Ausgabe 
12.7.1935
 
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Oer römische Brunnen.

Von Conrad Ferdinand Meyer.

Aussteigt der Strahl, und fallend gießt Er voll der Marmorschale Rund, Die, sich verschleiernd, überflieht In einer zweiten Schale Grund;

Die zweite gibt, sie wird zu reich. Der dritten wallend ihre Flut, Und jede nimmt und gibt zugleich Und strömt und ruht.

'verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Vrühl'scheUniversitätS-Vuch»undSteindruckerei.2l. Lange. Dieben.

fchäumk und wo die alten Kaufhäuser ihre Giebel müde recken und ^Rolf führte mich dann noch zum jetzigen Hafen; dort lagen ein paar Elbkähne, die Obst und Gemüse aus den Vierlanden bet Hamburg auf der Ilmenau heranbringen.

Lange schien die Stadt zu träumen von der Zeit, als dre Kran­balken der Häuser noch knarrend ihre Lasten hochzogen, als dte Salz- schifse aus der Ilmenau sich drängten und die schweren Lastwagen über das holprige Pflaster rollten. Dann aber besann sie sich auf die alte Salzquelle, aus der sie schon einmal Wohlstand geschöpft hatte. Sie schu sich ein Sol- und Moorbad, das im Grün vor den Wallen liegt, in der Nähe der tausendjährigen Sülze. Fabriken siedelten stch vor den Toren an und schufen Arbeit und Brot. . ,. c

Und doch hat die Stadt verstanden, ihr vlelhundert,ahrlges, farbiges und schicksalgezeichnetes Antlitz unentstellt bis heute Su erhaltem Nieder­sächsischer Sinn für das Alte und Vergangene einte stch hier mit Auf­geschlossenheit für die Gegenwart. « u-

Jungen traben, nannte sie Bengels und Hammels und versprach. Ihnen die Haut über die Ohren zu ziehen. _ __ .

Schacht, von Haus aus reich, kein Mann zarten Gefühls, war dem Weinen nahe, als es am frühesten Morgen anglng als der ganze Troh in gepreßter Enge und Dunkelheit, dazu in haftender Elle wieder flott gemacht werden mußte. Es passierte ihm allerhand dabei, und überdies hatte er vom vielen Honig der Vortage den Durchsall bekommen. Er mußte immer wieder einmal hinter die Scheune, und Rohrmann hielt derweil seine Pferde. Sechs Pferde im ganzen hielt dann der gute ^°Am Rande des im vortägigen Gefecht eingenommenen Dorfes standen die Schützen unter Lux und begrüßten nut Stolz und Halle> die heran- kommenden Handpferde. Sie suchten sich ihren Gaul, besahen sich ihr Eigentum von oben bis unten, und zwei der Schutzen, einer von ihnen war gar der Gefreite Osterloh,.erhoben gegen Schacht ein drohendes Geschrei, weil ihre Lanzen fehlten.

Da ging Schacht zum Wachtmeister und meldete sich krank, wegen anhaltenden Durchfalls. Der Wachtmeister lachte gräßlich und ries den Sanitätsunterosfizier. Der gab ein paar Pillen, und mit Schacht blieb alles wie es war Er zitterte jetzt vor Lux wegen der fehlenden Lanzen, es zitterte sein Leib, und gleich mußte er noch einmal hinter die Scheune.

Lux aber hatte viel zu tun, er dachte nicht an Schacht, er dachte aber auch nicht an Ruhe wie der Teufel fuhr er umher. Der Wachtmeister meldete ihm alles, was mit den Handpferden gewesen war, vom fried­lichen Bummel in der Wiefe, von Plöns Abzug auf ^atrouitte oom Granateneinschlag in den zweiten Zug und von dem dunklen Knaue, auf der Erde: vier Pferde waren hm, alles gute Tiere fünf Mann waren verwundet, alles gute Leute.

Wie war das zugegangen? Der Wachtmeister meldete es haargenau, mit behutsamer Anklage gegen Leutnant Griesbart in der Stimme aber er wurde dennoch angeblasen. Lux tobte und fchne in allen Tonen, das war ihm etwas, die Handpferde, weit vom Schuß, beinah in der Heimat, und da diese Verluste! Potz Hinterteil und Wolkenbruch! Em Funken­regen von Wut ging auf den Wachtmeister nieder.

Dann lief Lux dem Wachtmeister davon, bohrte sich zischend durch das haltende Reitergewimmel hin dis zur fünften Schwadron Da sah Leutnant Griesbart im Schatten feines Rittmeisters und frühstückte mit den anderen Offizieren, trank Feldküchenkaffee aus einem entzückenden, einem allerliebsten kleinen Becher: ,x.

Ha Serien! Ha Lukas! Willkommen tm Grünen Schnaps gefällig, alter Schützenkönig? Wieder eine Schlacht gewonnen? Man freute sich, Serien zu sehen, bald aber mußte man über ihn staunen:

Der kleine Griesbart, Leutnant von Krieges Gnaden, erhielt eine Abreibung, daß ihm jede Frühstücksneigung verging: War er em Mensch, hatte er einen Kops, hatte er ein Hirnchen darin? Besah er nicht soviel Verstand, rechtzeitig vor herannahenden Schrapnells eine Abteilung wehr­loser Handpserde marschfertig zu machen, Kandaren einzulegen, Gurte sestzuziehen? War er ganz von Sott und allen Engeln verlassen?

Fertig das Toben? Nein, immer noch nicht. Lux sagte nicht guten Tag sagte nichts zu, beispielsweise, dem goldigen Kasfeebecher, ob ihn das Fräulein Braut kürzlich gesandt? Nein das Wetter ging weiter:

Sollte das nun unser Führernachwuchs fein, Bürschleins mit Not­abitur und der Eitelkeit von Pensionats-Jungfrauen, mit riesengroben Achselstücken und aufgeschlagenem Mantelkragen, geschossen für die klei­nen Mädchen auf der Seortzstraße! Säße er, Serien, im Mckckar- tabinett und hätte SM. zu diktieren, er würde überhaupt keinen Gym­nasiasten zum Offizier befördern, bloß weil er einjährig wäre, nein, keinen. Statt dessen aber alte Feldsoldaten, tüchtige Unterossiziere, Kerle, Männer! Potz, potz Wetter, seht den Lukas, seht diesen Brokel, diesen milchblassen, mädchenschönen Gernegroß! .

So schimpfte Lux, es war wirklich toll, man mußte für fernen Itter* stand fürchten. Die Verantwortung nahm ihm alle Sinne.

Der kleine Griesbart stand blaß da und ließ die Arme baumeln. Verschwunden war im Augenblick aller Glanz und Schmiß seines Herrchendaseins Die anderen Herren grienten in sich hinein: ja, -der Lukas Recht hatte er wohl. Bloh der Rittmeister der Fünften strich bos seinen Borstenbart-, das ging ihm zu weit, der junge Herr gehörte zu seiner Eskadron. War etwas zu sagen, muhte er es jagen: Serien benahm sich taktlos. _ .

So dachte er pikiert, aber er schwieg. Serien war Ausnahme, Serien kam aus heißgeglühtem Geben und hatte besondere Rechte. Serien war auch erfolgreich und genoß an hoher Stelle großes Ansehen. Serien war Serien. Prost Serien! .

Ja, jetzt trank Lux feinen Schnaps und war wieder em anderer, er bezauberte im Umfehen alle durch einen ganz verfluchten Witz, und dann ging er wieder zu (einer Schwadron. Er stieß dort auf Schacht, der vor einem Zaun hockte, und warf ihm ein kräftiges Wort hin:Nur nicht weich werden!" rief er. Schacht hörte es mit Wonne, und der Bauch tat einen Augenblick gar nicht mehr weh. Eine Lanze hatte er zwar immer noch nicht, woher auch? Wurden hier in der Wildnis Lanzen verhandelt? Osterloh zwar hatte wieder eine Lanze, der andere auch. Woher nur? (Irgendwo in der fünften Schwadron gab es bei zwei Reitern ein boles Schimpfen, Osterloh aber lachte sich in den Bart und sprach vor Wohl* gefühl polnische Brocken daher. War et doch der Dolmetscher des Führers!) ...

Weiter ging es. Sie ritten mit Spitze und Seitendeckung gegen Nordost, ritten durch den großen Wald und trafen die Patrouille des Srafen Plön, die sich still dem grauen Wurme einfügte. Alle waren wieder da, keiner fehlte, bloß einer trug den Arm in der Bmde, uno Plön ließ sich vom Sanitäter einen langen Riß an der Hand verkleben. Und Moser hielt krampfhaft feine halbe Lanze überm Pserdeohr hoch und tat alles, daß man nicht fätje, wie sie gleich unterhalb feiner Hans endete.

Reiter im Krieg.

Von Karl Benno von Mechow.

Vom Reiten der deutschen Kavallerie im Osten, durch die geheimnisvollen russischen Wälder, durch die Felder und Sümpfe und über die Flüsse des weiten Landes, von gewal­tigen Zügen geschloffener Regimenter, von tollkühnen Pa­trouillenritten erzählt K. B. v. M e ch o w, der Träger des von Reichsminifter R u ft verliehenen Preises der Harry- Kreismann-Stiftung für 1934, in feinem ReiterromanD a s Abenteuer" (Verlag Albert Langen / Seorg Müller, Mün­chen, in Seinen gebunden 4,80 Mark). Wir bringen daraus mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers den folgenden Aus­schnitt zum Abdruck.

Die Handpferde und ihre allzuwenigen Pfleger hatten eine schlimme Nacht verlebt. Der Schrecken hatte sie in den Wald gejagt, die Feldküche der Fünften wäre beinah dabei verunglückt, und es hatte eine Weile gedauert, bis die Truppe wieder in halbe Ordnung gekommen war. Leut­nant Griesbart war dünn und blaß herumgelaufen. Er war nicht böse auf sich, er war böse auf das Wetter, das urplötzlich von vorne gekom­men war, und böse auf den Schrecken. Er hatte den Wachtmeister beschimpft; die Wachtmeister schrien auf die Unteroffiziere, die Unter­offiziere hielten sich an der Mannschaft schadlos und die Mannschaft an den stummen und schuldlosen Pferden. Ein gräßliches Getue war es gewesen, Kriegsfreiwilliger Schacht hatte endgültig bas Schicksal ver­flucht, das ihn hatte gerade Nummer fein lassen.

Unteroffizier Moos hätte wohl auch auf das Schicksal geschimpft, wenn er besser bei Stimme gewesen wäre. Aber er lag blaß und stumm zwischen den anderen, die dem dunklen Klumpen im zweiten Zuge lebendig entstiegen waren, lag im Sanitätswagen und wurde abgerollt. Dabei war es doch fein freier Wille gewesen, bei den Handpserden zu bleiben, eine eigenmächtige Entscheidung feines sich selbst bewußten Ge­hirns, ein sehr bedachtes Eingreifen in das rollende Rad! Oder doch vielleicht Schicksal? Immer noch weiß es keiner.

Was hatte er auch übrigens beim zweiten Zuge zu suchen? Eine kleine Unterhaltung? Ein leichtes Plaudern voll Bosheit und Kritik? Eine leise maulende Beschwerde? Mag schon sein.

Auch in dieser Nacht hatte Schacht seine Not. Seine drei Lanzen waren fort, blieben fort; er wurde vom Wachtmeister angebrüllt und wie ein nasser Sack behandelt. Und das Quartier dieser Nacht war kein Grand-Hotel, war ein leerer Schuppen und ein großer Haufen Unrat. Sie tarnen mit dem Haufen Mist nicht zurecht; sie mußten auch, was sie nie sonst taten, die Viehställe in Benutzung nehmen, zu deren niederen Türen tarnen die Pferde erst hinein, nachdem man sie im Freien abge­sattelt hatte; drinnen standen sie dann auf uraltem Mistpolster und stießen mit den Kopsen an die Decke.

Es war ein schlechtes Machen, ein Kramen und Lausen, die ganze Nacht um drei Pserde, drei Sättel und drei Zaumzeuge; um dreifachen Empfang für Mensch und Tier, um ein dreifach erschwertes Leben. Schacht bekam nicht eine Mütze voll Schlaf in dieser Nacht zu besehen.

An Stelle des abgerollten Moos übernahm Unteroffizier Hummel den Beritt; Hummel, ein Trompeter eigentlich in friedlichen Zeiten, ein Musi­kus, eine leichte Fliege und ein launischer Bursche! Er schäkerte mit den alten Leuten und strich ihnen Honig um den Bart, dafür ließ er die