Ausgabe 
12.4.1935
 
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SietzenerZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 29

Zreitag, den 12. April

Zahrgang 1955

damit wäre ihr wohl nicht gedient.

daß der Brief oerlorengegangen fein

den Augenblick gefreut, da er Er fei, fügte er verlegen hinzu, nicht selber schreiben solle, aber Fanni sah ihn dankbar an. Glauben Sie", fragte sie,

Regenkanon.

Von Lina Staab.

Sieh, wle die Luft in gläserne Splitter zerspringt, Wenn der silbern eintönige Regenkanon erklingt. Wolke, Baum und Wiese im singenden Bund Geben die glitzernden Silben von Mund zu Mund. Wälder rühren sich nicht und horchen versunken Alles ist in dem rieselnden Regenlied ertrunken.

Ich hab' einmal alle die dunklen Regenstrophen besessen Ich hab' sie verlernt. Ich will zu den Bäumen gehn, Die wissen sie wohl und haben sie nicht vergessen.

Jeden Tropfen sagen sie nach, wie Verse in sich hinein. Ich will im Kreise bei den willigen Bäumen stehn, Eine Stimme im silbernen Regenkanon sein.

Nein", sagte er mitfühlend, es sei wieder nichts dabei. Er habe bei der Briefausgabe genau daraus geachtet. Er hätte sich schon lange auf ' '' - - . tyr endlich einen Brief bringen könne,

aus den Gedanken gekommen, ob er ihr

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Oer Brief aus pernambuco.

Erzählung von Ern st Penzoldt.

Fannt beugt sich weit aus dem Küchenfenster, damit sie die Straße bis zum Ende Uberfehen kann. Sie gibt sich keine Mühe zu verbergen, baß sie auf etwas wartet. Seit vielen Wochen jeden Tag um die gleiche Stunde, dreimal am Tage, früh, mittags und abends, lehnt sie so am Fenster und wartet auf den Bries. Sie hat das sichere Gesuhl. daß er diesmal ganz bestimmt kommen müsse. Sie wettet mit sich selbst und verspricht sich kleine Belohnungen, falls sie gewänne. Wenn er dann nicht kommt, tröstet sie ihr ungeduldiges Herz mit allerlei Vorwänden, daß der Brief ja noch gar nicht kommen konnte. Wenn sie den Post­boten in seiner blauen Uniform am Ende der Straße um die Ecke biegen sieht, läuft sie hurtig die Treppe hinunter und tritt vor die ! Haustür.

Anfangs hatte sie ihrem Verhalten noch den Anschein des Zufälligen zegeben, indem sie etwa die Klinke der Haustür putzte, was dann oft dreimal am Tage geschah, ober sie teerte den Ascheneimer m die Tonne, wobei sie, die Hände auf den Hüften, wohl em wenig verschnaufen konnte. Wenn dann der Briefträger herangekommen war sie kannte hu längst am Schritt, blickte sie kaum von ihrer Vorgeschichten Be- lchästigung auf. Gleichgültig und nebenhin, als läge ihr gar nichts daran fragte sie:Haben Sie etwas für mich?" Und sogleich hauchte sie die Klinke an und fummelte fleißig mit dem Lappen darüber hm.

Der Briefträger sah den Pack Briefe durch, den er schon in der Hand i hielt, schlug auch gewissenhast die Klappe seiner ledernen Posttasche hoch, sie mit dem Kinn haltend, und kramte ein wenig. , ,, . h Rein, Fräulein Fanni", sagte er dann,heute nichtl Salutierte und

ging ein Haus weiter.

Fanni ließ es zu diesen Zeiten getrost aus einen Verdruß mit ihrer Herrin ankommen, einer alten, einsamen Dame, bie nte Post bekam und keinen Brief mehr erwartete. Fanni hatte letzt Wichtigeres zu tun als der alten Frau die verlegte Brille zu suchen ober tue Wolle zu halten, ctzt, wo doch jeden Augenblick der Bries kommen konnte, von Gustav, dem Matrosen. . ..

Gustav hatte ihr hoch und heilig versprochen, daß er ihr bald Mreiben werde. Aus Hamburg vielleicht schon, aus Santander oder erst aus

Daß sie sich In Gustav verliebte, daran war vor allem die Menagerie schuld, und dort vor einem Löwenkäfig, als sie sich furchtsam an ihn lehnte (denn er neckte das Tier), hatte er ihr versprochen, zu schreiben. Sie hatte ihn nie bei Tage gesehen, sondern nur im bunten Licht des Rummelplatzes, das alle Gesichter verschönte, in einem Wirbel von Karussellmusik und vor allem in der Menagerie. Der gereizte Löwe, die kreischenden Assen und Papageien, die träge Riesenschlange, die zwischen Pferdedecken in einer Kiste schlief, und die unheimlichen Krokodile, sie waren nicht mehr wegzudenken oon dem munteren Matrosen Gustav.

Fanni sah, wenn sie an ihn dachte, eine ganz bestimmte Landschaft vor sich, im Hintergrund das Meer mit einem Segelschiff, nicht mit einem Dampfer. Im Vordergrund wuchsen Palmen, darauf Affen turnten, und an einen Warenballen getummelt stand der Matrose Gustav, eine See­mannspfeise im Mund, auf der Faust einen bunten Papagei. An einem Bündel Taue lehnte ein Anker, und zu Gustavs Füßen lag fried­lich ein gelber Löwe. So ähnlich würde vielleicht die Briefmarke aus- fehen, die der Umschlag tragen würde, aus Pernambuco ober Buenos Aires. m

Es würbe Herbst inzwischen, aber ber Brief kam nicht. Wie immer zur gleichen Stunbe lehnte Fanni im Küchenfenster, sah bie blaue Uni­form am Ende ber Straße austauchen, rannte bie Treppe hinunter unb trat vor bie Haustür. Sie sah den Briefträger in bie Nachbarhäuser gehen unb wartete ungebulbig, bis er roieber herauskam unb enblich an ihrem Hause anlangte.

Haben Sie nichts für mich?" fragte sie traurig unb war bem Weinen nahe. Der Postbote brauchte nicht erst nachzusehen. Er wußte es schon.

könnte?"

Das käme wohl ganz selten vor, sei aber kein Wunber bei den Mil­lionen Briefen, bie bie Post täglich zu bewältigen habe. Da verirre sich manchmal einer, verfchlupse sich unter bas Streifbanb einer Zeitung ober in eine Drucksache, dann wandere er, Gatt weiß wo, in der Welt umher. Mancher gelange erst nach Monaten, ja nach Jahren an die rechte Adresse.

Nach Jahren, oh!" Fanni sagte dies in einem Ton, als sähe sie sich schon, wie sie als altes Fräulein endlich den sehnlichst erhofften Brief empfange.

Es gäbe da aber, tröstete der Beamte, bei ber Post eine Einrichtung, solchen Irrläufern nachzuforschen.

Wirklich, kann man bas?" sagte Fanni unb hoffte roieber ein wenig.

Sie brauche lebiglich ein Formular auszufüllen, erklärte ber Postbote bereitwillig, unb Namen unb Wohnort bes Absenbers anzugeben, auch ungefähr bas Datum, wann ber Brief vermutlich abgefanbt fei. Er wolle ihr gern babei zur Hand gehen.

Ach, bitte, ja", sagte Fanni beglückt. Er nahm den Bleistift vom Ohr'.' Aber da fiel ihr ein, daß sie ja nur den Vornamen des Absenders wußte, und sie wurde sehr kleinlaut.

Woher sie den Brief erwarte und von wem, stammelte sie und wurde rot, von Gustav, dem Matrosen, unb voraussichtlich aus Pernambuco. Sie machte bazu eine unbestimmte Bewegung in ber Richtung, wo sie Pernambuco vermutete. Dann senkte sie mutlos den Kops, sie erwartete, daß der Postbote sie auslachen würde. Allein er blieb ganz ernst.

Das fei freilich ein bißchen wenig, meinte er. Wenn sie doch wenig­stens den Namen des Schiffes wüßte, auf dem jener Gustav fahre. Aber sie wußte es nicht

Pernambuco fei ja auch sehr weit. Ein Brief brauche oft Wochen. Noch fei kein Grund zur Sorge. Dann ging er.

Um die Mittagspost stand Fanni wieder am Fenster, aber als sie den Briefträger in die Straße biegen sah, zog sie den Kopf zuruck. Sie lief nicht an die Haustür, sondern spähte hinter den Gardinen hinab.

Ms der Briefträger herangekommen war, zögerte er. Er schien sie zu vermissen, zuckte mit den Achseln und trat ins nächste Haus Als er wieder herauskam, sah er sich nochmals nach ihr um. Fanm zeigte sich "'^Sie kam sich undankbar vor, da der Beamte doch so hilfsbereit gegen fie gewesen war. Also wartete sie am Abend wie gewöhnlich und grüßte ihn freundlich. Es freute ihn sichtlich, daß sie wieder unter der Tür stand

Es dunkelte bereits, und der Postbote trug eine kleine Dellaterne vor ber Brust. Der gelbe Lichtschein, im Abenbnebel zum Greisen sichtbar, bilbete eine Brücke zwischen ben beiben. Fanni fragte nicht nach dem

Pernambuco. . k -

Sie roufde sr-ilich nicht mehr von ihm als seinen Namen, unb baß er Leichtmatrose war auf einem großen Handelsschisf. ^ie war elnes Übenbs mit ihm auf einem Karussell, ba er neben ihr ritt, ins Gespräch gekommen am letzten Tage seines Urlaubs. Sie fuhren dreimal herum, bis ch77anz schwi^bl.g war. Er kaufte ihr einen roten Luftballon unb »in Pfesserkuchenherz, an einem goldenen Bande um den Hals zu trage , und zog mit ihr oon Bube zu Bube.

ifflenn sie jetzt an ihn bachte, ber aussah wie ein großer Junge, sich 'ein lachendes Gesicht vergegenwärtigte, bas sie nur für em paar S unden aefehen hatte fie Angst es zu verlieren. Sie vermochte sich nutzt auf , Zinzelheiten^zit besinnen, außer auf seine Augen und stmen Mund^ Alles übrige war eben ein Matrose in einer lockeren atmenden Bluse 1 mit Sinbertragen, mit ber flotten Mütze unb tomöbefee ten Bändern I daran, bie ben bloßen Hals umflattern, in jener kleidsam en und zart lichsten Tracht, bie je erfunben ward, ba bas blaue m er unb ber ©mb io anschaulich ins Schneiberrnäßige übertragen schienen, daß, wo auch immer man (einer ansichtig wird, einen unversehens Reiselust befallt.