Ausgabe 
11.3.1935
 
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3m Tiroler Wirtshaus.

Von Georg Britting.

Als erster kommt der Hahn.

Er kräht im Tau sein Frühsignal

Beim Röhrenbrunnenwassersall

Und nicht viel später dann

Orgelt die brumme Kuh

Ihr dröhnendbraunes, schallendes, Von der Holzwand widerhallendes, Wiesenblumes Muh.

Dann schlagen Türen auf und zu, Dann spritzt der erste Tropfen Licht Mir mitten ins Gesicht.

Ich fahr empor im Nu,

Tief aus der weiß und rot tarierten Polsterruh, Ties in die schwarzen Nagelfchuh.

HanS.

Von Karl Heinrich Waggerl.

Ich habe immer ein unbehagliches Gefühl, wenn Bauern an meinen Zaun kommen, während ich im Garten arbeite. Nicht, daß ich mich meiner Arbeit schämen müßte, ich bin noch heute so gut wie jeder Knecht, das darf ich wohl sagen. Uebrigens lst es gar keine Kunst, Heu zu machen, das Gras wächst von selbst. Tomaten hingegen, Me­lonen und zartes Gemüse zwischen Junifrost und Oktoberschnee reifen zu lassen, davon begreift der Bauer gar nichts, in feinem Unverstand verachtet er den Gärtner. Ich muh das erwähnen, weil ich bemerkt habe, daß ich auch bei meinen Hausgenoffen ein wenig in Ansehen gekommen bin, besonders feit dem Abenteuer mit Hans.

Ja, da tritt alfo der Bauer an den Zaun, er hängt sogar seine Kuh an und lehnt sich herüber und betrachtet mich nachdenklich, wie ich im Blumengarten mit bloßen Händen Erde herumschleppe, Mist­erde und sandige Erde und Torfmull dahin und dorthin. Der Mann bewegt abgründiae Pläne in feinem Kops, ich weiß das genau. Viel­leicht hat er Brennholz auf dem Anger liegen, das schon ein wenig überständig und kernfaul ist, oder er hat ein uraltes Schaf umgebracht und ist nun unterwegs, einen Narren zu suchen, der es kauft. Eine Weile unterhalten wir uns über allerlei, was das Wetter betrifft, die Gesundheit beiderseits, aber plötzlich zieht er mich am Aermel zu sich und vertraut mir etwas an: er hat einen Rehbock zu Hause.

So, sage ich, hast du einen. Meinetwegen, mich geht es nichts an.

Ja, aber das Verteufelte dabei ist, daß er einen lebendigen Reh­bock zu Haufe hat. Sehr zahm, und leidig, das soll heißen, gut ge­nährt, und noch ganz klein, versteht sich.

Wie klein? frage ich.

So, beiläufig. Wie ein Hüthündchen. Er hat ihn auf der Weide gefunden und aufgezogen wie fein einziges Kind, aus Gutherzigkeit, die mutterlose Waise. Aber jetzt kommen die Schafe heim, es ist kein Platz im Stall. Und wenn er sich das hier so betrachtet, den Garten und das Krautzeug herum, so meint er, daß ich vielleicht den Bock dazu kaufen möchte.

Gut soweit. Ich habe einmal sieben kleine Igel in meiner Schreib­stube gehalten, von dem jungen Habicht gar nicht zu reden, der mir den halben Daumen von der Hand fraß. Warum sollte ich nicht einen Rehbock im Garten haben können? Das würde sich großartig machen, denke ich, so ein Rehlein zwischen meinen Blumen, und abends läge es bann wiederkäuend unter der Hollunderstaude (sambucus canadiensis). Wenn junge Damen kämen, fräße ihnen der Rehbock aus der Hand und es wäre dann nicht schwierig, etwas Passendes dazu zu sagen.

Aber vielleicht mochte er gar nicht unter den Stauden liegen, son­dern er fräße aus dem Hollunder und die Astern, die Gladiolen und meine kostbaren Gräser. Ich habe eine Leidenschaft für alle Arten von Gras, mein weiblicher Hausgenosse meint, das hänge mit meiner Ge­mütsart zusammen Gräser sind beseelte Geschöpfe, zart und doch voll Kraft, prunkend im Sommer mit den wehenden Fahnen ihrer Aehren und Rispen, verklärt noch im härtesten Frost.

Aber schließlich kaufe ich den Rehbock doch. Meine beiden Haus­genossen haben sich dazu gesellt, von nun an verhandelt der Bauer gar nicht mehr mit mir.

Weil nämlich die Schafe heimkommen, sagt er zur weiblichen Halste meines Gefolges, weil kein Platz im Stall ist, darum müßte er den Bock einfach abschlagen, schlachten, erklärt der männliche Hausgenosse. Und das will ich gern zugeben, so etwas ist nicht auszudenken, ein ge­schlachtetes Reh. , . , _ ,r.

Am Abend wird der Rehbock Hans im Garten freigelassen. Er ist ein stattliches Tier, sein brandrotes Fell leuchtet in der Sonne, un­wahrscheinlich dünn sind seine Läufe und die Augen blicken wirklich so groß und mild und fromm wie bei den Dichtern geschrieben steht, feine Lichter, erklärt der Hausgenosse. Wir lehnen am Gatter und strecken ihm Hände voll Laub und Zucker entgegen; fein Hans ist jemals mit zärtlicheren Worten herbeigelockt worden. Aber er kümmert sich gar nicht darum, plötzlich schnellt er mit zwei muhelosen Sätzen über alle Beete weg. Ich sehe mit Herzklopfen,^, was er Dorpat, daß er nämlich sogleich daran geht, den Zaun zu untersuchen. Die Haus- genoffin streift mich mit einem fragenden Blick, und ich zucke beleidigt die Schultern Das weiß der Himmel, ob alle Latten standhalten wer­den, mein Zaun ist mehr auf das Malerische angelegt, nicht für wilde Tiere.

Allein Hans denkt offenbar nicht daran, setzt schon ouszubreche», er ist nur in allem, was er tut, behender und lebhafter als unsereins. Jetzt wendet er sich dem Gemüse zu. Gut, den Kohl soll er fressen, ich mag keinen Kohl. Ich baue ihn nur an, damit niemand denken soll, er gediehe nicht bei mir. Hans beschnuppert auch die Sträucher und rupft sich da und dort ein Blättchen, ich höre zwar, daß ein Reh nicht schnuppert sondern windet und daß es Blätter äst und nicht rupft, aber jedenfalls stößt die Hausgenossin plötzlich einen beglückten Schrei aus. Er frißt! ruft sie begeistert.

Ja, das tut er wirklich. Carex plantaginea, erkläre ich bekümmert, meine fchöne grüne Schleppensegge

Ach (Bott, ich, mit meiner langweiligen Botanik! Ich sollte lieber zu­sehen, wie niedlich Hans sei, humorvoll könnte man ihn nennen, an­mutig. Er nimmt ein Büschel Gras auf, das hängt ihm wie ein grüner Schnurrbart unter der Nase. Dann schaut er um sich, lebhaft spielen seine Ohren, die Lauscher, und dabei kaut er den Bart langsam in sich hinein.

Ich finde ja auch, daß er sich gut benimmt, aber schließlich habe ich es satt, mir immerfort sagen zu lassen, ich möge doch endlich ruhig stehen, und ich fei überhaupt viel zu ungeduldig und zu grob mit meiner tiefen Stimme, seht her, ich öffne einfach das Gatter und gehe auf ihn zu, jetzt soll es sich einmal zeigen, ob ich wirklich Erdgeruch an mir habe. Die Arme breite ich aus, ein friedfertiger Adam im Garten Eden, und Hans flieht nicht vor meinem zärtlichen Gebrumm, nein, er blökt nur ein wenig und streckt den Hals und dann nimmt er wirklich ein paar Körner aus meiner hohlen Hand. Das Herz stirbt mir ab vor Freude, während das geschieht, und auch vor Kummer, weil ich nichts Besseres tun kann. Nicht seinen Hals umfangen, um ihn zu liebkosen und das- glatte Haar an der Wange zu fühlen. Ich (affe es genug fein, die Tiere trauen uns doch nicht mehr. Wir riechen alle nach Schießpulver.

Uebrigens ist mein Triumph ohnehin vollkommen. Er scheint ja ganz zahm zu sein, sagt der Hausgenosse. Scheint? fragt jemand zurück, aber ich will das gar nicht gehört haben.

In der Nacht wird mir wieder angst, ich schleiche in die Tenne und suche ein paar leere Kisten zusammen, die will ich über meine Gräser stülpen.

. Es ist schon bitter kalt, der volle Mond geht im Westen nieder, der gewaltige Herbstmond. Ich finde Hans unter den Büschen, wir rufen uns mit leisen Lauten an, und nun, im ungewissen Licht der Gestirne, sind wir uns viel vertrauter. Lange sitze ich auf einer Kiste und rede ihm zu, während er vor mir auf und ab trabt, und einmal, duldet er sogar einen Augenblick meine Hand auf dem nachtfeuchten Fell.

Hans, sage ich, sei nur ruhig, wir werden das schon in Ordnung bringen, Ich verstehe dich gut, mein Bruder, dein Leben ist Flucht, du brauchst die Freiheit des Flüchtigen. Aber nun kommt der Winter, wenn der Mond wechselt, wird Schnee fallen, und du weißt noch gar nicht, was das ist, Schnee und Kälte. Sieh her, du hast dein warmes Bett im Gartenhaus, Laub und Heu genug, du bist noch ein ganz junger Bock, bleib ein paar Wochen. Halte dich an den Hafer, damit du ein wenig ein Speck unter den Pelz bekommst, das wirst du brau­chen, denn der Frühling ist weit. Und das Gatter im Zaun wollen wir offen lassen, du kannst bann immer einmal kommen, in der här­testen Zeit ober im Spätwinter, wenn der Schnee brüchig wird und deine Läufe wund reibt Ja. bas verspreche ich bir, bu wirst immer eine Schüssel Körner im Gartenhaus finben unb wenn bir mein blauer Hafer schmeckt, so friß auch ben, in Gottes Namen.

So rebe ich mit Hans, bentt ihr er versteht mich nicht? Laßt es gut fein, wir haben unseren Plan

Inzwischen gibt es freilich noch allerlei Abenteuer Eifersucht nistet sich im Hause ein. Zunächst, meint ber Hausgenosse, müßte boch einmal ein richtiges Gehege ausgestellt werben, von einem Fachmann natür­lich. Hans bekommt bies unb jenes von zarten Hänben gereicht, Ro­sinen unb Aepfel, unb ich höre auch, baß es unfein fei, nachts um feine Gunst zu buhlen

Ein anberesmal raschelt es hinter mir, währenb ich am Schreibtisch arbeite, unb ich traue meinen Augen nicht, ba schaut Hans burch bas Fenster unb tnabbbert an ben Nelkenstöcken. Ach bu lieber (Bott, nie> manb ist im Hause, er ist mir auf Hals unb Leben anvertraut worben, aber bas Gatter war nicht geschlossen, unb nun steht er in feiner Un- schulb braußen auf ber Straße, allen Bauernkötern preisgegeben! Ich überlege blitzschnell, bann hole ich eine Tafel Schokolabe aus bem Fach unb pirsche mich hinaus. Schokolabe ist immer ein zuverlässiges Lockmittel, bas habe ich erprobt, wenn auch nicht bei Rehböcken. An­fangs kümmert sich Hans wenig um meine flehentlichen Bitten unb Ge- bärben, er freut sich feiner Schlauheit unb läuft vor mir her bie (Baffe hinauf. Wie fall bas enben, bente ich, vielleicht muß man bem heiligen Hubertus eine Kerze geloben. Der schickt bann auch wirklich eine sin- genbe Kinberschar aus ber Schule; Hans stutzt plötzlich unb kehrt um. Ich mache bas Gatter weit auf unb ziehe ihn am Faben meiner Herzensangst in ben Garten zurück.

So viel ist gewiß, ich oerbiene längst mein Brot nicht mehr. Statt auf bie Stimme meines Innern zu horchen, stecke ich hunbertmal ben Kopf burch bas Fenstergitter unb sehe boch nur, baß Hans immer un- gebärbiger wirb, je mehr er zu Kräften kommt. Seit Schnee liegt, scharrt er bie Pflanzen aus ber Erbe, unb bas ist nicht zu ertragen Eine trostlose Wilbnis, wo im Sommer Lilien blühen fallen, bie blauen Türme bes Rittersporns.

Nein, es wirb Zeit. Eines Abenbs unternehme ich noch einen heim ljchen Gang ins Freie, im Borbeiftreifen löse ich ein paar Latten vom Zaun. Cs schneit in großen Flocken, bas ist bas r-ck^e Wetter, schon am frühen Margen bin ich roieber unterwegs. Ick fmhe foaleid) bie vertraute Spur im frischen Schnee, anfangs verirrt sie fick imikhen ben Häusern, aber bann entbecke ich sie bewegten Herzens auf ben