Ausgabe 
11.2.1935
 
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GietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1955 Montag, den K Zebruar Nummer 12

Die Hochzettskuh

Roman einer jungen Liebe von Aosef Magnus Wehner

Copyright 1 9 2 8 b y Georg Müller Verlag A.-G

Erstes Kapitel.

Die Kuh.

Der Vater band Bertold den Rucksack um die Schultern und sprach, indem er sich auf seinen täglichen Standort, die Fensternische gegen Kirche und Friedhof, zurückzog, zum Sohne, der hochaufgeschossen und besangen mitten in der Stube stand:Bis hierher habe ich dir helfen können, Junge; jetzt sperren aber deine jüngeren Brüder die Schnäbel auf. Nach deinen Gymnasialzeugnissen zu schließen, bist du nicht ganz dumm, und ich traue dir zu, daß du dich gut und gern von jetzt an allein durchschlägst. In reichen Familien in der Universitätsstadt gibt es sicher noch Dümmere als dich, und bei solchen hat schon mancher Student durch Unterricht sein Brot gefunden. Mache nur zuerst bei deinen Verwandten den Mund gut auf, daß du eine anständige Zehrung fängst. Hast du Sack und Seiten voll, dann komm zurück, und ich gebe dir das Reisegeld in die Stadt. Alles andere muß sich von selbst finden."

Damit dreht er ihm den Rücken zu und versenkte sich sofort mit einem Seufzer in die gewohnten Schauspiele, die Tag für Tag in den lichten Nachmittagstunden draußen vor dem Fenster heraufzogen: Von den Dächern des tiefer liegenden Dorfes stiegen in farbigen Schwaden die Taubenschwärme auf, schwebten durch den weichblauen Himmel und ergossen sich rauschend auf das breite Kirchdach.

Als Bertold, der noch eine Weile in der Stube stehengeblieben war, sah, daß es hier nichts mehr zu handeln und zu fechten gab, machte er sich auf den Weg.

Der Pate oben auf dem Berghof hatte geschrieben, er wolle morgen dreschen und es fehle ihm an Leuten. Das heißt, ohne daß es gesagt war:Ihr müßt alle heraufkommen, ihr faulen Verwandten da unten im Tal. Wenn ich das bißchen Achtung vor euch nicht auf den Mist werfen soll, dann zeigt, was ihr könnt, es ist schon fast zuviel, daß ich euch schreibe."

So war es wohl gemeint. Bertold aber sah schon die Garben von seiner Kraft durch die ganze Tenne fliegen. Oh, es sollte lustig werden in der brausenden Scheune, wenn der Dampfer brummte und der Dresch­kasten schnarrte. Er wollte alle Mädchen auf einem Bündel in den Arm nehmen und sie über den Abgründen zappeln lassen. Die Burschen sollten vor Neid bersten, die Schönste aber, die Allerschönste sollte sich heimlich unter seinem Kusse biegen.

Der hagere christliche Pate würde, gerührt über Bertolds Kraft, ganz von selbst die Schweineschinken vom Rauchgalgen herunterschneiden und den Sack damit vollstopfen, Fleischwürste über Kreuz falten und Knackwürste hineinsäen. Einen Turm auf dem Rücken, so wollte Bertold dann noch zu seiner allerchristlichsten Tante gehen, die drei Berge weiter wohnte. Sie war eine ältere Jungfrau und sehr reich. Sie würde seinen Augen nicht widerstehen können, das war klar.

Zwei Säcke rechts, zwei Säcke links und den Fleischberg auf dem Rücken, würde er vor seinen Vater treten:Gib mir nun das Reisegeld, den Winter über halte ich es schon aus."

Licht blühte aus den großen Septemberwolken. Die Wälder kühl und gelb drängten an den schimmernden Fluß, die Berge standen mit ge­stemmten Hüsten im Hintergrund, Himmel und Erde in ihren Augen; der Wald glühte, der Fluß blitzte, sein Herz schlug. Er ging in Ge­danken, die sich um die Erde wälzten, und zog den ganzen Himmel an seine Brust.

Als er den schmalen Feldweg verlassen hatte es wurde schon Abend nahm ihn zu beiden Seiten der Landstraße eine stolze Pappel­reihe auf.

Sie war der Ausläufer eines mit Holundern, Kirschbäumen und alten Häusern bewachsenen Hügels, den seine Bewohner Stadt nannten. Die vom Lande wußten es freilich besser. Sie nannten die angeblichen Städter Pflasterkacker, womit eine ihrer unausrottbaren Eigenschaften, ihren Mist auf die Straße zu setzen, getroffen war, und verspotteten sie auf allen Märkten, sie hätten weiter nichts als ihre Geißen und seien rechte Hungerdärme. Nur das Amtsgericht, das mit Gefängnis und Rentamt über der Stadtmauer thronte, flößte den Bauern zuweilen einen heilsamen Schrecken ein.

Bertold ging mit ähnlich gestimmtem Gefühl um den uralten Hügel

München

herum. Dort, in der Lateinschule, hatte er sein erstes Blut geschwitzt in Gestalt von kleinen Tropfen, die ihm der greise Mathematiklehrer aus dem Ohrläppchen zog, indem er behauptete, das sei der einzige Weg, um aus Bertold etwas herauszubekommen. Er lag nun frischverstorben unter der Erde, der rosige Alte in dem hohen schwarzen Hut. Die kreis­runde Friedhofsmauer dunkelte von der Höhe herab, und im Mittelpunkt, im Häuschen des Totengräbers, strahlte die Lampe.

In einem der abwärts hängenden Gärten aber ging eine Kinderschar im Rund und fang, von den Gebüschen verdeckt, fern und heimlich:

Kreis, Kreis Kastel, Die Magd trägt Wasser, Schütt' sie's in die Blase, Verbrennt sie ihre alt schwarz Nase. Hellehietsch, hellehietsch!"

Der Hügel wurde schnell finster.

Die Stunde der Monddämmerung kam, die Bertold so sehr liebte. Oh, ewig auf dem weichen Grase lautlos gehen, in Abenteuer, Klüfte, mondüberbrochene Häuser!

Am Fuße des Hügels lag ein See. Er blies Nebelschlangen empor und überschwemmte die Flur damit. Die Häuser, die um das Wasser herumlagen, verschwanden plötzlich wie fortgeweht, ließen aber bald hier und da ihre Lampen aufbrennen. Die Menschen, die da irgendwo um diese Lampen gingen, in einen stillen Bann verfangen, hatten Bertold viel zu erzählen. Sie sprachen und flüsterten zu ihm her, der jetzt in ihre Einsamkeit, in ihre Nachtwelt kam.So sind wir, das taten wir, das möchten wir, du!" Ihre Worte waren Liebe, Grausen, Anbetung. Aber je weiter sich Bertold entfernte, um so leiser und unbestimmter wurden die Gesichter. Endlich ging auch der rätselhafte Farbschein der Lampen im Nebel unter und die Blitze verschwanden im Wasserrauch.

Ein kleines Mädchen, das sich verspätet hatte, begegnete ihm noch. Es trieb feine Gänse vor sich her und sang, während es die Rute durch das Wasser zog:

Ah Beh Zeh, Auf dem See Schwimmt ein Reh. Wimmel wammel wuh: Das bist du."

Als es den fremden Mann plötzlich vor sich erblickte, erschrak es und ging voller Furcht mit großen Augen an ihm vorbei. Der Weg wurde einsam. Bertold verließ den Talgrund und stieg in die Höhe. Bald fühlte er das Pulsen der Bäume unter sich. Sie wallten in schwarzem Glanze und warteten auf den Mond. Gewellte Bergrücken lagen öd nebenein­ander. Sie quollen Bertold entgegen und sangen von der Zeit, als Flut sie berollte, Wald sie bedeckte. Sie fangen leise, doch mächtig, und er­regten fein Blut.

Aber dort, am Fuße des fterng(immenben Tannenwaldes, wirkte schon der Mond. Der Nebel, der über den Boden schlicht, glühte rot und dehnte sich zu langen Wolken, die größer und größer übereinander­fuhren. Rufe drangen aus diesem Gewoge, Hundert und aber Hundert, von allen Tieren, die einst hier lebendig waren. Die Langhügel gingen auf und ließen ihre Toten heraus.

Bertold blieb oft stehen. Er wagte nicht, mit dem Uhu zu schreien, wenn ihm auch die Zunge im Halse brannte.

Er hatte nicht gemerkt, daß er längst auf dem Grund und Boden seines Paten angekommen war. Er sah nicht die Basaltmauern, die in weiten Gevierten die Weidebezirke umzogen, roch auch nicht das brenz­lige Hirtenfeuer, das vergessen aus einem Erdhügel glühte.

Plötzlich blieb er erschrocken stehen. Neben dem Feuer ragte eine große braune Kuh auf. Sie stand auf einem Fleck und schaute in den Mond. Offenbar hatte sie den Heimtrieb versäumt und wollte bis morgen mit dem Fortgehen warten. Auch Bertold war schon oft in ähnlicher Lage gewesen; deshalb ging er ohne Scheu zu dem warmen mütter­lichen Tier.

Als die Kuh ihn e<'llckte, wallte sieuer" die Flli-bt ergreifen. Er sah deutlich, wie sie sich zur Seite warf; aber mitten im versuchten