Ausgabe 
12.4.1935
 
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lemand sehen ließ, ttnb nachdem er länger als eine Stunde vergeblich vor dem stimmerplatze gekreuzt hatte, fuhr er verwirrt und niedergeschlagen zurück und glaubte, seine Sache stände in der Tat schlecht. Die vieroder fünf nächsten Abende ging es ihm ebenso und nun gab er es auf, der Ungetreuen nachzustellen, als wofür er sie hielt; denn obgleich er sich ihres Vorsatzes erinnerte, ihn nur alle vier Wochen sehen zu wollen, fa hielt er dies nur für eine Vorbereitung zur gänzlichen Derabschledung und verfiel in eine zornige Traurigkeit. Es kam ihm deshalb höchst ge­legen daß die Uebungszeit für die Scharfschützenrekruten begann, und er ging 'vorher mit einem Bekannten, der Schütz war, mehrere Nachmittage hindurch aus eine Schießstätte, um sich notdürftig zu üben und die zur Anmeldung erforderliche Anzahl Treffer aufwesten zu können Sem Vater sah ziemlich spöttisch diesem Treiben zu und kam unversehens selbst hin, um den Sohn noch rechtzeitig von. dem törichten Unterfangen abzuhalten, wenn er, wie er vermutete gar nichts konnte.

Allein er kam eben recht, als Karl [em halbes Dutzend Fehlschüsse schon hinter sich hatte und nun eine Reihe ziemlich guter Schüsse abgab.

Du machst mir nicht weis", sagte er erstaunt, ,chaß du noch nie ge­schossen habest, du hast heimlich schon manchen Franken dafür ausge- ^^IcheimUch habe^ich wohl schon geschossen, aber ohne Kosten. Wißt Ihr wo, Vater?"

Das hab' ich mir gedachtl"

Ich habe schon als Junge oft dem Schießen zugesehen, aufgemerkt, was darüber gesprochen wurde, und seit Jahren schon empfand ich eine solche Lust dazu, daß ich davon träumte, und wenn ich noch itn Bette lag, in Gedanken die Büchse stundenlang regierte und Hunderte von wohl­gezielten Schüssen nach der Scheibe sandte."

Das ist vortrefflich! Da wird man in Zukunft ganze Schutzenkompa- nien ins Bett konsignieren und solche Gedankenübungen anordnen; das part Pulver und Schuh'!" ...... L < = u

Das ist nicht so lächerlich, als es aussieht", sagte der erfahrene Schutz, der "Karl unterrichtete,es ist gewiß, daß von zwei Schützen, die an Auge und Hand gleich begabt sind, der, welcher ans Nachdenken gewohnt ist, Meister werden wird. Es braucht auch einen angebornen Takt zum Abdrücken, und es gibt gar seltsame Dinge hier, wie in allen Hebungen.

Je öfter und je besser Karl trat desto mehr schüttelte der alte Hedrger das Haupt; die Welt schien ihm auf den Kopf gestellt; denn er selbst hatte was er war und konnte, nur durch Fleiß und angestrengte Hebung erreicht; selbst seine Grundsätze, welche die Leute sonst so leicht und zahl­reich wie Heringe einzupacken wissen, hatte er nur durch anhaltendes Studium in seinem Hinterstübchen erworben. Doch wagte er nun nicht mehr Einsprache zu tun und begab sich von hinnen, nicht ohne innerliche Zufriedenheit, einen vaterländischen Schützen unter feine Söhne zu zählen; und bis er feine Wohnung erreichte, war er entschlossen, dem­selben eine gut sitzende Uniform von besserem Tuche zu machen.Ver­steht sich, muß er sie bezahlen!" sagte er sich; aber er konnte schon wissen, daß er seinen Söhnen nie etwas zurückforderte und daß sie ihm nie etwas zu erstatten begehrten. Das ist Eltern gesund und läßt sie zu hohen Jahren kommen, auf daß sie erleben, wie ihre Kinder wiederum von den Enkeln lustig geschröpft werden, und so geht es von Vater auf Sohn und alle bleiben bestehen und haben guten Appetit.

Karl wurde nun auf mehrere Wochen in die Kaserne gesteckt und gedieh zu einem hübschen und gewandten Soldaten, der, obgleich er verliebt war und nichts mehr von feinem Mädchen sah noch hörte, den­noch aufmerksam und munter seinem Dienste oblag, so lange der Tag dauerte; und des Nachts ließen die Reden und Possen, welche die Schlaf- kameraden auffllhrten, keine Möglichkeit übrig, seinen Gedanken einsam nachzuhangen Es war ein Dutzend Leute aus verschiedenen Bezirken, welche ihre heimischen Künste und Witze austauschten und verwerteten, lange nachdem die Lichter gelöscht waren und bis Mitternacht herankam. Aus der Stadt war außer Karl nur noch einer dabei, weichen er von Hörensagen kannte. Der war einige Jahre älter als er und hatte schon als Füsilier gedient Seines Zeichens ein Buchbinder, arbeitete er seit geraumer Zeit keinen Streich mehr und lebte aus den in die Höhe geschraubten Mietzinsen alter Häuser, die er mit Geschick und ohne Kapitol zu kaufen wußte. Manchmal verkaufte er eines wieder an einen Gimpel zu übertriebenem Preise, steckte, wenn der Käufer nicht halten konnte, den Reukauf und die bereits bezahlten Summen in die Tasche und nahm das Haus wieder an sich, indem er den Mietern abermals aufschlug. Auch hatte er's im Griff, durch leichte bauliche Veränderungen die Wohnungen um ein Kämmerlein ober kleines Stübchen zu ver­größern und abermals eine bedeutende Zinserhöhung eintreten zu lassen. Diese Veränderungen waren durchaus nicht zweckmäßig und bequem erdacht, sondern ganz willkürlich und einfältig; ebenso kannte er alle Pfuscher unter den Handwerkern, welche die wohlfeilste und schlechteste Arbeit lieferten, mit denen er machen konnte, was er wollte. Wenn ihm

gar nichts Anderes mehr einfiel, so ließ er eines feiner alten Gebäude auswendig neu anweißen und erhöhte abermals die Miete. Dergestalt erfreute er sich einer hübschen jährlichen Einnahme, ohne eine Stunde wirklicher Arbeit. Seine Gänge und Verabredungen waren bald besorgt, und ebenso lang, als vor seinen Machereien, stellte er sich vor den Bau­werken anderer Leute auf, spielte den Sachverständigen, redete in alles hinein und war im übrigen der dümmste Kerl von der Welt. Daher galt er für einen klugen und wohlhabenden jungen Mann, der es schon früh zu etwas brächte, und er ließ sich nichts abgehen. Er hielt sich nun zu gut für einen Jnfanteriesoldaten und hatte Offizier werden wollen. Da er aber dafür zu faul und unwissend, hatte man ihn nicht brauchen kön­nen, und nun war er durch hartnäckige Aufdringlichkeit zu den Scharf­schützen gekommen.

Hier suchte er sich mit Gewalt im Ansehen zu erhalten, ohne sich anzustrengen lediglich durch seinen Geldbeutel. Er lud die Hnterinstruk- toren und die Kameraden fortwährend zum Zechen ein und gedachte sich durch plumpe Freigebigkeit Nachsicht und Freiheit zu verschaffen. Doch

erreichte er nichts, als daß er gehänselt wurde und allerdings eine Art Nachsicht genoß, indem man es bald aufgab, etwas Rechtes aus ihm zu machen und ihn laufen lieh, fo lang er bte anbern nicht störte. Em einziger Rekrut schloß sich ihm an unb machte ihm ben Bebienten, putzte ihm Waffen unb Zeug und redete zu seinen Gunsten, und bas war ein reicher Bauernsohn unb junger Geizkragen, welcher stets furchtbare Freß, und Trinkluft empfand, sobald er sie auf fremde Kosten befriedigen konnte. Der glaubte sich den Himmel zu verdienen, wenn er feine blanken Taler vollzählig wieder nach Hause tragen unb doch sagen konnte, er habe lustig gelebt währenb bes Dienstes unb gezecht rote em wahrer Scharfschütz; er war habet lustig und guter Dinge und unterhielt seinen Gönner, der bei weitem nicht besaß, was er, mit seiner dünnen Fistelstimme, womit er hinter der Flasche allerlei ländliche Modelieder gar seltsam zu fingen wußte; denn er war ein fröhlicher Geizhals. So lebten die beiden, Ruckstuhl, der junge Schnapphahn, und Sporn, der junge Bauernfilz, in herrlicher Freundschaft. Jener hatte immerdar Fleisch unb Wein vor sich stehen unb tat, was er mochte, unb dieser verließ ihn so wenig als möglich, fang unb putzte ihm bie Stiefel und verschmähte sogar bie kleinen Gelbgeschenke nicht, bie jener abließ.

Die anbern trieben inbessen ihren Spott mit ihnen und machten unter sich aus, daß Ruckstuhl in feiner Kompanie sollte geduldet werden. Das galt jedoch für feinen Famulus nicht, denn der war wunderlicher Weise ein guter Schütz.

Karl war der erste, wenn man sich über das Paar lustig tziachte; aber in einer Nacht verging ihm der Spaß, als der weinselige Ruckstuhl, nach­dem schon alles still war itn Zimmer, seinem Anhänger vorprahlte, was er für ein Herr fei und wie er in Bälde dazu eine reiche Frau zu nehmen gedächte, die Tochter des Zimmermeisters Frymann, die ihm nach allem was er gemerkt, nicht entgehen könne. , , r

Jetzt war Karls Ruhe dahin, und am nächsten Tage ging er, sobald er eine Stunde frei hatte, zu feinen Eltern, um zu horchen, was es gebe. Da er aber selbst nicht von der Sache beginnen mochte, so vernahm er nichts von Herminen, bis erst, als er wieder ging, die Mutter ihm einen Gruß von ihr ausrichtete. .. ,

Wo habt Ihr sie denn gesehen?" fragte er möglichst kaltblütig.

Ei, sie kommt jetzt alle Tage mit der Magd auf den Markt unb (ernt einkaufen. Ich muß ihr babei Anleitung geben, wenn wir uns tref­fen, unb wir gehen bann auf bem ganzen Markt herum unb haben viel zu lachen; benn sie ist immer luftig."

,So?" sagte ber Vater,barum bleibst bu manchmal so lange weg? Unb was treibst bu ba für Kuppelei? Schickt sich das für eine Mutter, so zu hanbeln unb mit Personen herumzulaufen, bie bem Sohne ver­boten finb, unb ihre Grüße zu bestellen?"

Was verbotene Personen? Kenne ich das gute Kind nicht von klein auf, habe es noch auf bem Arm getragen unb soll nicht mit ihm um­gehen? Unb soll sie bie Leute in unferm Hause nicht grüßen bürfen? Unb soll bas eine Mutter nicht besorgen? Unb sollte eine Mutter ihre Kinber nicht verkuppeln dürfen? Mich dünkt, sie ist gerade die rechte Behörde dazu! Aber von dergleichen Dingen sprechen wir gar nicht, wir Frauensleute sind nicht halb so erpicht auf euch ungezogene Männer, und wenn ich der Hermine zu raten habe, fo nimmt sie gar feinen!"

Karl hörte das Gespräch nicht mehr zu Ende, sondern ging seiner Wege; denn er hatte einen Gruß unb von einer verbächtigen Neuigkeit war nicht bie Rebe gewesen. Nur legte er ben Finger an bie Nase, warum Hermine wohl so luftig fei, ba sie sonst nie viel gelacht habe? Er legte es enblich zu feinen Gunsten aus unb nahm an, sie sei nur lustig, weil sie seine Mutter antreffe. So beschloß er, sich still zu halten, bem Mäbchen etwas Gutes zuzutrauen unb bie Dinge geschehen zu lassen.

Einige Tage später kam Hermine mit bem Strickzeug zu Frau Hebiger auf Besuch unb es herrschte ba eine große Freundlichkeit, Gespräch unb Lachen, so bah Hebiger, ber einen feinen Bratenrock zuschnitt, in seiner Werkstatt fast gestört würbe unb sich rounberte, was ba für eine Gevat­terin angekommen fei. Doch achtete er nicht lange barauf, bis er enblich hörte, bah seine Frau über einen Schrank ging unb im blauen Kaffee­geschirr klapperte. Die Büchsenschmiebin kochte nämlich einen Kaffee, so gut sie ihn je gekocht; auch nahm sie eine tüchtige Hanbvoll Salbeiblätter, tauchte sie in einen Eierteig unb buk sie in heißer Butter zu sogenannten Mäuschen, ba bie Stiele ber Blätter rote Mausschwänze aussahen Sie gingen prächtig auf, daß es eine getürmte Schüssel voll gab, deren Dust mit demjenigen des reinen Kaffees zum Meister empor stieg. Als er vollends hörte, wie sie Zucker zerklopfte, wurde er höchst ungeduldig, bis man ihn zumTrinken" rief; aber er wäre keinen Augenblick vorher gegangen, denn er gehörte zu den Festen unb Aufrechten. Als er nun in bie Stube trat, sah er feine Frau unb bie ziervolle verbotene Person in bitter Freundschaft hinter ber Kanne sitzen, unb zwar hinter ber blau- geblümten, unb außer ben Mäuslein stand noch Butter ba unb bie blau- geblümte Büchse voll Honig; es war zwar kein Bienenhonig, fonbern nur Kirschmus, ungefähr von ber Farbe von Herminens Augen; unb bazu war es Samstag, ein Tag, wo alle ehrbaren Bürgersfrauen fegen unb scheuern, kehren unb bohnern unb keinen genießbaren Bissen kochen.

Hediger sah sehr kritisch auf die ganze Anstalt unb grüßte mit etwas strenger Miene; allein Hermine war so fjolbfetig unb dabei resolut, daß er wie aufs Maul geschlagen dasaß und damit endigte, daß er selbst ein Glas Wein" aus dem Keller holte und sogar aus dem kleinen Fäßchen. Hermine erwiderte diese Gnade dadurch, daß sie behauptete, es müsse für Karl auch ein Teller voll Mäuse aufbewahrt werden, ba er in ber Kaserne boch nicht viel Gutes hätte. Sie nahm ihren Teller unb zog mit ben zierlichen Fingern eigenhändig bie schönsten Mäuschen an ben Schwänzen aus ber Schüssel und so viele, daß die Mutter selbst zuletzt rief, es fei nun genug. Jene stellte aber den Teller neben sich, betrach­tete ihn wohlgefällig von Zeit zu Zeit, nahm auch etwa wieder ein Stück daraus und es, indem sie sagte, sie fei jetzt bei Karl zu Gaste, und ersetzte ben Raub gewissenhaft aus ber Schüssel.

(Fortsetzung folgt.)

13eran'toorllitt>: 0r. Hans Thhriot. Druck undDerlag:Drübl'sche Universttäts-Duch- und Steindruck er ei. R. Lange, Gieheir.