Ausgabe 
12.7.1935
 
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*®u hast es natürlich jedem hier erzählt!" sagte Elisabeth mit ihrem frohen Lächeln.

Niemand außer euch beiden. Ich schwöre es dir! Damit sind wir alle Sorgen um die Zukunft los. Aber es scheint euch gar keinen Eindruck zu machen. Billy benimmt sich überhaupt wie eine mittlere hotzfigur, seit sie verheiratet ist!"

Großartig ist es, Ludwig! Eigentlich selbstverständlich. Nur mußt du erst wieder ganz gesund sein!" sagte Billy.

Das wird in ein paar Tagen der Fall sein. Ich habe soeben mit Martin beschlossen, Ende der Woche hier auszuziehen. Bis dahin kann ich mir die Ruhe leisten!"

Du bist nicht bet Sinnen, Ludwig!" antwortete Lisa beinahe heftig. Henschke soll dich mit solchen Nachrichten vorläufig in Frieden lassen. Der Professor sprach von mindestens vier bis sechs Wochen, die er dich hierbehalten muß."

Das könnte ihm passen! Kommt gar nicht in Frage!"

Billy war im Begriff, einzugreisen. Aber Elisabeth machte ihr ein Zeichen, ihm nicht zu widersprechen. Sie konnte sich darauf verlassen, daß Professor Althoff seinen Willen bei Ludwig durchsetzen würde. Billy zog sich ans Fenster zurück, wo sie sich in der Ecke aus einen Stuhl kauerte.

Weißt du, Lisa, jetzt kommt erst meine große Zeit. Zuerst im Ja­nuar der Wallenstein", begann Ludwig nach einer Pause.Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich mich darauf freue! Ich habe jetzt eine ganz neue Stellung dazu. In den letzten Monaten habe ich sehr viel gelernt. Nicht schauspielerisch, meine ich, sondern menschlich. Mir ist manchmal so, als hätte ich einen neuen Uebsrblick bekommen, und spüre geradezu, wie ich in den Wallenstein immer tiefer hineinwachse. Er hat auch die zwei Seelen in seiner Brust, wie ich sie in diesen Monaten bekommen habe. Die eine ist so, wie ich früher war, maßlos in allem, ohne es zu wis­sen; die andere aber fängt plötzlich an zu zögern und erkennt, daß es noch andere Mächte gibt, mit denen man rechnen muß. Nicht von außen her, ganz von innen her geht er zugrunde ... Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit!"

Ludwig saß mit geradem, stolzem Rücken in seinem Bett, die Arme über der Brust gekreuzt und die blauen Augen über Elisabeth hinweg in eine Ferne gerichtet, die für ihn in diesem Augenblick ein Himmel voller Sterne war, in denen sein großes Schicksal stand ...

Dann aber lösten sich seine Arme, er stützte sich aus den linken Ellen­bogen und drehte den schweren Körper nach vorn. Elisabeth stand rasch aus und beugte sich über ihn. Sic sand kein Wort in ihrer Ergriffenheit und küßte ihn auf die Stirn.

Da fühlte sie, wie heiß sein Kopf war, faßte in jäh erwachendem Schrecken nach seinen Händen und spürte auch hier eine unnatürliche Hitze. (Schluß folgt.)

Nun ruhen alle Wälder.

Von Paul Gerhardt.

Nun ruhen alle Wälder,

Vieh, Menschen, Städt und Felder, Es schläft die ganze Welt: Ihr aber, meine Sinnen, Aus, auf! ihr sollt beginnen, Was eurem Schöpfer wohlgesällt.

Wo bist du, Sonne, blieben? Die Nacht hat dich vertrieben, Die Nacht, des Tages Feind: Fahr hin, ein andre Sonne, Mein Jesus, meine Wonne, Gar hell in meinem Herzen scheint.

Der Tag ist nun vergangen. Die güldnen Sternlein prangen Am blauen Himmelssaal: So, so werd ich auch stehen, Wenn mich wird heißen gehen Mein Gott aus diesem Jammertal.

Der Leib, der eilt zur Ruhe, Legt ab das Kleid und Schuhe, Das Bild der Sterblichkeit: Die zieh ich aus, dagegen Wird Christus mir anlegen Den Rock der Ehr und Herrlichkeit.

Breit aus die Flügel beide, D Jesus, meine Freude Und nimm dein Küchlein ein! Will Satan mich verschlingen, So laß die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein.

Auch euch, ihr meine Sieben, Soll heute nicht betrüben Kein Unfall noch Gefahr!

Gott laß euch ruhig schlafen. Stellt euch die güldnen Waffen ums Bett und seiner Helden Schari

Das Entscheidende.

Erzählung von Herbert von Moser.

Die junge Dame erschrak fast, als der junge Herr neben ihr plötzlich die Scheinwerfer des kleinen Zweisitzers einschaltete. Sie blickte nach vorne, wo sich die dunkle Wand eines Kiefernwaldes erhob. Und schon umfing sie die frische Waldluft, die nach der lauen Wärme der offenen Chaussee fast kühl wirkte. Die junge Dame rutschte tiefer in den Sitz und schaute auf das Tachometer. Fünfundachtzig! Ganz schön. Dann glitt ihr Blick weiter zu dem jungen Mann neben ihr. Der machte ein Gesicht, als ob ihn das überhaupt nichts anginge, als ob er vollkommen ver- gefsen hätte, daß sie ihn vor der Abfahrt gebeten hätte, nicht so schnell zu fahren.

Sofort war die junge Dame wieder ärgerlich. Wieder diese An­maßung von dem selbstsicheren Bengel! Aber so war alles! Erst himmel­hoch gebeten:Kommen Sie doch mit, Ellen! Ich werde so langsam fahren, daß Sie jeden Grashalm am Wege erkennen können und jede Maus piepsen hören!" Und nun? Fünfundachtzig! Nicht einmal die Bäume konnte man erkennen, und von Mäusepiepsen war schon gar keine Rede. Und das Aergerlichste war, daß sie sich selbst ganz im Banne der sünsundachtzig Stundenkilometer befand und gar nicht ernst­haft wünschte, daß das Tempo verringert würde. Außerdem wollte sie vermeiden, den jungen Herrn um irgend etwas zu bitten. Er hatte dann immer so eine aufreizende, gönnerhafte Art, nachzugeben, wenn es nicht so ging, wie er wollte. Nachher, wenn sie irgendwo zusammensaßen oder tanzten, dann wollte sie ihm schon zeigen, daß er ihre Wünsche zu respektieren hätte.

Die junge Dame war fest entschlossen, es sogar auf einen Bruch mit ihm ankommen zu lassen. Sie schaute nachdenklich auf die festlich vor­überschwirrenden Bäume und dachte einen Augenblick, daß es luftig wäre, wenn man mit einem Bleistift an dieser rollenden Wand entlang- klappern könnte. Das ging nun schon seit Wochen so, mit dem jungen Herrn. Immer wieder verstand er es, einen in Situationen zu bringen, in denen man ihm restlos ausgeliefert war.

Mit der Paddelfahrt fing es an. Auf jeden Fall wollte fie abends zu Hause sein. Gut, sagte er, in Ordnung! Als sie dann draußen, mit­ten auf dem Wasser fragt, wenn fie umkehren wollten, sagt er auf einmal:Gar nicht! Wir fahren durch bis zu meinem schönen Zelt­platz." Die junge Dame erinnert sich sehr genau, wie fie sprachlos war vor Empörung. Und später nur verbissen sagte:Dann werde ich alleine zurückfahren! Hören Sie sofort auf zu paddeln!"Bitte, gern!" sagte er kühl, legte das Paddel über den Süllrand und zog ein Buch aus der Seitentasche. Wie schwer der elende Kahn vorwärts kam! Bis sie aus einmal seine Hand leicht auf ihrer Schulter spürte und hörte, wie er ziemlich kurz und ärgerlich sagte:Seien Sie doch vernünftig, Ellen! Ich bin doch kein Buschräuber!" Da war sie etwas beschämt, und sie hatten wieder umgedreht und dann das Zelt aufgebaut. Kein Wort hatten fie an dem Abend mehr zusammen gesprochen. Er hatte sich nicht entschuldigt, hatte nichts zu erklären versucht; tat so, als ob sie gar nicht da wäre und hantierte pfeifend und unbefangen mit dem- Zelt­gerät, mit Kochgefchirr und Abendefsen. Und bann, als fie gegessen hatte, sagte er nur kurz:Wenn Sie schlafengehen wollen: bitte! Ich bleibe noch draußen!"-Dann war sie ins Zelt gegangen, war eingeschla- sen, und als fie im Morgengrauen auswachte, hörte sie ihn schon drau­ßen am Feuer vor dem Zelt. Erst, als sie sich in der Stadt trennten, hatte er gefragt:Na, war es nicht schön draußen? Sind Sie nicht doch froh, daß Sie mitgekommen find?" Sie hatte nicht daraus geantwortet. Erstens, weil sie wütend auf ihn war und dann weil er eben recht hatte!

Das war es ja eben! So rücksichtslos, wie er sich über ihre Wünsche hinwegsetzte, so gut wußte er bei feinen Unternehmungen Regie zu führen, so daß man bei allem Aerger über ihn ihm doch zu Dank ver­pflichtet war, wenn man ehrlich sein wollte.

Sie seufzte tief auf. Leider war sie ehrlich. Wenn der junge Herr dann eine Weile nach irgend so einer gewaltsamen Unternehmung sich wieder zeigte und sie harmlos und fröhlich fragte, ob es nicht doch sehr nett gewesen sei, dann mußte fie es zugeben. Aber allmählich schien es ihr doch, als ob alles Berechnung bei ihm wäre. Als ob er all solche Situationen konstruierte, sorgfältig alle Wirkungen vorher berechnete. Das war ein sehr ärgerliches Gefühl, das sich in der letzten Zeit immer mehr verstärkt hatte. Die junge Dame hatte sich in der letzten Zeit öfter mit dem jungen Herrn getroffen, hatte nach einem Zeichen von natür­licher Herzlichkeit gesucht und hatte immer wieder Berechnung gefunden. Konstruktion und unbekümmerten Egoismus. Schade, sehr schade! Der junge Herr hatte so viele gute Seiten, die sie gewiß würdigte. Aber was nützt das alles, wenn die Hauptsache, das warme Herz, fehlt?

Die junge Dame war sehr für Herz. Dieser Mann mit Herz, bas mußte geradezu ideal sein!

Sie sah aus den Augenwinkeln zu ihm hinüber. Fast augenblicklich erwachte wieder ihre alte Aufsässigkeit, als sie das scharfgeschnittene Gesicht erblickte, das beim Fahren einen angespannten und etwas mürrischen Zug hatte. Die Chaufsee und das Tempo schienen den jungen Herrn gänzlich in Anspruch zu nehmen.

Sie blickte wieder nach rechts, hinaus auf die Kiefernstämme, die fahl und grell im tanzenden Licht der Scheinwerfer auftauchten und gespensterhast wieder verschwanden. Sie dachte: Ich habe ihn eigentlich nie lächeln sehen. Merkwürdig, sie kannte ihn ernst, entschlossen oder pfiffig, verschmitzt, ironisch, sarkastisch, sie hatte oft fein Lachen gehört und gesehen, ein frisches, unbekümmertes Lachen, das einen manchmal wütend machen konnte. Ader nie hatte sie ein gutes, stilles Lächeln von ihm gesehen, nie dieses gewisse Lächeln, das von Heiterkeit und Güte K. Das ist wohl das Entscheidende, warum ich ihn nicht mag, fie. Das fehlt ihm eben. Er boxt sich mit den Menschen herum oder er lacht über fie, aber er ist nicht Mensch genug, um lächeln zu können. Vielleicht ist er noch zu jung. Vielleicht auch wird er die Weisheit des Lächelns nie begreifen ...