Ausgabe 
12.4.1935
 
Einzelbild herunterladen

Brief. Der Briefbote rückte an seiner Tasche mit dem kleinen silbernen Posthorn darauf.

Fräulein Sanni", sagte er bann mit bewegter Stimme, aber er ver­stummte wieder. Er nahm seine Amtsmutze ab, darin er die Emschrelbe- briese zu verwahren pflegte, fuhr sich verlegen mit dem Taschentuch über den Kopf und über das Jnnenleder der Mütze. Dann setzte er sie wieder auf wie ein Soldat, den Zeigefinger auf der Kokarde, den Daumen an der Stirn.

Fräulein Fanni", begann er wieder. Er war so ganz anders als der muntere Gustav in Pernambuco. Fanni seufzte. Sie dachte einen Augen­blick an das Karussell, an das Pfefferkuchenherz und an den gelben Löwen. Dann zog sie das Schiebefensterchen der Laterne hoch, bückte, sich rasch und blies das Flämmchen aus. Dann schlang sie ihre Arme um des Briefträgers Hals und küßte ihn auf den Mund.

Probefahrt.

Von Vera C r a e n e r.

Cs muß gleich zu Anfang gesagt werden: Peter Ruske hält nicht viel von schossierenden Frauen. Sie sollten das Steuer nur ruhig dem Mann überlassen, denkt Peter Ruske, und sich damit begnügen, Mit­fahrerin zu fein. Es ist durchaus hinreichend, wenn sie von Form und Ausstattung eines Wagens etwas verstehen, und sie brauchten sich keine Mühe zu geben, auch noch tiefsinnige Betrachtungen über die Leistungs­fähigkeit des Motors ober über bie Straßenlage anzustellen ... Treten sie als Käufer auf, fo genügt es, wenn sie wissen, ob sie einen Roabster haben wollen ober einen sechssitzigen Tourenwagen, alles anbere besorgt bann Peter Ruske schon.

Peter Ruske ist ein ausgezeichneter Verkäufer, feit über zehn Jahren im Fach, unb er steht es ben Leuten schon an ber Nasenspitze an, ob sie ernsthafte Reflektanten sinb ober nur Sehleute. Deshalb wird er von seiner Firma auch auf jede Ausstellung geschickt, und immer ist er es, ber bie besten Verkaufserfolge zu verzeichnen hat.

In biefem Jahr hat er von bem Typ 300 Cabriolet ,,H" allein schon sieben verkauft, unb wegen bes achten steht er bereits in Verhanblung. Unb zwar mit Herrn Jensen Herbert P. Jensen bem Direktor ber Pseil"-Betriebe, einem burch Position und Bankkonto angenehm ge­sicherten Mann, ber auch schon breiviertel entschlossen ist, ben Wagen zu kaufen.

Ich möchte nur, baß sich ihn meine Tochter noch einmal ansieht", sagt er, unb bann hat Peter Ruske bas Vergnügen, ben Wagen nun auch noch bem Fräulein Jensen vorzuführen. Sie ist klein, schmal unb zierlich, hat große, ein wenig erstaunt blickende Kinderaugen, und scheint ein Autobaby zu sein.

Wahrscheinlich ist ihr Führerschein noch ganz neu und noch nicht einmal richtig trocken", denkt Peter Ruske mit milder Verachtung und erklärt erneut die Qualität und Leistungsfähigkeit des Wagens. Dabei wendet er sich ausschließlich an den Herrn Papa, und erst, als er auf die Ausstattung zu sprechen kommt, bezieht er auch das Töchterchen ein. Denn Frauen, das weih er, legen darauf den größten Wert, hier felbft aus die geringsten Kleinigkeiten aufmerksam zu machen.

Fräulein Jensen nickt interessiert zu seinen detaillierten Ausfüh­rungen und läßt sich bann behaglich in bie Polster fallen. Es sinb oliv­grüne Leberpolster, bie sehr gut zu bem buntlen Grün bes Exterieurs stehen unb außerordentlich bequem sind.

Sehr anständig", sagt das Fräulein anerkennend, unb bann ver­langt sie, eine Probefahrt zu machen. Morgen früh um 11, unb Herr Ruske soll sie begleiten.

Peter Ruske sieht zwar nicht ein, weshalb er feine Zeit mit bem jungen Ding vertun fall, bas vom Auto unb feiner Behandlung offen­bar soviel versteht, wie er von einem Segelflugzeug, aber Geschäft ist Geschäft, und Herr Jensen scheint wirklich bereit, bas Cabriolet zu kaufen.

Also ist er am nächsten Tage pünktlich zur angegebenen Zeit zur Stelle, unb ber Wagen, ben er mitbringt, ist, genau wie ber anbere, bunteigrün und hat olivgrüne Lederpolster. Frauen legen ja auf der­artige Aeußerlichkeiten Wert, und die Farbe eines Wagens ist ihnen oft wichtiger als etwa die Lagerung des Motors.

Fräulein Jensen, die heute überraschend hübsch aussieht in einem hellen Flauschmantel und mit einer verwegenen kleinen Kappe, nimmt neben Peter Ruske Platz, der Anlasser surrt, und fort geht es.

Zunächst in gemäßigtem Tempo durch Berlin und dann mit 70, 80 über bie Landstraßen. Felber stiegen vorbei, einsam liegenbe kleine Gehöfte, Dörfer. Einmal rettet sich eine Schar Gänse aufgeregt treifdjenb in ein nahes Selb, unb einmal springt aus einem Straßengraben her­vor ein kleiner schwarzer Spitz unb kläfft roütenb hinter ben Davon- rafenben her. Der Tachometer steigt, zeigt 90, 95, unb Peter Ruske fühlt geschmeichelt bie wortlose Bewunberung seiner Dame.Zuftieben?" fragt er, unb Fräulein Jensen nickt.Ja, sehr."

Der Wagen liegt tabellos auf ber Straße, geht mit höchster Eleganz in bie Kurven unb läßt, selbst bei schlechter Wegstrecke, auch nicht bie leiseste Erschütterung verspüren.

Unb babei kann sie ihn sicherlich noch nicht einmal richtig be­urteilen", bentt Peter Ruske unb sühlt sich ihr turmhoch überlegen. Sich vorzustellen, baß sie jetzt am Steuer sitzen würbe! Diese kleine, zierliche Person, bie kaum Kraft in ben Hänben zu haben scheint, unb bie einen Wagen, wie biefen, unmöglich regieren kann.

Wollen Sie etwa selber fahren?" fragt er unb geht von 95 auf 100. Ein Dorf fliegt vorbei, getropfte Weiden marschieren an schmalen Gräben entlang, und mitten auf einem Selb steht eine einsame Pappel mit runber Krone, in ber wie buntle, große, exotische Srüchte ein Schwarm Krähen sitzt.

;e, zu

seinen Sitz.

Unglaublich, baß ihm bas gerabe jetzt passieren mußte! Unb noch dazu in Gegenwart einer Srau, die vom Fahren auch nicht das mindeste verstand, und die zweifellos jeder Panne hilflos gegenüberftanb!

Die Heimfahrt verläuft fchweigenb unb in ziemlich getrübter Stim­mung, unb Fräulein Jenfen stellt keinerlei fachmännische Fragen mehr. Sie scheint mit einem Schlage sowohl bas Interesse am Wagen, als auch ben Glauben an Peter Ruskes überlegene Fahrkunst verloren zu haben.

Peter Ruske sieht einen schönen Traum in nichts zerrinnen, und sich selbst als den traurigen Helden einer wenig rühmlichen Probefahrt.

Aber als sie bann vor Fräulein Jensens Hause halten, ba reicht sie ihm freundlich ihre kleine Hand zum Abschied.

Ich glaube, daß wir uns zum Kauf entschließen werden", sagte sie, denn die Probefahrt hat mich nach jeder Richtung hin befriedigt, und was die kleine Panne angeht, so waren ja weder Sie noch Ihr Wagen schuld daran, und schließlich und endlich kann jedem Fahrer einmal ein solcher Zwischenfall auf der Landstraße passieren, bem er hilflos gegenübersteht, nicht wahr?"

Unb ohne feine Antwort abzuwarten, verschwinbet sie eilig im Haus.

Fräulein Jenfen, bie ruhig auf ihrem Platz sitzen geblieben ist, ent- hält sich jeher Aeußerung unb sieht ihm nur freundlich bei feinen eifrigen unb völlig nutzlosen Hantierungen zu. Es bauert gar nicht lange, ba verschwinbet er unter bem Wagen, unb bas Mäbchen hat Muße, zu beobachten, wie er sich abquält. Ein amüsiertes Lächeln spielt um ihre Sippen, unb erst, als sie finbet, bah er lang genug auf ber Lanbstraße gelegen hat, ruft sie ihn mit einem Ton freubiger Überraschung roieber heraus.

Sehen Sie nur", sagt sie unb zeigt ihm bie unfchulbige Ursache bes Defektes,biefes lächerliche Kabel." Unb bann fragt sie, ob er es für möglich halte, daß das schuld an dem plötzlichen Stehenbkeiben gewesen fei, und ob sie nun weiterfahren könnten.

Natürlich", brummt Peter Ruske unb klettert mißmutig auf

Fräulein Jensen hat die Frage wohl überhört ober tut zumindest so. Jedenfalls bleibt sie bie Antwort barauf fchulbig unb nimmt bie großen, ein wenig erstaunt blickenden Augen nicht von ber Straße.

Das Tempo imponiert ihr", bentt Peter Ruske unb geht auf 11(1 Wenn sie auch vom Fahren nichts versteht, so muß man ihr doch wenigstens zeigen, was man aus ber Maschine herausholen kann Wie ein Blitz sauft ber Dunkelgrüne bahin, unb Peter Ruske ist sich burch- aus bewußt, wie sehr bie Dame neben ihm seinen Fahrstil bewundert.

Als ber Tachometer 120 zeigt, legt sie ihm bie Hanb auf ben Arm.

Danke", sagt sie,bas genügt, nun können wir wohl in Ruhe heimwärts fahren." ~ ,

Peter Ruske gehorcht, roenbet unb fährt mit sechzig bie Straße zurück, bie er noch eben mit 120 gemacht hat.

Er ist zusrieben mit sich unb bem Wagen unb hat bas unbedingte Gefühl, daß Papa Jensen ihn nun auch kaufen wird. Denn bas Frau­lein Tochter scheint burchaus befriebigt von biefer Probefahrt unb äußert unverhohlen ihr großes Gefallen.

Ich glaube, baß wir ihn nehmen werben", sagt fie, unb Peter Ruske läßt sich gnäbig herbei, ihr auf Befragen einige Einzelheiten zu erklären. Obwohl bas natürlich vergebene Liebesmüh ist, unb er sehr wohl weiß, wie absolut zwecklos bas in biefem Fall ist. Dieses Mäbchen ist völlig ahnungslos, was ben Motor angeht, unb von keinerlei Sachkenntnis getrübt. Trotzbem spricht er über bie Bergsteig- sähigkeit des Wagens unb über sein Anzugsvermögen, über bie Licht­maschine unb über ben Stromverbrauch. Er setzt ihr ausemanber, welche Teile im Fall einer Panne befonbers zu prüfen finb unb bemerkt ganz nebenbei, bah Frauen sich Pannen gegenüber ja meist völlig hilflos benehmen, unb baß sie stets einen vorüberkommenben männlichen Fah- rer abwarten müssen, ehe sie ben Schaben an ihrem eigenen Wagen reparieren können.

Sehr richtig", lacht Fräulein Jenfen, unb Peter Ruske finbet sie plötzlich qar nicht fo übel unter ihrer kleinen, verwegenen Kappe

Eigentlich ejn ganz hübsches Mäbchen", bentt er unb iahrt nur mehr noch 40. Er hat es plötzlich gar nicht eilig, nach Hause zu kommen ...

Eine Weile fahren sie fchweigenb. Holzstöße liegen am Weg, ein kleines Walbstück kommt, Kiefernheibe, unb bann ein kleiner See mitten im kahlen Lanb. Darauf ein paar Wasserhühner, bie beim Geräusch des herannahenden Wagens eilig der Mitte zuftreben.

Sehen Sie nur, wie hübsch", sagt Peter Ruske und weist hin­aus Aber dann muß er seine Aufmerksamkeit wieder der Straße zu­wenden, denn plötzlich ist in einiger Entfernung vor ihnen ein Bauern­wagen aufgetauchtz Der zockelt natürlich genau in ber Mitte unb macht gar keine Anstalten, zur Seite zu fahren. Es nutzt nichts, baß laut unb anhaltenb Signal gegeben wirb, ber Mann auf bem Wagen nimmt keine Notiz bavon, unb bas Auto muß fein Tempo ganz de- beutenb verlangsamen.

Unb währenb Peter Ruske feinen Kopf zum Fenster hinaussteckt, unb wenig freundliche Aufforderungen an den Fahrer da vorn er­gehen läßt, fährt Fräulein Jenfens Hand rasch ans Schaltbrett, vor- sichtig lockert sie ein Kabel unb lehnt sich bann befriebigt zuruck..

Als enblich freie Bahn ist unb bas alte Tempo roieber aufge­nommen werben kann, streikt plötzlich ber Motor. Bleibt mitten auf ber Straße stehen unb reagiert auf keinen Anruf.

Peter Rufke begreift nicht, was bas bebeuten soll, er schaltet, tritt, gibt Gas umsonst, ber Wagen rührt sich nimmer.

Nanu", wundert er sich,nanu", und dann springt er hinaus, um zu sehen, wo ber Schaben liegen mag. Er prüft bie Lichter, bas Horn unb bie Winker, hebt bie Kühlerhaube in bie Höhe unb versenkt sich in ben Anblick bes Motors. Nichts!