Ausgabe 
11.11.1935
 
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SichenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1935

Montag, den U. November

Nummer 88

Liebesroman

GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Walther von Hollander Copyright 6y August Scherl G.m.b.tz., Berlin

15. Fortsetzung.

Sophie Wahnke aber hat nur auf diesen Augenblick gewartet. Sie kommt aus ihrem Zimmer, sie steht vor Barbara und sagt:Du siehst ja nun, wie es steht. Da weißt ja nun, daß du für sein Leben verantwortlich bist."

Barbara antwortet:Laß mich hinausl Ich will hinausl"

Sophie schüttelt den Kopf.Du mußt es einsehn. Du mußt. Ich liebe ihn zwar. Aber das nützt nichts. Du allein hast die Liebe, die ihn retten kann."

Retten", flüstert Barbara,retten? Warum muß ich ihn retten? Hat er mich gerettet, oder hat er mich allein gelassen? Und mußte ich nicht sehn, wo ich blieb?"

Du willst also abrechnen", antwortet Sophie.Du willst dich rächen? Aber das ist keine Rache, das ist Mord. Verstehst du?"

Laß mich jetzt vorbei", sagt Barbara,du kannst mich damit nicht mehr erschrecken."

Sophie ändert ihre Taktik. Sie wird freundlich. Sie umarmt Bar­bara. Sie sagt:Richt wahr ... du willst doch nicht, daß er zugrunde geht?" Und als Barbara den Kops schüttelt:Er ist aber verflucht nahe

dran."

Barbara wehrt sich mit Heftigkeit:Wir sind alle mal nahe dran. Was habe ich allein in den letzten Tagen davon gesehn und gehört! Die kleine Frau Gericke, die an der Liebe ihres Mannes fast zugrunde geht, und die Frau des Holländers, die aufwacht, und der Mann hält ihr den Revolver an die Schläfe, und die baltische Baronin mußte vom Felsen ins Meer hinunterspringen wie Sappho. Man müßte das alles ändern können und kann doch nichts ändern. Also laß mich jetzt los!

Sophie aber läßt sie nicht los. Sie hält sie mit verbissenem Gesicht umarmt eine kleine rothaarige Katze, nein, eine Löwin.Du darfst nicht gehn, du darfst nicht gehn", sagt sie immer wieder, und Barbara steht still, ein wenig müde, und wehrt sich nicht. So stehn sie nebeneinander, anzusehn wie zwei Liebende, die einander innig lieben.

Bis die Tür sich öffnet und Rauthammer herauskommt, die beiden Frauen ansieht, schweigend Sophie den Schlüssel wegnimmt, aufschlieht und Barbara hinausläßt., ... .. ,. ,

Auf Wiedersehn!" sagt er leise und verbeugt sich merkwürdig tief, beinah demütig, und Barbara antwortet wie ein Echo, antwortet zu ihrem Schreck:Auf Wiedersehn!" . .

Es ist also, das spürt sie, noch immer nicht fertig. Sie hat tapfer gekämpft, sie ist nicht unterlegen, aber sie hat auch noch nicht gesiegt. Außerdem beginnt jetzt der Kampf um Alfred.

Oben im Haus am Hang hat Rauthammer die schluchzende Sophie be, den Schultern genommen, hat sie in ihr Zimmer geführt, auf ihren Diwan gebettet und streichelt sie. Sophie aber schluchzt immer heftiger.

Ja, weinen Sie nur", murmelt Rauthammer,weinen Sie nur. Das fUt Erscheint beinah so, als ob Sophie für ihn mitweint. Als sie ruhiger geworden ist, geht er in sein Zimmer hinüber und beginnt auf und ab zu gehn. Langsam, vorsichtig geht er hin und her, die Hand auf seinem Herzen, als könnte es ihm weglaufen, und wie es ihn se'N freund der chinesische Kaufmann und Atemlehrer, gelehrt hat paßt er den Atem langsam den Herzschlägen an und zwingt so die Herzschlage ^ließlich den? Atem zu gehorchen, dann beide seinen Schritten zu gehorchen, mit denen er"das Zimmer öusmißt, langsam, regelmäßig, gedankenlos wie

Jetzt^ nachdem die Schlacht geschlagen ist, muß man alles vergessen, damit man Kraft sammeln kann. . ,,

Er braucht aber mehr Kraft als jemals. Denn er will ja das Un mögliche möglich machen, er will die Liebe Barbaras von Meimberg auf sich ziehen. Ein Stück Magie also.

18.

Da fährt Meimberg eine Stunde vor der kleinen Stadt, rast der Wagen die Vorhöhen der Rauhen Alb hinauf. Er ?°^ vernnkt, erbittert Er holt aus dem Motor heraus, was in ihm drmsteckt. Wenn er jetzt gegen einen Baum raste? Unsinn, er rast nicht gegen EN Baum Das gibt es nicht. Alfred Meimberg weiß das, wie es alle Schickfalslieblinge

wißen: wenn er nicht an einen Baum rasen will, rast er nicht daran. Wer zugrunde geht, hat sich selbst vorher zugrunde gerichtet.

Aber natürlich ist er böse, natürlich wird er abrechnen. Ganz gewaltig abrechnen. Er verbrennt seine Briefe. Er schreibt seiner letzten Freundin, die ihn vor einem Vierteljahr auf der Durchreise noch einmal sehn will, daß das gar nicht in Frage kommt. Obwohl sie doch nett war, obwohl sie auch unglücklich war, daß er sie verlassen hat. Und Barbara? Jetzt wird ihm alles klar. Die erste Fremdheit in der ersten Nacht und der letzte Morgenspaziergang. Niemals hat er sich ihrer ganz sicher gefühlt. Das wird er ihr sagen. Und dann wird er zu diesem Rauthammer gehn, diesem Abenteurer, und wird ihm den Hals umdrehn. Hat er's nicht mit Weppen und Kleesand besprochen? Dem Zigeuner den Hals umdrehn. Ganz einfach. Und wenn er dem Zigeuner den Hals umgedreht hat ... dann ... dann ... na, dann wird man weiter sehen. Jedenfalls ist er dann weg, und man kann sich mit Barbara auseinandersetzen. Oder? Nein, das ist ja das Dumme: Man kann sich mit Barbara nicht aus­einandersetzen. Man kann zu ihrem ganzen Dasein ja sagen. Dann ist es eben gut. Oder man kann nein sagen, dann ist es eben schlecht. Aber auseinandersetzen kann man sich nicht mit ihr.

Er muß einen Augenblick anhalten. Er steht vor einer geschlossenen Bahnstrecke. Er hupt, so laut er kann, denn es ist kein Zug zu sehn. Der Schrankenwärter sieht aus seinem Stellwerk heraus und winkt ab. Nur Geduld, der Herr, der Zug kommt gleich. Schade, denkt Alfred, wenn ich keinen Wagen hätte, würde ich jetzt drüberspringen, wie am Tag vor der Hochzeit über die Bahnschranke. Komisch, ich bin seitdem nie mehr gesprungen. Wird man in der Ehe etwa wirklich behäbig und lang­weilig, wie alle Männer sagen? Ich glaube, das ist bestimmt Unsinn. Da kommt der Zug, rasselt vorüber. Alfred kann weiterrasen.

Barbara aber hat gerade den Fluß überschritten und hat sich wieder zu den Gästen gesetzt. Sie sind noch alle da: die beiden Kichermädchen, die mit dem Globetrotter und dem Oberlehrer sitzen, die Görnewitz, die aber bald ins Haus geht, Gericke und Frau, die sich leider, leider auch empfehlen müssen. Bleiben also für Barbara nur die beiden Körners, die ziemlich viel getrunken haben. Aber das macht sie noch glücklicher, als sie schon sind, und macht ihre Herzen noch weicher. Sie würden jetzt gern allen Menschen auf dieser Welt das Leben ebenso schön machen, wie ihr Leben ist, in dem man Ruhm und Liebe und Geld von allen Bäumen pflücken kann.

Körner setzt sich nach einer Weile ans andere Tischende. Seine Frau soll mal mit Barbara reden. Er geht dann singend auf der Wiese hin und her, er besteigt das Podium und tänzelt erst allein, dann mit einem der Kichermädchen ganz recht, es ist die mit den roten Glaskugeln. Sie tanzen natürlich zu ganz leisen Nadeln. Darum kann man unter der Melodie den Fluß hören, wie er sich heiter und kühl an den Holzplanken des Knicks scheuert.

Sie sind alle auf der Seite Meimbergs", sagt Frau Körner jetzt und schüttelt betrübt den Kopf.Sie müssen darüber, bitte, nicht traurig fein."

Nein, Barbara ist nicht traurig. Sie weiß nur nicht recht, warum die Gäste überhaupt Partei ergreifen. Ganz recht: Sie ist wirklich mit ihrem alten Freund Rauthammer weggegangen. Jawohl, sie ist lange weg­geblieben. Wie lange? Anderthalb Stunden? Ach ... dann muß ja Alfred Meimberg bald hier fein.

Sie steht auf. Aber die Körner steht auch auf und hakt sie unter. Alle Menschen haken sie heute unter. Merkwürdig.Wir", sagt Frau Körner, das heißt Körner und ich, mögen Sie sehr gern. Deshalb sind wir für Sie. Die Görnewitz hat uns außerdem verraten, daß Sie nicht verhei­ratet sind. Dadurch wird die ganze Geschichte natürlich verständlicher. Ehe man nicht sich endgültig entschieden hat, das finden wir, kann man noch wählen. Das ist nicht so schlimm."

Ich bin aber verheiratet", sagt Barbara nun doch ungeduldig.

Die Körner sieht sie ungläubig an.Frau Görnewitz", sagt sie, be­hauptet Sie hießen Schreiner. Sie hat ein paar Briefe gesehn. Nun, einerlei, ich glaube Ihnen. Aber bann sollten Sie wirklich vorsichtiger sein Und wenn Sie meine persönliche Meinung hören wollen: Ich kann nicht begreifen, wie eine Frau ihren Mann betrügen mag. Ich komme nicht auf die Idee. Wenn man sich ganz auf den Mann eingestellt hat, wenn man immer für ihn da ist und die übrige Zeit sich vorbereitet, für ihn dazusein, und wenn man Kinder hat, nein, glauben Sie mir, dann hat man keine Zeit, dumme Gedanken zu haben. Auch wenn sie einen mal ankommen möchten. Wenn man zum Beispiel viel allem ist. Aber einen Tag allein ... Jetzt sind Sie doch böse. Das wollte ich nicht. Es tut mir nur so leid, daß Sie sich nicht mit Meimberg vertragen. Er ist so hübsch und frisch und gescheit und jung. Und Sie sind eine richtige Frau. Nicht pimplig, nicht affig, nicht eingebildet und nicht einmal prüde Sogar meinen Badeanzug haben Sie nicht beanstandet. Und der ist wirklich ein ziemlich gewagtes Unternehmen und ein unsinniges dazu. Eine kleine Untreue, das gebe ich Ihnen auch noch zu. Ja, so sind wir