Siehener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer 79
Zreitag, den Oktober
Jahrgang 1935
Liebesroman
GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE
Von Walther von Hollanöer
Copyright 6g August Scherl S.m.b.y., Berlin
6. Fortsetzung.
Barbara steigt ein. Alfred. Der Lohndiener klappt mit einer Verbeugung die Autotür zu. Die Köchin und das Hausmädchen stehn am Zaun und weinen. Barbara sagt: „Auf Wiedersehn! Gruß an alle. Los, Alfred!" Der Motor springt an. Der Scheinwerfer blendet auf. Der Wagen setzt sich in Bewegung. Barbara sieht dem Schein nach. Da taucht wirklich der seltsame Panamahut auf, ein Gesicht, erst beschattet, dann grell beleuchtet, denn der Panamahut ist zum Gruß vom Kopf gehoben. Das Gesicht ist ernst. Ja, man muß sagen: todernst. „Da steht noch jemand und grüßt", sagt Alfred und hupt. Ungeduldig. Er löscht den Scheinwerfer. Der Mann ist verschwunden. Das Auto fährt um die Ecke. Barbara hat nichts gesagt. Sie sieht in die Sterne hinauf, die die eilige Fahrt hoch über den Laternen blaß begleiten.
Sophie aber ist aus dem Gebüsch ausgetaucht. Sie geht zu dem Mann im Panamahut und sagt: „Kommen Sie! Gehn wir! Sie sind sowieso weg. Wir beide können jetzt unmöglich allein sein."
„Gut", sagte Rauthammer, „gehn wir!"
8.
Das Meimbergsche Auto fährt über die Kaiser-Wilhelm-Brücke in Potsdam. Aus der Havel zieht ein Dampfer mit Musrk .und festlichen Lampen. Ein paar Bootslichter beginnen zu schaukeln. Die Lichter der Brückenlaternen strecken sich im Wasser, schrumpfen, strecken sich.
Der Mond ist wieder da", sagt Barbara und zeigt aus d,e schmale Sichel, die neben dem Knauf der Heiligen-Geist-Kirche aufglänzt. „Man kann sich etwas wünschen." .. . .
Sie läßt das Auto halten. Sie geht zum Brückengeländer. Sie sieht zur Mondsichel auf und knickst dreimal, wie es sich gehört. Sie wünscht sich den großen Frieden einer glücklichen Ehe, sie wünscht sich zwei Kinder (so wie es ihre Mutter auch hatte), und sie wünscht sich, daß sie das Herrische und Wilde ausgleicht und kein Sonderling wird
Sie klettert in das Auto zuruck. „In Ordnung? fragt Alfred. Barbara nickt. Wird es auch in Erfüllung gehn? Barbara mckt heftig. Wird er, Alfred, jemals erfahren, ob es in Erfüllung gmg? Loabara Zieht zweifelnd die Schultern. Man darf ja nicht über die Wunsche sprechen. Gut. Dann kann es weitergehn. Oder soll man schon m Potsdam übernachten? Barbara sieht Alfred fragend an. Dann schüttelt sie den Kops. Sie hat gehört, daß sehr viele Hochzeitsreisende 'n Potsdam bleiben. Besser also — wenn man bedenkt, wie die meisten Ehen auslau,en man bleibt nicht hier. „Nein", meinte sie, „man sieht >a Berlin noch.
Attred ist es sehr recht, wenn sie weiterfahren. Hier in Potsdam hat er ein etwas leichtfertiges Abenteuer gehabt, drei Jahre zuvor. Er kannte Barbara schon. Aber er konnte sie "'cht erreichen Mochte er snh etwa rechtfertigen? Unsinn. Das käme ihm mcht in den S m Es kam wie !o manches im Leben, unvermutet. Es war dann eigentlich sehr schon und im leZn S?nn in Ordnung. Wie hieß sie? Charlotte hieß s.e.Wi sah sie aus? Sehr schmal war sie, großäugig, hatte eine riesige Schleife am Kleid, lachte reizend. Wo ist sie geblieben? Er weiß es mch^ Er weiß auch nicht mehr, wie sie ause,nanderkamen. M,t einem Mal ganz schmerzlos, etwas herzlos hatte man sich voneinander gelost. Er ha trüber nie jemanden erobern und nie ,emanden halten wollen. -Was er Ei. Ä ». und ««. « ,nch< b,-uch».
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durch einen Wald. Immer seltener werden d,e die mit blenden
dem Licht auftauchen, verblinken, vorbeirutschen. Settenerauchbie Ueber landrieien die rumpelnd näher kommen, an denen man sich Yupeno vorbeitasten muß, immer in Gefahr, an einem höd)-
werden. Denn den Ueberlandlastzugen gehören d.e Straßen °d°r hoch- stens noch den Motorradfahrern, die schnaufend und knatternd ^ 3’» scheu Auto und Lastzug durchzudrangen suchen. Dazwischen fahre nur bescheiden mit deinem Auto! „„„ m-rlin ver-
Barbara sieht sich um. Endlich ist der L'chftchem von Berttn v^ schwunden. „Wir werden bis Magdeburg fahren , sagt I - „ morgen früh bann überlegen, wohin wir weiter wollen. meitcr=
„Ober wir werben uns jetzt gar nichts überlegeni unb immer weiter fahren, bis wir nicht mehr mögen... , erwidert Barbara.
Dörfer kommen, Sommerdörfer, dunkelschattig unter großen Bäumen, mit Lichtern in einzelnen Fenstern, mit Musik, die vorüberweht aus Kneipen und aus Häusern, Tanzmusik vom Deutschlandsender. Sie hören immer die gleiche, etwas satte Stimme des Ansagers. Sie sehn die Bauern vor ihren Türen sitzen. Der Scheinwerfer holt die Liebespaare aus Gebüschen und dunklen Ecken, mutige, die ins Licht lachen, und verschämte, die nicht erkannt werben wollen unb bem Licht ben Rücken brehn.
Sie sprechen säst gar nicht. Barbaras Hand liegt auf Alfrebs Arm, der bas Steuerrab breht. So geht sie alle Schwenkungen und Biegungen mit. Kurze Zeit schläft sie auch, den Kops hinten aufs Polster gelegt. Ihr Atem geht ruhig unb leicht.
Dann kommt schon Magbeburg. Sie fahren bunt) die Helle, sommerliche Stadt. Es ist die Schlußzeit der Kinos. Die Menschen drängen aus ben Theatern, etwas mübe, etwas traurig. Merkwürbia: Sie sind boch beide Städter, Barbara und Alfred. Sie sind in Berlin geboren und groß geworden. Sie lieben ihre Stadt unb wissen, was sie ihr Derbanten an Lebensfrische, an Witz, an Fülle ber Bilber, an Weite unb Buntheit ber Erlebnisse, an Dichte der Ereignisse, ja, an Tiefe der Gedanken ..., aber sie wollen jetzt nicht in einer Stadt bleiben, zwischen ben Menschen, bie aus der Kinowelt kommen, in einem ber Hotels, um bis die Elektrischen klingeln unb bie Autos hupen. Hier können sie nicht ihre Hochzeit feiern. Das ist unmöglich.
Sie fühlen bas beibe. Darum fahren sie weiter, ohne groß darüber zu sprechen. Sie fahren durch die hellen Straßen mit den erleuchteten Läden, durch bie dunkleren Straßen mit ben Milchgeschäften unb ben Gemüsekellern, burch den Gürtel der Vorstabtvillen unb Schrebergärten, burch die Ranbsieblungen ... Gott sei Dank, ba ist ber Walb wieber! Da schwimmen bie Sterne wieber burch bie Gasse ber Bäume, ba sink» bie Ueberlanbbusse wieber ... Weiter ... weiter ...
In einem Dorf müssen sie tanken. Es bauert eine ganze Weile, bis sie ben jungen Wirf, bem bie Tankstelle gehört, aus bem Bett geklopft haben. Dann ist aber auch bie Frau, eine schöne junge Bäuerin mit auf- geftanben, steht neugierig am Fenster. Sie hat ihr zweijähriges Mäbchen auf bem Arm, bas ausgewacht ist unb zu greinen anfängt. Nun streckt es bie Aermchen nach ben Fremben aus. Barbara hat eine Schachtel Schokolabe in ber Hanbtasche. Die steckt sie bem Kinb in bie Hänbe. Die Mutter wehrt ab. „Danke, baute ... Das Kinb bekommt genug Schokolade ... Unb will bie Schachtel zurückgeben. Aber baß Kinb gibt sie nicht her. Wik beiben Aermchen preßt es bie Schachtel an sich, oerteibigt sie mit Strampeln unb Schreien, bis die Mutter ben Kampf aufgibt.
Saba'" lallt bas Kinb. Das heißt: Danke. Die Mutter aber Jagt: „Sie haben boch sicher auch Kinber. Nein? Aber Sie könnten schon lange welche haben, was? Sehn wenigstens so aus. Ach so, Sie haben erst gerade geheiratet. Eden vorhin? Unb ba fahren Sie so herum? Komisch' Wir haben vor vier Wochen geheiratet. Ja ... hat lange gebauert." Unb, mit einem Blick auf bas Kinb: „Dafür ift bas Kinb schon gant hübsch groß, was? Na, benn alles Gute ... unb viel Glück auf ber Hochzeitsreise!" ;,®ürf ... Gück ...", lallt bas Kinb. Denn es ist gerabe im Papageienalter. Alfreb unb Barbara steigen ein. „Eben verheiratet, ruft bie Frau ihrem Mann zu. „Kommen gerabe von ber Hochzeit. Unb ber Mann lacht auch unb winkt, unb sie rufen beibe: „Viel Spaß benn! Viel Glück! Alles Gute ... unb balb ein Kinb ..."
Unb Barbara unb Alfreb lachen zurück unb winken. „Danke ... danke ... auch Ihnen alles Gute und bem kleinen Mäbchen auch."
„Gück ... Gück ...", lallt bas Mäbchen.
Sie finb beibe ganz frisch geworben burch bie lustigen Sauersteute.»
Komisch", sagt Alfreb, als sie wieber in ben Walb eingetaucht sind, „bie Frau hat ja eigentlich recht. Treiben uns hier braußen herum. Ader es ist boch wunberschön, nicht wahr?"
Ja" antwortet Barbara, „wunberschön. Unb nach einer Weile — gerade tut sich eine weite Nachtebene auf, mit einem einzigen Licht in ber Ferne, einem einsamen Gehöft wahrscheinlich, unb einem großen Sternhimmel barüber —: „Ich muh bich mal was fragen, Alfreb. Es ist nicht Neugierbe, glaube mir. Aber bu mußt bas mal ganz ernst beantworten: Hast bu eigentlich jemals geliebt?"
Alfreb sieht sie von ber Seite an. Im Licht bes Armaturenbrettes tann er bie linke Wange sehn, ben Mund, der streng geschlossen ist, das linke Auge unb bicht unter dem Kappenrand die schön geschwungene 'Bra®u meinst also: richtig geliebt", beginnt er zögernd „du meinst nicht iraenbein Abenteuer ... benn bie habe ich natürlich gehabt Unb es war nichts barunter, worüber ich hinterher rot werben müßte. Ich benke auch, einen Mann, ber immer an ben Frauen vorbeigelausen wäre, würbest bu nicht sehr gern mögen. Ober?"
Barbara nickt. Ja, sie finbet es natürlich, baß er mit Frauen zu tun aebabt hat. Wahrscheinlich ist es gar nicht gut, wenn ein Mann seine erste Frau heiratet. Was allerdings daraus folgt, ist schon etwas schaue-


