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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
ahrgang 1935 Zreitag, den 12. JuH Nummert
ut, daß Du da bist
ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR
Copyright 1933 by August Scherl <$>. m. b. <S-r Berlin
(Fortsetzung.)
„Was ihr für Umstände macht! Aber es ist nett von ihm, daß er ch begleitet hat. — Du hast einen bösen Schreck bekommen, Lisa. Ich il? es dir an. Aber es ist wirklich nicht schlimm mit mir."
.Sprich nicht so viel darüberl Davon verstehst du nichts. Du willst ms" alle nur hinters Licht führen, wie du es die ganzen letzten Monate unburd) getan hast. Kern hat mir alles erzählt heute früh tm Zug. Seiber zu spät! — Aber jetzt hast du nichts mehr zu sagen, sondern Ui folgen. Darum bin ich gekommen!"
Er lächelte. „Du muht nicht glauben, Lisa, daß ich es wieder irgend- me toll getrieben habe auf dieser Tournee. Im Gegenteil! Ich bin rod) nie so solide und vernünftig gewesen und hab' mein Gewicht tat- slichlich auf seinen früheren Stand gebracht. Du würdest staunen, wenn iu mich jetzt auf der Bühne sehen würdest."
Elisabeth hatte Tränen in den Augen. Es war gut für ste, daß in tiefem Augenblick Doktor Kern eintrat.
„Jetzt bekommst du mich doch in deine verdammte Klinik! rief hibroig ihm entgegen. ..
„Aber nicht für lange, das schmore ich dir!
„Gott sei Dank, daß die Kollegen hier vernünftig sind! Wir können teilte nachmittag fahren. Dein Wagen ist wie geschaffen für einen ^^,Du ^muht^mll dem Direktor des hiesigen Schauspielhauses sprechen, fern. Er ist ein reizender alter Herr und hat sich so auf mein Gastspiel (ejreut. Aber ich glaube selbst, es geht nicht mehr. Du muht ihn auf ias Frühjahr vertrösten." ' ... , . . .
Selbstverständlich werde ich das. — So, und nun schlaf em wenig! Irian wird dich ganz in Ruhe lassen. Kurz nach Mittag holen wir
si^mit Konstantin um halb drei Uhr wiederkamen, sah Ludwig chon angekleidet im Lehnstuhl. Er hatte in der Tat so viel abgenommen, laß der Anzug, den er aus Amerika nntgebracht hatte^ an fernem Sor- ,tr schlotterte.^ Er erhob sich mühsam und muhte sich auf Konstantin flitzen, um den kurzen Weg zu seinem Wagen zuruckzulegen.
Elisabeth setzte sich neben ihn und hüllte chn sorgsam in die mitge- irachten Decken Er liege im Rücksitz semes Wagens bequemer als ,m Bett des Krankenhauses, behauptete er und schloß die Augen
Konstantin, der seinen Herrn vom ersten Tag ab vergötterte, war ,°n seinem Unglück so tief betroffen, daß erbte Nerven verloren hatte, er war es gewesen, der das unklare, das Schlimmste ondeuterwe Tele- iTamm an Elisabeth aufgegeben hatte. Doch aus der Fahrt nach iBerlm l<tam er seine Nerven wieder in die Gewalt und steuerte den schweren Lagen mit einer Aufmerksamkeit und einer Vorsicht, die dem Doktor Eern ein volles Lob abrangen. . «irn,
Kern bestand darauf, Ludwig ohne Aufenthalt in d>e Klinik P - '2|for Altho ss zu schaffen, mit dem er schon am frühen Morgen Ruck- ipradje genommen hatte. Bei Anbruch der Dämmerung kamen sie dort in, und Ludwig wurde in das vorbereitete Zimmer gebracht.
Elisabeth blieb die Nacht über in der Stadt.
Während der ersten Tage in der Älthossschen Prioatklinik schien ßub= "teig sich gut zu erholen. Er schämte sich seines Zufammenbruchs u -'igelte darüber, daß man ihn hier mit Gewalt tm ®ett_feM - er ersten Stunde seiner Ankunst ab tyrannisierte er die Schwestern und as gesamte Personal, mit dem er in Berührung kam, und alle wun- erten sich, daß sie sich seine exzentrische Behandlung ohne> mel SB ber- ttanb gefallen liehen Gegen die Vorschrift empfing er Besuche zu feber Zeit unb gab in dieser Hinsicht Befehle, die die HanzeHausordnung u stören drohten. Nur wenige Stunden am Tage mar er altem »eirnau ■am mit der blonden Inge Graf, Steinten mit Nachrichten über de Wallenstein, Hubert von Gerber mit Büchern - - - und dann kamen noch "iele Kollegen und entfernte Bekannte. .
Auch sämtliche anderen Patienten der Kl.mk konnten n,ch lange im Unklaren bleiben, wer jetzt in dem besten Zimmer d" ersten Stecks estdierte. Sie muhten alle aus den Zeitungen, wer Ludwig Thletewa^ "ahmen lebhaften Anteil an seiner Erkrankung und MEten sich "icht, wenn sie feststellen muhten, daß das Interesse der Schwestern unb »es Personals sich ganz aus seine Person konzentrierte.
Gleich barauf trat Elisabeth und Billy ein.
Heute ist ein großer Tag, Lisa! Henschke war hier!
Und Martin. — Wir sind ihm auf der Treppe begegnet.
"ctn ber auch Aber Henschke hat mir eine Nachricht gebracht, die ihr "als erste erfahren sollt. Die Ufa hat bei ihm angerufen. Sie will mich fest verpflichten für eine ganze Reihe von F'lmen. Das ist die ^s!e Wirkung meiner amerikanischen Ersolge. Henschke war vollkommen außer sich unb hat mich beschworen, niemand was davon zu verraten, bevor der Vertrag perfett ist. Aber es ist Nicht daran zu zweifeln!
ber®T machte kehrt und stolperte aus dem Zimmer. Ludwig schraubte die Nasche auf, foq den Dust, der daraus aufstieg, tief in die Nase und oie uuj, ihm nusneie rhnet
Professor Althofs hatte zwei eingehende Untersuchungen oargenom- men hielt jedoch mit der Diagnose zurück, da die Ergebnisse der -Blut* Untersuchung und der Röntgenaufnahmen noch nicht fixiert waren. Er hatte mit Doktor Kern eine lange Aussprache unter vier Augen, von der Kern mit einem Gesicht zurückkam, dessen tiefer Ernst sich erst lockerte, als er vor dem Wartezimmer auf den Bildhauer Franz Martin stieß.
Wie steht es, Doktor? Was sagen die Aerzte?"
"Nicht oiel. Es ist alles noch recht undurchsichtig."
Der Bildhauer lächelte höhnisch. „Das war vorauszusehen. Was versteht ihr schon von einem Menschen wie Ludwig! Du natürlich ausgenommen. — Kommst du mit zu ihm?" ,
Nein. Ich habe jetzt meine Sprechstunde. Aus Wiedersehen!
„Aus Wiedersehen!" Martin sah ihm nach, wie er eilig durch »en hellen weih gestrichenen Korridor der Klinik davonging. Er hat Angst vor Ludwigs Augen. Außerdem sagt er nicht alles, was er weiß! dachte er auf feinem Weg zu Ludwigs Zimmer.
Seinem Aussehen nach schien Ludwig Schwache und Schmerzen überwunden zu haben. Er empfing den Freund mit seiner alten breiten unb lauten Heiterkeit. . ...
„Es wäre gut, wenn bu bald wieder hier herauskamst. Je weniger Krankenhausluft, desto schneller wird man gefunb. Das ist weine Meinung, die ich soeben auch bem Kern unter bie Nase rieb! sagte der Bildhauer und rückte sich einen Stuhl ans Bett.
„Kern war hier und ließ sich nicht bet mir sehen? #
„Er lief davon, als er mich sah, mit irgendeiner Ausrede.
„Findest du das nicht ein wenig sonderbar?"
Martin machte eine wegwersende Handbewegung. „Ein Arzt bleibt immer ein sonderbarer Kauz, namentlich, wenn man noch w't ihm befreundet ist. Lassen wir das! — Du scheinst wieder ganz auf der Hohe 3U ^Ein paar Tage werde ich noch aushalten müssen. Uebrigens ist es aanz nett hier. Die Leute tun alles, was ich will. Es wäre sogar amüsant, wenn der Professor mich mit seinen ewigen Untersuchungen in ^"^Laß^chn doch! Er ist sicher überzeugt, daß er ebenso berühmt ist ""^Ludwig lachte. „Ich werde bald noch berühmter sein. Aber davon Derrotc ich bir nichts." . ,
Wie bu willst. — Mir ist vollkommen klar, woher beme sogenannte Krankheit stammt", sagte Martin, während er sich wieder erhob. „Du hast ganz falsch gelebt in der letzten Zeit. Weißt du noch, wie du vor ein paar Monaten um Mitternacht von mir wegfuhrst und dich von Billy heimbringen ließest? Damals fing es an. Das wirft bu letzt wohl
einaesehen haben." , ...
Ludwig nickte ihm zu. „Jawohl, alter Junge. Genau so .st es ge-
wesen, auch wenn alle Aerzte der Welt die Kopfe schütteln und das
C9 Schön!"bsach^Martin und setzte seinen Hut auf. „Jetzt habe ich mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört, daß du schon über den Berg bist, und kann wieder gehen. Die ganze Luft hier be- bagt mir nicht. Wenn du wieder in Nikolassee bist, laß es muh wissen. Dann komme ich gleich zu dir hinaus. Adieu, Ludwig! Und half den Nacken steif!"
„Verlaß dich drauf!
Der Bildhauer ging bis zur Tür, wo ihm etwas emfiel. Er drehte um und trat noch einmal dicht an das Bett. Aus der hinteren Tasche seiner Hose holte er eine kleine Flasche hervor und druckte sie Ludwig in hie Hand: „Beinahe hätte ich das vergessen. Es ist ein guter alter Kognak. Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Der tut immer gut. Das weißt du so genau wie ich. Hier kriegst du, natürlich keinen Trapsen. Das ist ganz falsch, wenn man daran gewohnt ist, wie du. Aber du mußt die kleine Buddel verstecken, sonst nimmt man sie dir gleich wie-
trant einen kleinen Schluck. Der Kognak schmeckte ihm ausgezeichnet, und er nahm noch einen Schluck. Dann verschloß er tue Flasche sorg- “ältig und verbarg sie rasch unter dem Kopskissen, da er Schritte ver-


