Sufannas Gesicht. Sah diese nicht aus wie ein schweigendes Urteil, hatte sie nicht in Not und Arbeit eine so ruhige Ausdauer erwiesen, ging sie nicht ihren Weg recht und schlackenlos. Klein war ihre Stimme, sie kam als Sängerin kaum vom Fleck. Aber in der Bettleroper hätte sie doch eine größere Rolle bekommen als je in einer Oper der Royal Academy. Dennoch blieb sie dort, und frug Arne sie, warum, dann sagte sie nur kurz:Ich sing' so gerne bei Händel."

Und Händel fragte sich in dieser Gesellschaft von Leuten, denen der arge Rutsch aus einer fcheinhohen Welt in die niedrig genannte nicht erspart geblieben war, was er selber denn großes vollbracht hotte, wenn er sich auf feine Titel stützte und stets eine Hofopernhafte Musik schrieb, deren inneres Wesen die noblen Menschen nicht verstanden. Das Mädchen an seiner Seite hatte ihn einen guten Weg geführt. Plötzlich sah er ein Werk vor Augen, das er schreiben konnte und er schreiben mußte, ein warmes und heiteres, einmal ohne Siegesmärscke und ohne rachsüchtige Feinde, etwa die Welt der Könige in eine tn"'1'41*" 1'"v deutend, aber nicht boshaft, sondern versöhnend ...

(Fortjetzung folgt.)