Lteberlaß es der Zeit.
Von Theodor Fontane.
Erscheint dir etwas unerhört. Bist du tiefsten Herzens empört, Bäume nicht auf, verfuch's nicht mit Streit, Berühr es nicht, überlaß es der Zeit.
Am ersten Tag wirst du feige dich schelten. Am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten, Am dritten hast du's überwunden, Alles ist wichtig nur auf Stunden, Aerger ist Zehrer und Lebensvergifter, Zeit ist Balsam und Friedensstifter.
Bismarck.
Von Robert Hohlbaum.
Als Junker aufgewachsen, Student in Göttingen, dann Gutsherr, der „tolle Bismarck" genannt, ließ er damals noch nicht die künftige Größe ahnen. Das Jahr 1848 bestärkt« seinen Widerstand gegen die Auswüchse der Herrschaft des „souveränen" Volkes und der Demokratie. Als Gesandter am Frankfurter Bundestag, wo alle deutschen Regierungen ihre Vertreter hatten, lernte er den Jammer der deutschen Uneinigkeit kennen, namentlich aber die stete Rivalität zwischen Preußen und Oesterreich, den Kampf der beiden Großmächte um den Vorrang in Deutschland. Hier wurde er überzeugter Preuße und Gegner Oesterreichs, das kurz vorher Preußen in der Zusammenkunft von Olmlltz eine schwere diplomatische Niederlage bereitet hatte. In Rußland und Paris studierte er das diplomatische Handwerk, und endlich kam er an den Platz, an dem er seine Lebensaufgabe ausführen sollte, er wurde preußischer Außenminister.
Wir haben es des öfteren in der Geschichte erlebt, daß Diplomaten und Militärs in schärfsten Gegensatz traten. Im Preußen dieser Tage dienten Bismarck, Moltke und Roon der Erstarkung des Staates, und waren, bis auf geringfügige Gegensätze, im großen Ziele einig.
Bismarck war damals Preuße und nichts als Preuße. Sein nationales Bild war wesentlich enger als das des Freiherrn vom Stein etwa, der fünfzig Jahre vorher schon das schöne weite Wort gesprochen hatte: „Ich kenne nur ein Vaterland, das heißt Deutschland." Und dem Preußen und Oesterreich nichts waren als Mittel, durch die er seinen für seine Zeit zu großen Traum verwirklichen wollte. Der Freiherr vom Stein war ein Jdealpolitiker, dessen unschätzbares Verdienst es ist, ein bis auf unsere Tage wirksames Ideal aufgestellt zu haben. Bismarck aber hatte nur den Ehrgeiz, praktisch das Mögliche zu schaffen, kein Zwischenglied der Entwicklung auszulassen und das zu erreichen, was für seine Zeit möglich war.
Noch ein großer Unterschied bestand zwischen den beiden Staats- männern: Der Freiherr vom Stein war ein konservativer Revolutionär, kein Jakobiner freilich, zu dem ihn der Liberalismus stempeln wollte, aber doch ein freier Reichsritter, der niemanden über sich erkannte als den Kaiser. Die Fürsten und Dynastien waren ihm ziemlich gleichgültig. Bismarck dagegen war überzeugter Monarchist, der seinen Herrn in Wilhelm dem Ersten erkannte, der aber auch jede Dynastie, sofern ihr Untergang nicht unbedingt zur Stärkung und Vollendung des preußischen Zieles nötig war, schont« und rücksichtsvoll behandelte. Es ist bekannt, welche unschätzbaren Vorzüge Wilhelm besaß. Er hatte von seinem Vater die gerade kluge Nüchternheit geerbt, aber er verband diese mit einer sicheren Witterung für das Große, er besaß die Größe, die nur wenige Fürsten haben: Jene Größe, die in ihrer Umgebung Genies erträgt und sich ihrem Rate fügt So ist er selbst groß geworden und ein Held unseres Volkes. Er hat Bismarck gegen die öffentliche Meinung, man kann schon sagen gegen das ganze Volk, gehalten. Erst der große Erfolg des Jahres 1866, der Sieg gegen Oesterreich, durch den die Vorherrschaft in Deutschland endgültig für Preußen entschieden wurde, lieh die Meinung des Volkes sich völlig wenden, und Bismarck begann allmählich nicht nur eine inter= national geachtete Größe, sondern auch ein im breiteren eigenen Volk geliebter Mann zu werden. Er freilich hat die trüben Zeiten der Berken- nung nie ganz vergessen. Als ihm ein Freund beim siegreichen Einzug durchs Brandenburger Tor nach dem Siege über Oesterreich Gluck wünschte, sagte er: „Wenn Königgrätz anders ausgegangen wäre, hatten mich die Fischweiber mit dem nassen Fetzen aus der Stadt gejagt Durch diese harte Schule wurde er der wahrhaft große Staatsmann, der nie daran dachte, ob er sich beliebt mache, sondern nur daran, Deutschland groß und frei zu machen. Denn dieser Vorkämpfer eines starken und mächtigeren Preußen hatte allmählich sich em größeres Ziel gefetzt, e t n einiges Deutschland zu schaffen.
Es war nicht leicht für Bismarck, in allem feinen »um Äiel« führenden Willen durchzusetzen. Im Kampf um die Herrschaft in Deutschland hatte es nicht an gutem Willen gefehlt, ihn unblutig auszutragen sowohl auf Hohenzollernscher Seite als auch auf Seite Franz Josefs. S,e schreckten vor einem Bruderkriege zurück, in dem Bismarck die einzig^ Möglichkeit der Lösung dieser Frage erkannt batte. — . ..
Aber er ruhte nicht aus auf den errungenen Lorbeeren er und die militärischen Berater wußten, daß der große Kamps erst bevorstehe. An dem Sieg von 1870/71 hat Bismarck seinen redlichen Teil. Das, woran es in der Zeit vor dem Weltkrieg so furchtbar fehlte, die glanzende diplomatische Vorbereitung, das hat Bismarck m reichstem Maße ge(eiftet gront- reich blieb allein und - was allgemein überraschte - rt* beuj* n Staaten, mit Ausnahme des ausgeschlossenen Oesterreich, zogen m.t m d n Kamps. Wir, denen Bismarck schon zum Mythus, zu, einem übern» schen Geist geworden ist zu einem Helden neben Armin, Luther u f ) dem Großen vergessen nur zu oft, daß er nicht nur H-ld sondern auch ein Meisterdiplomat gewesen ist, der einen so geriebenen Fuchs, wie Napoleon lll. überlistete. Im Frieden mit Oesterreich hatte er all Jemen (J in stütz gegen den König und die Miliärs aufgeboten, d>e begreiflicherweise diesen Sieg ausnützen wollten, um Oesterreich auf all« Art zu schonen und sich so dessen Neutralität im großen Kriege gegen Frankreich und das spätere Bündnis zu sichern.
Dieses zweite Reich der Deutschen, das Bismarck schuf, war freilich, bas wissen wir alle, notwendiger Uebergang und nicht letztes Ziel. Es schloß nicht nur die österreichischen Deutschen aus und muhte sie ausschliehen nach dem Stand der Dinge, sondern der Staat Bismarcks war auch noch weit entfernt von dem Ziel der Volksgemeinschaft. Noch war Deutschland in eine Reihe von Einzelstaaten geteilt, deren Grenzen erst in unseren Tagen des neuen Deutschland fielen. Und dieses Bismarcksche Deutschland war auch noch durch Standesstolz und Kastengeist geteilt, es verstand zur Not, den Bauern mit dem Staate zu versöhnen, aber nicht den Arbeiter.
Bei aller Ehrfurcht vor dem großen, herrlichen Manne muh auch fest- gestellt werden, daß er die brennende Frage des bedrohten österreichischen Deutschtums, das an die Tore des Reiches pochte und um das Brot des Verstehens bat, — das muß heute in geschichtlichem Abstande festgestellt werben, nicht hören wollte, weil sie sich mittelbar gegen sein Werk richtete, das, so groß und bedeutsam es war — ein Provisorium gewesen ist. Als er — auf eine Weise, die zu den traurigsten Geschehnissen der deutschen Geschichte zählt — zur Abdankung gezwungen wurde, verließen die Nachfolger seinen Kurs — der allein Dauer des Bismarckschen Werkes gewährleistet hätte — und beschleunigten die Geschehnisse, die zum Untergang führten.
Vielleicht ist Bismarck niemandem so zum Mythus geworden, wie den Deutschen in Oesterreich. Er war jenen Schichten, die sich um den ersten Erwecker des strengen nationalen Gedankens in der Ostmark, um Schönerer, scharten, der Inbegriff alles Deutschen und Verehrungswürdigen. Aber als sie zu ihm in den Sachsenwald pilgerten, um ihm zu huldigen, da wußte er diesen Verbitterten keinen anderen Rat, als treu am angestammten Herrscherhause der Habsburger zu halten, unter deren Herrschaft eben T a a s s e und nach diesem Baden! den schärfsten antideutschen Kurs eröffnet hatten. Trotzdem blieb uns der alte Held bis zum Weltkriege der Inbegriff des großen Deutschland, zu dem die deutsch- bewußten Oesterreicher ihre Sehnsucht trieb.
Wir haben heute Abstand gegen das Bismarcksche Werk gewonnen, wir wissen, daß es nur ein Uebergang war, aber ein notwendiger lieber» gang. Eine Station auf dem Wege des deutschen Volkes, die passiert werden mußte. Denn über dem Wege deutschen Staatswerdens liegt eine ungeheure Folgerichtigkeit, die Trost und Stütze gibt. Und alle, auch die schwersten Schicksalsschläge, wie die Schlacht bei Jena, der Bruderkrieg von 1866, der Weltkrieg und feine Folgen, sie alle sind, wie Goethe Im „Faust" sagt, nur „Teile jener Kraft, die stets das Böse will unb doch das Gute schafft". Ohne 1806 kein Erwachen des Jahres 1813, ohne Königgrätz kein zweites Reich, ohne Versailles kein 1933, kein Werden ber Volksgemeinschaft.
So wird, wenn auch Bismarcks Werk sterblich und wandelbar war, doch feine Kraft und fein Name unvergänglich fein.
Der Acker im Grund.
Erzählung von den Banaler Schwaben.
Von Otto A l f ch e r.
Der Bauer langte als Erster am Ende ber Weizentafel an. Noch dreimal holte er mit der Sense weit aus, mit seufzendem Aechzen sanken die letzten Aehren, bann stand er am Graben vor bem Karrenweg.
Der Bauer wischte sich den Schweiß von der Stirne, dann stellte er die Sense auf und griff nach dem Wetzstein. Ader für heute war ja ber Schnitt zu Ende, zu Mittag begann der Drusch, da hatte es keinen Zweck mehr, die Sense zu schärfen. Er schulterte sie und trat auf den Feldweg hinaus. Und wieder zog es ihn der Senke zu, obwohl er längst wußte, was er dort zu fehen bekam.
Da unten, wo einst ihre Melonenfelder gewesen, war nun Wiese. Sauere Wiese, in ber Schilf und Binsen wuchsen, denn die Entwässerungsgräben, mit denen der Vater und er die Felder im Grund zu solch hoher Kultur gebracht, waren verstopft und verschlammt, denn bem Valeanu war es nicht eingefallen, sie rein zu halten. Und nicht einmal aemäht hatte er dieses Jahr, Düngerhaufen lagen zwischen dem hohen Riedgras — Stalldünger aus saueren Wiesen, statt Kalk!
Bei der Bodenreform hatte man dem Vater ungesetzlich mehr als ein Drittel aller Felder enteignet. Für ihn und den Bruder waren nur je vierzig Joch geblieben. Sie waren doch noch mittlere Bauern, aber feine zwei Buben werden nur mehr Kleinbauern fein. Die zwei Mädel konnten aber kein Feld als Aussteuer mitbekommen.
Hinter ihm, über die Felder, kommt bas Puffen des Motors, das Rattern der Dreschmaschine. Und er steht da unb sinniert!
Der Bauer wendet sich jäh und schreitet zurück. Sie binden noch die letzten Garben und stellen sie zu Kreuzstößen auf. Er schaut nach der Sonne. „Wannr sertich seid, fummts zum Druschplatz — s is glei Mittach! ruft er Sen Frauen zu.
Man sagt, der Valeanu will alles verkaufen und in die Stadt ziehn. Seine Söhne sind ja, als Rumänen, Herren geworden, sitzen in Aemtern und keinem fällt es ein, Bauer zu werden.
Der Vater und er, wie stolz waren sie gewesen auf den Acker im Grund Einst fumpfiges Weideland, hatte er, wie er es auf der Land- wirts chaftsschule gelernt, die Gräben angelegt — in trockenen Jahren brauchte er nur das Grundwasier zu stauen und die Felder brachten immer den reichsten Ertrag. Das hatte auch den Agronomen bestimmt, ihnen gerade dieses Stück 'Land wegzunehmen. Unb jetzt, weil ber Acker qani verborben war, will ihn der Valeanu wieder los werden!
Nein, er tauft die Felder nicht, die nicht! Verschandelt sind sie jetzt, wie ein Mensch, den man durch allen Schmutz gezogen hat. Und mit dem kann man nicht mehr gut Freund werden...
Wie der Bauer beim Druschplatz ankam, zog er die Brauen zusammen unb machte ein finsteres Gesicht. Steht bork ber Valeanu und läßt sich ben Weizen burch bie Finger rinnen, ber aus der Dreschmaschine kommt Nun wendet er sich und sagt zum Bauern: „Gwiß siebzehn Meter werd Ihr sechse per Joch, Nachher Baldauf."
„Wenns suszehn sm, bin ich zusnedel gibt dieser zuruck.


