Ausgabe 
11.11.1935
 
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Bitte. Ich höre g< Alfred sieht se

(eine Frau ehrlich erstaunt an. Dies, findet er, geht nun doch nicht.Hast du etwa überall richtig gebandelt? fragt er.Findest du daß du alles ganz famos gemacht hast?^ Nein, das findet Barbara keineswegs. Aber darum handelt es sich doch nicht. Sondern es handelt ich wirklich im Kern darum, daß er ihr letzten Endes nicht glaubt und > er sie nicht liebt, da er ihr nicht glaubt. Das ist ja eine schöne Liebe, die immer nur da ist, wenn alles glatt geht.

Und eine schöne Liebe ist das", fällt Alfred ein,die damit anfangt, zu verschweigen und Heimlichkeiten auszuhecken." .

Barbara setzt sich auf. Sie greift nach ihren Kleidern. Sie beginnt sich anzuziehn. Sie will nicht mehr hierbleiben. Aus keinen Fall.Henn- lichkeiten auszuhecken", sagt sie leise,das ist wirklich sehr fein und sehr treffend gesagt. Das war mein ganzes Leben lang meine einzige Wonne. So habe ich es mir auch gewünscht. Man heiratet, und dann sitzt man und heckt Heimlichkeiten aus." , ....

Alfred wird jetzt weiß vor Wut.Was machst du da? So ... du ziehst dich an. Na, großartig. Wir können ja draußen weitersprechen.

Barbara nickt. Dann aber gibt sie diesen verrückten Plan aus. Sie schlüpft wieder unter die Decke. Sie deckt sich so fest zu, daß nichts mehr sie erreichen und berühren kann.

Es hat keinen Zweck", sagt sie.Wir sind ganz verrückt. Wir richten jetzt nur Malheur an. Laß uns schlafen."

'Wenn du schlafen kannst", endet Alfred. Barbara antwortet nicht mehr. Sie liegt mit dem Gesicht zum Fenster, mit dem Rücken zu Alfred. Sie muß ohne jede Bewegung meinen. Er soll es nicht merken. Hoffent­lich kommt er jetzt nicht. Nein, hoffentlich kommt er. Dann wird er vielleicht doch merken, daß sie ihn liebt und daß sie um ihn gekämpft hat, und daß es sich jetzt darum handelt, wie man über diese Abgrunde zueinanderkomrnt. Oder muh man wirklich erst in die Abgrunde hinunter- steigen? Vielleicht wirklich. Nun gut, sie fürchtet sich nicht davor. Aber wenn man sich liebt, bann muß er mit hinuntersteigen. Und was ver- langt er? Sie soll allein hinunter und soll von unten berichten, was sie da findet. Nein, das geht nicht.

Alfred liegt auch im Bett. Er hat die Kerzen ausgeloscht. Aber das nützt nichts niehr. Der Tag ist schon hevaufgestiegen. Die Vögel zirpen im Sommerlicht, die Höhne des Städtchens krähen, der Hund vom Sagewerk bellt feine Morgengrüße. Schlafen? Er kann nicht schlafen!Barbara? Keine Antwort.Barbi?" Keine Antwort. Sie muß sich erst die Tranen vorsichtig trocknen. Sie muß sich ganz leise unter der Bettdecke schneuzen. Das Leben ist doch sehr schwierig, wenn man in einem Zimmer haust.

Barbara!" ruft Meimberg jetzt laut.Man hört doch, daß du nicht schlafft. Antworte doch!"

Nein, ich schlafe nicht", sagt Barbara jetzt leise. Meimberg steht seufzend auf, kommt langsam durchs Zimmer, setzt sich zum drittenmal aufs Bett.Willst du dich nicht umdrehn?" Gut. Ja, sie dreht sich um.

Barbara?" Sie nickt.

Wollen wir jetzt nicht mal ganz vernünftig anfangen? Sie schüttelt

feflf sich wieder aus den Bettrand. Er streck! die Hand nach Barbara aus. Aber sie weicht zurück.Du mußt es doch einsehn", beginnt er von neuem,vorhin, als ich anrief, sagte die Görnewitz: «Ihre Frau begleitet Herrn Rauthammer!' Was sollte ich sagen?"

Warum hast du nicht gesagt, daß du es richtig findest, was muß fetzt die Frau Görnewitz denken?"

Jetzt wird Alfred wirklich böse:Es handelt sich nicht um Frau Görnewitz. Es handelt sich um uns. Ich meine: Wenn einer Vorwürfe zu machen hat, dann bin ich es."

Bitte", antwortet Barbara, ,chu kannst ja deine Vorwurfe machen.

den Kopf.

Habe ich dich gekränkt?" Barbara nickt.

Du hast mich aber auch gekränkt. Sehr sogar. ,

^Barbara zieht die Schultern hoch. Es kann ja jein. Äber es braucht ntd,@sU ift'fest erst mal ziemlich verfahren", sagt sie,ziemlich sehr sogar. Ich gebe es aber trotzdem noch nicht auf."

Was tust du?" , v ri . ,

, Ich gebe es noch nicht auf. Ja, ich weiß, bas wolltest du sagen, Alfred. Aber ich muß es sagen. Ich stelle mir nämlich unter einer Ehe was Fabelhaftes vor. Daß man immer zueinander steht. Daß man immer füreinander eintritt. Daß man immer weiß, der andere hat es so gut wie möglich gemacht. Und wenn er cs nicht besser machen konnte, dann muh man ihm helfen. Das ist meine Auffassung, verstehst du? Das habe ich in der Ehe gesucht, und bas suche ich, unb wenn man bas nicht kriegen kann wie alle alten Tanten aus ihrer Erfahrung einem mitfeilen und wie bie Männer es auch sagen, well sie keine Lust haben, gentlemanhke auf gleich unb gleich mit ihrer Frau zu leben, bann ..."

Das klingt ja alles ganz ausgezeichnet", sagt Alfred,aber bu mutzt mir nicht Übelnehmen, ich bin nämlich Jurist, unb ich weiß, baß jeder Schriftsatz einleuchtenb klingt, bis man den gegnerischen Schriftsatz gelesen hat. Also von mir aus, nicht wahr, sieht es doch ein bißchen anders aus. Denk doch mal nach, unb bann wollen wir roieber anfangen. Ja?"

Gut", sagt Barbara,unb jetzt schlafen. Bitte. Ich kann wirklich nicht mehr, unb bu kannst auch nicht. Siehst hellgrün aus. Wir wollen schlafen. Schnell los. Unb bann sprechen wir weiter. Vielleicht geht es boch noch." .., , . ..

Das klingt ja nun wirklich nicht sehr vergnügt unb nicht sehr ermuti- genb. Alfreb versuch auch noch einmal, auf basEigentliche" zu kommen, auf Rauthammer. Aber Barbara schüttelt nur ben Kops. Sie kann nicht mehr. Sie will nicht mehr.

Sie liegen nun roieber beide in ihren Betten, sehr gerade ausgestreckt. Meimberg bie zu Fäusten geballten Hänbe neben feinem Kopf. Barbara bie rechte Hand unter die Wange geschoben. Sie horchen auf den Fluß, ber so eilig vorbeiläuft, auf bas Schurren bes Wassers an ben Planken. Sie denken beide an bie vielen Liebesworte, bie sie in das Rauschen hineingesprochen haben.

(Fortsetzung folgt.)

freuen Frauen, und deshalb Haden Die Männer Ja recht, wenn sie elser- süchtig sind, und wir wollen es so haben."

Endlich lacht Barbara.Danke schön, Frau Korner", sagt sie.Sie haben in manchem ganz recht. Nur mit Rauthammer ist es nicht so, wie Sie meinen. Aber bas erkläre ich Ihnen ein andermal. Jetzt will ich nur noch mit Herrn Körner tanzen, unb bann will ich schlafen gehn "

Aber Sie können es nicht verheimlichen, daß Sie mit Rauthammer weg waren", sagt Frau Körner noch,irgend jemand wird es doch Meim­berg stecken, verstanden?" ,

Damit winkt sie ihrem Mann und legt ihm Barbara in die Arme. Na also" lacht Körner,Sie lachen ja wieder. Dann werden mir mal einen schönen Walzer drehn."

Er hat bie Platte ba, auf ber er singt. Wer kann bas schon liefern. 3um eigenen Gesang bei geschlossenem Munb tanzen?Horst bu den Walzer in Wien bei Nacht ..." Er singt jetzt eine zweite Stimme dazu. Famos, nicht wahr? Wer kann bas schon: mit sich zweistimmig fingen?

Das Leben ist wahrhaftig ulkig unb wunderschön."

.Wunderschön, Herr Körner", sagt Barbara,und herzlichen Dank. Sie verabschiedet sich noch von den anderen Gästen, bie auch tm Ausbruch finb. Sie ist jetzt frisch unb heiter. Und sehr schön. Selbst der Globetrotter, dersolchen" Frauen, das heißt, gescheiten Frauen, nicht viel abgewmnen kann, muß zugeben, daß sie ziemlich reizvoll ist.

Es wirb enblich still. Barbara schleicht sich noch einmal aus ihrer Hütte. Sie gleitet vorsichtig ins falte, dunkle Wasser. Es hat sie mit großer Gewalt angezogen. Jetzt nimmt es ihr den Atem. Das Herz setzt einen Augenblick aus. Sie hält sich an den Planken der Böschung Sie laßt das eilige Wasser über sich wegfließen. Das Rauschen und Murmeln, bas Ziehen unb Saugen und Gluckern des Wassers hüllt sie ganz em. Der Atem kehrt wieder, vorbei ist das Vergangene, setzt ist «s endlich ver­flossen. Jetzt braucht sie nur noch Kraft für den Kamps mit Alfred. Denn wenn er sie schon verstehen wird, wenn er ihr schon glauben wird, so werden die andern doch glauben, es sei etwas sehr Schlimmes geschehn. Und wird ers ertragen, wenn man ihn spöttisch oder mitleidig ansieht oder sie verächtlich? Sie hat wirklich etwas Schlimmes angerichtet.

Sie steigt aus dem Wasser. Sie liegt im Bett. Sie hat ein Buch vor sich, aber sie lieft nicht. Sie nimmt eine medizinische Fachschrift. Da ift sie doch wenigstens mit ihrem Vater in Verbindung. Was macht der Vater jetzt? Es ist fast zwei Uhr. Also geht er jetzt - sie kann ihn sehn, denn sie hat ihn tausendmal so gesehn zu seinem Nachtspaziergang um den Rasenplatz, streicht sich vorsichtig die übermüdeten Augen, bleibt einen Augenblick stehn und hebt die Arme (er nennt das seine Gymnastik, mehr Zeit hat er eben nicht). Er bedenkt den vergangenen Tag, bie Patienten, die Arbeit, bas Geglückte, das Problematische. Vielleicht denkt er auch einen Augenblick an sie, Barbara. Genau weiß sie es nicht, wie­viel Platz sie in seinem Leben eingenommen hat und einnimmt. Das alles ist ja auch vergangen, nicht wahr, so sehr sie noch an ihren Vater hangt. Dahin kann sie bestimmt nicht zurückgehn. Sie muß jetzt m ihr Leben hineingehn. Und da hört sie wirklich die Hupe aufheulen Alfred ist m das Waldtal eingebogen. Gleich darauf ist der gute surrende, sanftmütige, stürmische Motor zu hören, ber sie durch acht schöne, fruchtbare Tage ge­zogen hat. Barbaras Herz fängt an zu schlagen. Vor Angst? Nein, vor $rt®cr Wagen hält. Der Wagen brummelt in bie Garage hinein. Die Wagentür klappt. Barbara legt ihre Zeitschrift weg. Sie rückt ben Leuchter ein wenig beiseite, bamit sie ihren Mann gleich sehn kann, wenn er hereinkommt. Da steht er endlich, atemlos. Die Haare ein wenig in ber Stirn, etwas verschwitzt von ber rasenden Fahrt, geblendet, mit offenem Hemd.Tag, Barbi", sagt er leise,ba bin ich also."Komm schnell herein", antwortet Barbara.Mach bie Tür zu."

Er schließt bie Tür.Zwei Stunden fünfundzwanzig Minuten bin ich gefahren", stellt er befriedigt fest.

Pause. Keiner weiß, wie er anfangen soll.

Willst du mir nicht guten Tag sagen?" versucht Barbara endlich. , Oder wenigstens gute Nacht?" Alfred Meimberg tritt zögernd näher. Er sieht Barbara mißtrauisch an. Vielleicht ist es boch wirklich so, wie in allen Lustspielen von früher, baß ber Mann es immer zuletzt bemerkt, wenn ihn seine Frau betrügt. Das kann doch fein. Und es ist möglich, daß die Frauen wirklich ganz anders finb, als sie ausfehn. Geheimnisvoll also unb undurchsichtig. Aber bann will er in Zukunft, bitte schön, über­haupt nichts mehr mit Frauen zu tun haben ober höchstens fo, wie feine Kollegen unb Geschlechtsgenossen mit ihnen zu tun haben.

Barbi", sagt er streng, was hast bu nun eigentlich angestellt?"

Komm näher", winkt Barbara,nein, hierher. Komm fetz dich. So. Umarme mich. So ... Unb nun sollst bu mir sagen, ob bu mir glaubst!"

Selbstverständlich glaube ich dir", sagt Alfred eifrig,aber du mußt mir auch einmal erzählen ..."

, Du sollst mir sagen, ob bu mir glaubst", wiederholt Barbara.

Aber Barbi!" sagt Alfred ärgerlich. Er löst sich vorsichtig aus ihren Armen, steht auf, geht zu seinem Bett hinüber.Es ist schon ein bißchen hell", sagt er,hörst du, die Vögel wachen schon auf."

Ja, ich höre", antwortet Barbara,bann wollen wir erst mal ein bißchen schlafen. Wir können ja morgen weitersprechen."

Weiterfprechen?" fragt Afreb.Ich finbe, wir haben noch gar nicht angefangen."

Wir haben sogar mit bem Wichtigsten angefangen", sagt Barbara sehr erregt.Glaubst du mir nun eigentlich ober glaubst bu mir nicht? Denn wenn bu mir nicht glaubst, bann liebst bu mich auch nicht."

Erlaube mal", fällt Alfreb ein,bas ist boch noch zweierlei. Ich kann dich sehr wohl unenblich lieben unb mich boch nicht zurechtfinben mit bir. Unb weiter ist es nichts: Ich weiß nicht, woran Ich bin. Wie kommt biefer Rauthammer bazu, hierherzureifen? Warum hast bu dich heute morgen mit ihm getroffen? Warum bist bu hiergeblieben, als ich nach Stuttgart fuhr? Doch roieber nur, um ihn zu erwarten. Ja."

Genau fo ist es", flüstert Barbara.Unb darum bat ich dich auch heute morgen, mich nach Stuttgart mitzunehmen."