Ausgabe 
11.10.1935
 
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tiger ... Aber "einerlei:Ja, Ich finde das ganz richtig. Aber das habe ich natürlich nicht mit .lieben1 gemeint."Dann habe ich tatfächlich nie geliebt, ehe ich dich liebte", sagt Alfred fast feierlich.

Merkwürdig", antwortet Barbara,das finde ich sehr merkwürdig. Wie bist du da zweiunddreißig Jahre geworden? Ohne zu lieben. Merk- ""Älsted kann nicht gleich antworten (und das ist ihm lieb). Denn er muh eine schwere Durchsahrt durch ein Dorf suchen. Sie müssen sich außerdem entscheiden, ob sie nach Hannover wollen oder nach Weimar. Cs ist Barbara immer noch gleich? Links wird man durch die Ausläufer des Harzes kommen. Also nach links.

Das ist nicht so merkwürdig", sagt Alfred jetzt endlich,du weißt doch schließlich, wie meine Generation ausgewachsen ist. Wir waren erst mal politisch beschästigt. Kam doch ganz natürlich. Fehr und ich ach! Fehr, das ist ein Frauenarzt in Stuttgart, vielleicht besuchen wir ihn, Fehr und ich waren noch im Oktober Achtzehn Soldaten geworden. Aber wir hatten kaum schießen gelernt, da war das aus, und es schien für unfereinen alles aus. Da mußten wir doch politisch arbeiten. Ich war zum Beispiel vier Wochen in Schlesien bei den Kämpfen um den Anna-

berg. Aber das waren nicht die vier Wochen, sondern viel, viel mehr,

vorher und nachher. Und im übrigen mußten wir doch auch sonst viel arbeiten. Wir hatten ja plötzlich alle kein Geld mehr. Hat nichts ge­schadet. Aber da ist man ein bißchen anders geworden. Und das Leben

später ... na, das weißt du ja, wie ich gelebt habe ... Und Kleesand hat nicht anders gelebt und Weppen auch nicht. Für uns hatten wir nachts von zwei bis drei Zeit. Manchmal ... Später haben wir es dann ein bißchen leichter gehabt. Also ... so ist das ...*

Barbara lacht.Ja ... so ist das. Und ich finde das auch gut so. Ich wundere mich nur, daß du schließlich Zeit gefunden Jjaft, mich zu be­merken und sogar zu bemerken, daß du mich liebst."

Alsred nickt. Das ist sehr wahr. Manche von seinen Kameraden und Freunden haben auch jetzt noch keine Zeit dazu. Sind eben von Berus und Neigung Politiker. Das ist er nicht. Er liebt seinen Berus zu sehr, und jetzt liebt er auch Barbara zu sehr. Ob sie es überhaupt bemerkt hat? Ja? Es ist nämlich ganz doll, wie er sie liebt.

Er wird mit einemmal atemlos vor Glück. Vor Liebe. Vor Daseins- freude. Er hält den Wagen. Er beugt sich über Barbara. Er küßt sie lange. Bis ein Scheinwerfer über sie hinwischt und das wütende Hupen eines Landstraßenriesen sie von der Mitte der Chaussee scheucht.

Also weiter! Alsted studiert nun doch die Karte. Er möchte endlich, irgendwo mit Barbara landen. Wenn man hier durch den Wald sährt,' kommt bald die Stadt mit dem tausendjährigen Rosenstock und dem wunderbaren Dom. Dort könnte man bleiben. Es ist halb zwei. Um zwei kann man da sein. Während er wieder anfährt, sagt er:Eigentlich hätte ich doch umgekehrt dich zuerst fragen müssen, ob du jemals geliebt hast." Er fährt hart an. Er hat nicht gesehen, daß Barbara mit dem Kopf genickt hat. Er fragt also noch mal:Hast du jemals geliebt?"

Jawohl", antwortet Barbara, und nochmals:Jawohl, natürlich."

Alfred bekommt einen riesigen Schreck. Er hat eigentlich nie darüber nachgedacht. Und er hat ganz und gar nicht damit gerechnet.Was sagst du da? Du hast ganz richtig geliebt ...?" Und nach einer Weile: Nun sag mal im Ernst ...Ich möchte nämlich die Wahrheit wissen ... Wirklich?"

Barbara hat ihre Hand wieder aus seine Steuerhand gelegt. Der Wagen fegt eine schnurgerade Waldchaussee hinunter, schneller und immer schneller, als wolle er dieser unbequemen Wahrheit davonlaufen. Und nochmals fragt er ängstlich, mit einem ungläubigen Lächeln:Tat­sächlich?"

Barbara beobachtet ihn genau. Vielleicht kann sie jetzt von Raut- hammer sprechen oder? Nein, sie spürt, daß es hier erst mal um etwas ganz Allgemeines geht, um die uralte Männereifersucht, die un­ausrottbar ist, die ganz vage ist, die sich Rechte anmaßt, die sie niemals als für sich verbindlich anerkennt. Sie ist gekränkt. Einmal, weil sie meint, er müßte sie genau genug kennen, um zu wissen, daß sie ihm be­stimmte Erlebnisse, Erlebnisse, auf die die Männer allzu großen Wert legen, nicht verschwiegen hätte. Dann vor allem aber, weil diese Eifer- Kt ihr mit dem Wesen der Liebe nicht vereinbar scheint. Denn ent­

er, so findet sie, liebt man einen Menschen. Dann liebt man ihn doch, wie er ist. Also auch so, wie er geworden ist, und nimmt die Wege, die er gegangen ist, hin als Wege zu seiner heutigen Existenz. Nein, mehr: Man müßte die Wege des Menschen, den man liebt, auch lieben. Oder man liebt eben nicht.

Warum sagst du nichts weiter?" fragt Alfred.Du kannst doch nicht mit einemmal aufhören zu sprechen." Er bemüht sich, seiner Stimme einen liebevollen Klang zu geben. Aber das mißlingt. Er spricht bur- fdjitos und verlegen und hart. So wird auch Barbaras Stimme hart, als sie sagt:Ich kann dich beruhigen. Ich weih wohl, weshalb du ängst­lich bist. Es ist aber bei mir anders als bei dir. Genau umgekehrt. Ich habe keine Abenteuer gehabt. Aber ich habe geliebt."

Aber das ist natürlich etwas ganz anderes", seufzt Alsted erleichtert. Das ist eine ganz andere Sache."

Er möchte gern noch mehr fragen, aber das ist unmöglich. Barbara hat ein fremdes, undurchdringliches Gesicht.. Sie ist fern von ihm. Er kann sie nicht erreichen. Er spürt es genau.

Hildesheim kommt näher.Wir könnten eigentlich hier bleiben", sagt Alsred.Ich glaube, wir sind doch beide rechtschaffen müde. Nein? Du bist nicht müde? Du willst nicht bleiben?"

Nein", sagt Barbara,wir wollen, bitte, noch ein bißchen weiter­fahren."

Ader wie lange willst du noch fahren?" fragt Alfred.

Bis es wieder warm wird", antwortet Barbara und zieht fröftetnb ihr Halstuch fester.

Es ist gleich Morgen", versucht Alsred zu trösten,dann wird es sicher wärmer."

Hoffentlich!" schließt Barbara das Gespräch.

Gleich hinter Hildesheim beginnt es wirklich zu dämmern. Aus den

Feldern neben der Chaussee, Im mannshohen hellgelben Korn, schilpi eine Lerche. Ein Regenvogel pfeift, ein zarter, durchsichtiger Wind gehl dem Licht voraus. Der Himmel blaßt zu Hellblau, im Osten wird es licht, rot. Gleich hinter dem Morgenrot tritt die Sonne auf, silbergelb. Ein Waldberg am Horizont beginnt zu glühen und steht in Gold getaucht. Der neue Tag ist da. Die Sonne scheint stark und belebend in den Wagen hinein. In den Dörfern haben sie schon den neuen Tag begonnen. Die Ackerwagen und die Milchwagen fahren. Die Hunde bellen fröhlich, und die Hähne ziehen mit ihren Familien auf Nahrungsfang.

Vier Uhr. Der Wagen hält in einem kleinen Waldtal. Ein Stück roalb. ein stießt ein großer Bach. Eine kleine Waldwiese öffnet sich in voller Blüte, mit Glockenblumen, Wiesenschaumkraut, Zittergras, mit Mar- gueriten und Trollblumen.Halt!" sagt Barbara.(Eine halbe Stund- Pause! Komm! Wir gehn ein Stück."

Gut. Wir gehen ein Stück."

Der Wald tritt nahe an den Bach heran mit einem Haselgebusch. Man kann nicht weiter. Sie stehen dicht nebeneinander. Kein Laut rings­um. Kein Mensch.

Barbara kniet neben dem Wasser. Sie steckt die Hände hinein. Das Wasser stießt eiskalt und erfrischend über die Handgelenke. Sie netzt die Stirn, die Schläfen.Wenn man über die Steine geht", sagt sie, dahinter ist ein richtiger kleiner Badeteich."

Sie zieht Schuhe und Strümpfe aus, schürzt den Rock, steht im Wasser. Das macht einen lebendig. Sie geht über ein paar Steine, ein Stein gerät ins Wanken, sie schreit leise auf, springt zurück.Unsinn!' schilt sie sich.So geht das nicht." Und nach einer Pause:Komm! Wir baden." Alfred nickt. Er geht hinter die Weidenhecke und zieht sich aus. Er ist noch ein bißchen böse. Ein bißchen hat er Herzklopfen. Als er auf- taucht, steht Barbara mitten im Bach: schmal, zart, mit schöner heller Haut, sonngetupst. Sie stehn und sehn sich an. Sie lächeln. Sie balan­cieren über die Steine, springen ins Wasser, tauchen unter. Es ist eis­kalt. Sie schuddern, schlagen das Wasser, spritzen. Alfred glitscht aus, taumelt, saßt nach Barbara. Sie küssen sich. Alfred lacht laut und glück­lich. Natürlich hat sich für ihn wieder alles von selbst geordnet.

Heraus aus dem Wasser! Die Kleider unter dem Arm, rennen die beiden zum Auto. Fern auf der Landstraße hört man die andern Autos brummen und hupen. Hinein in die Kleider, hinein ins Auto! Sie haben beide glückliche, helle Augen. Der Tag ist voller Sonne und Helligkeit. Sie fahren wieder, aber Älsted hat jetzt fein Tagtempo. Sie rasen einen Berg hinaus, ein Tal hinunter. Wald fliegt vorbei. Felder drehen sich. Eine Stadt. Wieder ein Wald. Ein Dorf, eine Brücke. Ein Weg fiihri nach rechts hinein. Wohin führt der Weg? Nicht fragen! Fahren, fahren! Der Wald wird plötzlich ganz dicht. Die Berge ein wenig höher. Das könnte doch schon ... Nicht fragen ... Weiter!

Sie wissen endlich nicht mehr genau, wo sie sind. An den Wegweisern stehen Namen, die sie nicht kennen. Die Wege werden steinig, stöckerig. Da weitet sich der Wald: Eine riesige sanfte Waldwiese steigt an, an deren Ende oben am Waldrand ein Heines Hotel steht.Zehn Zimmer, zwanzig Betten", ist auf dem Wegweiser zu lesen. Zwanzig Betten ... Zehn Zimmer? Nein, so viel kann man nicht brauchen.

Das Auto hält. Der Wirt kommt heraus, lang, hager, ein wenig mißtrauisch. Ob man hier wohnen kann? Sicherlich kann man hier woh­nen. Der Wirt zeigt mit der Hand über die Aussicht, als hätte er sie aufgebaut. Sie ist auch wirklich schön: Im hellen Vormittagslicht sieht man über den Wald weg weit in die Ebene hinein, lieber Felder, über Dörfer. Sogar der Bach ist zu sehen, hellgrau zwischen Wiesen und Mühlen. Ganz hinten dampst eine Stabt.

Dies Hotel gefällt uns", sagt Alfred zu dem Wirt.Zwei Zimmer, bitte! Und nebeneinander, wenn es geht."

Der Wirt zieht die Augenbrauen ein wenig zusammen. Diese beiden jungen Menschen in den helleinenen. Kappen können natürlich verheiratet fein. Aber sie können auch unverheiratet sein. Er würde gern ihre Hände fehen. Aber sie tragen Handschuhe.

Zwei Zimmer?" fragte er zögerndeWir sind eigentlich ein bürger­liches Haus. Wir führen kein Einbettzimmer."

Dann lassen wir in jedem Zimmer ein Bett zuviel", schlägt Alsted vor.Oder ist alles besetzt?"

Der Wirt schüttelt den Kopf. Es ist nicht alles besetzt, obwohl man ja über Sonnabend, Sonntag leicht alles besetzen könnte, und dann täte es einem leid um die leeren Betten.

Jetzt ist auch die Frau des Wirtes herausgekommen, der fünfjährige Sohn, ein Pikkolo namens Franz, fünfzehn Jahre alt, mit Henkelohren, ein Hausknecht mit grüner Schürze. Aus der Küche sieht ein Küchen­mädchen heraus. Alfred zieht endlich den rechten Handschuh ab. Der Trauring glänzt vertrauenerweckend. Auch Barbara läßt ihren Trau­ring aufblitzen.

Ja, bann macht bas wohl nichts", sagt der Wirt.Ich dachte nur: Wenn man verschiedene Zimmer nimmt ..."

Meine Frau hustet so", sagte Alfred.

Mein Mann schnarcht leider", seufzt Barbara. Der Wirt lacht Die Wirtin lacht. Der Pikkolo lacht. Das Küchenmädchen lacht. Der Haus» diener lacht und holt die Koffer vom Wagen. Die Zimmer gehn nach- Süden. Die Sonne prallt herein. Die Ebene flirrt in der ansteigenden: Hitze. Cs riecht nach Wiese, nach Waschseife, nach sonnenwarmer, frisch-' gerollter Wäsche, nach getrocknetem Lavendef, von dem zwei Sträuße in: jedem Schrank hängen, nach sonnengekochtem Holz. Alfred und Barbarei haben die Tür zwischen den beiden Zimmern öffnen lassen. Sie gehen: Arm in Arm hin und her. Sie lehnen sich hinaus und sprechen mit denn Pikkolo, wo sie denn eigentlich sind nun, im Hotel Waldhaus natur» lich welcher Strich am Horizont Magdeburger Dom bedeutet unin welcher Hildesheim. Sie frühstücken ein wenig. Sie ziehn die Vorhänge vor.

(Fortsetzung folgt.)