Lleber das Wesen der Angst.
Von Professor Dr. Alfred Hoche.
In seinem bei I. F. Lehmanns Verlag. München, unter dem Titel „Aus der Werkstatt" erschienenen Aufsatzband behandelt der bekannte Freiburger Psychiater u. a. auch die Frage der Angstzustände.
Die Angst nimmt im psychischen Mechanismus eine besondere Stellung ein; die ihr gegenüber gewöhnlich beliebten psychologischen Erklärungsversuche sind mit Vorsicht hinzunehmen. Es ist sicherlich nicht richtig, daß Kranke mit Delirium tremens nur darum ängstlich sind, weil sie sich vor dem, was sie halluzinieren, fürchten oder entsetzen. Die Angst ist hierbei jedenfalls ein den Sinnestäuschungen gleichstehendes und eng mit ihnen verkuppeltes Symptom in ähnlicher Weife, wie dies für das gegenseitige Verhältnis von Sinnestäuschungen und entsprechend gerichteten Wahnideen gilt. Die Angst steht als selbständiges Elementarsymptom neben anderen. Aus krankhaften, wenn auch ihrem Wesen nach unbekannten inneren Gründen (Veränderungen des Gehirnzustandes) erwächst das Gefühl der Angst, die als vollwertiger und volle Realität besitzender subjektiver Zustand bewußt wird und nach dem allgemeinen Grundsatz der psychischen Projektion in der Regel, wenn auch nicht immer sogleich, auf irgend etwas bezogen wird. In gleicher Weise, wie dies für den Unterschied von Sinneswahrnehmungen und Sinnestäuschungen gilt, wird die
Verantwortlich: Dr. Hans Thyxiot. - Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerf itäts-Duch- und Steindluckerei, R. Lange, Gieben-
^wölsi vielleicht kann ich aa kriege", meint wieder der Rumäne.
'„Vom Acker im Grund? ..." zweifelt der Bauer.
"Raa, dort Han ich nur Kuckurutz gefetzt . Sinter nun die obere Fel, der.,. Macht alles verkaufe, wies steht. — Zwanzigtausend fürs Joch >s mt ,^So^vi'el kriegt Ihr nit, Valeanu. Der Acker im Grund is ja heint nur
^,gfyr könnt ihn fchun kaufe, Nachher. Ihr wißt, was mit die Felder au mache is", sagt lauernd der Rumäne. .
,,3rt; will ckon dem Acker nix mehr wisse!' gibt der Bauer barsch ^Zter Valeanu zuckt die Achseln und geht, denn vom Dorf her kommt ^^^Aushalte° Mittach is!" ruft der Bauer, dann geht er zum Wagen, holt eine Korbflasche herunter, nimmt einen Becher und teder der herantretenden Schnitter und Schnitterinnen bekommt seinen Schluck Schnaps.
Der Bauer saß zwischen den anderen, aber er war heute sehr wortkarg Als Erster war er mit dem Essen fetig, stand auf und ging Ausschau hallen, wieviele Kreuzstöße noch auf dem Felde standen. Dai sah er vom Dorfe her eilig ein Mädchen kommen. Es war em Geschwisterkind. Er ging der Kleinen entgegen. ..... • ro_i
,,Vetter Hans, Ihr sollt glei hemkumme. Die 'Bäuerin schickt rm. Bet ihr is es so weit."
„Habts die Hebamm gholt?"
„Am Herweg Hann ichs ihr gsaat." _ .
Ich kumm glei nach." Er ging zum Druschplatz zurück und gab eimge Anordnungen für den Nachyiittag. Dann machte er sich auf den Heimweg.
Grad in der Schnittzeit muh die Wawi wieder ins Bett kumme Werd ihr selber arch gnug sin... Und, wenns wieder a BiA werd? 42 Joch unter drei verteile? Nit mool a halbe Session for een. Wenn mer aa den Peter zum Studiere gibt, Kleinbaure bleibe die anere do. Herrgott, sell is die gröschte Not, wenn der Bauer Kinder kriegt un er hat kee Platz for fte!
Der Bauer kommt ins Dorf. Wie er am Gemeindehaus vorbeigeht, tritt der Valeanu heraus. Der Bauer bemerkt das bekümmerte Gesicht des anderen und bleibt unwillkürlich stehen. „
„Wenn ich jetzt nit 50 000 abzahl, verkauft mir die Bank alles , gesteht der Valeanu.
„Alsdann so stehts! Schulde aa noch auf dem Grund.
„Von was hät ich die Buwe zu Herrn mache könne? Auf 200 000 is es ausglaufe bei der Dank. Wenn ich noomol so viel krieg, schlag ich °^Der° Bauer schaut die Straße hinaus. „Bis 350 000 könnt ich ringehe."
„Fürs Haus aa?" . ~ „
, Für alles. Achtzehn Joch Feld, s Haus und drei Joch Garteland.
„Zahlt Ihr baar?" , ,
, 150 000 for Euch uffn Disch. Mit der Bank mach ich selwer ab.
,'llnb die Fechsung? ..." lauert der Rumäne.
„Die könnt Ihr Euch hole." .
„Abgemacht! Kummt, der Notär is noo da, mache nur glei den 23ertrao//
„Jetzt? ..zögert der Bauer. Doch dann fällt ihm wieder der kom- mende Erbe ein. ,^Alsdann gut! Awer gschwind muß es gehe."
Eine halbe Stunde später tritt der Bauer in sein Haus. Die Mutter Gantnerin leert gerade einen Kübel Wasser in den Hof. „Es is fchun vorüwer. A Bub js wieder", sagt sie.
Der Bauer tritt zum Bett. „Mars schwer, Wawi?" fragt er.
„For mich nit. Freilich, sei Gwicht hat der Bub."
„Na ja, wenn mer aa zwanzig Joch Feld uff sich warte find, kann mer sich schun uffblase", scherzt der Bauer.
Die Wöchnerin macht ein fragendes Gesicht. Der Bauer aber tritt zum Fußende des Bettes, wo leicht zugedeckt der Neugeborene in die Tuchent eingebettet liegt. Er betrachtet das krebsrote Etwas. Dabei sagt er: „Na, bis den Pflugsterz führe kanscht, is der Acker im Grund aa wieder auf gleich." •
„Den hascht kauft. Mußt viel zahle?" ,
Der Bauer richtet sich wieder auf. „Sell hat nix zu faga , meint er gleichmütig, „Geld is for uns Saure kee Brot nit, nur Feld is Brot for uns."
physiologische und dfe pathologische Angst nur durch den Umstand des vorhandenen, zureichenden, oder fehlenden, oder ungenügenden Anlasses unterschieden. Anlaß in diesem Sinne können auch Vorstellungen abgeben (- B durch abendliche Lektüre erzeugte Gespensterangst bei Geistesgesunden). Gerade dieses Beispiel zeigt im übrigen, daß bei lebhafter Angst auch Geistesgesunder ebenso wie in krankhaften Zuständen die Wahrscheinlichkeit ignoriert wird, und die vernünftige Einsicht vor dem Affekt die Waffen streckt.
Die leichtesten Grade der Angst, die für das Studium derselben am dankbarsten sind, finden wir bei psychopathisch disponierten Persönlichkeiten als außerordentlich häufige Erscheinung. Objektlose oder in wech- selnder Weise auf dies ober jenes bezogene, ängstlich beklommene Süm- munqen find dabei nicht selten abhängig vom Barometerstand, Tageszeit (Dämmerung), Windrichtung (Föhn), auch von Himmelsbedeckung, Land- schäft (Meer, Hochgebirge); zum Teil handelt es sich dabei um Person- lichkeiten, die überhaupt leichte periodische Schwankungen nach der depres- siven Seite aufweisen. Solche Kranke kennen häufig ihren eigenen Angst- tnpus selber ganz genau und vermeiden wenn möglich, etwa auf Reisen, in die erfahrungsgemäß die Singst auslösende Situation zu kommen, oder wenigstens in ihr nicht allein zu sein. Sie sprechen in der ruhigen Zwischenzeit von ihrer Angst wie etwa andere Patienten von ihrer Migräne. Diese leichteste Form der Angst tritt auch in allerhand Verkleidungen auf, z. B. in Gestalt von Sehnsucht, Heimweh, Ratlosigkeit, schwer zu beschreiben- dem Gefühl von Fremdsein, „Anderssein", auch Heißhunger. Eine besam dere, in manchen psychopathischen Familien erbliche, Form der Angst- verkleidung sind die Ahnungen, die gelegentlich so häufig auftreten, bag sie ab und zu auch einmal eintreffen, manchmal zur paradox roirtenben Befriedigung der von ihrer Umgebung wegen der Ahnungen verspotteten Patienten. Es sind Persönlichkeiten, für die das Goethesche Wort gilt: Du bebst vor Allem, was nicht trifft". Schopenhauer beschreibt von sich selber den subjektiven Zustand dieser vorahnenden Erwartung, bie ihn bei jedem Klopsen an der Tür fürchten ließ: „Jetzt kommt es . Unter Umstünden ist bei solchen Menschen bas Angsthaben ein Dauerzustand, bei dem nur das Objekt wechselt, in ähnlicher Weise, wie uns im Traume eine atmungbehindernde Körperstellung eine Angstsituation nach der anderen erleben läßt.
Von die en leichtesten Graden führen nun quantitative Steigerungen bis zu den höchsten Zuständen der Angst, die, wenn sie anfallsweife und- mit Aushebung der Besonnenheit auftreten, auch als „Angstraptus bezeichnet werden. , . ...... c, .
Die körperlichen Wirkungen der Angst treten am durchsichtigsten hervor bei der rein psychischen (beispielshalber durch objektiv zureichende Anlässe) erzeugten Angst. Ich brauche dabei auf die populär gewordenen Erscheinungen des Zitterns, der Blässe, der Pulsbeschleunigung, des Schwächegefühls, der heiseren Stimme nicht näher einzugehen. Diagnostisch, wichtig kann die Pupillenerweiterung fein. Schwitzen finden wir ain häufigsten (unter Umständen in kolossalem Grade) bei der Angst bet' Alkoholisten... Theoretisch bedeutsam ist das Verhältnis der Angst zur Atmung Die höchsten Grade der körperlich bedingten Angst bei Geistes- qefunben finden wir ja gerade bei Bronchialasthma, bei Coronarskleros« des Herzens, und wir haben dabei Anlaß zu der Annahme daß bie Ueberladung des Blutes mit Kohlensäure bie Haupterzeugerin ber Angst ift; aber ihre Rolle babei ist keineswegs tlargeftellt. Wir sehen, daß einerseits nicht jede mechanische Behinderung der Atmung Angst zu erzeugen braucht ebensowenig wie eine tatsächlich starke Ueberladung des Blutes mit Kohlensäure, wie z. B. in den Endstadien der Lungenphthise. In» ganzen wird bie Atmung bei seelisch bebingter Angst flacher, wenn auch, häufig mit einer befonberen Disposition zu periodisch auftretender Vertiefung (Seufzen), die keineswegs immer eine Erleichterung des Angstgefühls zu bringen pflegt. Im ganzen hat man bei psychisch bedingter Angst doch den Eindruck, daß die Atmung trotz ihrer Frequenz ungenügend bleibt. Mir ist bei zahlreichen Hinrichtungen, denen ich beigeroobnH habe immer bie eigentümliche fahle Blässe ber Delinquenten aufgefallen, also unter Umständen, unter denen bei körperlich und geistig geiunöeni Menschen mit experimenteller Reinheit die höchsten Grade der Todesangst hervorgerufen werden. .
"Bekannt ist bie populäre Meinung, baß hohe Grabe ber Angst em rasches ober selbst plötzliches Ergrauen ber Haare herbeifuhren können. Wenn dies richtig wäre, müßten wir bei den schweren und schwerste« Zuständen von Anast sehr viel häufiger dieses Phänomen beobachten.
Was nun bie Wirkung ber Angst im psychischen Mechanismus an- betrifft, so gilt für sie, wie für alle Affekte, daß sie eine auswahlend- Wirkung auf das Seelenleben ausübt und die gleichgefärbten ober parallel gehenben Vorstellungen anzieht und um sich konzentriert. Man fiel)« babei diesen Vorgang sich nicht selten vor den Slugen des Arztes abspie-en indem eine ursprünglich objektlose Angst allmählich mit Vorstellungsinha« gefüllt wirb, manchmal in sehr durchsichtiger Weise in Gestalt einer regel’ inäßigen Tageskurve, so baß beispielshalber morgens ein ruhiger Zustaiu mit Krankheitseinsicht vorhanden ist, während gegen den Abend bk« Angstasfekt anfteigt und gleichzeitig ängstliche Wahnvorstellungen deui- lich werden. ..-
Den größten Einfluß übt die Angst auf die Besonnenheit aus, die au£ bei Willensstärken und intellektuell hochstehenden Personen unter dein Einfluß höherer Grade der Angst vollkommen verschwinden kann. Bekannn ist bie motorische Unruhe aller ängstlich erregten Kranken, die, für ba. Bewußtsein des Patienten, durch bie körperlichen Sensationen ber Singb quantitativ gefördert wirb. Ich habe babei weniger die häufigeren Lokow fationen des Angstgefühls (Herzgegend, Bauch. Hals, Kovf, sehr viel !«M- ner Schienbeine) im Auge, als bie unbestimmten Empfindungen in ben Extremitäten, die zu fortwährendem Lagewechsel oder auch zum Umber laufen Nesteln usw. treiben. Schon an der Haltung kann man bei einem Gang über eine psychiatrische Abteilung oft die Angstkranken erkennen, die wie auf dem Sprunge, am äußersten Rande des Bettes liegen ober schon halb draußen sind... ‘


