Geburt eknes Kindes.
Von Hans Thyriot*.
Da du noch im purpurzarten Dämmern Unterm Herzen deiner Mutter schliefest Und im Traum-Spiel über Wiesen liesest Mit den Engelknaben und den Lämmern —: Wiegte dich Musik aus jenen Zonen, Wo die Ungebornen selig wohnen.
Als du dann in goldner Schicksalsstunde Aus der dunklen mütterlichen Hülle Fielest in des Lichtes wilde Fülle, Ging der erste Schrei aus deinem Munde. Und die blasse Frau im kühlen Leinen Härt' es lächelnd und begann zu weinen.
Das Lächeln der Unsterblichkeit.
Eine Baltikum-Sage von H. S o i k.
Es war im April 1919 vor der Belagerung Rigas, als wir aus der sibirischen Gefangenschaft zurückkehrten, an Leib und Seele zermürbt, auf Gut Ulsgard im Livländischen, Ruhe und Rast fanden bei einer Frau, die wir drei den Engel von Ulsgard nannten: Rike Jänefelt. Sie war es, die mir die Schmerzen stillte, die nächtelang an meinem Bett wachte, als das Typhussieber aufs neue bei mir durchbrach und ich dem Sterben nahe war, und wenn sie das schöne Haupt über mich neigte, und ihre lichtblauen Augen in den meinen ruhten, schwand das Fieber. Und da war Henning Södermark um uns Flüchtlinge väterlich besorgt, und der war Rikens Freund. Einmal sagte er zu mir, sie wollten im Mai heiraten und aus Ulsgard ihr Nest bauen, aber es war ihnen beiden ein anderes Schicksal bestimmt.
Und da dies nicht allein Rikens und Hennings Geschichte war, sondern die einer Todesgemeinschaft, muß ich erzählen, wie die Tragödie begann. Mitte Oktober 1918 lief der wie gewöhnlich stationierte Lazarettzug in Lilli ein und es wäre nichts Außergewöhnliches gewesen, hätte nicht unter den Verwundeten ein halb tot geschossener livländischer Adeliger besondere Aufmerksamkeit erweckt. Als er nämlich, so wird berichtet, aus dem Zuge auf einer leichten Tragbahre hinausgetragen wurde, mehr einem Toten als einem Lebendigen gleich, habe er laut ausgestöhnt, und als der Sanitätsoffizier an ihn die Frage stellte, ob er ihm das Liegen etwas besser gestalten sollte, habe er leise gedankt und gebeten, man möchte ihn bei seinem Obristen entschuldigen, daß er sich aus der Schlacht habe tragen lassen, obwohl noch kein Befehl zum Rückzug ausgegeben war ... Sechs Wochen lang lag dann Henning Södermark auf Tod und Leben im Lazarett: doch bann siegte seine Konstitution und eine wesentliche Besserung trat ein.
An einem sehr stillen Sommerabend Überbrachte eine Ordonnanz dem langsam Genesenden einen Bries feines Kommandeurs, der Graf möchte sich seiner in Freundschaft erinnern, im übrigen wünsche er ihm auf seinen Gütern bessere Erholung als hier in Lilli. Einige Tage spater nahm Henning Södermark Abschied von seinen Stubenkameraden, die noch lange an den Fenstern standen, mit weißen ausgezehrten Gesichtern. Sechs Tage und sechs Nächte fuhr Henning Södermark auf mancherlei Umwegen seiner Heimat zu; denn allen Ortes flackerten schon die Feuer des Aufruhrs im Lande auf. Ungefähr um die Mitte feiner Fahrt wurde an einer ostdeutschen Station fein Abteil geöffnet und eine junge Barne, die schon längere Zeit auf den Zug gewartet hatte, stieg em. Wollte sie sich auch anfangs wie eine Fremde gebärden, um den Gesuchten, ihren Verlobten zu überraschen, sie verriet sich rasch. „Ach Henning . rief sie, „du mein Herrlicher!" und sank weinend an seine Brust. Der Graf, keiner Antwort mächtig, sttich zitternd über bas blonde Haar, und blieb in langen Küssen. Beide schwiegen still. Und sie verschwieg ihm auch in diesen Stunden, daß seine Güter bald den Rebellen tn die Hände fallen würden. „Rike", sagte er, „es wird viel zu tun geben zu Hause." „Ja, Henning", antwortete sie, „sehr viel — und bas Größte ist noch nicht getan." „Unb bas Größte?" fragte Henning wartenb, „unb bas Größte —" „Du wirst sehen", gab sie zur Antwort, „selber, wenn es so weit ist."
Am Abenb bes folgenden Tages hielt er Einzug auf Ulsgard. Doch er erschrak über die Still« des Parks, das Gesinde blickte traurig und mit wissenden Augen zu Boden. Und als er einen der Knechte auf sein Zimmer kommen hieß, beichtete ihm dieser mit stockender Stimme, daß ihnen bereits die Aufrührer mit dem Tode gedroht hatten, falls sie bei einem etwaigen Ueberfall gegen sie irgend etwas unternehmen würben. Södermark erschrak, doch ließ er sich nichts anmerfen Unb ihr?" fragte er ben Knecht, „was werbet ihr tun? „Wir, rief btefer mit Tränen in den Augen — „immer für euch!
Bald nach dieser seltsamen Aussprache galoppierte Rike Ianefeldt mit ein paar Reitknechten auf triefenden Pferden m Ulsgard ein unb nef ihrem Verlobten, nach im Sattel stehend, zu, daß das Gut chres Vaterv lereits in Flammen stünde, und sie beschwor ihn bei Gott unb allen Heiligen, den Mordbanden zu entfliehen, ehe es zu fpat fei. Der Graf
* Dieses Gedicht wurde, wie im Feuilleton bereits berichtet, beim diesjährigen Lyrik-Preisausschreiben der Zeitschrift „Die Dame unter »und 10 000 Einsendungen mit dem ersten Preis ausgezeichnet.
half seiner Verlobten aus dem Sattel, und nachdem sie unter verzweifeltem Schluchzen von dem entsetzlichen Ende ihres Vaters berichtet hatte, flehte sie ihn nochmals an, mit ihr unb uns zu fliehen, denn noch sei es Zeit. Fast schon wollte er seiner inneren Stimme nachgeben, als unten im Hose weinende Stimmen heraufschallten, unb er erfuhr, daß sich zwei benachbarte Familien hierher geflüchtet hätten unb mit ber Ankunft ber roten Garbe in allernächster Zeit zu rechnen sei. In ben nächsten acht Stunben konnte man bie Aufrührer erwarten! Acht Stunben — unb hier auf Ulsgard schliefen fiebenundzwanzig Menschen: da waren feine ergebenen Knechte, bie sibirischen Kriegsgefangenen, etliche Geistliche, ein paar Generäle unb zwei geflüchtete Familien ... Um Mitternacht ließ Södermark wecken und die nötigen Vorbereitungen zur Flucht treffen. Wir drei beschlossen, mit ihm unb Rike ben Rückzug der Fliehenden zu decken. Södermark dachte an bie Brücke, bie bie Rebellen überschreiten mußten: mar bie beseitigt, so gab es vielleicht einen Weg ber Rettung. Die Brücke — es gab keinen anderen Ausweg! Uns sagten die beiden von diesem Allerletzten kein Wort. Wollten sie allein die Verantwortung tragen? Wußten sie, daß sie schon gezeichnet waren? Man gab uns zu verstehen, die Nacht über wach zu bleiben, im übrigen hätte man auf vierundzwanzig Stunden Munition für die Maschinengewehre und Flinten, das würde eben reichen.
„Iwan", sagte er zu dem Großknecht und sah ihn lange durchdringend an, „Iwan, wieviel Sprengpatronen liegen im Magazin drüben?" „Zehn", antwortete der Großknecht dumpf und wie von schwerer Ahnung betroffen. „Nun gut, zehn! Das ist eine runde Zahl. Und wann wird der Kommissar mit seinen Leuten marschieren?" „Heute um elf Uhr nachts, hieß es. Rornanoff meinte, da läge die Brut schon längst im Schlaf." Henning ging im Zimmer auf und ab. „Im Schlaf", wiederholte er wie im Traum. „Iwan, du hast heute nacht Wache, hab scharfe Ohren —
Und als Rike bei ihm saß, eine Viertelstunde lang, wußte sie Bescheid. Bald danach verließen zwei in lange Reitermäntel gehüllt« Gestalten schwer bepackt ben Park. „Wer ba?" schrie ber Posten am Tor. „Södermark."
Um ein Uhr nachts meldete der Funkdienst der USSR.: Durch Attentat flog die Brücke bei N. in bie Luft. Leider hätte man den Verlust an Menschen zu beklagen, unter anderem werbe ber Tob bes Genossen Rornanoff gemeldet. Eine sofortige Strafexpeditton sei auf bem Wege.
„Was wirb nun, mein Herrlicher?" fragte Rike ben (Beliebten, als sie noch wie betäubt von ber dumpfen Detonation im naffen Schilf lagen. „Jetzt wird man uns —". Doch Henning küßte ihr die anderen Worte von den Sippen, und bann sagte er wie von ferne langsam unb feierlich die Worte, bie einst Ulenfpegel seiner Nele sagte: „Glaubst bu, man begräbt Ulenfpegel, ben Geist, unb Nele, bas Mutterherz Flanderns? Auch sie kann schlafen, aber sterben — nein!“
Als sie um drei Uhr nachts durch den Park schritten, waren die Flüchtlinge längst über die Grenze. Kein Licht brannte mehr wie sonst in den unteren Zimmern.
Als sie oben im Flur beim Schein ber Taschenlamve bie Maschinengewehre prüften, sagte sie, auf ben Boden gekauert: „Unb wenn sie uns jetzt fangen? Was bann?" Er wußte keine Antwort und bettete nur fein Haupt in ihren Schoß. Denn er war sehr müde. „Schau", sagte sie, „es ist schon so, mein Freund: nur durch bas Opfer sinb wir erlöst. Und jetzt geh hinunter zu Markoff." „Ja", sagte Henning und packte sein Gewehr. „Es wirb schon gut so fein.“ Unb bamit schritt er langsam, wie über eine Sache nachdenkend, bie Treppe hinunter. Gegen brei Uhr morgens kam ber Angriff. Ueber brei Stunben lang hielten mir und die paar treuen Knechte die Aufrührer in Schach. Wir schossen wie wahnsinnig, aber bie Schützenkette mürbe immer enger, unb bald stand uns der Feind schon im Rücken. Die letzten Handgranaten wurden verteilt. Wir wehrten uns wie Wolfe. Tak, tat, tat bellte es. Drüben im Part erwiderten helle Ausichreie. Hinter mir war Markoff gefallen und Petersen, der Kornett, der wie wahnsinnig Mutter! Mutter! fchrie, doch Rike hielt ihn, bis er in ihren Armen verschied. Als wir die Handgranaten geworfen hatten, unb Rite mit blutertben Hänben die letzten Patronengurte herbeischleppte, stellte Henning bas Feuer ein, betete noch einmal laut unb wollte eben mit Rike unb uns ben Park erreichen, als schon bie Rebellen in ben Toren standen und mir überwältigt würben.
Um acht Uhr schaffte man uns auf Automobilen nach bem benachbarten Städtchen A. und dort verbrachten wir in den Kellern eines Gymnasiums mit anderen Gefangenen die nächsten Tage. Cs gab keinen in ben Kellern, ben Rite nicht getröstet hätte. Sie pflegte bie Typhustranten unb machte biefem unb jenem bas Sterben leichter. Gleichsam ein Göttliches muß von ihr ausgestrahlt sein. All bie Verzweifelten würben ruhig wie Kinder unb hatten sich in ihr Schicksal ergeben. Ach, wie war es boch, Rike, daß wir Deiner nimmer vergessen können, beines Antlitzes unb beiner beneibeten Hänbe. Wir waren überflutet vom Segen, wenn wir beiner Worte gebuchten und deines Lächelns.
Am folgenden Morgen wurden Henning und Rike durch das Standgericht zum Tode verurteilt. Es wird berichtet, daß Henning und Rike ruhig das Urteil horten, bas ihnen ein kahlköpfiger Matrose oertünbete, und baß Rike ben (Beliebten in einem langen sehnsüchtigen Blick umfaßte. Nach zwei Stunden führte man die beiden in den Hof hinaus, hieß sie Schaufeln aufnehmen und ihr Grab ausgraben. Nachdem dies geschehen, stellten sich die beiden an bie Mauer. Neun Gewehre hoben sich. Dann zerriß wie ein Peitschenschlag bie Salve bie mittägige Stille unb zwei Körper fielen birmpf vornüber in die Erdlöcher. Doch auf dem Totengesicht Rikes lag noch das Lächeln. Dies geschah nm 2. Mai 1919 um bie Mittagsstunde. Don Osten brohnte schwerer Gesch-'donner. Ich und die anderen wurden am Nachmittage wie durch ei- Wunder von einem deutschen Freikorps gerettet. Und hier hat die Geschichte von Henning und Rike ihr Ende.


